Vom hohen Wert der guten Nachbarschaft

Gestern hat DWM eines ihrer Luxusproblemchen auf ebenso elegante wie unterhaltsame Weise gelöst: Da das Trinken alleine keinen Spaß macht, hat sie in Gesellschaft getrunken. Angefangen hatte es eigentlich ganz harmlos.

Türklingel: „DINGDONG“

DWM (beantwortet gerade ihre Fanpost, soll heißen, eine der zwei Mails, die sie als Reaktion auf ihr eBook „Essen frisst Seele auf“ erhalten hat und ist somit unabkömmlich): „Kann mal jemand zur Tür gehen?“

Nachwuchs: „Die CooleMieterin ist da!“

DWM freut sich immer, die fröhliche Mieterin der Einliegerwohnung zu sehen und unterbricht ihre einsame Tätigkeit.

CooleMieterin: „Heut abend könnt es vielleicht a wengal laut werden!“

DWM (erstaunt, denn CooleMieterin pflegt ein reges Sozialleben, was des öfteren mit der ein oder anderen Geräuschentwicklung einhergeht. Dafür erträgt sie DSGs Klavierspiel selbst am frühen Morgen gelassen, wenn sie von ihrer Nachtschicht als Krankenschwester kommt und eigentlich schlafen will. DWM hat schon viele Nachbarschaften erlebt, aber noch keine so perfekte wie diese): „Kein Problem“

CooleMieterin: „Es könnt vielleicht auch richtig laut werden, weil es kommen über 20 Leut!“

DWM sieht auch darin kein Problem.

Coole Mieterin: „Und wega die Autos?“

DWM: „Ich stell meins heut in die Garage, DWD ist nicht da, dann könnt ihr alle Parkplätze haben.“

Coole Mieterin: „Was, ihr seids ganz allein? Dann kommts doch rüber!“

DWM freut sich über die unerwartete Abendgestaltung und sagt zu. DSG wirft gleich den Backofen an, um die muttertagserprobten Schokomuffins zu backen, DWM plündert DWDs Weinkeller und schon sind sie geschenktechnisch gerüstet.

Auf der Party unterhält DWM sich ganz wunderbar und fühlt sich unter den vielen jungen Leuten nur ganz wenig wie ein Dinosaurier, der vergessen hat, auszusterben. Um halb zehn stellt sie fest, dass sie ihren Sohn schon länger nicht gesehen hat und eilt nach nebenan, wo sie ihn bereits im Bett vorfindet. Nach verabreichtem GuteNachtKuss begibt sie sich wieder ins Partygetümmel, in dem mittlerweile eine Gitarre ausgepackt wurde.

Und dann passiert es: DWM darf Zeugin werden einer Aufführung hoher bayerischer Liedkunst, vergleichbar mit der von Biermösl Blosn, Hans Söllner oder ähnlich kultigen Darbietungen, höchstpersönlich geschrieben vom jetzt selbiges singenden Partygast. DWM ist hin und weg. Ein echter Künstler. Mittlerweile ist ihr Passiv-Bayerisch ausreichend, um dem Liedtext folgen zu können (ganz anders als DWDs, der sich selbst nach zwölf Jahren in den Alpen als vollkommen dialektresistent erwiesen hat).  Soweit DWM sich erinnern kann, handelt der Text von den feucht-fröhlichen Freuden des Feierns und ihren Folgen. Der Refrain geht so schön ins Ohr, dass DWM ihn schon beim zweiten Mal mitsingen kann (die übrigen Partygäste hören das Lied offensichtlich nicht zum ersten Mal und singen in zum Teil erstaunlich hoher Qualität – eine echte Künstlerkolonie in ihrer Einliegerwohnung!). Denn auch der Text ist leicht zu merken, und mit ausdrücklicher Erlaubnis des Künstlers darf DWM ihn hier zitieren:

„Speim, speim, speim dean olle gleich“

(Übersetzung für Leser, die des bayerischen nicht mächtig sind: Die unübliche und meist nicht beabsichtigte Wiedergabe von Gegessenem und Getrunkenem erfolgt bei allen Menschen auf ähnliche Art und Weise.)

DWM feiert mit ihrer Tochter noch bis zwei Uhr, bestens unterhalten von den Musikern, denn es befindet sich noch ein zweiter Gitarrist unter den Gästen und einer schlägt den Takt auf einem Teil, das DWM als Trommel bezeichnen würde, aber sicher einen viel cooleren Namen hat. Trotz Anwesenheit ihrer Tochter trinkt sie nach dem Prosecco noch das ein oder andere Bier und so steht sie heute etwas wackelig auf den Beinen (der Frühheimkehrer DSB hat sie gnadenlos um halb sieben geweckt) und wird vom Ohrwurm verfolgt:

„Speim, speim, speim dean olle gleich!“

(DWM bittet ihre Leser um Verzeihung für die ungewohnt unflätige Wortwahl, aber immerhin handelt es sich um Kunst und die muss schließlich richtig zitiert werden)

Der Künstler ist im richtigen Leben übrigens Krankenpfleger und DWM hofft, sollte sie je wieder ins Krankenhaus kommen, von einem solchen musikalisch unterhalten zu werden, das würde die Heilung mit Sicherheit beschleunigen.

