Wenn der Mut zur Lücke fehlt…

Am Sonntag ist DWM noch ein wenig wehmütig ob der Abwesenheit ihrer Tochter. Weil selbige sich beschwert hatte „Nie tun wir grillen“ (diese im süddeutschen Sprachraum übliche exzessive Verwendung des Hilfszeitwortes ist ein probates Mittel, um DWD, den einzigen Deutsch-Native-Speaker der Familie auf die Palme zu jagen) nahm DWM am Samstag Nachmittag noch den Nahkampf an der Fleischtheke auf, um DSG am Sonntag mit einer spätmittäglichen Grillparty zu überraschen, wenn sie von ihrer Auswärtsübernachtung zurückkehre. Mit ungewöhnlichem Elan widmet DWM sich dem Grillgut, als sie – die Hände voller Olivenöl, aber der Ankauf eines neuen Mobiltelefons steht ja ohnehin an – um zwölf der heißersehnte Anruf des Töchterchens ereilt: Sie habe gerade gefrühstückt und ob es reiche, wenn sie am Abend komme. DWM ist hin- und hergerissen zwischen

„Auf deinen Wunsch grillen wir jetzt hier, du kommst wie vereinbart nach Hause!“

Subtext: Ich habe es satt, hier die allzeit bereite Homebase für semi-flüggen Nachwuchs zu spielen

und

„Aber sicher!“

Subtext: Schön, dass DSG gute Freundinnen hat, mit denen sie ihre Freizeit verbringt

Der Leser hat es wahrscheinlich schon erraten, DWM entscheidet sich für letzteres. Sie grillt ein wenig schneller, damit DSB die Bahn zu seinem Freund erreicht und sie in die gewonnenen Stunden noch eine Wanderung mit DWD quetschen kann. Die wird in Rekordzeit erledigt und DWM freut sich, wenigstens am Abend die traute Familie mit den Resten des Grillgutes und den Erlebnissen der letzten zwei Tage um den Terassentisch versammeln zu können. Obwohl DSG keinen Hunger hat, sie habe schon bei ihrer Freundin gegessen.

Als der Tisch abgeräumt wird und der gemütliche Teil des Abends beginnen könnte, beginnt der ungemütliche. DSG erinnert sich: „Vielleicht schreiben wir morgen Chemie-Ex.“ In hektischer Betriebsamkeit werden Bücher, Hefte, Mappen und freifliegende Blätter auf Esstisch, Terassentisch, Hängematte und Schaukel verteilt. Das gefürchtete „Lernst du mit mir?“ hat DSG sich zwar mangels Erfolges (noch dazu Chemie – DWMs absolutes Nietenfach) abgewöhnt, aber immerhin durch ein „Fragst du mich ab?“ ersetzt.

Wieder einmal ist DWM hin- und hergerissen (sie müsste schon ganz zerissen sein, so oft, wie sie diesen Gefühlszustand durchlebt). Eigentlich wollte sie noch ein wenig den warmen Sommerabend auf der Gartenliege genießen. Andererseits kann sie das ja auch mit Chemie-Buch. Als sie sich gerade zu einer positiven Antwort durchringen will, bringt DSG ein neues Problem aufs Tapet: „Ich schreibe am Freitag Französisch und hab für Montag und Donnerstag Nachhilfe ausgemacht.“

Während der folgenden dreiviertel Stunde berät DWM ihre Tochter zu den Vor- und Nachteilen, eine vereinbarte Nachhilfestunde abzusagen oder auch nicht, eine zweite Stunde abzusagen oder auch nicht, wie wichtig die Nachhilfe nach Absolvieren der letzten Schulaufgabe für ihre Schülerin überhaupt ist. Wie so oft rutschen Mutter und Tochter ab in die Grundsatzdebatte mit anschließenden Grundsatzaussagen – die als solche ohnehin niemals zu Grundsätzen werden, sondern immer als leere Worthülsen verbleiben: „Wenn dir das zu viel wird, musst du aufhören mit der Nachhilfe.“

DWM fühlt zunehmend Gereiztheit in sich aufkeimen, als DSG auch noch nachlegt: „Ich kann ja am Mittwoch das Tennis absagen.“ Der Keim beginnt zu sprießen. Wieso soll DWM für Training bezahlen, das DSG dann nicht in Anspruch nimmt, um dafür bei anderen Leuten Geld zu verdienen? Soll sie sich die entfallenen Stunden von ihrer Tochter bezahlen lassen? Da sie aber so ein erholsames Wochenende hatte, bewahrt DWM Ruhe und schreitet zu einer Maßnahme, die sie sonst nur ihrem Sohnemann angedeihen lässt: Gemeinsam mit DSG geht sie den Französisch-Stoff durch, um einen Lernplan zu erstellen. DWM versucht ihrer Tochter, die mit ganz wenigen Ausnahmen nur die Note „Sehr gut“ schreibt, seit Jahren erfolglos das doch sehr wichtige Prinzip „Mut zur Lücke“ zu vermitteln.

