Österreichisch für Anfänger – der Owezara

Nun hat DWM ja schon mal verlauten lassen, dass sie einen arbeitsreichen Vormittag durchaus einem verbummelten Bürotag vorzieht, neidische Gefühle auf Kolleginnen, die dem mancherorts beliebten „Owezan“ fröhnen, sind ihr im Prinzip also fremd, aber wie das mit Prinzipien eben so ist, gibt es manchmal auch Ausnahmen davon.

Exkurs für die des österreichischen nicht mächtigen Leser: Owezan bedeutet, seine Arbeit mit weniger Engagement zu verrichten, als möglich und auch angebracht wäre und interessant findet DWM auch die historische Herleitung dieses Wortes:

Der Owezara ist ein Holzarbeiter. Früher wurden Pfosten und Bretter aus einem Stamm mit der Hand geschnitten. Die Säge , meist eine Doppelsäge, wurde von 2 Männern bedient. Der Stamm wurde in einer gewissen Höhe fixiert, dann wurde mit dem schneiden begonnen.Einer stand oben auf dem Stamm, der andere unten . Natürlich war für den oberen die Arbeit viel schwerer , denn dieser musste ja die Säge raufziehen und der untere war der OWEZARA, der hatte die leichtere Arbeit . Daher der Name Owezara oder owezan. Quelle: http://www.ostarrichi.org/wort-6624-at-owezahn.html

Obwohl der Owezara also historisch gesehen männlichen Geschlechts ist, findet man sie in der heutigen Arbeitswelt auch unter den weibliche Kollegen und um so eine geht es hier, genau genommen um ChatterBox, die an den wenigen Tage ihrer Anwesenheit (an den restlichen ist sie beim Arzt oder im Krankenstand) mit DWM das Büro teilt.

Morgens sinkt sie fünf Minuten nach neun Uhr seufzend auf ihren Stuhl. Die Kernarbeitszeit beginnt zwar um neun, aber durch die Zeiterfassungen bringen ihr die verpassten Minuten keinen Vorteil. Erschöpft von der langen Anreise verzieht sie sich erst mal in die Küche, um ihr Frühstück zuzubereiten, dass sie dann am Schreibtisch genüsslich verzehrt. Butter und Marmelade werden auf dem Brötchen verteilt, Kaffee wird genossen, etwaige Anrufe werden trotzdem zwischen zwei Bissen gnädig entgegengenommen. Danach werden Butter, Marmelade und Geschirr ordnungsgemäß in der Küche verräumt. Da die Uhr mittlerweile beinahe zehn Uhr zeigt, schnappt ChatterBox ihren Schlüssel, um die Post aus dem zweiten Stock zu holen. Da sich in diesem Stockwerk auch noch diverse andere Abteilungen befinden, die immer wieder einen Besuch wert sind, kann der Transport der Post vom zweiten in den dritten Stock schon mal eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. In Zeiten wie diesen besteht die papierene Post zwar in erster Linie aus Reklame und Seminareinladungen, aber auch diese müssen ordnungsgemäß in den beiden Räumen der Abteilung verteilt werden.

Nach so viel Aktivität können schon mal Kreislaufprobleme auftreten und ChatterBox zieht sich mit Verweis auf selbige zurück in den Raum, der als Ordinationsraum für den Betriebsarzt und vorgeschriebene Ruhestätte für Schwangere vorgesehen ist. Nach über einer Stunde taucht sie von dort wieder auf mit der Erklärung, sie sei kurz eingeschlafen. Leider habe das ihre Kreislaufprobleme nicht beseitigt, daher muss sie jetzt die Apotheke aufsuchen, um sich dort den Blutdruck messen zu lassen. Nach einer weiteren Stunde kommt sie mit prall gefüllten Müller-Tüten aus der Apotheke zurück.

Mittlerweile ist die Mittagszeit ins Büro gezogen und ChatterBox beginnt ihren Salat zu verzehren. Natürlich gibt es noch jede Menge anderer Gelegenheiten, um einen ungeliebten Arbeitsplatz zu verlassen, Akten müssen geholt und wieder zurück gebracht werden, und manchmal reicht als Erklärung auch ein lapidares „Ich bin mal kurz im zweiten Stock“ oder auch nur „Ich muss mal kurz wohin“, wobei eine Stunde natürlich im Vergleich zu einem ganzen Menschenleben tatsächlich kurz anmuten mag.

