Wenn der Mut zur Lücke fehlt…

Am Sonntag ist DWM noch ein wenig wehmütig ob der Abwesenheit ihrer Tochter. Weil selbige sich beschwert hatte „Nie tun wir grillen“ (diese im süddeutschen Sprachraum übliche exzessive Verwendung des Hilfszeitwortes ist ein probates Mittel, um DWD, den einzigen Deutsch-Native-Speaker der Familie auf die Palme zu jagen) nahm DWM am Samstag Nachmittag noch den Nahkampf an der Fleischtheke auf, um DSG am Sonntag mit einer spätmittäglichen Grillparty zu überraschen, wenn sie von ihrer Auswärtsübernachtung zurückkehre. Mit ungewöhnlichem Elan widmet DWM sich dem Grillgut, als sie – die Hände voller Olivenöl, aber der Ankauf eines neuen Mobiltelefons steht ja ohnehin an – um zwölf der heißersehnte Anruf des Töchterchens ereilt: Sie habe gerade gefrühstückt und ob es reiche, wenn sie am Abend komme. DWM ist hin- und hergerissen zwischen

„Auf deinen Wunsch grillen wir jetzt hier, du kommst wie vereinbart nach Hause!“

Subtext: Ich habe es satt, hier die allzeit bereite Homebase für semi-flüggen Nachwuchs zu spielen

und

„Aber sicher!“

Subtext: Schön, dass DSG gute Freundinnen hat, mit denen sie ihre Freizeit verbringt

Der Leser hat es wahrscheinlich schon erraten, DWM entscheidet sich für letzteres. Sie grillt ein wenig schneller, damit DSB die Bahn zu seinem Freund erreicht und sie in die gewonnenen Stunden noch eine Wanderung mit DWD quetschen kann. Die wird in Rekordzeit erledigt und DWM freut sich, wenigstens am Abend die traute Familie mit den Resten des Grillgutes und den Erlebnissen der letzten zwei Tage um den Terassentisch versammeln zu können. Obwohl DSG keinen Hunger hat, sie habe schon bei ihrer Freundin gegessen.

Als der Tisch abgeräumt wird und der gemütliche Teil des Abends beginnen könnte, beginnt der ungemütliche. DSG erinnert sich: „Vielleicht schreiben wir morgen Chemie-Ex.“ In hektischer Betriebsamkeit werden Bücher, Hefte, Mappen und freifliegende Blätter auf Esstisch, Terassentisch, Hängematte und Schaukel verteilt. Das gefürchtete „Lernst du mit mir?“ hat DSG sich zwar mangels Erfolges (noch dazu Chemie – DWMs absolutes Nietenfach) abgewöhnt, aber immerhin durch ein „Fragst du mich ab?“ ersetzt.

Wieder einmal ist DWM hin- und hergerissen (sie müsste schon ganz zerissen sein, so oft, wie sie diesen Gefühlszustand durchlebt). Eigentlich wollte sie noch ein wenig den warmen Sommerabend auf der Gartenliege genießen. Andererseits kann sie das ja auch mit Chemie-Buch. Als sie sich gerade zu einer positiven Antwort durchringen will, bringt DSG ein neues Problem aufs Tapet: „Ich schreibe am Freitag Französisch und hab für Montag und Donnerstag Nachhilfe ausgemacht.“

Während der folgenden dreiviertel Stunde berät DWM ihre Tochter zu den Vor- und Nachteilen, eine vereinbarte Nachhilfestunde abzusagen oder auch nicht, eine zweite Stunde abzusagen oder auch nicht, wie wichtig die Nachhilfe nach Absolvieren der letzten Schulaufgabe für ihre Schülerin überhaupt ist. Wie so oft rutschen Mutter und Tochter ab in die Grundsatzdebatte mit anschließenden Grundsatzaussagen – die als solche ohnehin niemals zu Grundsätzen werden, sondern immer als leere Worthülsen verbleiben: „Wenn dir das zu viel wird, musst du aufhören mit der Nachhilfe.“

DWM fühlt zunehmend Gereiztheit in sich aufkeimen, als DSG auch noch nachlegt: „Ich kann ja am Mittwoch das Tennis absagen.“ Der Keim beginnt zu sprießen. Wieso soll DWM für Training bezahlen, das DSG dann nicht in Anspruch nimmt, um dafür bei anderen Leuten Geld zu verdienen? Soll sie sich die entfallenen Stunden von ihrer Tochter bezahlen lassen? Da sie aber so ein erholsames Wochenende hatte, bewahrt DWM Ruhe und schreitet zu einer Maßnahme, die sie sonst nur ihrem Sohnemann angedeihen lässt: Gemeinsam mit DSG geht sie den Französisch-Stoff durch, um einen Lernplan zu erstellen. DWM versucht ihrer Tochter, die mit ganz wenigen Ausnahmen nur die Note „Sehr gut“ schreibt, seit Jahren erfolglos das doch sehr wichtige Prinzip „Mut zur Lücke“ zu vermitteln.