Der Abend schreitet immer weiter voran, mittlerweile rückt auch das Fußballspiel immer näher, die Liege wird bereits aus dem Garten geräumt. DSG steigert sich in ihre Lern-Panik, DWM in ihre Grundsatzdebatten. Ursprünglich hatte sie eine Regel aufgestellt, nach der DSG um acht Uhr ihre schulischen Aktivitäten zu beenden habe (ist es nicht erstaunlich? DWM muss ihre Tochter vom Lernen ABHALTEN), aber irgendwie bereitet ihr die Durchsetzung derselben Probleme.

Um zehn Uhr tut es zwar beiden leid, aber trotzdem sind beim Frühstück noch die Nachwehen des missglückten Abends zu spüren.

Und dann passiert etwas, was DWM eigentlich so gut wie jedesmal bereut. Sie kann ihre Klappe nicht halten. Bevor sie selbige daran hindern kann, entfleucht ihr eine wenig konstruktive Bemerkung über DSGs Augenringe. Glücklicherweise müssen alle dringend los, sodass die Diskussion nicht ausführlich geführt werden kann. Nachmittags ist es schon wieder vergessen. Oder zumindest verziehen. Zumindest oberflächlich gesehen.

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Vertrauen ist gut – was ist besser?

Eines gleich mal vorweg: obwohl DWM ja sehr geübt darin ist, sich die ausgefallensten Worst-Case-Szenarien auszudenken, versucht sie ihre Kinder damit möglichst nicht zu behelligen und da auch DWD im Allgemeinen davon nichts hören will, muss sie ihre Ängste mit sich selbst ausmachen.

Nun sind Auswärtsübernachtungen der Kinder bei diversen Freunden ja seit der Kindergartenzeit quasi an der Tagesordnung (da so gut wie niemals beide Kinder am selben Tag auswärts übernachten, springt dabei so gut wie nie eine sturmfreie Bude für DWM und ihren Mann raus, aber das ist eine andere Geschichte). Da selbige aber immer nur bei Eltern des Vertrauens stattfinden, hatte DWM auch niemals ein Problem damit. Außerdem wusste sie, dass vor allem die Tochter sich auswärts besser benahm als zu Hause. Manchmal haderte sie mit ihrem Schicksal, warum sie nicht auch in den Genuss eines höflichen, wohlerzogenen Mädchens komme, aber bei näherer Betrachtung war es DWM doch so rum lieber als umgekehrt. Sohmemann war ohnehin überall gleich pflegeleicht und wehrte sich höchstens, wenn umfangreichere Körperpflegeaktionen durchgeführt werden sollten und das kann man bei einer einzigen Auswärtsnacht ja getrost verschieben. DWM packte also ein Täschen mit erforderlichen Utensilien, versorgte den Sprößling nochmal mit den üblichen Ermahnungen und übergab ihn der Mutter des Freundes, in seltenen Fällen auch dem Vater.

Nicht selten traten solche Übernachtungen auch als Spontanaktionen auf, indem einfach ein nachmittäglicher Besuch mittels Anruf bei DWM ausgedehnt wurde, was meist eine Taxifahrt mit Zahnbürste und frischer Unterwäsche zur Folge hatte. So konnte DWM im Haus der Gastgeber immerhin noch feststellen, dass alles seine Ordnung hatte.

In der nächsten Stufe nächtigte DSG bei ihrer Freundin, deren Mutter DWM wenigstens noch persönlich kannte und der sie ihr Töchterchen auch für die London-Reise anvertraute. Trotzdem ruft DWM nicht bei jedem Anlassfall die Mutter an, ob denn auch wirklich heute DSG in ihrem Haushalt nächtige.