Interessant mag in diesem Zusammenhang eine Vorschrift sein, die vom Vorstand vor einigen Jahren erlassen wurde: Raucher müssen vor Aufsuchen der Raucherterasse sich ausstechen und erst nach Auftauchen am Arbeitsplatz wieder einstechen, sprich: Rauchzeit ist Freizeit. Was aber ist mit Frühstückszeit, Mittagsessenszeit, Kaffeeholzeit, Kaffeetrinkzeit, Postholzeit,…..?

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Erkenntnisse der Social Tour (3) – von der Loyalität

Nun ist der Vorteil der Kommunikation ja doch die Einbringung verschiedener Sichtweisen zu einem Thema und davon kann DWM auf ihrer Social Tour ganz besonders profitieren. Ihre Freundinnen stecken in komplett unterschiedlichen Lebenssituationen und so werden auch Themen beleuchtet, die sonst selten zur Sprache kommen.

Gestern verbrachte DWM einen Weiberabend mit ihrer ältesten Freundin. Selbige leitet einen Familienbetrieb mit 25 Mitarbeitern und kann manchmal Erstaunliches berichten, diesmal zum Thema Loyalität, nicht nur dem Arbeitgeber gegenüber. Kürzlich hatte sie eine langjährige Mitarbeiterin zur Abteilungsleiterin befördert. Diese hatte in dem Betrieb bereits die Lehre absolviert und sich mit der damaligen Juniorchefin so weit angefreundet, dass sie gemeinsam auf Urlaub fuhren und sie zur Hochzeit eingeladen war. Nach der Beförderung machten der Dame offensichtlich die Belastungen zu schaffen und die Freundin versuchte zu beschwichtigen, bald komme ein zusätzlicher Mitarbeiter, dann würde es wieder besser werden. Die frischgebackene Abteilungsleiterin zog es aber vor, sich in den Krankenstand zu verabschieden und ließ ihre Mutter mit der Botschaft, sie habe Fieber, in der Firma anrufen. Mittlerweile befindet sie sich seit sechs Wochen im Krankenstand und hat sich nicht einmal gemeldet. Obwohl es bei solchen Geschichten ja meistens zwei Versionen gibt, ist DWM erstaunt über das Ausmaß an Illoyalität.

Sie nimmt diesen Bericht zum Anlass, um die eigene Einstellung zur Loyalität zu überdenken. Im Vorfeld zum Urlaub war sie wieder einmal versucht gewesen, es mit selbiger zu übertreiben. Schon seit Wochen hatte ihren Urlaub eingetragen und auch genehmigt bekommen, als plötzlich diverse Mailkopien in ihre Inbox flatterten. Ihr Vorgesetzter ApplePolisher hatte einen Termin bei der Softwarefirma für Mittwoch fixiert. Da es der Ersatztermin für seine Nicht-Anwesenheit beim Workshop war und DWM die Mail nur in Kopie bekommen hatte, war sie unsicher, ob ihre Anwesenheit erforderlich wäre. Wollte ApplePolisher alleine fahren? Oder hatte er nur vergessen, dass sie in dieser Woche Urlaub hatte? Das wäre nichts Neues, denn üblicherweise verschimmeln die Urlaubsanträge in seiner Inbox, bis man sie mehrmals urgiert. ApplePolisher ist berühmt für seine Desorgansiation. In DWMs Hirn beginnt bereits das Logistikzentrum zu arbeiten. Je nach Routenwahl liegt die Softwarefirma sogar auf dem Weg in die Steiermark, wo sie am Mittwoch zwecks Kindereinsammelns eintreffen wollte. Prinzipiell sind Dienstfahrten mit dem Privatwagen zwar strengstens verboten, aber vielleicht könnte sie ja eine Ausnahme erwirken. Leider ist der Tag vor dem langen Wochenende ein sicherer Staugarant und DWM hat wenig Lust, sich am dem Tag mit dem Rest der Welt um ein kleines Stück Autobahn zu streiten. Die Reise mit der Bahn wäre noch langwieriger. Was tun?

Erst mal versucht DWM es mit der Vogel-Strauß-Politik und ignoriert die Mail, eine von ApplePolisher oft erfolgreich angewandte Strategie. NewComer allerdings weiht sie ein, um ihn darauf vorzubereiten, dass die Reise eventuell ihn treffen könnte. DWM ist eben ein Ausbund an Loyalität in alle Richtungen. An ihrem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub taucht ApplePolisher wieder mal im Büro auf und DWM spricht ihn beiläufig auf den Termin an.