Advertisements

Partystimmung zu Hause

Nun ist es wieder einmal so weit. DWM muss darf einen weiteren Schritt an der Abnabelungsfront machen. Während der letzten Wochen wurde die Grillparty von DSGs Schulklasse wetterbedingt mehrmals abgesagt aber an diesem Wochenende muss DWM den Tatsachen ins Auge sehen. Ihre Tochter wird erwachsen. Und DWM darf nicht nur nicht dabei sein, nein, sie darf noch nicht mal in der ersten Reihe stehen und zugucken. (Jedenfalls nicht so, dass es bemerkt würde 🙂 )

Jetzt könnte der Leser einwenden, dass das Erwachsenwerden schon von Millionen von Mädchen erfolgreich bewältigt wurde, die davon berichten können (DWM eingeschlossen – naja, einigermaßen immerhin), aber die Desperates wären nicht die Desperates, wenn sie nicht auch hier mit einer besonderen Komplikation aufwarten könnten. DSG ist durch ihre Klassenüberspringung mindestens ein Jahr jünger als alle anderen und das hat schon des öfteren Probleme bereitet.

Schon wärend der Woche beobachtet DWM die abendliche Dämmerung, um sich erstmal mit sich selbst zu einigen über den Zeitpunkt des Zapfenstreichs, bevor sie in die Verhandlungen mit DSG eintritt. Um acht Uhr ist es noch hell, um neun aber schon ziemlich dämmrig. Trotzdem einigen sich die beiden auf neun Uhr, als ein neuer Komplexitätsgrad dem Geschehen hinzugefügt wird.

„Mama, darf ich nach der Party bei Lara übernachten, dann können wir am Sonntag gleich das Referat machen?“

Eigentlich ist DWM gar nicht begeistert davon, die allererste Zapfenstreichüberwachung schon in fremde Hände zu geben, noch dazu ist DSGs Freundin bereits fünfzehn! DWM springt mit Schwung über den Schatten und einigt sich mit Laras Mutter auf neun Uhr. Am Vorabend der Großereignisses betritt DWM das Zimmer ihrer Tochter, um nochmal die Verhaltensregeln durchzugehen, wird aber sofort unterbrochen.

„Ich weiß, Mama, keinen Alkohol…..“

Sehr gut, zumindest die Theorie sitzt 🙂

Als der Aufbruch am Nachmittag langsam näher rückt, wird DSG immer nervöser und DWM fühlt sich zu Hilfestellung verpflichtet, obwohl die Männer langsam anfangen zu drängeln, weil sie zum See aufbrechen wollen. DWM sucht aus dem Internet Rezepte für Stockbrotteig, rechnet Zutatenmengen um, sucht die große Salatschüssel und probiert verschiedene Stauvarianten, um das ganze Gespäck möglichst gefahrenfrei auf dem Fahrrad unterzubringen. DWD kann ihre mit DSG geteilte Nervosität wieder einmnal überhaupt nicht nachvollziehen und versteht nicht, warum er so lange warten muss. DWM ist wie immer hin- und hergerissen, lässt dann aber doch ihre unter der Dusche stehende Tochter zurück, um dem Ehemann zu folgen.

Im Auto erinnert sie sich an ein Gespräch, das sie vor vielen Jahren mit ihrem Bruder geführt hat. Damals war er seinen drei Teenagern heimlich zu einer Party auf eine Waldlichtung gefolgt und hat sich hinter den Büschen auf die Lauer gelegt, um Gästeliste und Getränkesortiment in Lokalaugenschein zu nehmen. DWM fand das total abwegig und lächerlich. Als sie heute um sieben vom See zurückkommt, überlegt sie, ob sie noch eine kleine Fahrradtour an die Saalach unternehmen und ganz unauffällig den Ort des Geschehens passieren soll. Mit Helm und Sonnebrille erkennt sie garantiert keiner, wenn sie schnell vorbeiflitzt. Aber ob sie dabei viel mitkriegen wird? Und 10 mal hin und herzufahren vor dem Grillplatz ist dann vielleicht schon etwas auffällig.

DWM entscheidet sich dagegen (ohnehin die bequemere Variante) und lenkt sich mit Rotwein ab. Um neun Uhr bekommt sie eine SMS:

„Hallo Mama bin gut heim gekommen es war supeeeeeeer!!! Mach dir also KEINE Sorgen mir gehts super 🙂 gute nacht bussi an alle falls ihr noch wach seit :D“

Na gut, diese SMS konnte genauso gut auf dem Grillplatz geschrieben worden sein, aber DWM ist trotzdem beruhigt. Immerhin ist ihre Tochter wohlauf. Außer natürlich jemand hat auf ihrem Handy eine SMS an den gespeicherten Eintrag „MAMA“ geschrieben, aber dieser Gedanke erscheint jetzt selbst DWM langsam etwas weit hergeholt. Wieso war DSG auf die Idee gekommen, sie könnte sich Sorgen machen?