Heute schläft DSG bei einer Freundin, die DWM zwar vom Hörensagen und von Fotos, aber nicht persönlich kennt, ebensowenig wie die Mutter. Was tun? Hinfahren und sich persönlich vorstellen? Anrufen und sich vorstellen und dabei dezent feststellen, ob DSG denn heute wirklich dort nächtigt? Andererseits kennt DWD die Mutter, weil er auf seinen Chauffeurdiensten schon mal dort vorbeigekommen ist.

Was könnte DSG mit dieser Freiheit alles anstellen! Mama kontrolliert überhaupt nicht nach, wo sie schläft, wann sie zu Bett geht, wann sie überhaupt nach Hause kommt, mit wem sie zusammen ist, was sie dort treibt. Die einzige Abmachung bestand in einem „Ich ruf´ dich an!“, weil DSG weder wusste, wie lange sie dort bleiben wollte/konnte/sollte, noch was sie am Sonntag machen wollten/sollten.

Und jetzt sitzt DWM wieder einmal vor ihrem Facebook-Account und beschwört das Icon ihrer Tochter, es möge sich doch mit einem grünen Pünktchen schmücken, damit unauffällig Kontakt aufgenommen werden könne (Selbst DSB hatte sich schon über die sinnlosen „Ist-alles-in-Ordnung-Anrufe“ beschwert).

DWD, der Weltmeister des Loslassens, hatte sein Weib nur beschworen, keine Kontrollanrufe zu tätigen, sondern den Vertrauensvorschuss zu gewähren.

Aber wenn sie es sich so recht überlegt, war DSG gestern vor ihrem Aufbruch außerordentlich kooperativ gewesen: Sie war freiwillig einkaufen gegangen und hatte dem Bruder die vergessene Sonnencreme ins Schwimmbad hinterher gebracht. Das Packen der Nächtigungsutensilien war ruhig vonstatten gegangen, sie hatte die Mutter sogar um Rat gefragt und keinen Tobsuchtsanfall bekommen, als sie Tasche und Schlafsack nicht auf dem Fahrradgepäckträger unterbringen konnte.

War das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Erkenntnisse der Social Tour (2) – Was früher wichtig war

Nun ist DWM ja an einem Punkt angelangt, an dem sie ihr Leben neu sortieren muss. Eigentlich muss sie das ja ständig, denn die rasend schnelle Entwicklung der Kinder fordert eine möglichst ebenso schnelle Anpassung des Lebensstils. Nun schreitet die Entwicklung aber nicht konstant, sondern in Schüben voran. Und so ein kindlicher oder pubertärer Schub erfordert dann eben einen Schub in DWMs Leben.

Nun hat DWM ihr erstes Kind mit knapp dreißig Jahren zwar nicht völlig unerwartet bekommen, aber so richtig vorbereitet war sie eben doch nicht auf dieses völlig veränderte Leben, soll heißen, es standen noch jede Menge wahnsinnig wichtige Dinge auf ihrer Todo-Liste, die sich mit Kindern, wie DWM völlig überrascht feststellen musste, nur schwer abhaken lassen. Jetzt, wo der Nachwuchs die Schwingen spreitzt, um in absehbarer Zeit flügge zu werden (naja, vielleicht sitzt DWM da zwar ein wenig früh in den Startlöchern  mit einem 11 jährigen Sohn, aber besser sich zu früh auf die nächste Lebensphase vorbereiten, als davon überrascht werden, nicht wahr?), ist es an Zeit für das große Aussortieren der Ziele und Wünsche von damals: Was ist immer noch wichtig, was kann jetzt schon erledigt werden, was bedarf einer so großen Vorbereitungszeit, dass DWM schon mal damit beginnen müsste?

Nun ist es ja gottlob nicht so, dass DWM ihre eigenen Interressen während der Zeit der Nachwuchspflege vollkommen vernachlässigt hätte, sie hat sie zum Teil eben modifiziert. Aus der großen Karriere ist eine kleine geworden, und selbst die ist mittlerweile ad acta gelegt, weil sie im Stapel „Nicht wichtig/Preis zu hoch“ gelandet ist. (Ob sie ohne Kinder auf einem anderen Stapel gelandet wäre, will DWM zumindest nicht ausschließen).

Aus den großen Bergbesteigungen sind die kleinen Mountainbiketouren geworden, weil man da auch bergab fahren kann und somit schneller wieder zu Hause ist. Diesen Wunsch möchte DWM aber (zumindest noch) nicht auf den Stapel „Nicht wichtig“ legen und ist wild entschlossen, alsbald (ein schön dehnbarer Begriff) mit den Trainingsvorbereitungen zu beginnen.