„Was, echt? Wann ist denn der, ich hab die Mail irgendwie nicht mehr.“

ApplePolisher verschlampt nicht nur Urlaubsanträge, sondern auch Terminvereinbarungen mit Geschäftspartnern. DWM beschließt endgültig, dass sie nicht verpflichtet ist, ihrem desorganisierten Vorgesetzten beizustehen.

„Nächsten Mittwoch. Aber da bin ich im Urlaub!“  Kein Wenn und Aber. Basta.

ApplePolisher versucht auch gar nicht, DWM zu etwas Gegenteiligem zu überreden, sondern wendet sich mit einem verlegenen Lächeln an NewComer: „Hast du schon deinen Dienstreiseantrag gestellt?“

NewComer ist not amused darüber, mit ApplePolisher diese Reise anzutreten, aber trotz aller mütterlichen Gefühle dem jungen Kollegen gegenüber kann DWM darauf jetzt keine Rücksicht nehmen. Obwohl sie kleinen klassischen Urlaub gebucht hat, wird sie ihre Social Tour wie geplant durchführen.

Und nach dieser Geschichte von ihrer Freundin ist DWM überzeugt: Sie ist auf dem richtigen Weg und muss sich weiter entloyalisieren!

Projektarbeit (2) – von Diven und Führungswolken

Nun ist es ja nicht so, dass DWM frei von Fehlern wäre, auch wenn sie diese im Allgemeinen gern bei anderen sucht. Heute aber ist ihr wieder einer entfleucht, oder genau genommen sogar zwei, wenn man ganz streng sein möchte. Sie hat zwar wieder Berge versetzt, um einen Termin für den Workshop zustande zu bekommen, aber leider in der Einladung der internen Teilnehmer vergessen, den Ort dazuzuschreiben. Dazu muss man allerdings sagen, dass die Auswahl nicht sehr groß ist. Es gibt nur zwei Besprechungszimmer mit Beamer, wovon eines den Vorständen vorbehalten ist. In dem anderen ruft ITler jetzt an, um DWM – die dort gerade mit den Vorbereitungen beschäftigt ist – darauf hinzuweisen, dass in der Einladung kein Ort stand und er jetzt nicht wisse, wo er hingehen müsse. (Zur Info: dieser Besprechungsraum grenzt direkt an sein Büro). Außerdem merkt er an, dass er keine Agenda bekommen habe. DWM entschuldigt sich mit der gebotenen Zerknirschtheit und bittet ihn ins Besprechungszimmer. Da werden vom Empfang auch schon die Gäste gemeldet und ohne viel Vorgeplänkel stürzt man sich ins Geschehen.

Einer fehlt allerdings. ApplePolisher glänzt wieder mal durch Abwesenheit. Schon am Montag war er kommentarlos der Besprechung ferngeblieben, die DWM am vergangenen Donnerstag wegen seiner aus dem Ruder gelaufenen Abteilungsbesprechung verschoben hatte. Das  war aber gar nicht so schlecht, denn erstens gab es nur interne Teilnehmer, die DWMs Vorgesetzten uns seine Eigenheiten zur Genüge kannten und zweitens konnte DWM im Protokoll in der letzten Zeile einfach ein Todo für ihn einfügen 🙂

Die Gäste aber kennen die Gepflogenheiten hier im Haus noch nicht und wundern sich. DWM ruft ApplePolisher an und wundert sich, dass er überhaupt schon im Haus ist. Er habe noch keine Zeit, werde sich aber im Laufe des Tages melden. Auch gut. DWM wendet sich wieder dem Geschehen im Raum zu, das sich gerade um die Frage dreht, in welcher Technologie die Software geschrieben sei.

„Java-Programme möchte ich nicht in userem Netz haben“.

DWM blickt zur Decke und bittet den lieben Gott um Geduld.  Sie erinnert sich an die Szene mit der unpassenden Hardware. Jetzt ist es halt unpassende Software.  Aber dafür hat ApplePolisher sie in diesem Fall ja wohl zur Projektleiterin gemacht, weil sie bekannt ist als Meisterin der schwierigen Kommunikation. DWM wartet, bis IT-ler seine ganzen Bedenken und Beschwerden vorgebracht und wieder zur Mitarbeit bereit ist. Schneller als erwartet ist der technische Teil erledigt. IT-ler verabschiedet sich wieder in sein Büro, nachdem er DWMs Einladung zum gemeinsamen Brötchen-essen abgelehnt hat. „Ich esse mittags nie“. Auch gut. Bleibt mehr für sie.

