Der, dessen Name nicht genannt werden darf – Lord Voldemort im Konzern

Nun ist es ja kein Geheimnis, dass DWM nicht unbedingt eine Meisterin der Diplomatie ist, im Gegenteil, ihr Hang zur offenen Kommunikation wird von manchen Kollegen durchaus geschätzt. Trotzdem hat sie in ihrem Arbeitsleben schon sehr viel an Zurückhaltung dazugelernt und heute geradezu wieder ein Meisterstück auf diesem Gebiet hingelegt und sich die Verwunderung über die Situation auf die abendliche Blogpflege aufgespart. Den heutigen Arbeitstag hat sie bei ihrer Konzernmutter verbracht und das ist an sich schon anstrengend genug. Frühmorgens besteigt sie mit NewComer gemeinsam den Zug, ApplePolisher als Gschaftlhuber  ist schon am Vortag angereist um unbemerkt von seinen Untergebenen bereits die wirklich wichtigen Dinge zu besprechen. (Übersetzung für den nicht des österreichischen mächtigen Leser: Der Geschaftler oder Gschaftlhuber ist ein Wichtigtuer und wer jetzt meint, das sei eigentlich BusyBodys Rolle, hat zwar nicht ganz unrecht, aber der Unterschied liegt darin: BusyBody wäre gerne wichtig und ApplePolisher ist durch die Verbindung des Gschaftlns mit erfolgreichem Applepolishen wirklich wichtig)

DWM sitzt also mit NewComer im Zug und wünscht sich ihr Netbook herbei, aber nein, sie ist zu gepflegter Konversation gezwungen. Im Besprechungszimmer in München erwartet sie die erste – und einzige – positive Überraschung des Tages: Die Kollegen der Muttergesellschaft hatten in einem Anfall von Mitleid für die frühaufgestandenen österreichischen Kollegen einen Teller mit duftenden Brötchen in die Mitte des Besprechungstisches platziert.

Trotz des andächten Kauens darf DWM sich nicht vom Wesentlichen ablenken lassen, denn hier geht es heute darum, möglichst viele der Konzernbegehrlichkeiten abzuwenden, oder wenigstens aufzuschieben (in der Hoffnung, sie damit auszusitzen) und da ist natürlich Kreativität gefragt. Bei manchen Themen steht die Frage im Raum, warum das denn so sei und wer das denn so entschieden habe, und da hat DWM gewisse Probleme, sie dort unbeantwortet stehen zu lassen, denn eigentlich ist es so schwer gar nicht: SmallBoss hat diese Dinge in seiner -zugegebenermaßen kurzen – Amtszeit eingeführt, bevor er von BigBoss gewaltsam entfernt wurde. Schon in internen Besprechungen war DWM aufgefallen, dass der Name SmallBoss nicht mehr ausgesprochen wird, aber hier ist es offensichtlich: minutenlang wird um den heißen Brei herumgeredet, von wegen ….historisch gewachsen…..blablabla und DWM muss all ihre Anpassungsfähigkeit zusammenraffen, um nicht einfach herauszuplatzen wie ein kleines Kind, das seine Mama auf der Straße lautstark auf einen auffälligen Menschen hinweist: „Der SmallBoss hat das so entschieden!“ Offensichtlich hat man im Konzern beschlossen (aus Gründen, die DWM mit ihrer begrenzten Auffassungsgabe nicht nachvollziehen kann), dass es SmallBoss und seine Amtszeit nie gegeben hat.

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Der ganz normale Konzern-Wahnsinn

Nun hat DWM sich ja damit abgefunden, dass interessante, abwechslungsreiche, einigermaßen gutbezahlte, mit Telearbeitsmöglichkeit ausgestattete, in Teilzeit bewältigbare Jobs offensichtlich nicht auf der Straße liegen und sich somit mit dem ihrigen mehr oder weniger ausgesöhnt. Im Allgemeinen kann sie auch ganz gut verdrängen, dass sie große Teile ihrer Arbeitszeit damit zubringt, Konzernanfragen der Mutter, Großmutter oder Urgroßmutter zu beantworten, weiterzuleiten, die Hintergründe zu recherchieren, sprich: das Unternemen mit sich selbst zu beschäftigen. Ab einer gewissen Größenordnung braucht ein Unternehmen keine Kunden mehr, es ist ganz wunderbar mit der eigenen Administration ausgelastet.

Vor einigen Jahren noch war es nicht in alle Konzernecken gedrungen, dass da noch ein kleiner österreichischer Appendix exisitert und selbiger hatte somit wie auf einer Insel der Seligen die Gelegenheit, sich mit seinem Geschäftsmodell zu beschäftigen, anstatt mit der Administration. In Zeiten wie diesen jedoch ziehen die Konzerne ihre Zügel so straff, dass der Zug auch beim hinterletzten Appendix spürbar wird.

Auch das sinnentleerte Tun als Folge solcher Administrationswut kann DWM meist ganz gut verdrängen. Es sei denn, sie hat gerade einen Full-Reset durch Urlaub erlitten, der die entsprechenden Toleranzschwellen auf ihrer Festplatte gelöscht hat, sodass eine DWM im Büro erscheint mit dem Anspruch, ihren Vormittag mit produktiver Beschäftigung zu verbringen. Dann muss DWM erst wieder eingenordet werden, bevor sie dem ganz normalen Wahnsinn mit der entsprechenden Gelassenheit begegnen kann.

Callcenter-MA: „Ich hab Frau X dran von der Konzernmutter. Die will WIRKLICH mit DIR sprechen.“

Das betont der Kollege deshalb so, um von DWM nicht gleich wieder abgewimmelt zu werden. Das wäre gar nicht notwendig gewesen, denn DWM kennt Frau X schon und weiss, dass die meistens WIRKLICH mit IHR sprechen will, wenn sie anruft.