Das Windsurfen hatte sie schon vor den Kindern aufgegeben, weil sie DWD zuliebe Wien und das nahegelegene Surf-Mekka Podersdorf verlassen musste. Dafür hat sie seither wenig Gelegenheiten ausgelassen, diesen Umstand zu bejammern. Als Ersatz macht sie seit einiger Zeit wieder ein paar  Versuche an einem Salzburger See, aber nicht ohne bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit den Vergleich zu ihrem glorifizierten Podersdorf anzustellen.

Und jetzt ist es so weit. DWM weilt in Wien und könnte eigentlich schon lange auf dem Surfboard stehen. Statt dessen sitzt sie mit ihrer Freundin aus Kindertagen gemütlich beim Brunch und redet mit ihr über Gott und die Welt. Danach fährt sie zwar noch nach Podersdorf, um die Freundin zumindest ein paar Stunden arbeiten zu lassen, aber anstatt so dicht wie möglich an der Surf-Schule in einer hässlichen Pension zu übernachten, quält sie sich durch den abendlichen Berufsverkehr nach Wien zurück, um noch einen Abend mit ihrer Freundin zu verbringen. Das mag ja noch angehen, aber was sie am nächsten Tag macht, schlägt dem Fass den Boden aus und nimmt ihr jegliche Berechtigung, jemals wieder über ihre Entfernung von Podersdorf zu jammern. Nach einem weiteren gemütlichen Frühstück mit tiefgründigen Gesprächen zieht die Freundin sich ins Arbeitszimmer und DWM sich ins Gästezimmer zurück, um Blogposts zu schreiben! Nun kann man zu ihrer Entschulding vorbringen, dass sie immerhin Windbericht und Webcam konsultiert und beschlossen hat, dass sieben Windstärken für eine Wiedereinsteigerin mindestens eine zu viel sind, aber früher wäre sie auf gut Glück hingefahren, hätte sich an den Strand gesetzt in der Hoffnung, dass irgendwann der richtige Wind käme.

Daraus lernt DWM folgendes:

Gute Gespräche  mit Freundinnen sind wichtig, und wenn sie schon nicht in der Lage ist, diese an ihrem derzeitigen Wohnort zu führen, dann wird sie eben öfter nach Wien fahren als nur alle paar Jahre.

Schreiben ist wichtig und kann überall erledigt werden.

Sport ist auch wichtig, aber eben nicht mehr Prio eins. Und der geliebte Neusiedlersee wurde während der gestrigen Surfstunden vom glorifizierten, ständig vom perfekten Wind umwehten Gewässer zu der Schlammbrühe, an der der Wind zwar oft stark, aber genauso böig weht wie zu Hause. DWM nimmt Abschied von den Mythen ihrer Studentenzeit.

Was aber definitiv kein Mythos ist, sondern sich seit damals eher noch verbessert hat, ist die Wiener Beislszene – ein weiterer Grund, öfter nach Wien zu fahren!

Passive Flugangst

DWM kann es nicht fassen. Jetzt ist es passiert. Beziehungsweise wird es am Wochenende passieren. DSG fährt nach London. Das allein wär ja nicht so schlimm, aber sie fährt ALLEINE! Naja, nicht gerade alleine, aber ohne DWM! Nun reist sie ja öfters zu den Großeltern in die Steiermark, übernachtet bei einer Freundin, auch am Gardasee war sie mit einer befreundeten Familie schon (da durfte DWM sie wenigstens noch hinfahren). Aber London! Letzten Herbst war davon die Rede gewesen und eines Tages wird DWM bei der Rückkehr von der Arbeit empfangen von einer sehr aufgeregten Tochter:

DSG: „Mama, Mama, die haben jetzt den Flug gebucht und es gibt nur noch einen freien Platz und ich habe im Internet schon alles richtig eingegeben du musst nur noch deine Kreditkartennummer eingeben.“

DWM: kann erst mal nicht so richtig folgen

DSG hält DWM ihr Handy entgegen: „Da ist die Mama von meiner Freundin dran, die kann dir sagen, dass das alles in Ordnung ist.“

DWM, immer noch perplex erfährt von der Mutter, dass diese tatsächlich mit ihren beiden Töchtern nach Londen fährt und die beiden gewillt sind, DSG mitzunehmen. Zur Flugbuchung könne sie allerdings keine konkreten Auskünfte geben, darum kümmere sich die Tochter.

