Was sich ändert, wenn sich nichts ändert (2)

Wie im letzten Post erwähnt, misst DWM der Aussage „es wird sich nichts ändern“ wenig Wahrheitsgehalt bei. Da sie in ihrem neuen Leben als Alleinerzieherin mehr denn je auf ihr Gehalt angewiesen ist, versucht sie jetzt die Dinge zu ändern, bevor sie sich von selbst ändern – bzw. von anderen geändert werden. Wobei das ohnehin ich ihrem Naturell entspricht und die Blauäugigkeit sich bisher wenigstens auf den privaten Bereich beschränkt hat. Sofort nach der offiziellen Verkündigung der Nicht-Veränderung schnappt sie sich ihre Zeitaufschreibung des letzten Monats, um selbige bei den Assistentinnen von BigBoss abzugeben. Die Tür zu BigBoss´ Büro ist – wie könnte es anders sein – verschlossen. DWM ist nach der „es-wird-sich-nichts-ändern“ Verkündigung nicht die einzige, die dort vorstellig wird. Sie behält ihren Alibi-Zettel bei sich und schlendert ins gegenüberliegende IT-Büro, um sich dort vor ihrem dreiwöchigen Urlaub zu verabschieden. Danach startet sie einen weiteren Versuch und siehe da, die Tür zum Allerheiligsten steht offen. Der dort Thronende telefoniert zwar, aber DWM tut ihren Audienzwunsch kund, der durch Handzeichen prompt gewährt wird. Nach seinem Telefonat macht BigBoss keine Anstalten, bei seinem offiziellen Text der letzten Stunde bleiben zu wollen, sondern geht genauso wie DWM davon aus, dass ihre Abteilung als eine der ersten der Fusion zum Opfer fallen wird: „Ich hab eh schon an dich gedacht, du hast ohnehin schon mal gesagt, dass du dich gern verändern würdest. Was könntest du dir denn vorstellen?“

Wieder einmal steht die allseits geforderte Mobilität im Raum, als BigBoss ihr einen : „In München hätte ich genug für dich, willst du nicht mitkommen? Ach, dein Mann hat ja seine Praxis hier, nein dann geht das natürlich nicht.“

DWM unterdrückt aufkommenden Unmut, der ihr beim folgenden Gespräch sicher nicht behilflich sein wird. Von ihr würde selbstverständlich Mobilität erwartet, aber hach, der Mann hat sich ja hier die Existenz aufgebaut. Ganz abgesehen davon, dass es den Mann in dieser Form nicht mehr gibt, aber das wird DWM BigBoss ganz sicher nicht auf die Nase binden. In der Tat verhält es sich eher umgekehrt. Gäbe es den Mann in dieser Form noch, könnte DWM sich durchaus vorstellen, zumindest zwei Tage wöchentlich in München zu verbringen. Aber hättiwari bringt sie hier jetzt auch nicht weiter. Sie deponiert ihre beiden Wunschabteilungen, bevor sie sich in den Urlaub verabschiedet. IT oder Produktmanagement und Entwicklung, kurz PME. In ersterer Abteilung hatte sie ihre Laufbahn in diesem Unternehmen begonnen, für letztere hatte sie einmal ein Angebot gehabt, dass sie – auf Anraten von OldBoss – ausgeschlagen hatte. Er hatte vorgehabt, wesentliche Agenden der Abteilung in die IT zu integrieren. Somit könne DWM in der Abteilung verbleiben und werde mittelfristig trotzdem mit diesen Aufgaben betraut werden. Hätte sie damals gewusst, was sie heute weiss, …schon wieder hättiwari. Jedenfalls würde BigBoss niemals seine Liebkind-Abteilung beschneiden und die Machtverhältnisse zwischen BigBoss und seinem jeweiligen VorstandsStrohKollegen dürften ihr doch eigentlich bekannt gewesen sein. Wie dem auch sei, jetzt stellt BigBoss durchaus einen Wechsel in diese Abteilung in Aussicht und mit dieser Perspektive verabschiedet DWM sich in den Urlaub. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt.