Frau X: „Guten Tag, ich habe da wieder eine nicht genehmigte Überziehung. Könnten Sie mir bitte näheres darüber berichten?“

DWM (gut erholt nach ihrem Urlaub und deswegen wild entschlossen, nicht gleich nach der ersten Frage zu explodieren) versucht sich mit ihrer Abwesenheit in der letzten Woche herauszureden. Dann aber bricht die archaische Arbeitswut einer Frischerholten durch und sie will weder die Anfrage weiterleiten (was sie im Fall von NewComer als Adressaten ohnehin wieder zurückbekommen hätte) oder auf später vertrösten. Sie aktiviert alle verbliebenen Gehirnzellen, die sowohl die Winzerherberge in der Wachau, die Beislstreifzüge in Wien, die Mole West am Neusiedler See, die Grillparty mit ihren Brüdern und den Wiedersehensabend mit DWD überlebt haben, und da es sich somit um genetisch einwandfreie Exemplare handeln muss, können sie auch noch von den Prä-Urlaubs-Tätigkeiten berichten:

Frau X hatte eine Limitüberschreitung angemahnt mit dem Hinweis, dass alle Limite VOR dem Eingehen des Geschäftes bei der Mutter der Mutter – sprich Großmutter – zu genehmigen seien. DWM ist einerseits erstaunt über die Neuerung, aber andererseits nicht über die Tatsache, dass sie von der Existenz solcher neuen bürokratischen Hürden erst durch Anmahnung der Ergebnisse und nicht etwa vorab erfährt.

Anlaufstelle Nummer eins ist ihr Vorgesetzter ApplePolisher, auf dessen Schreibtisch, bzw. in dessen Mailbox schon so einige potenziell umzusetzende Prozesse versandet sind. ApplePolisher erklärt sich in diesem Fall aber für unschuldig und empfiehlt, sich an sein Pendant bei der Mutter, Herrn WeissVonNix zu wenden.

Da Herr WeissVonNix selten sein Telefon bedient und DWM ohnehin die Existenz schriftlicher Nachweise schätzt (und am nächsten Tag auf Urlaub ist in der Hoffnung, NewComer möge sich in ihrer Abwesenheit um den Konzernkram kümmern), schreibt sie eine Mail. Normalerweise speichert sie so unliebsame Schriftstücke erst mal in den Entwürfen, um sie kurz vor ihrem Entschwinden in den Urlaub zu versenden, damit sie sich ja nicht mehr mit der Antwort herumschlagen muss (DWM liebt den Satz in ihrem Abwesenheitsagent „…..wenden Sie sich bitte an Herrn NewComer….“), aber diesmal hat sie in einem Anfall von Erledigungswut sofort auf Senden gedrückt und auch postwendend eine Antwort erhalten, an die sie sich jetzt sogar noch verschwommen erinnern kann:

Herr WeissVonNix wusste nichts von einem Prozess, der eine solche Vorabgenehmigung erfordert. Vielmehr waren zwei seiner Mitarbeiter vor kurzem bei der Mutter, wo die neuen Prozesse besprochen wurden, aber davon war nicht die Rede gewesen.

Je mehr DWM jetzt im neuerlichen Gespräch mit Frau X diese definitive Antwort – was in diesen Kreisen ohnehin schon eine Seltenheit darstellt – ins Gehirn sickert, desto mehr beginnt sie sich zu ärgern. Wie kommt sie dazu, sich anpflaumen zu lassen, wo sie sich doch umgehend um eventuell einzuhaltende Prozesse gekümmert hat?

Frau X von der Großmutter antwortet auf alle Nachfragen nur, man solle sich bei der Mutter erkundigen, die sei mit den neuen Prozessen vertraut gemacht worden und dafür zuständig, selbige auf ihre Töchter auszurollen. Zu allen anderen Fragen (was für Prozesse sind das? seit wann gelten sie? wie sehen die genauen Bedingungen z.B. Responsezeiten aus?) kommt die stereotype Antwort :“Dazu kann ich nichts sagen.“

DWM freut sich, dass die Gesprächspartnerin ihre Grimassen nicht sehen kann (wieder ein paar Falten mehr, bald wird DWD wieder mit seinem Filler kommen) und legt auf. Sie sucht die Mail von Herrn WeissVonNix und verfasst als Antwort eine neuerliche Anfrage zu dem Thema. Da der Ton etwas schärfer ausgefallen ist, verzichtet sie darauf, ihren Vorgesetzten auf Kopie zu setzen. Ist sowieso eine Unart, diese tausend Mailkopien, die einem die Inbox verstopfen. Ein zweite Kopie des Schriftstücks geht an Frau X, um DWMs Unschuld in dieser Sache zu beweisen und mit der Bitte um einen Ansprechpartner in dieser Sache, da die Mutter offensichtlich nicht in der Lage ist, die Informationen an die Tochter weiterzuleiten. Danach macht DWM sich auf die Suche nach dem monierten Geschäft. Während sie noch in ihren Auswertungen fahndet, flattert auch schon eine Mail der Konzerngroßmutter mit dem angeforderten Prozess herein. Na bitte, geht doch. Um die Angelegenheit auf den Rest von DWMs Arbeitstag auszudehnen, wurde auch ApplePolisher auf Kopie gesetzt, der sofort in DWMs Büro erscheint und mit dem „was bisher geschah“ versorgt werden möchte.

Wer jetzt nicht weiß, ob bei ihm Verwirrung oder Langeweile überwiegen, dem ergeht es wie DWM an so manchem Arbeitstag.