DWM wird also wieder weitergereicht, ist allerdings langsam etwas in Eile, weil sie DSB zum Klettertraining bringen muss. Der Freundin kann sie mühsam die Flugdaten aus der Nase ziehen (ist die Standardantwort „keine Ahnung“ eigentlich ein bayerisches Spezifikum oder gibt es die bei euch auch? DWD nennt DSG und ihre Freundinnen mittlerweile die „Generation keine Ahnung“), bevor sie beschließt, dass das schon alles seine Ordnung haben wird und die Kreditkarte zückt. Die Zeit läuft, DSG wird schon alles richtig eingegeben haben, also wird auf „buchen“ gedrückt und DSB schnell zum Klettern gefahren.

Ein halbes Jahr später ist es jetzt tätsächlich so weit. DWM hadert natürlich mit der Tatsache, dass die Freundinnenmutter mitfahren darf und sie selbst nicht.

„Das ist halt so eine Mama, die überall dabeisein will, sogar beim Geburtstag musste meine Freundin sie rauschschmeißen.“

DWM überlegt, ob es jetzt besser ist, eine Mama zu sein, die überall dabeisein will, und dafür mit der Tochter nach London darf, oder eine Mama zu sein, die man nicht rauschschmeißen muss. Aber da DSG erst 13 ist, darf sie ohnehin nicht alleine fliegen.

Apropos fliegen: passive Flugangst – soll heißen, wenn man Angehörige im Flugzeug weiß – ist auch ganz schlimm. Aber DWM wird definitiv keine Mama werden, die man sofort anrufen muss, wenn man irgendwo angekommen ist. Nein. Keine Nachrichten sind gute Nachrichten

Partystimmung zu Hause

Nun ist es wieder einmal so weit. DWM muss darf einen weiteren Schritt an der Abnabelungsfront machen. Während der letzten Wochen wurde die Grillparty von DSGs Schulklasse wetterbedingt mehrmals abgesagt aber an diesem Wochenende muss DWM den Tatsachen ins Auge sehen. Ihre Tochter wird erwachsen. Und DWM darf nicht nur nicht dabei sein, nein, sie darf noch nicht mal in der ersten Reihe stehen und zugucken. (Jedenfalls nicht so, dass es bemerkt würde 🙂 )

Jetzt könnte der Leser einwenden, dass das Erwachsenwerden schon von Millionen von Mädchen erfolgreich bewältigt wurde, die davon berichten können (DWM eingeschlossen – naja, einigermaßen immerhin), aber die Desperates wären nicht die Desperates, wenn sie nicht auch hier mit einer besonderen Komplikation aufwarten könnten. DSG ist durch ihre Klassenüberspringung mindestens ein Jahr jünger als alle anderen und das hat schon des öfteren Probleme bereitet.

Schon wärend der Woche beobachtet DWM die abendliche Dämmerung, um sich erstmal mit sich selbst zu einigen über den Zeitpunkt des Zapfenstreichs, bevor sie in die Verhandlungen mit DSG eintritt. Um acht Uhr ist es noch hell, um neun aber schon ziemlich dämmrig. Trotzdem einigen sich die beiden auf neun Uhr, als ein neuer Komplexitätsgrad dem Geschehen hinzugefügt wird.

„Mama, darf ich nach der Party bei Lara übernachten, dann können wir am Sonntag gleich das Referat machen?“

Eigentlich ist DWM gar nicht begeistert davon, die allererste Zapfenstreichüberwachung schon in fremde Hände zu geben, noch dazu ist DSGs Freundin bereits fünfzehn! DWM springt mit Schwung über den Schatten und einigt sich mit Laras Mutter auf neun Uhr. Am Vorabend der Großereignisses betritt DWM das Zimmer ihrer Tochter, um nochmal die Verhaltensregeln durchzugehen, wird aber sofort unterbrochen.