ApplePolisher ist mittlerweile nicht nur unabkömmlich, sondern auch unauffindbar. Ein guter Grund, die Mittagspause vorzuverlegen, weil auch die Brötchen früher geliefert worden waren. Nach Essen und Smalltalk wird in DWMs Büro gleich mit der konkreten Arbeit begonnen, um die Zeit zu nützen. Die Gäste weisen noch mal auf ihre geplante Abfahrtszeit hin, nur für den Fall, dass ApplePolisher noch mit ihnen sprechen möchte.

DWM verspürt wenig Lust, ihren Vorgesetzen vor den Gästen in ein möglichst gutes Licht zu setzen und berichtet wahrheitsgemäß, es sei schwierig, sich konkrete Termine mit ApplePolisher auszumachen und noch schwieriger, diese auch einzuhalten.

So ziehen nach einem arbeitsreichen Tag die Workshopteilnehmer von dannen und DWM verfasst am nächsten Tag wieder ein Protokoll, nicht ohne ein Todo für ihren Vorgesetzten einzubauen 🙂

Abteilungsbesprechung oder die Grenzen der Leidensfähigkeit

Nun ist es ja nicht so, dass DWM im Büro nicht schon einiges erlebt hätte, aber wundern muss sie sich immer noch. Ab und zu bekommt ApplePolisher einen Anfall, in dem er seinen Aufgaben als Führungskraft nachkommen zu müssen glaubt und beruft Abteilungsbesprechungen ein.

Anfangs fanden diese Besprechungen noch in großer Runde statt: BusyBody, Dottoressa, NewComer, DWM und ApplePolisher saßen um einen Besprechungstisch, auf dem ein von ApplePolishers Frau gebackener Kuchen thronte. Nur die BurnOut-krankgeschriebene ChatterBox fehlte. Irgendwann wurde ApplePolisher die Sinnlosigkeit dieser Veranstaltung bewusst, in der BusyBody seine wahnsinnig wichtigen Fälle vortrug, während NewComer und DWM den Kuchen mampften und am Schluss feststellten, sie hätten nichts zu berichten, was für alle von Relevanz wäre. Schließlich war von Anfang an klar gewesen, dass die beiden Abteilungen nicht wegen potenzieller Synergieeffekte zusammengelegt worden waren, sondern um ApplePolisher mit dem neuen Aufgabengebiet zu mehr Wichtigkeit zu verhelfen. Fachlich haben sie so viel miteinander zu tun wie die Kuh mit dem Sonntag.

Als ChatterBox aus dem Krankenstand zurückkehrte, wurden auch die Besprechungen wiederbelebt, nun allerdings in neuer Form. Zuerst sollte die Gruppe 1 mit BusyBody, Dottoressa und Chatterbox tagen, danach die Gruppe 2 mit NewComer und DWM dazustoßen und nach einem kurzen gemeinsam Teil sollte die Gruppe 2 allein mit ihrem Vorgesetzten konferieren. Prinzipiell ein guter Plan, aber mit den handelnden Personen nicht so leicht ausführbar.

Nun tagt also die Gruppe 1 schon seit einer Stunde im Nebenbüro, während NewComer und DWM versuchen, sich trotz der immer lauter werdenden Geräuschkulisse auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Die beiden beginnen zu überlegen, ob sie Wetten abschließen sollen, wer als erster k.o geht. Plötzlich fliegt mit Schwung die Verbindungstür zum Nebenbüro auf und Chatterbox stürmt herein, knallt ihre Unterlagen auf den Schreibtisch und kreischt ein verzweifeltes „Bis später“ in Richtung der Tagenden. Nur mühsam die Tränen zurückhaltend eilt sie auf den Flur, die Tür hinter sich zuknallend. Schon erscheint Dottoressa in der Tür mit der Frage, wohin denn ChatterBox verschwunden sei. Als DWM und NewComer die Schultern zucken, eilt sie hinaus, um die Kollegin zu suchen und zu trösten (DWM hatte an anderer Stelle schon erwähnt, dass Dottoressa ein herzensguter Mensch ist, der deswegen wahrscheinlich nicht mehr lange hier arbeiten wird).

