Elternsprechtag oder Herr BinZuTollZumUnterrichten

10 Minuten vor Beginn des Elternsprechtags sitzt DWM bereits auf dem Büßerstuhl vor dem Sprechzimmer, wild entschlossen, selbiges erst wieder zu verlassen, wenn sie Herrn BinZuTollZumUnterrichten die Meinung gesagt hat. Da sieht sie plötzlich den Klassenvorstand das Zimmer verlassen. Ist das jetzt ein gutes Zeichen, sprechen sich die beiden noch ab über die mit den Eltern zu besprechenden Themen? Fünf Minuten vor 16 Uhr verdient Herr BinZuTollZumUnterrichten sich bei DWM sein erstes Plus, indem er sie bereits hereinbittet. Für Pünktlichkeit und gar Überpünktlichkeit hat sie immer etwas übrig.

Nun ist es für DWM ein wenig sonderbar, erstmals in ihrer Doppelfunktion zum Elternsprechtag zu gehen. Bisher hatten DSG und DSB nur unterschiedliche Lehrer, aber gerade von Herrn BinZuTollZumUnterrichten werden sie beide nicht-unterrichtet. Nachdem DWM sich gesetzt hat, möchte ihr Gegenüber sich erst mal auslassen über die herausragenden Leistungen der Tochter. Klar, über jemanden zu sprechen, der alles von selber lernt, ist immer angenehmer. Trotzdem muss er anmerken, dass sie manchmal zu Viel des Guten macht, indem sie Fragen stellt, denen die Klasse nicht folgen kann. Nachdem mit dem eigentlichen Gesprächsanlass begonnen werden kann, sind die erlaubten fünf Minuten schon beinahe um. Jetzt aber ist DWM an der Reihe. Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass die letzte Bio-Stunde vor dem Elternsprechtag tatsächlich als solche stattgefunden hat und DSB zu Hause auch noch etwas vom Inhalt derselben zu berichten wusste. Typisch Lehrer, dachte DWM. Um etwaigen Elternbeschwerden den Wind aus den Segeln zu nehmen, macht er vorher noch schnell mal ordentlichen Unterricht. Für DWM war das aber nur von Vorteil, denn jetzt hatte sie eine Strategie. Sie würde einfach mit dem Lob beginnen: „Mein Sohn hat erzählt, in der letzten Bio-Stunde hatten sie richtig guten Unterricht, und er wusste zu Hause auch noch etwas davon, könnten Sie das vielleicht immer so machen?“ Aber ihr Gegenüber wäre kein Lehrer, wenn er Kritik, und sei sie auch noch so schön als Lob verpackt, so einfach annehmen könnte. Im Brustton der Überzeugung beteuert er, sein Unterricht habe sich letzten Montag in keinster Weise von den anderen Stunden unterschieden, das komme bei den Kindern einfach völlig unterschiedlich an. Nach einer Viertelstunde klopfen die ungeduldig Wartenden bereits an die Tür und DWM verlässt zwar nicht kampf- aber sieglos das Feld.

Beim Klassenvorstand bringt sie das Problem noch mal zur Sprache und er verspricht auch mit dem Lehrer zu reden, lobt allerdings das bayerische Schulsystem mit dem mindestens zweijährigen Lehrerwechsel, womit er DWM durch die Blume zu verstehen gibt: das erste Jahr ist ja schon fast rum und dann kann es maximal noch ein zweites geben, danach kriegt er einen neuen Lehrer.

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Elternsprechtag – Nachbereitung

Der heikelste Teil des Elternsprechtages kommt jetzt: die Überbringung der diversen Botschaften an die Kinder. Diplomatie zählt nicht unbedingt zu DWMs Stärken und deshalb gibt es auch Tränchen nach der Bitte, die Französischlehrerin nicht mit dem selben Augenroller zu bedenken wie DWM. Die Bitte nach mehr Mitarbeit in Bio wird mit tellergroßen Augen aufgenommen: „Die hat mich verwechselt. Garantiert. Ich frag sie morgen.“ DWM spart sich beschwichtigende Worte und freut sich insgeheim, dass DSG das selber regeln möchte. Sie fühlt sich damit ausgelastet, die Bitten der Lehrer an DSB weiterzureichen. Wohl wissend, dass das nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt sein wird, denn DSB hört sich das mit ernster Miene an, gelobt Besserung und wird wahrscheinlich weitermachen wie bisher. Auf DWMs Nachfrage, warum er denn erst in letzter Zeit anfange mit seinen Sitznachbarn zu tratschen, ob er sich denn schon zu sicher fühle mit den Anforderungen in der neuen Schule meint er nur: „Das hat damit nichts zu tun. Am Anfang kannte ich die noch nicht, da hatten wir nicht zu viel zu reden, aber je besser ich die kennenlerne, desto mehr können wir reden.“ DWM beschließt, sich über seine gelungene soziale Integration in einer neuen Klasse zu freuen.