„Ich weiß, Mama, keinen Alkohol…..“

Sehr gut, zumindest die Theorie sitzt 🙂

Als der Aufbruch am Nachmittag langsam näher rückt, wird DSG immer nervöser und DWM fühlt sich zu Hilfestellung verpflichtet, obwohl die Männer langsam anfangen zu drängeln, weil sie zum See aufbrechen wollen. DWM sucht aus dem Internet Rezepte für Stockbrotteig, rechnet Zutatenmengen um, sucht die große Salatschüssel und probiert verschiedene Stauvarianten, um das ganze Gespäck möglichst gefahrenfrei auf dem Fahrrad unterzubringen. DWD kann ihre mit DSG geteilte Nervosität wieder einmnal überhaupt nicht nachvollziehen und versteht nicht, warum er so lange warten muss. DWM ist wie immer hin- und hergerissen, lässt dann aber doch ihre unter der Dusche stehende Tochter zurück, um dem Ehemann zu folgen.

Im Auto erinnert sie sich an ein Gespräch, das sie vor vielen Jahren mit ihrem Bruder geführt hat. Damals war er seinen drei Teenagern heimlich zu einer Party auf eine Waldlichtung gefolgt und hat sich hinter den Büschen auf die Lauer gelegt, um Gästeliste und Getränkesortiment in Lokalaugenschein zu nehmen. DWM fand das total abwegig und lächerlich. Als sie heute um sieben vom See zurückkommt, überlegt sie, ob sie noch eine kleine Fahrradtour an die Saalach unternehmen und ganz unauffällig den Ort des Geschehens passieren soll. Mit Helm und Sonnebrille erkennt sie garantiert keiner, wenn sie schnell vorbeiflitzt. Aber ob sie dabei viel mitkriegen wird? Und 10 mal hin und herzufahren vor dem Grillplatz ist dann vielleicht schon etwas auffällig.

DWM entscheidet sich dagegen (ohnehin die bequemere Variante) und lenkt sich mit Rotwein ab. Um neun Uhr bekommt sie eine SMS:

„Hallo Mama bin gut heim gekommen es war supeeeeeeer!!! Mach dir also KEINE Sorgen mir gehts super 🙂 gute nacht bussi an alle falls ihr noch wach seit :D“

Na gut, diese SMS konnte genauso gut auf dem Grillplatz geschrieben worden sein, aber DWM ist trotzdem beruhigt. Immerhin ist ihre Tochter wohlauf. Außer natürlich jemand hat auf ihrem Handy eine SMS an den gespeicherten Eintrag „MAMA“ geschrieben, aber dieser Gedanke erscheint jetzt selbst DWM langsam etwas weit hergeholt. Wieso war DSG auf die Idee gekommen, sie könnte sich Sorgen machen?

Wie verhält man sich korrekt?

Nun ist es ja nicht so, dass DesperateSchoolGirl in Fethiye nur die Landschaft so toll findet. Oder am Bootfahren einen Narren gefressen hätte (Was DWD durchaus freuen würde, aber selbst er schätzt die Lage realistisch ein). Nein, während im letzten Sommer die Aussicht auf drei Wochen Segeltörn mit den uncoolen Eltern noch Anlass für DSGs Verzweiflung geboten hatte, kommt seit den Herbstferien nur mehr ein Urlaubsziel in Frage. Was kann einen solchen Sinneswandel in einer mittlerweile Dreizehnjährigen bewirken? Richtig. Und genau deswegen sitzt DWM jetzt des Nächtens im Salon am Netbook und pflegt ihren Blog, anstatt den Schlafmangel der letzten Nacht zu kompensieren. Obwohl DWM ja sonst immer gerne alle Möglichkeiten im Voraus in Erwägung zieht, hat diese Fähigkeit diesmal versagt. In der Hoffnung, mit dem eigenen Elternrumpf sich zu etwas mehr Privatsphäre zu verhelfen, hatte sie DWD den Katamaran schmackhaft gemacht. Nicht bedenkend, dass der Kinderrumpf ebensoviel Privatsphäre bietet J Und jetzt hockt sie im Salon und langweilt ihre Leser, nur weil sie sich nicht rechtzeitig auf diese Situation vorbereitet hat. Als der Jüngling an der Salontür geklopft hatte, wollte er nur schnell seine Jacke trocknen, die auf dem Weg vom Restaurant zum Hafen doch arg unter dem Regen gelitten hatte. (Er wohnt zwei Boote weiter, der Weg wäre auch mit der nassen Jacke durchaus noch bewältigbar gewesen). Das war vor zwei Stunden. Ab und zu übertönt Stimmengemurmel den Heizlüfter – das ist doch ein gutes Zeichen, oder? Wie soll DWM sich verhalten? Den Jüngling rausschmeißen? In die Kabine platzen mit der Nachricht, DesperateSchoolGirl müsse jetzt schlafen? Schlafen gehen, die „Kinder“ sich selbst überlassen und das Beste hoffen? Warten bis der Vater des Jünglings mit der Machete kommt und dem Vorwurf, DSG habe seinen Sohn verführt (zur Info für Blog-Insider: der Vater ist identisch mit Herrn Pi aus dem Sommerurlaubsblogpost)?