DWM muss den Grund der Auseinandersetzung eigentlich gar nicht wissen. Das Grundthema ist immer dasselbe, auch wenn der Anlass variiert. BusyBody versucht die Kolleginnen mit seinen Intrigen zu ärgern und ChatterBox steigt wunderbar darauf ein. Schon vor Jahren, als DWM noch nicht wusste, dass sie einmal so nah an diesem Geschehen arbeiten würde (und deshalb noch mit ChatterBox befreundet war), hatte sie dieser geraten, sich einen anderen Job zu suchen. Das Wohlbefinden habe doch Vorrang. ChatterBox wandte jedoch ein, dass das, wenn überhaupt, nur mit Gehaltseinbußen möglich sei und sie deshalb hier verharren werde, bis man sie kündige und ihr die Abfertigung zahle. DWM konnte diesen Gedankengang nicht nachvollziehen, denn so hoch konnte der Aufpreis nicht sein, dass man dafür solche Leiden auf sich nehme.

Jahre später fand DWM sich in einer ähnlichen Situation wieder. Genauso wie ChatterBox wurde sie degradiert und hätte einen anderen Job wegen ihres Teilzeitwunsches nur tief unter ihrer Qualifikation und somit auch Gehaltsvorstellungen gefunden. Jetzt konnte sie das Ausharren von ChatterBox zumindest in Ansätzen besser verstehen. Aber sie hat sich mit der Situation arrangiert, mit NewComer immerhin ein angenehmes Arbeitsklima und BusyBody so weit in seine Schranken gewiesen, dass er bisher keinen Intrigenversuch mehr in ihre Richtung unternommen hat. Und sie kann sich immer noch nicht vorstellen, dass sie ein solches Leiden am Arbeitsplatz für Geld auf sich nehmen würde.

Passiv-Raunzen ist gefährlich

Nun hat DWM bereits im Titel verraten, was ohnehin jedem klar ist: Sie ist eine waschechte Österreicherin. Und weil uns nichts so sehr trennt, wie die gemeinsame Sprache, bedarf dieser Titel einer Übersetzung. Nun ist raunzen zwar eher ein Ausdruck aus dem Wienerischen, die Tätigkeit an sich wird aber auch außerhalb der Hauptstadt gern ausgeübt, wenn auch vielleicht in Form vom sudern. Ein im Internet gefundenes Wienerisch-Wörterbuch übersetzt es mit „jammern, nörgeln, klagen“.

Während das Passiv-Rauchen in Zeiten wie diesen so gut wie vollkommen aus den Büros verschwunden ist, wird dem Passiv-Raunzen jedoch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, dabei ist DWM sicher, dass auch diese Tätigkeit gesundheitsschädigend wirken kann.

Nun ist DWM ja mit ihrem gar nicht mehr so neuen Kollegen NewComer prinzipiell und grundsätzlich überglücklich, denn gemeinsam mit ihm bildet sie einen Mikrokosmos gegen den Wahnsinn in ihrer Abteilung. Mit seiner ruhigen Art kann er DWMs manchmal hektischen Aktionismus gut ausgleichen und fachlich bringt er sich durch solides theoretisches Grundwissen ein, versucht aber niemals, DWM damit an die Wand zu spielen. Falls er sich gelegentlich von DWM genervt fühlt, kann er das gut verbergen und auch humortechnisch liegen sie einigermaßen auf einer Wellenlänge. Nun wäre aber DWM nicht DWM, wenn sie nicht auch in dieser Suppe ein Haar fnden würde. Während sie versucht, störende Dinge so weit wie möglich zu ändern, oder sich andernfalls stillschweigend damit abzufinden oder, wenn das nicht geht, es im Blog zu verarbeiten, raunzt NewComer gern wenig darüber. Das beginnt damit, wie viel Zeit er mit Busfahren verbringt. DWM ist auch nicht begeistert über die hohen monatlichen Kosten von Auto, Benzin und Parkplatz, aber so lange sie es sich leisten kann, hat sie sich für das für sie kleinere Übel entschieden. Nach einer Dienstreise klagt er gerne darüber, dass die Arbeitszeiten dabei genau abgerechnet werden und er deshalb nicht auf seine Sollarbeitszeit kommt. Hallo? Dafür war er auch fast zwei Stunden früher zu Hause, weil er auch noch in DWMs Flitzer mitfahren durfte. In der Tat ist diese Reisezeitabrechnung ein wenig ungerecht, zählt aber als Konzernrichtlinie zu den Dingen, die DWM als unabänderlich ansieht. Sie versucht das Beste daraus zu machen und die Reisezeiten so gut wie möglich für private Zwecke wie schreiben zu nutzen.

