Wie viel Mama braucht das Kind?

Was liegt näher nach der Degradierung, als sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen? Selbstverständlich hat DWM sofort damit begonnen, aber sie ist etwas aus der Übung (genau genommen hat sie sich überhaupt erst einmal auf dem freien Markt anbieten müssen). Das beginnt schon mal damit, dass sie in den Unterlagen ehrlich über ihren Teilzeitstatus berichtet. Da darf man sich dann nicht wundern, wenn im besten Fall eine schriftliche Absage kommt. In der nächsten Version des Lebenslaufes werden zwar die Kinder erwähnt, aber nicht das Ausmaß des Beschäftigungsvertrages. Und schon kommt die erste Einladung zum Gesprächstermin. Geht doch! Bei 35 Grad sitzt DWM brav in grauem Anzug und Bluse einem Vorstandsmitglied in kurzärmeligem Hemd gegenüber. Das Gesrpäch läuft gut, aber ganz zum Schluss muss DWM doch noch beichten, dass sie auf zeitliche Flexibilität angewiesen ist. Der Vorstand wirft einen erstaunten Blick in die Bewerbungsunterlagen vor ihm. „WIE alt sind ihre Kinder? Da brauchen sie doch die Mama eh nicht mehr.“ Im Warm-Up-Smalltalk hatte er erzählt, sein Sohn lebe im Internat. Na dann weiß er natürlich ganz genau, wie viel Mama die Kinder in welchem Alter brauchen. Einige Tage später kommt die Absage.

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Abserviert (2) – wie es so weit kommen konnte

Je älter ich werde, desto mehr meiner Überzeugungen muss ich über Bord werfen. Das begann erst mal ganz harmlos mit „geschlechtsspezifische Unterschiede sind nur anerzogen.“ Nur weil ich in meiner Freizeit den Taschenrechner in BASIC programmierte und nach dem Abi Wirtschaftsinformatik an einer technischen Universität studierte, glaubte ich diese Erfahrungen mit der Stichprobenanzahl von n = 1 auf den Rest der Menschheit umlegen zu können. Ein lächerliches Vorgehen, das ich heute in diesem anonymen Blog gestehen kann. Nachdem ich meine Stichprobe um eine Tochter und einen Sohn erweitert hatte, durfte ich beobachten, dass das Mädchen sich ausschließlich in rosa kleidete und hingebungsvoll Sandkuchen für ihre Puppen buk, während der Junge bei jedem Auto von weitem die Marke bestimmen konnte (das AuPair-Mädchen ging bei parkenden Autos immer am Logo gucken, ob er auch recht hatte und bastelte sich ein Spicker-Heft mit Aufklebern sämtlicher Automarken.)

Meine zweite Überzeugung bestand darin, dass ich auf jeden Fall Kinder und Karriere unter einen Hut kriegen würde. Selbstverständlich würde ich für diese Zwecke zur gegebenen Zeit einen Mann finden, der dieses Bestreben tatkräftig unterstützt, zum Beispiel auch mit Elternzeit. Offensichtlich hatte ich diesen Wunsch an der richtigen Stelle im Universum deponiert, denn tatsächlich trat ein Mann in mein Leben, der heute als DesperateWorkingDad immer noch seinen Beitrag für unser „jeder hat beides“-Modell leistet. Während seiner Elternzeit jedoch ist Erstaunliches mit mir passiert: Es reichte mir nicht mehr, als vollzeit-arbeitende Mutter mein Kind nur abends vor dem Einschlafen zu sehen. Das war der Punkt, an dem ich meinen geplanten Weg verlassen habe, weil eine Grundvoraussetzung meiner Überzeugung nicht mehr gegeben war: es reichte mir nicht mehr, Kinder und Karriere zu HABEN, ich wollte beides LEBEN. (Von Karriere konnte damals noch gar nicht die Rede sein, dafür hatte ich mich zu kurz nach meinem Eintritt in die Arbeitswelt durch meine Schwangerschaft „selbst disqualifiziert im Karriererennen“, wie mein Kollege es so treffend ausdrückte.)

Nach der Geburt von DesperateBoy rief mein Chef mich im Krankenhaus an, nein, nicht (nur) um mir zu gratulieren, sondern um zu fragen, ob und wann das dritte Kind geplant sei, was ich wohl glaubhaft verneinen konnte. Ich hatte vorgehabt, ein Jahr zu Hause zu bleiben, aber nach vier Monaten rief er wieder an und wollte mich an den Schreibtisch zurücklocken. In meiner ursprünglichen Lebensplanung hätte ich gejubelt über so viel Wertschätzung und Wichtigkeit, aber jetzt hatte ich mich ja verändert. Eine geringfügige Beschäftigung hätte ich gerne angenommen, aber das Minimum wären 50% gewesen, dafür hätte ich DesperateBoy sofort abstillen müssen. Die Karriere musste also warten und wir einigten uns auf eine Rückkehr nach 9 Monaten. Mit einem 50%-Vertrag.

So, zeig dich Leben, ob du auch meine gesteigerten Bedürfnisse erfüllen kannst! Wenn ein Vollzeit-Job sich nicht mit meiner Wunsch-mit-Kindern-Verbringzeit vereinbaren lässt, muss ich die Karriere eben in einem Teilzeit-Job hinkriegen. Das wird doch wohl zu schaffen sein, oder? Man kann die Ansprüche nicht hoch genug stellen, denn wer wenig will, kriegt auch wenig, so heißt es doch immer.