Einen Tag später berichtet DSG von ihrer Unterredung mit der Bio-Lehrerin: „Mama, die hat mich tatsächlich verwechselt und sie hat sich sogar entschuldigt. Ich habe die beste Mitarbeit der Klasse.“ DWM wird in Zukunft ein Foto ihrer Kinder zum Elternsprechtag mitnehmen.

Elternsprechtag (2)

Nach den gemischten Auskünften über das Verhalten von DSB stellt DWM sich jetzt bei den Lehrern von DSG an, hoffentlich nur zum Lob abholen, denn DSG ist eine Vorzugsschülerin und kommt mit fast allen Lehrern auch gut aus. In diesem Jahr hat sie nur neue Lehrer, DWM kennt noch keinen und sieht den Unterhaltungen daher trotzdem mit gemischten Gefühlen entgegen, denn nicht alle dieser Respektspersonen können mit aufgeweckten Schülern gut umgehen.

Der Englischlehrer ist ein netter Mensch, aber es scheint noch nicht bei ihm angekommen zu sein, dass er jetzt diese Klasse unterrichtet. Auf DWMs Nachfrage bezüglich des England-Austauschs bekommt sie nur die Antwort, er sei erst seit heuer an der Schule und wisse darüber nichts. Ansonsten ist er aber noch einer der nettesten und überhaupt der einzige, der mit sowas wie Selbstkritik aufwarten kann.  Als DWM von DSGs Prüfungsängsten berichtet, fragt der Lehrer, ob er selber etwas ändern könne, um die Situation zu verbessern. DWM ist so perplex, dass ihr nicht mal eine Antwort einfällt. Bei der Verabschiedung gibt er nochmal seinem Erstaunen über den Gesprächsverlauf Ausdruck, denn DSG sei die einzige Schülerin, die man vom Lernen abhalten müsse.

Die Französisch-Lehrerin kann mit dem Niveauunterschied in der Klasse weniger gut umgehen. Es käme ihr sogar vor, als rolle DSG manchmal mit den Augen. DWM kennt diese Reaktion ihrer Tochter gut, aber das wird sie dieser Meckerliese nicht auf die Nase binden. Außerdem sei DSG so kritisch und hinterfrage so viel. Auf DWMs Nachfrage, ob man die schnelleren Schüler nicht inzwischen anderweitig beschäftigen könne, reagiert die Lehrerin beinahe erbost. Naja, es gäbe schon Fördermaterialien , aber es handle sich ja nur um kurze Augenblicke, da müsse sie sich schon ein wenig gedulden. In unserem System haben die guten Schüler eben keinen Anspruch auf Förderung. Sie müssen sich in die Klasse setzen und ruhig verhalten und dürfen dabei nicht mal mit den Augen rollen. Glücklicherweise ist DWD gerade von der Arbeit hergehetzt, als DWM an die Reihe kam und ist nun mit seinem Charme in der Lage, die Situation zu retten, sonst hätte DWM sich vielleicht vergessen und der Lehrerin ihr wahres Gedankengut anvertraut und das hätte mit Sicherheit keine positiven Auswirkungen für DSG gehabt.

Die Deutschlehrerin hatte auf der Liste vermerkt, sie sei nur bis 17 Uhr anwesend, was in DWD gleich wieder leichten Unmut erzeugt. Was kann so wichtig sein, dass man die vor seiner Tür drängelnde Schar im Stich läßt? Als die Lehrerin im Mantel und mit geschulterter Tasche ihre Klasse verläßt, fragt DWM, nachdem sie sich vorgestellt hat, ganz höflich, ob sie einen Termin für die Sprechstunde vereinbaren soll (wohl wissend, dass die meisten Lehrer diese Stunde lieber anderweitig verbringen). Daraufhin kann die Lehrerin doch noch die paar Minuten erübrigen, um DWM zu versichern, dass DSG ohnehin so eine tolle Schülerin und alles in bester Ordnung sei. DWM kann einen Haken auf ihrer Liste machen.

Die Bestzeit dieser Besprechung wird eventuell noch von Physik unterboten. DWM wundert sich, warum der Wartebereich vor der Tür so gähnend leer ist und fragt in der Nebenschlange, ob denn überhaupt jemand drin sei. Vielleicht hat der Lehrer ja auch schon die Flucht ergriffen. Man vermutet, da sei schon jemand drin und DWM glaubt auch Stimmen zu vernehmen, also wartet sie artig – ein paar Sekunden, dann ist sie auch schon dran. Der Lehrer teilt nach einem „das können wir kurz machen“ den Notenstand mit und vermerkt positiv, DSG sei eine der wenigen Frauen, die sich für Physik wirklich interessierten. Nach gefühlten 10 Sekunden ist DWM wieder draußen und weiß nun, wieso vor seiner Tür sich keine Schlange bildet.

