Die Ironie des Lehrers

Vielleicht kann sich der eine oder andere Lehrer noch an Herrn BinZuTollZumUnterrichten vom Elternsprechtag erinnern.  Da man durchaus unterschiedlicher Auffassung darüber sein kann, welche pädagogischen Methoden in der fünften Klasse angebracht sind, war zwischen DWM und dem Lehrer natürlich keine Einigung zu erwarten und DWM ließ die Sache nach einem Hinweis beim Klassenvorstand auf sich beruhen.

Am Rückgabetag der Kurzarbeit findet DWM ihren Sohn weinend zu Hause vor. Das liegt nicht nur an der Note, denn eine solche hat er auch in anderen Fächern schon kassiert, was er zerknirscht, aber mit Fassung zur Kenntnis nimmt. Mangels Ehrgeiz sind ihm die Noten ohnehin nicht so wichtig, was nicht immer nur von Nachteil ist. Warum also beweint DSB jetzt seine Arbeit?

„Mama, er hat meine Arbeit vor der Klasse hochgehalten und gesagt, der DSB hat einen Sattel gemalt. Und dann haben alle gelacht.“

Anmerkung: Aufgabe war die Skizzierung eines Zahns gewesen.

„Und er schafft es nicht einmal, seinen Namen auf die richtige Seite zu schreiben. Und zwei Mädchen hat er auch ausgelacht, die haben erst auf der zweiten Seite zu schreiben begonnen.“

Nun gibt es bei den Vorkommnissen in der Schule ja meist zwei Versionen, und die abwesenden Eltern müssen sich meist einen Reim auf die Version des Kindes machen, weil sie schlecht den Lehrer zu jeder Begebenheit befragen können, sonst wäre das Aufsuchen der Sprechstunde ja ein Fulltimejob. Diesmal kann DSB aber mit Beweisen aufwarten. Er zückt seine Bioarbeit und präsentiert den von ihm gemalten Zahn. In der Tat, die Zeichnung ist kein Vorbild naturwissenschaftlicher Abbildungskunst, das muss DWM zugeben. Daneben prangt der Kommentar des Lehrers: „Ist das ein Sattel?“

Ha! Endlich hat DWM einen schriftlichen Beweis. Nur kurz überlegt sie, ob sie den Dienstweg einhalten und zuerst mit Herrn BinZuTollZumUnterrichten sprechen soll. Nein, die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens hat sie bereits am Elternsprechtag eingesehen. Sie bittet um einen Termin beim Direktor.

DSG ist als Topleister zwar beliebt bei Herrn BinZuTollZumUnterrichten, aber sie befürchtet nach der Sippenhaftung (vielleicht sollte sie sicherheitshalber den Mädchennamen der Mutter annehmen, um nicht mit ihrem Bruder in Verbindung gebracht zu werden?) ebenfalls Repressionen und versucht ihre Mutter  von deren Vorhaben abzubringen. DWM hat sich aber schon in der eigenen Schulzeit nicht von solchen Befürchtungen abbringen lassen. Mit ausdrücklicher Erlaubnis des Sohnes („Der hasst mich sowieso, da ist das auch schon egal“) nimmt sie ihren Termin beim Direktor wahr.

Der Herr Direktor ist ein freundlicher Mann mit einem offenen Ohr für die Anliegen der Eltern. DWM geht zwar nicht von großartigen Veränderungen aus (umso mehr, da sie weiß, dass Herr BinZuTollZumUnterrichten in den Pausen gern mit dem Direktor abhängt), aber sie möchte den Direktor wissen lassen, was in seiner Schule so passiert. Dieser schließt sich DWMs Meinung absolut an: auch die Schüler hätten Respekt verdient und wenn das Geschehene sich tatsächlich so abgespielt habe, dann sei das nicht in Ordnung und er sei froh, von DWM darüber informiert worden zu sein. Er bittet DWM, mit BinZuTollZumUnterrichten persönlich über den Vorfall zu sprechen und wenn sie das Gefühl habe, von selbigem nicht ernst genommen zu werden, werde er ein Dreiergespräch einberufen, eventuell auch mit DSB.

Mit solcherart gestärktem Rücken schlägt DWM nochmals beim Bio-Lehrer auf. Wie schon beim Elternsprechtag bestreitet  der eloquente Herr erst einmal die von DWM vorgebrachte Version.  Die Schüler seien nun mal brutal zueinander, gerade in der fünften Klasse.

Nachdem DWM ihm noch eine Chance gegeben hat, seinen Fehler zuzugeben, schreitet sie zur Tat: sie zückt die Kurzarbeit und deutet auf seinen Kommentar:

„Wenn der Auftrag gewesen wäre, einen Sattel zu zeichnen, dann könnte man hier genauso gut darunter schreiben ‚ist das ein Zahn‘, denn zeigen Sie mir mal das Pferd, das da dazwischen passt. Ganz abgesehen davon halte ich diesen süffisanten Kommentar für eine fragwürdige pädagogische Maßnahme. Nur einen von sechs Punkten dafür zu vergeben reicht völlig aus.“

Erstmals fühlt Herr BinZuTollZumUnterrichten sich etwas in die Enge getrieben und schaltet in seiner großspurigen Art etwas zurück.