Erstmal musste ich mich aber trotzdem mit wenig zufriedengeben und das war nicht so einfach. Ich war nur mehr Handlanger für meinen Nachfolger, der meine Projekte übernommen hatte. Eh klar, wenn ich bei in Summe fast zweijähriger Abwesenheit nicht hätte ersetzt werden müssen, hätte ich ja auch die Sinnkrise gekriegt. Anfangs machte mir das wenig aus, denn es war aufregend genug, Berufstätigkeit mit zwei Kindern unter einen Hut zu kriegen und die monatlichen mehrtägigen Dienstreisen in den 300 km entfernten Hauptsitz des Unternehmens waren immer eine willkommene Abwechslung.(vor allem, da es die Stadt meiner Studienzeit war und ich die Abende mit meinen alten Freunden verbringen konnte).

Stolpersteine aller Art versuchte ich gekonnt zu ignorieren. Dass ich den Mama-Frühstücken nicht beiwohnen konnte, wusste ich erst zu schätzen, nachdem ich anlässlich eines Kindergeburtstages von einer Vollzeitmama zuckersüß angesprochen wurde: „Ich BEWUNDERE dich ja so sehr dafür, dass du es schaffst, deine Kinder einem AuPair zu überlassen.“ Wer glaubt, jetzt komme ein Lob, kennt die Mütter schlecht.„Erst kürzlich habe ich wieder von einem Fall gelesen, wo ein Baby zu Tode geschüttelt wurde.“ Kommentarlos wandte ich mich mit meinem Saftglas einem anderen Mama-Grüppchen zu. Man ist schließlich partyerfahren.

Auch im entfernten Büro des Hauptsitzes wurde ich von Kolleginnen mit entsprechenden Kommentaren verwöhnt: „Gell, das Kind weint schon, wenn Sie wegfahren?“ Es gelang mir mühelos, derlei nicht einmal zu ignorieren.

Getroffen hat mich nur, wenn DesperateBoy nach mehrtägiger Abwesenheit meinerseits anfing, das AuPair zu bevorzugen. NUR SIE durfte ihn dann z.B. im Auto anschnallen. Tapfer versuchte ich mich darüber zu freuen, welch ein liebenswertes AuPair wir gefunden hatten. Trotzdem machte ich mir Gedanken über die Zukunft. Ich war die einzig verbliebene Mitarbeiterin meiner Abteilung an meinem Standort – Was wenn ich auch versetzt würde? Abgesehen davon begann mich mein Status als „Handlanger“ mehr und mehr zu frustrieren. Ich wollte wieder Verantwortung tragen, vorankommen. Auch dieser Wunsch wurde vom Universum mit Wohlwollen bearbeitet. Ein Ex-Kollege und mittlerweile Vorstand eines anderen Unternehmens rief mich an und wollte mich abwerben. Das war gar nicht nötig, denn mit dem Versprechen einer eigenen Abteilung in zwei Jahren wechselte ich mit wehenden Fahnen das Lager. Da jetzt ja die Reisezeiten wegfielen, traute ich mir die Aufstockung meines Vertrages auf 80% zu.

Trotz vieler schwieriger Situationen haben wir (die DesperateFamily mit jeweils wechselnden DesperateAupairs) es geschafft und nach zweieinhalb Jahren hatte ich meine eigene Abteilung. Leider schien OldBoss, der mir das ermöglicht hatte, die absolute Ausnahme zu sein, denn nach seinem Ausscheiden dauerte es nur ein dreiviertel Jahr, bis sein Nachfolger SmallBoss mich abserviert hatte mit der Begründung: Eine Teilzeitkraft könne keine Führungskraft sein.

Somit war ich mit meinem Anspruch „Kind und Karriere“ gescheitert. Oder war ich gar nicht gescheitert, weil ich es – noch schlimmer – gar nicht erst versucht hatte, sondern mich mit meinem Teilzeitwunsch in eine Situation begeben, in der ich nur hatte scheitern können?

Da man ja meistens nicht so außergewöhnlich ist, wie man gerne glauben möchte, hege ich den leisen Verdacht, dass es vielleicht auch andern Müttern geht wie mir. Sie MÜSSEN nicht Teilzeit arbeiten, zum Beispiel wegen der in den Medien oft zitierten mangelnden Betreuungsmöglichkeiten (die in der Tat so mangelhaft sind bzw. damals waren, dass ich ohne Au-Pair nicht einmal hätte Teilzeit arbeiten können), sondern sie WOLLEN es und damit komme ich zu einer entscheidenden Schwachstelle in der Diskussion um Frauenquoten: Wenn man von einer Normalverteilung ausgeht, finden sich unter den gut ausgebildeten freiwilligteilzeitarbeitenden Müttern genauso viele Talente wie im Rest der Frauen mit entsprechender Qualifikation. Da ja wohl die Meinung vorherrscht, ein Teilzeitvertrag sei unvereinbar mit einer Führungsaufgabe, disqualifizieren sich somit alle freiwilligteilzeitarbeitenden Mütter selbst in diesem Rennen. Nach dem Transitivitätsgesetz ergibt sich daraus der Schluss: Vielleicht WILL ein Teil der Mütter gar nicht Karriere machen (jedenfalls nicht unter den Bedingungen des herrschenden Anwesenheitskultes)?