Was man in der Fremde lernt….

Nun ist DWM ja seit Samstag eine Semistrohmutter. Eine temporär vom Ehemann getrennte Frau ist eine Strohwitwe, also ist eine temporär von den Kindern getrennte Mama eine Strohmutter. Wenn aber nur die Häfte der Kinder außer Haus weilt, ist sie somit eine Semistrohmutter.

Gestern abend ringt die Semistrohmutter mit sich, ob sie eine SMS an die in London weilende Tochter loslassen soll. Da sie bei Freundinnen diese „Melde-dich-sofort-wenn-du-angekommen-bist“ Verpflichtung immer etwas befremdlich fand, wollte selbst keinesfalls in dieses Muster verfallen.

Auch am Morgen kann Semistrohmutter sich soweit beherrschen, dass sie nicht noch vor dem Frühstück im Internet guckt, ob vielleicht eine EasyJet-Maschine auf dem Weg nach London abgestürzt sei. Aber gegen Abend wird sie doch etwas unruhig. So eine SMS wär ja doch nicht zu viel verlangt, oder? Der Semistrohvater versucht seine Frau zu beruhigen mit „Keine Nachrichten sind gute Nachrichten“.

Vor dem Schlafengehen guckt die Semistrohmutter nochmal kurz in ihren Facebook-Account und siehe da: Seit acht Stunden schlummert dort völlig ungelesen der Reisebericht der Tochter. Rabenmutter! Hätte sie sich ja denken können, dass DSG zu sparsam ist für eine Roaming-SMS und WLAN gibts in der Unterkunft for free.

Was sie da liest, bringt Semistrohmutter zum Schmunzeln. Wie sie im Vorfeld schon vermutet hatte, ist die Organisation nicht die Stärke der mitreisenden Mutter (und schon gar nicht der Kinder). Ha, Tochter, das haste jetzt davon, hättest du mal deine Mutter mitgenommen! Jedenfalls hat nach allgemeiner Planlosigkeit wohl DSG den Zug gesucht, aber der Umsteigevorgang wurde nicht bewältigt, sodass der Rest der Strecke mit dem Taxi zurückgelegt wurde.

Semistrohmutter will ja nicht schadenfroh sein, aber was sie dann liest, bringt sie vielleicht doch in die Nähe eines solchen Gefühls: Die Freundin beschwerte sich, weil sie verdurste und der Schwester der Freundin war das Taxi nicht genehm.

Semistrohmutter erinnert sich an Reisen mit der Familie, während der die Kinder missmutig hinter den alles organisierenden Eltern hertrotten und sich beschweren, wenn die gewohnte Frequenz an Nahrungsaufnahme nicht eingehalten werden kann oder die Beschaffenheit derselben nicht ihren Vorstellungen entspricht.

Ob DSG aus dieser Erfahrung lernt, und das Ganze vielleicht auch noch im Langzeitgedächtnis bis August speichert?

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Urlaub Tag 1 – Reisetag

Nun ist DWM ja immer gerne stolz auf ihre logischen Leistungen, aber was die Fortbewegung angeht, wird sie von aller guten Logik verlassen. Da pendelt sie täglich auf Landstraße und Autobahn zur Arbeit, ersteres gesäumt von Kreuzen, ohne auch nur einen Gedanken an die Gefährlichkeit ihres Tuns zu verschwenden, aber wenn sie ein Flugzeug besteigen soll, malt sie sich schon tagelang vorher Schreckensszenarien aus. Das steigert sich bis zum Abflug ins Unermessliche, begleitet von einer Laune, die dem Familienfrieden nicht unbedingt förderlich ist. Der lautstarke Ehestreit auf dem Flughafen war letztes Jahr in erster Linie den Kindern peinlich. Aber DWM stellt sich brav ihren Ängsten und hofft, irgendwann mal wieder ohne Schreckensszenarien vor ihrem inneren Auge ein Flugzeug zu besteigen (Vielleicht sollte sie aufhören, des nächtens auf ntv Flugzeugkatastrophendokus zu gucken).

Diesmal war der Höhepunkt schon einen Tag vor dem Abflug erreicht, als DWM angesichts der gähnenden Leere im Kühlschrank die Familie bei der Rückkehr am Hungertuch nagen sah und einen kleineren Krisenanfall vom Stapel ließ. Wohlgemerkt kleineren, denn DWM ist wirklich auf einem guten Weg, ihre Flugangst in den Griff zu kriegen. DesperateSchoolBoy, bereits bestens mit den Reiseritualen der Familie vertraut, fragt: „Bist du nervös, Mami?“

Diesmal darf DWM sich gleich doppelt so viel fürchten, denn sie muss in Istanbul umsteigen, und Start und Landung sind am Schlimmsten. Aber als sie sich am Abflughafen für Domestic Flights in Istanbul fast ausschließlich von Türken umgeben sieht, gewinnt eine kleine Prise Optimismus wieder die Oberhand. Zumindest einen Anschlag radikaler Islamisten könne man hier so gut wie ausschließen, denn die werden doch nicht ihre eigenen Leute töten?

In der Tat landet DWM wohlbehalten in Dalaman (wie die ganzen früheren Male auch), aber diesmal nicht am neuen International Airport, sondern am Nationalen Flughafen, der ursprünglich der Vorgänger pompösen, für die Touristen errichteten Gebäudes war. Als die Desperates an einem der beiden Kofferbänder dem Quitschen lauschen, werden sie von einem offiziell aussenden Türken mit Papieren in der Hand angesprochen:

„Where do you come from?“

Tja, was soll man auf diese Frage antworten? Ursprünglich stammt DWM aus einem Dorf in der Steiermark, aber das wird ihn wenig interessieren, wahrscheinlich genauso wenig, wie ihr derzeitiger Wohnort. Will er ihren Abflug- oder Umsteigeflughafen wissen? Während DWM also noch an einer potenziellen Antwort bastelt, blafft DWD den Fragesteller bereits an:

„Why do you want to know that?“

Der freundliche Türke scheint an Deutsche gewöhnt zu sein und lässt sich davon nicht beeindrucken. Er zeigt auf die ersten vier Namen auf seiner Liste, die mit Leuchtstift markiert sind. Tatsächlich, da stehen die Namen der Desperates untereinander, sogar alle richtig geschrieben. Geduldig erklärt er, dass das Gepäck der Desperates nicht hier, sondern am International Airport ausgegeben würde. Das bringt DWD gleich noch mehr auf die Palme.

„We have to walk all the way????“

„No, not walk, you take the bus.” Beruhigt ihn der Türke.

DWD scheint nicht überzeugt zu sein von dieser Idee, aber das hilft ihm wenig, der Uniformierte begleitet die Desperates zum Bus, in dem bereits weitere Ausländer warten.

Offensichtlich werden alle nicht-türkisch-aussehenden Menschen, die um das Kofferband herumstehen, angesprochen. Im Flughafenbus ruckeln die Desperates zum International Airport, wo ihr Gepäck schon seine Runden dreht. Wenigstens sparen sie sich das bange Warten auf die einzelnen Teile.

Der gefährlichste Teil der Reise ist wahrscheinlich die Taxi-Fahrt, denn der oberste der übereinandergestapelten Koffer stößt genau an die Köpfe der ohne Kopfstützen im Fond sitzenden Passagiere. Dafür gibt es aber diesmal immerhin schon Sicherheitsgurte.