„Naja, da habe ich es mit Ironie versucht……“

DWM dafür schaltet jetzt einen Gang höher. Jetzt nur kein Terrain verlieren.

„Ironie ist etwas, was die Leute gerne sehen. Im Kino und im Theater geben sie dafür Geld aus, damit sie über andere lachen können. Halten Sie das für die geeignete Unterrichtsform, noch dazu in der fünften Klasse?“

„Naja, es sind halt nicht alle gleich sensibel….“

DWM verleiht ihrem Standpunkt nochmal Nachdruck und Herr BinZuTollZumUnterrichten lenkt ein und verspricht, die Sache mit DSB zu klären. Er habe es nicht bös gemeint.

DWM: „Aber sagen Sie möglichst nicht vor der Klasse, es tue Ihnen leid, dass er geweint hat.“

Dieser Herr braucht offensichtlich eine genaue Anleitung dafür, was man sagen kann und was nicht.

DWM hofft, ihrem Sohn nicht allzu sehr geschadet zu haben und zieht von dannen. Jetzt kann der geneigte Leser zwar einwenden, DWM habe etwas überreagiert und hat damit vielleicht gar nicht mal so unrecht. Aber wenn sie etwas nicht ausstehen kann, dann ist es Respektlosigkeit. In dieser Schule wird von den Schülern viel Respekt verlangt und das ist einer der Gründe, warum beide Kinder dort zur Schule gehen (obwohl sie in einem anderen Staat liegt). Sie müssen aufstehen, um zu grüßen, wenn ein Lehrer den Raum betritt und ähnlich altmodische Dinge. Aber DWM findet, dass auch ein Schüler Recht auf Respekt hat und ist bereit, dafür zu kämpfen.

Oder echauffiert sich DWM nur deshalb so, weil sie ihren Sohn selbst in Bio unterrichtet hat und die Vier als persönliche Niederlage empfindet?

 

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Elternsprechtag oder Herr BinZuTollZumUnterrichten

10 Minuten vor Beginn des Elternsprechtags sitzt DWM bereits auf dem Büßerstuhl vor dem Sprechzimmer, wild entschlossen, selbiges erst wieder zu verlassen, wenn sie Herrn BinZuTollZumUnterrichten die Meinung gesagt hat. Da sieht sie plötzlich den Klassenvorstand das Zimmer verlassen. Ist das jetzt ein gutes Zeichen, sprechen sich die beiden noch ab über die mit den Eltern zu besprechenden Themen? Fünf Minuten vor 16 Uhr verdient Herr BinZuTollZumUnterrichten sich bei DWM sein erstes Plus, indem er sie bereits hereinbittet. Für Pünktlichkeit und gar Überpünktlichkeit hat sie immer etwas übrig.

Nun ist es für DWM ein wenig sonderbar, erstmals in ihrer Doppelfunktion zum Elternsprechtag zu gehen. Bisher hatten DSG und DSB nur unterschiedliche Lehrer, aber gerade von Herrn BinZuTollZumUnterrichten werden sie beide nicht-unterrichtet. Nachdem DWM sich gesetzt hat, möchte ihr Gegenüber sich erst mal auslassen über die herausragenden Leistungen der Tochter. Klar, über jemanden zu sprechen, der alles von selber lernt, ist immer angenehmer. Trotzdem muss er anmerken, dass sie manchmal zu Viel des Guten macht, indem sie Fragen stellt, denen die Klasse nicht folgen kann. Nachdem mit dem eigentlichen Gesprächsanlass begonnen werden kann, sind die erlaubten fünf Minuten schon beinahe um. Jetzt aber ist DWM an der Reihe. Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass die letzte Bio-Stunde vor dem Elternsprechtag tatsächlich als solche stattgefunden hat und DSB zu Hause auch noch etwas vom Inhalt derselben zu berichten wusste. Typisch Lehrer, dachte DWM. Um etwaigen Elternbeschwerden den Wind aus den Segeln zu nehmen, macht er vorher noch schnell mal ordentlichen Unterricht. Für DWM war das aber nur von Vorteil, denn jetzt hatte sie eine Strategie. Sie würde einfach mit dem Lob beginnen: „Mein Sohn hat erzählt, in der letzten Bio-Stunde hatten sie richtig guten Unterricht, und er wusste zu Hause auch noch etwas davon, könnten Sie das vielleicht immer so machen?“ Aber ihr Gegenüber wäre kein Lehrer, wenn er Kritik, und sei sie auch noch so schön als Lob verpackt, so einfach annehmen könnte. Im Brustton der Überzeugung beteuert er, sein Unterricht habe sich letzten Montag in keinster Weise von den anderen Stunden unterschieden, das komme bei den Kindern einfach völlig unterschiedlich an. Nach einer Viertelstunde klopfen die ungeduldig Wartenden bereits an die Tür und DWM verlässt zwar nicht kampf- aber sieglos das Feld.

Beim Klassenvorstand bringt sie das Problem noch mal zur Sprache und er verspricht auch mit dem Lehrer zu reden, lobt allerdings das bayerische Schulsystem mit dem mindestens zweijährigen Lehrerwechsel, womit er DWM durch die Blume zu verstehen gibt: das erste Jahr ist ja schon fast rum und dann kann es maximal noch ein zweites geben, danach kriegt er einen neuen Lehrer.