 

 

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Was sich ändert, wenn sich nichts ändert (1)

Nun kommt DWM nicht umhin, sich wieder den Vorgängen in der realen Welt zu widmen (andererseits: was ist schon real? und was erleben wir nur in unserem Kopf? wo ist da die Grenze? aber ich finde, DWM sollte derart philosophische Gedanken den Profis überlassen), nachdem sie sich zwei Monate lang ihrem innersten Weltschmerz hingegeben hat. Aber auch während dieser zwei Monate war die reale Welt nicht angehalten, auch wenn die Vorgänge dort draußen nur sehr rudimentär zu DWM durchdringen konnten. Manche dieser Vorgänge waren und sind von einer Tragweite, dass selbst eine krisengebeutelte, an Liebeskummer leidende, von ihrem Noch-Ehemann psychisch gefolterte DWM sie wahrnehmen musste.

Wie immer werfen große Ereignisse ihre Schatten voraus. Üblicherweise findet nach jeder Aufsichtsratssitzung eine Veranstaltung statt, in der die Mitarbeiter über die dort besprochenen Belange (zumindest jene, die es ins offizielle Protokoll geschafft haben) in Kenntnis gesetzt werden. Diese sogenannte Quartalsrunde findet nach der Kernarbeitszeit statt und die teilnehmenden Mitarbeiter haben sich tunlichst auszustechen, auf das dem Unternehmen auch keine wertvollen Arbeitsminuten durch schlichtes den-Vorständen-lauschen verloren gingen. DWM hat bisher versucht, die Teilnahme oder nicht-Teilnahme wohl zu dosieren. Als sie noch Abteilungsleiterin war, kam sie ohnehin in den fragwürdigen Genuss einer Vorab-Information, und obwohl von den Führungskräften erwartet wurde, dass sie sich trotzdem nochmal dort hinsetzten um den Lobhudeleien und Selbstbeweihräucherungen der Vorstände zu lauschen und ihren Untergebenen ein gutes Vorbild zu sein, die ihre Freizeit vielleicht lieber mit einem Bier oder einer Joggingrunde nach der Arbeit verbracht hätten, befand DWM, dass  ihre Mutterrolle am Abend Vorrang vor der Vorbildrolle habe. Nach ihrer Degradierung strebte die Motivation, entweder trotz Teilzeitvertrag sich auch den Nachmittag im Büro um die Ohren zu schlagen oder am Abend wieder hinzufahren ohnehin gegen Null.

Kurz vor DWMs „Urlaub des Grauens“ passierte etwas so Erstaunliches, dass es sich sogar durch den Nebel der Qualen einen Weg zu DWMs Bewusstsein bahnte: Eine Einladung zur Quartalsrunde flatterte in DWMs Inbox, prinzipiell nichts Außergewöhnliches, da es viermal im Jahr passierte, erstaunlich daran waren nur zwei Details:

1. die Aufsichtsratssitzung hatte noch gar nicht statt gefunden. Sollte das gemeine Fußvolk in diesem Quartal vor den Aufsichtsräten von den Vorgängen im Unternehmen informiert werden und wenn ja, warum? Bisher wurden die vorher geschriebenen Unterlagen so streng unter Verschluss gehalten, das BusyBody (der in seiner Funktion als Betriebsratsvorsitzender natürlich den Aufsichtsratssitzungen beiwohnen durfte) sogar den Teil vor DWM geheim halten wollte, den sie selbst geschrieben hatte 🙂

2. die Quartalsrunde sollte um 8:30 stattfinden, zur schönsten Kernarbeitszeit, in der die Arbeitsbienen eigentlich das Ergebnis erwirtschaften sollten, das dann in der nächsten Sitzung verkündet werden könne. Für DWM, die damals noch keine SingleParentMum war, sondern sich noch in der Metamorphose auf dem Weg dahin befand, war das definitiv noch keine Kernarbeitszeit, aber da sie ohnehin an Schlaflosigkeit litt, seit das Unaussprechliche passiert war, konnte sie auch mal eine halbe Stunde früher ins Büro fahren.

