Wo ist nur die Zeit geblieben?

Warum muss DWM manchmal einen Wutanfall unterdrücken, wenn die Kollegen ihr bei der Verabschiedung einen schönen Nachmittag wünschen?

Warum hat sie keine Zeit für ihren Mann? Oder gar für sich selbst?

Warum hat sie das Gefühl, nichts zu schaffen, obwohl sie außer Wäsche noch nicht mal nennenswerte Hausarbeit erledigt? Warum fühlt sie sich so erschöpft, obwohl sie im Büro Teilzeit arbeitet und ihre Kinder schon so groß sind?

Um sich nicht völlig mit ihrer Unzulänglichkeit fertig zu machen und anschließend in Selbstmitleid zu versinken, schreitet DWM zur Tat und erstellt eine Liste ihres Tagesablaufs:

06:30 – 07:30 Gemeinsames Frühstück + Abfertigung der Schulkinder

07:30 – 08:00 DWDs Steuerkram heraussuchen

08:00 – 08:30 Fahrt zur Arbeit

08:30 – 14:00 bezahlte Arbeit

14:00 – 14:30 Rückfahrt

14:30 – 15:00 Übergabebesprechung mit DWD

15:00 – 18:00 Hausaufgabenbetreuung, Lernhilfe, Wäsche, Steuererklärung im Multitaskingverfahren

18:00 – 19:00 gemeinsames Abendessen

19:00 – 20:00 Geburtstagsplanung für DSB inkl. gemeinsame Produktion der Einladungen

20:00 – 22:00 alljährlicher Geburstagskinobesuch mit einziger verbliebener Freundin, die mit engen Zeitfenstern leben kann

23:00: erschöpftes zu-Bett-fallen ohne jeglichen Romantik-Faktor

An den anderen Tagen werden manche Punkte ersetzt durch Geburtstagsshopping für DSB, dringende Beseitigung der chronischen Untersportung, Softwareunterstützung für DSGs Online-Hausaufgaben, ein Mittagessen mit dem Chef sowie ein zusätzlich im Büro verbrachter Nachmittag zwecks Vorbereitung wichtiger Präsentationen.

Nach Durchsicht der Liste fühlt DWM sich schon besser. Die meisten Dinge auf der Liste hat sie selbst entschieden zu tun.

die bezahlte Arbeit – eh klar. Trotz aller Kalamitäten hat DWM sich (bisher vor allem aus Mangel an Alternativen) entschlossen, den Job zu behalten, um die wirtschaftliche Unabhängigkeit zu wahren und die verbliebenen grauen Zellen zu fordern

den damit verbundenen Hin- und Rückweg – auch klar

DWDs Steuerkram – im Gegenzug für gefüllten Kühlschrank und Erledigung der handwerklichen Allfälligkeiten im Haus

die gemeinsamen Mahlzeiten – mittlerweile seltene Gelegenheiten, die Familie um sich zu versammeln und sich auszutauschen

die Wäsche – da sich DWM nicht konsequent genug um ein Outsourcing gekümmert hat, somit eine ebenfalls eine – indirekte – Entscheidung

die Hausaufgaben- und Lernbetreuung – obwohl DWM wusste, dass es für ihren ADS-gehandicapten Sohn nicht einfach würde, hat sie entschieden, ihn aufs Gymnasium gehen zu lassen

Die Geburtstagsvorbereitungen – was gibt es schöneres, als den Geburtstag der Kinder zu feiern?

Nach diesen Überlegungen fühlt DWM sich noch viel besser. Sie führt ein selbstbestimmtes Leben – ist das nicht unser aller Ziel?

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