Endlich wichtig!

Da es schon nach 14 Uhr ist, überlegt DWM, ob sie den Anruf aus der Vermittlung überhaupt noch entgegen nehmen soll. Meistens lassen sich ohnehin nur Keiler auf diesem Weg verbinden, wer aus gutem Grund mit DWM sprechen möchte, kennt ihre Durchwahl.

„Ach, du bist eh noch da, ich hab da eine Frau für dich dran, die will mit dir sprechen!“

Die Vorfilterung der Anrufe in diesem Unternehmung lässt wieder einmal keine Wünsche offen. DWM nimmt das Gespräch gnädig entgegen.

„Guten Tag, Frau DWM, Mein Name ist Frau Y. Bitte erschrecken Sie jetzt nicht, ich bin eine HeadHunterin!“

Selbstverständlich erschrickt DWM, gerade deswegen ja, endlich hat jemand ihre Wichtigkeit erkannt und sie wird abgeworben! Yeah!

„Möchten Sie mir ihre Mobiltelefonnummer geben?“

Brav diktiert DWM der Dame ihre Nummer und vereinbart eine Uhrzeit für das Telefonat. Möglichst früh, nachdem sie zu Hause angekommen ist, um sich nicht selber unnötig lang auf die Folter zu spannen. Die noch offenen Kleinigkeiten können getrost auf morgen verschoben werden, DWM könnte jetzt ohnehin keine konzentrationstechnische Meisterleistung vollbringen. Der Gedanke an das bevorstehende Gespräch beschwingt ihren gesamten Heimweg, kleine Wenns und Abers, die die Freude zu stören versuchen, schiebt DWM energisch beiseite. Im Lift überlegt sie sich, wie sie ihre zeitliche Einschränkung verkaufen soll. Ach was, mit Telearbeit wird sich das schon machen lassen.

Eine Minute nach der vereinbarten Zeit klingelt das Telefon. Ohne Vorgeplänkel kommt die Dame zur Sache.

„Ich hätte ein Angebot in XXX. Wäre das für Sie vorstellbar, oder ist das für Sie ein absolutes NoGo?“

Enttäuscht muss DWM gestehen, dass das für die nächsten Jahre noch ein absolutes NoGo ist. Mit ihrer Familie ist sie ungefähr so mobil wie eine Eiche. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Angebot so gut bezahlt ist, dass DWD seine Praxis aufgeben kann, zieht sie realistischerweise gar nicht erst in Betracht und den Kindern gegenüber fühlt sie sich zu Sesshaftigkeit verpflichtet. Immer wenn das Thema anhand von Beispielen im Bekanntenkreis zur Sprache kommt, wird beteuert, wie schlimm das für sie wäre. Also wohl eher was für den WorstCase.

Nach der nächsten Frage kann DWM ihre Wehmut wegen mangelnder Mobilität gleich wieder einsammeln.

„Sie sind doch der Compliance Officer, oder?“

DWM verneint diese Frage eigentlich nicht ungern, denn das ist ein Job, den sie ungefähr so gerne machen würde wie – fällt ihr jetzt gar nix ein, ohne jemanden zu beleidigen (an alle Compliance Officer dieser Erde: Ihr macht das sicher toll, aber DWM ist dafür nicht geschaffen, es liegt an ihr). Aber in diesem speziellen Fall heißt das, dass sie nur aufgrund einer Verwechslung wichtig genug für den Anruf eines Headhunters war. Der falsche Job in der falschen Stadt. Aber immerhin hat er eine Stunde lang positiven Schwung in DWMs Tag gebracht 🙂

 

 

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