Abgesehen von dieser ungewöhnlichen Einladung war DWM noch etwas aufgefallen. Zuerst dachte sie, das Unaussprechliche habe ihre Wahrnehmung so sehr verwirrt, dass ihr ein plötzlicher Wechsel der Jahreszeiten gar nicht aufgefallen sei. Es war schon Winter, warum lief sie eigentlich noch im Top herum? Jedenfalls musste Winter sein, wenn man auf dem Flur den Wirtschaftsprüfern begegnet. Obwohl das in DWMs Gemütszustand nicht auszuschließen gewesen wäre, handelte es sich um keine Fata Morgana, denn an der Tür zum kleinen Besprechungszimmer, in das die trotz der Hitze in dunkle Dreiteiler gewandeten Herren immer wieder verschwanden, prangte ein Schild, dass dieser Raum derzeit von den Wirtschaftsprüfern genutzt werde. DWM warf noch mal einen Blick auf den Kalender und dann auf die Tür.

1. Es ist Sommer

2. Die Wirtschaftsprüfer sind im Haus

DWM versucht ihre Kontakte anzuzapfen, wird aber nur mit der Erklärung abgespeist, es handle sich um eine neue Konzernvorschrift. Da sie gerade mit dem Unaussprechlichen konfrontiert ist, verspürt sie wenig Energie, den wahren Hintergrund für die Anwesenheit der dunklen Herren herauszufinden. Offensichtlich war nicht einmal ChatterBox beunruhigt, die sonst doch immer das Gras wachsen hört.

An ihrem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub des Grauens findet DWM sich also pünktlich im schon wohlgefüllten großen Besprechungszimmer ein und nimmt Platz in der zweiten Reihe.

BigBoss kämpft ein wenig mit seiner Präsentation auf dem IPad, muss einen ITler zu Rate ziehen, bevor er mit ein wenig Verspätung die Katze aus dem Sack lässt:

„Wir präsentieren heute eine Bombenlösung für unser Haus, die viele Probleme lösen wird. Zum 28.2.2013 werden wir mit unserer Muttergesellschaft verschmolzen.“

Es folgt eine langatmige Erklärung, warum das die ultimative Bombenlösung ist, zu der es quasi gar keine Alternative gibt, weil sie einfach so genial ist, dass sie nur BigBoss hatte einfallen können. Im Übrigen werde BigBoss mit dem heutigen Tag aus dem Vorstand des Unternehmens ausscheiden, in den Aufsichtsrat wechseln und in Zukunft Vorstandsvorsitzender der Muttergesellschaft  und ab 1.3.2013 der neu entstandenen gemeinsamen Gesellschaft sein. Welch ein Zufall.

Erstaunlich ist für DWM an dieser Verkündigung nur eine Kleinigkeit: Widerwillig hatte sie BigBoss in der Vergangenheit ein wenig dafür bewundert, wie er Dinge, von denen sie wusste, wie sehr sie ihn störten, mit einem Strahlen als die Bombenlösung präsentieren konnte, zum Beispiel als er SmallBoss als neuen Vorstandskollegen präsentierte, bei dem er anschließend zwei Jahre brauchte, bis er ihn endlich wieder losgeworden war. Diesmal aber strahlt das Strahlen etwas blasser als sonst.

„Für die Mitarbeiter wird sich nichts ändern, alles bleibt beim alten. Wir machen das nur wegen …..“ es folgt eine langatmige Erklärung über Kapitalverhältnisse, die DWM, obwohl doch einigermaßen mit der Materie vertraut, nicht ganz nachvollziehen kann und während der BigBoss sich mehrmals etwas verheddert.

Warum macht man eine Fusion, wenn sich nichts ändern soll? Unwillkürlich muss DWM an das Unaussprechliche denken, als DWD über seine potenzielle Abspaltung von der Familie den Kindern gegenüber erläuterte :“Für euch wird sich nichts ändern“. DWM schätzt den Wahrheitsgehalt der beiden Aussagen ähnlich hoch ein.