 DWM hat mal von einem Etiketteführer gehört, der Hilfestellungen gibt für Situationen, in denen man z.B. unerwarteterweise beim Frühstück auf ein derartiges neues Familienmitglied stößt. So weit ist es zwar (hoffentlich) noch nicht, aber beim nächsten Mal will sie schließlich besser vorbereitet sein!

Pubertätsschübe

Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit hatte DWM sich schon in wohligem Optimismus gesuhlt, die Pubertätsschübe von DSG könnten vorbei sein. Seit dem Sommerurlaub in der Türkei – eifrige Leser können sich vielleicht noch an die „Pfirsichschlacht“ erinnern – benimmt DSG sich geradezu erwachsen und wie immer gewöhnt man sich an Verbesserungen recht schnell, man neigt sogar dazu, sie als Normalzustand zu betrachten. Mit einer zwölfjährigen im gemeinsamen Haushalt ist dieser Optimismus allerdings völlig unangebracht und deshalb wird DWM heute auch kalt erwischt. Weil das Erziehen eine nervtötende Angelegenheit sein kann und DSG ohnehinn immer weniger Wert auf die Gegenwart ihrer Mutter legt, ist sie dazu übergegangen, DSGs Zubettgehritual nicht mehr zu überwachen und sich statt dessen im Wohnzimmer bereits in den gemeinsam Abend mit DWD einzuschwingen. Gelegentliches Rumpeln aus dem Obergeschoß deutet manchmal auf den noch andauernden Wachzustand der Tochter hin, aber schließlich kann diese ja nicht wie ein Kleinkind um acht Uhr ins Bett gebracht werden. Sie wird schon wissen wie viel Schlaf sie braucht, solange die Leistungen in der Schule weiterhin top sind und weder Laune noch Augenringe auf chronischen Schlafentzug schließen lassen. Ohne ersichtlichen Grund befindet DWM aber das heutige Rumpeln als hinter der zeitlichen Schmerzgrenze befindlich und wagt einen Kommentar. An manchen Tagen hätte das schon für eine Auseinandersetzung gereicht, aber mittlerweile sieht DSG gnädig über solch elterliche Einmischung hinweg und betont, nur noch mal auf die Toilette gegangen zu sein. DWM will offensichtlich die versäumte Erziehungsarbeit der letzten Monate nachholen und steigt die Treppe hoch, um das heilige Reich des Mädchenzimmers zu betreten. Als wäre das noch nicht genug an Privatsphäre-Verletzung, beginnt sie auch noch das I-Phone von den Kabeln zu befreien und in die Hülle zu stecken. DWM kann es einfach nicht lassen, ihrer Tochter den eigenen Organisationsstil eines Morgenmuffels aufzwängen zu wollen: möglichst jeden Handgriff noch am Abend erledigen, damit man am morgen nur mehr die fertig gepackte Tasche schnappen muss.

DSG (freundlich) : „Das brauche ich noch.“

DWM: ???????

DSG: „Zum Musik-Hören.“

DWM (will die subjektiv versäumte Erziehungsarbeit der letzten Monate nachholen): „Nein, heute wird nicht mehr Musik gehört, dafür ist es viel zu spät.“

DSG: „§$%=)(/)&&$§%%=)((/)“ (verständlich für Eltern von Pubertierenden)

DWM lässt sich dermaßen provozieren, dass der anschließende Streit auch noch DSB aus dem Schlaf reißt und DSG garantiert später schlafen wird, als wenn sie noch ein wenig Musik gehört hätte.

Wie viel Freiheit ist angebracht, wieviel Erziehungsarbeit notwendig? Wie immer plagt DWM sich mit Vorwürfen und Selbstzweifeln und sehnt sich nach dem fehlenden Handbuch zur Kindererziehung, in dem konkrete Anweisungen für jedes Lebensalter zu finden wären, z. B.

Alter: 12 Jahre

Schlafenszeit: 21 Uhr

Eskalationsmechanismus bei Regelverletzung: Handyentzug