Sein Lieblingsthema – und damit ist er nicht alleine, auf diesem Gebiet finden sich je nach Bürogröße immer bereitwillige Mitraunzer – aber ist die IT. Nach dem Bürowechsel, der ja immerhin schon ein wenig zurückliegt, wurde immer noch nicht seine Mailadresse im Drucker gespeichert, sodass er zum Scannen ins Nebenbüro wandern muss. Vielleicht, weil er es noch nicht in der IT beantragt hat? Bevor er das tut, jammert er aber lieber wieder beim nächsten Scan-Versuch. Aber das beliebteste Raunz-Thema ist die Langsamkeit der IT. Das hat er sogar schon einmal gemeldet, aber als dann ein Mitarbeiter aufgetaucht ist und nach konkreten Angaben gefragt hat, ist ihm irgendwie nichts eingefallen. DWMs Rechner wurde vor kurzem auf Server-Technologie umgestellt, in erster Linie, damit sie bei kranken Kindern auch zu Hause arbeiten kann (ja, DWM gibt es zu. Nach ihrer Degradierung hatte sie das Notebook zurückgegeben, weil sie im Krankheitsfall lieber Pflegefreistellung nehmen wollte. Nachdem sie sich mangels Alternativen aber damit abgefunden hatte – siehe oben – hat sie sich trotzdem wieder zu einem Remote-Arbeitsplatz entschlossen). Nach und nach wird diese Technologie auf alle Rechner ausgerollt und NewComer, der die positiven Auswirkungen (auch das Powerpoint stürtzt nicht mehr ab, wenn man Grafiken zwischen verschiedenen Präsentationen hin- und herkopiert) auf DWMs Rechner mehrmals bewundert hat, müsste nur die Umstellung seines Rechners beantragen, was DWM ihm mehrmals geraten hat. Statt dessen jammert er lieber, wie langsam alles ist und wie oft diverse Programme abstürzen. Aber vielleicht braucht er das ja? DWM hatte schon überlegt, die Umstellung für ihn zu beantragen, aber da sie nicht seine Vorgesetzte ist, kommt es ihr doch irgendwie komisch vor, sich als Büro-Mama aufzuspielen. Den Frauen sagt man doch nach, sie wollen nur über ihre Probleme jammern, aber keine Lösungen geboten kommen. Offensichtlich gilt das nicht nur für Frauen. DWM wird einfach ihre Weghör-Technik weiter perfektioniern.

Projektarbeit oder „Weil ich es sage“

DWM gibt es nur ungern zu, aber manchmal würde sie auch im Beruf gern Befehle mit derselben Autorität und vor allem Begründung ausgeben wie zu Hause: „Weil ich es sage!“

Nun ist das heutzutage wohl selbst bei lt. Organigramm unterstellten Mitarbeitern schon kein anerkannter Führungsstil mehr und im Projektmanagament ohnehin unmöglich. Hier muss man Menschen zur Mitarbeit bewegen, deren Vorgesetzter man nicht ist.

DWM steht um 7:45 bibbernd mit NewComer am Bahnhof und hat gerade erfolglos versucht, ApplePolisher zu erreichen, der doch unbedingt die Karten besorgen wollte. Falls er das nicht getan hat, wäre jetzt doch ein passender Zeitpunkt, es selbst zu tun. Schon von weitem sieht sie ITlers Gesicht auftauchen, das sich selbst aus der Masse der griesgrämigen Montag-Morgen-Gesichter noch abhebt. (An dieser Stelle muss DWM etwas klar stellen: in der Berichterstattung könnte der falsche Eindruck entstehen, dass DWM diesen Kollegen nicht besonders schätzt, aber das Gegenteil ist der Fall! Nach einer ausgeprägten Stormingphase ist sie als eine der wenigen Angestellten des Unternehmens zu seinem weichen Kern durchgedrungen und seither hat er ihr auf sehr hilfsbereite Weise schon oft aus einer technischen Patsche geholfen, er gratuliert ihr zum Geburtstag, bringt ihr selbstgebackene Kekse mit und hat sie bei ihrem Auszug aus dem IT-Büro mit Blumen und Torte überrascht. Dafür nimmt sie es ihm nicht übel, dass er unter Stress dazu neigt, diesen auf nicht angenehme Weise an die Kollegen weiterzureichen. EXKURS ENDE)

„Ich war knapp davor, gar nicht mitzufahren!“ verkündet ITler, als er zu dem kleinen Grüppchen gestoßen ist. DWM wägt die Vor- und Nachteile der potenziellen Antwortmöglichkeiten ab.