Der Abend schreitet immer weiter voran, mittlerweile rückt auch das Fußballspiel immer näher, die Liege wird bereits aus dem Garten geräumt. DSG steigert sich in ihre Lern-Panik, DWM in ihre Grundsatzdebatten. Ursprünglich hatte sie eine Regel aufgestellt, nach der DSG um acht Uhr ihre schulischen Aktivitäten zu beenden habe (ist es nicht erstaunlich? DWM muss ihre Tochter vom Lernen ABHALTEN), aber irgendwie bereitet ihr die Durchsetzung derselben Probleme.

Um zehn Uhr tut es zwar beiden leid, aber trotzdem sind beim Frühstück noch die Nachwehen des missglückten Abends zu spüren.

Und dann passiert etwas, was DWM eigentlich so gut wie jedesmal bereut. Sie kann ihre Klappe nicht halten. Bevor sie selbige daran hindern kann, entfleucht ihr eine wenig konstruktive Bemerkung über DSGs Augenringe. Glücklicherweise müssen alle dringend los, sodass die Diskussion nicht ausführlich geführt werden kann. Nachmittags ist es schon wieder vergessen. Oder zumindest verziehen. Zumindest oberflächlich gesehen.

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Die Mami-kaut-mir-alles-vor-Methode

DWM ist wütend, genervt und frustriert. Und das am Sonntag morgen. Mit Sonnenschein vor dem Fenster.

Sie war ja auf einen gewissen Arbeitsaufwand vorbereitet gewesen, als sie ihren Sohnemann im Gymnasium angemeldet hatte, aber das ist jetzt wirklich etwas übertrieben. DesperateSchoolBoy zeigt sich völlig unbelastet von jeglichem Wissen, das im Biologieunterricht vermittelt werden könnte. Wäre das Unterrichten DWMs Traumberuf, dann hätte sie selbigen ergriffen. Trotzdem verbringt sie jetzt ihre karge Freizeit mit der Tätigkeit, für die ein gewisser Herr BinZuTollZumUnterrichten bezahlt wird. Schon beim allerersten Elternabend gab es Beschwerden, die Schrift von Herrn BinZuTollZumUnterrichten sei unleserlich. Selbiger war – als einziger – natürlich auch zu toll, um am Elternabend zu erscheinen, und der Klassenvorstand versprach, die Bitte nach leserlicher Schrift an den Kollegen weiterzuleiten. Später erzählte DSB, Herr BinZuTollZumUnterrichten hätte gesagt, er finde seine Schrift gut, und wenn jemand das nicht lesen könne, sei es nicht sein Problem. Und machte einen Buben lächerlich, dessen Eltern die Bitte zusätzlich noch in der Sprechstunde vorgetragen hatten. Damals wussten die Desperates noch nicht, dass die unleserliche Schrift das kleinere Übel gewesen wäre. Denn neuerdings ist Herr BinZuTollZumUnterrichten dazu übergegangen, den Kindern eine Seite im Buch zu sagen, aus denen sie selbstständig einen Hefteintrag mit den wichtigsten Informationen erstellen sollten und begibt sich ins Nebenzimmer, um am IPad Musik zu hören sich auf die nächste Stunde vorzubereiten. Auf Hilflosigkeit der Kinder antwortet er, sie seien zu doof für das Gymnasium und sollen auf die Hauptschule gehen. Von ihren Kindern weiß DWM, dass Herr BinZuTollZumUnterrichten in der Pause regelmäßig beim Direktor und seinem Stellvertreter rumhängt, um sich dort einzuschleimen.

Nun unterrichtet DWM den Stoff zu Hause, was zwar auch ihren eigenen Bildungstand wieder etwas hebt (und das in der fünften Klasse  – frustrierend eigentlich), sie aber weder zu ihren Aufgabengebieten und schon gar nicht zu ihren Hobbys zählt. Natürlich unterstützt DWM ihren Sohn vor Schulaufgaben beim Lernen, aber ein ganzes Fach zu Hause zu unterrichten ist doch etwas anderes. Eigentlich könnte sie DSB dafür montags länger schlafen lassen und ihn erst in der zweiten Stunde zur Schule schicken.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass DWM keineswegs zu jenen zählt, die ein allgemeines Loshacken auf die Lehrer unterstützt und auch um deren Ferien beneidet sie sie nicht versucht sie sie nicht zu beneiden, denn wie gesagt, sie hätte ja auch selber diese Option wählen können. Glücklicherweise unterrichten auch ganz tolle Exemplare an der Schule, die ihren Job mit Schwung und Engagement machen. Aber was unternimmt man gegen die Pfeifen? DSB bittet darum, sich nicht beim Elternsprechtag (kommenden Mittwoch – DWM wird berichten) zu beschweren, denn er möchte nicht vor der Klasse lächerlich gemacht werden. (Auch DWMs Idee, dem Pädagogen eine Rechnung zu präsentieren für ihre mit Biologieunterricht verbrachten Stunden fand er nicht ganz so gut). Gleich zum Direktor gehen? Sich an den Elternbeirat wenden? Oder so wie in der eigenen Schulzeit „Augen zu und durch“, weil es spätestens in ein paar Jahren ohnehin vorbei ist (und sich die nachfolgenden Schüler damit quälen müssen)?