„Dann geh halt wieder!“ würde ihr vielleicht vordergründig einen anstrengeden Tag ersparen, aber letztendlich nicht zu einem erfolgreichen Projektabschluss beitragen. Schlecht.

„Ooooch, was ist denn passiert?“ würde ITler vielleicht an dieser Stelle erwarten, DWM sieht sich aber nicht in der Lage, am Montag Morgen vor dem Frühstück auf dem zugigen Bahnhof die akustischen Konsequenzen zu ertragen. Auch schlecht.

Sie entscheidet sich daher für:

„Hab ich was falsch gemacht? Wenn ja, entschuldige ich mich gleich dafür.“

Ja, DWM gibt es zu, es hätte vielleicht passendere Antworten gegeben, aber Diplomatie zählt nicht unbedingt zu DWMs Stärken. Aber wenigstens braucht sie jetzt nicht über potenzielle eigene Verfehlungen nachgrübeln – Die Frage wurde verneint – und der Rest bleibt ihr erspart.

Kurz vor Abfahrt des Zuges taucht tatsächlich auch noch ApplePolisher mit den Fahrkarten auf. Auf der Fahrt haben alle noch reichlich Gelegenheit, ihre Mails zu checken, denn ein Gespräch will in dieser Konstellation eher nicht gedeihen. Nach einiger Zeit wechselt ITler auf seinem IPad von den Mails zu den Spielen, was DWM mit Erleichterung aufnimmt, denn wenn er sein Büro-Tagwerk schon beendet hat, steigert es vielleicht die Wahrscheinlichkeit, dass er dann dem Workshop seine Aufmerksamkeit schenkt. Ein Trugschluss, wie sie feststellen wird.

Die Geschäftspartner hatten – nicht ohne die üblichen technischen Probleme, bei denen ITler bereitwillig seine Hilfeleistung zur Beseitigung angeboten hatte – ihre Präsentation begonnen. DWM und Newcomer lauschen aufmerksam den Ausführungen. Links von ihr tippt ITler auf sein IPad ein. Rechts von ihr wischt ApplePolisher auf seinem IPhone herum. Die Vortragenden scheinen unschlüssig über die weitere Vorgangsweise zu sein. Sollen sie warten, bis die Gäste Zeit und Muße zum Zuhören finden oder einfach weiter machen? Jetzt ist der Augenblick gekommen, in dem DWM sich sowas wie mütterliche Autorität wünscht: „WENN IHR JETZT NICHT SOFORT EUER SPIELZEUG WEGLEGT, DANN…“ ok DWM gibt es zu, das DANN bereitet auch zu Hause Probleme, deshalb greift sie ja so selten wie möglich dazu, aber irgendwas findet sich schon, von Medienentzug bis Taschengeld-Kürzung.  Aber hier? Entzug der Spielzeuge und Wieder-Aushändigung im Zug? DWM gesteht sich ein, dass das vor den Geschäftspartnern noch peinlicher wäre und hofft auf Selbstheilung des Problems. Selbige tritt zumindest partiell ein, als der Vortragende auf die technischen Voraussetzung der einzuführenden Software zu sprechen kommt.  Nach einer effektvollen Pause blickt ITler von seinem IPad auf und verkündet.

„Das passt bei uns überhaupt nicht hinein.“ Ohne weitere Ausführungen, zum Beispiel über Alternativen, dehnt sich die Pause immer weiter aus. Was soll das jetzt heißen? Aufstehen, nach Hause gehen und BigBoss sagen, die von ihm gewünschte Software passe nicht in die Landschaft?

Aber ITler wäre nicht ITler, wenn er sich nicht doch noch zu einer konstruktiven Mitarbeit herablassen könnte, nachdem er seine Diva ausreichend vorgeführt hat. Friede, Freude, Eierkuchen bis zum nächsten Workshop, der in den Räumlichkeiten von DWMs Firma stattfinden und somit wenigstens das Reiseproblem nicht aufwerfen wird.

Projektleitung im Kindergarten / Altersgemischte Gruppe ab 30

Nun darf DWM endlich wieder mal ein Softwareimplementierungsprojekt leiten. Obwohl sie in den letzten Jahren fast nur Popelkram gemacht hat, beherrscht sie ihr Handwerk (hoffentlich) noch. Oberstes Gebot: alle wichtigen Leute so früh wie möglich ins Boot holen. Da es sich um Software handelt, ist es durchaus naheliegend, auch einen Kollegen aus der IT zeitnah miteinzubeziehen. DWM hat schon erlebt (natürlich nicht bei ihren eigenen Projekten), dass die sonst auf zickig machen und sagen: davon weiß ich offiziell gar nichts, dafür mache ich auch nichts. Frühzeitig betreibt sie also schon Beziehungspflege in der IT. Die ersten Probleme ergeben sich schon bei der Terminvereinbarung für den ersten Workshop. Da es sich um ein Projekt für BigBoss handelt, sollte es am besten schon gestern fertig werden. Zu den von der Anbieterfirma vorgeschlagenen Terminen ist der zuständige ITler nicht verfügbar und in der Woche darauf auf Urlaub. ApplePolishers Reaktion: „Dann machen wir es halt ohne IT“. ApplePolisher als kreativer Bastler legt manchmal gerne selbst Hand an die  Installationen und bringt damit den offiziell dafür Zuständigen noch mehr gegen sich auf. Wenn DWM ihr Projekt erfolgreich über die Bühne bringen will, muss sie jetzt wieder alle in der Erziehungsarbeit erworbenen Softskills einsetzen und die beiden Streithähne zur konstruktiven Zusammenarbeit bewegen. Sie bekniet die Softwarefirma um Alternativtermine und bekommt tatsächlich einen zustande, an dem alle können – Hürde Nummer eins gemeistert.

Nächstes Problem: wie gelangen vier Personen dort hin, von denen zwei sich nicht ausstehen können? ITler hatte im Vorfeld schon klar gestellt, dass er sich keinesfalls als Chauffeur des Poolwagens zur Verfügung stellen werde. DWM hat in der Reservierungsdatenbank festgestellt, dass selbiger an diesem Tag ohnehin schon vergeben ist und sucht passende Bahnverbindungen heraus. Sie ruft ITler an um zu fragen, ob die Uhrzeiten für ihn passend seien (seine Bedingung war, abends pünktlich zum Yoga zu kommen).

ITler: „Es wäre aber günstiger mit dem Leihwagen zu fahren, als vier Bahnkarten zu kaufen.“

DWM: „Du wolltest doch nicht fahren, außerdem darf nur die Führungskraft über einen Leihwagen entscheiden“ (Die Einhaltung der Konzerntravelpolicy vereinfacht die Reiseplanung nicht unbedingt)

ITler: „Ich wär schon gefahren.“

DWM (fühlt sich langsam an häusliche Szenen erinnert): „Na gut, dann frage ich halt meinen Chef.“

ApplePolisher entscheidet sich für die Bahnfahrt und bietet an, die Karten zu besorgen, da er ohnehin seine Bahncard verlängern müsse.

ApplePolisher: „Dann kaufe ich drei Fahrkarten“.

DWM: „Nein, vier, der ITler fährt auch mit“.

ApplePolisher: „Für den besorge ich sie aber nicht.“

DWM: „Dann kaufst du also drei und ich eine?“

ApplePolisher wird wohl die Sinnlosigkeit seines Verhaltens bewusst: „Na gut, ich kaufe vier.“

DWM ruft ITler an und verkündet die Entscheidung. ApplePolisher erscheint nochmal im Büro: „Weißt du, wer den Poolwagen hat? Wenn es regnet, mag ich nicht mit der Bahn fahren.“ Nach einer inoffiziellen Regelung wird der Poolwagen nicht nach der Regel „first come first served“ vergeben, sondern nach Wichtigkeit des Antragstellers. Es könnte also durchaus sein, dass ApplePolisher die Reservierung noch overrulen kann.

DWM: „Nein, keine Ahnung. Soll ich nachschauen?“

ApplePolisher: „Nein. Können wir vielleicht kurzfristig entscheiden, wie wir fahren? Wenn ich es weiß, rufe ich dich an und du sagst es dem ITler.“

Das kann ja ein heiteres Projekt werden, mit zwei Teilnehmern, die nicht miteinander reden, sondern nur über DWM als Vermittler kommunizieren.