Die Biologie wartet mit der größten Überraschung auf: mehr Mitarbeit wäre gut. DWM ärgert sich, nicht vom DSG gebrieft worden zu sein und nimmt die Kritik zur Kenntnis, die inzwischen auf die ganze Klasse ausgeweitet wird, die nicht mitarbeitet. DWM ist wirklich erstaunt, denn DSG hört sich gerne reden und arbeitet sonst auch in Fächern mit, die ihr weniger liegen und die Naturwissenschaften sind doch – außer Englisch – ihre derzeitige Leidenschaft. Nun gut, sie wird die Botschaft weitergeben und verabschiedet sich von der der Lehrerin, die sichtlich ungeduldig ist, diese Veranstaltung zu verlassen. Da ist sie wahrlich nicht die Einzige.

Elternsprechtag (1)

Nein, nicht alle Jahre wieder, sondern sogar zwei Mal jährlich wieder und jetzt hat DWM es endlich hinter sich gebracht – für dieses Halbjahr. Das Schlimmste ist eigentlich das Anstellen. Und das für DWM, die trotz attraktiver Angebote niemals bei H&M einkaufen kann, weil sie spätestens an der Kassa ihre Errungenschaften auf einen Wühlkorb wirft und vor der Schlange die Flucht ergreift. Für ihre Kinder aber verbringt sie ohne Übertreibung Stunden damit, sich vor den Klassenzimmern die Füße in den Bauch zu stehen. Eigentlich möchte sie das Unvermeidliche ja lieber in den einzelnen Sprechstunden der Lehrer erledigen, aber selbige scheinen diese Machtdemonstrationen zu lieben und bitten darum, so es keine langwierigeren Probleme zu besprechen gäbe, lieber zum Elternsprechtag zu kommen. Oder sie verbringen ihre Freistunden lieber ohne nervende Erziehungsberechtigte.

Erstmals ist auch DSB am selben Gymnasium wie seine Schwester, was DWM vor die Aufgabe stellt, in dreieinhalb Stunden mehr als 10 Lehrer aufzusuchen. Sie beschließt, mit DSB anzufangen, weil sein Übertritt doch für alle Familienmitglieder eine aufregende Sache war und DWM schon gespannt auf die Berichte der Lehrer ist.

In Englisch hat er die beste Schulaufgabe der Klasse geschrieben und das ist schon mal ein angenehmer Einstieg. Trotzdem hat die Lehrerin nicht nur Positives zu berichten, denn DSB schwätzt mit seinen Sitznachbarn, musste sogar schon umgesetzt werden und hat dieses Prozedere wahrscheinlich noch mal vor sich. DWM stellt die angebrachte Zerknirschung zur Schau und bittet die Lehrerin, ihn wegen seiner ADS möglichst weit vorne zu lassen. Die Lehrerin tut erstaunt (obwohl DWD wegen dieser Diagnose bereits zu Schulanfang bei ihr war) und meint, sie könne nichts versprechen. Die 6 in Erdkunde (DSB hatte bei seiner allerersten Ex das Heft auf dem Tisch liegenlassen, sie hatte ihn beschuldigt zu schummeln und er wurde mit 6 beurteilt. DWM hatte ein wenig gebraucht, um seinen Frust zu mildern) werde sich im ersten Semester LEIDER noch auf die Note auswirken. DWM muss all ihre diplomatische Kunst aufwenden, um ihrem vertrockneten Gegenüber nicht zu sagen, dass es bessere Möglichkeiten gibt, Fünftklässler in den ersten Wochen am Gymnasium zu motivieren, als mit einer 6, weil sie vergessen haben, das Heft vom Tisch zu nehmen. Aber aus Erfahrung weiss sie, dass Kritik am Lehrer letztendlich immer an den Kindern ausgelassen wird. Nachdem sie das Zimmer dieser Vertreterin des Lehrkörpers verlassen hat, überlegt sie, DSB zur Heimbeschulung anzumelden und stellt sich bei seinem Klassenlehrer an.

Die Schlange vor dessen Tür besteht ausschließlich aus weiblichen Mitgliedern, die sich nochmal durchs Haar fahren, den Mantel auszuziehen, um nicht verschwitzt anzutreten… DWM kennt den Mathe-Lehrer schon vom Elternabend, wo die Mütter alle möglichen Fragen gestellt haben, damit der süße Typ so lang wie möglich bleibt… Als DWM endlich dran ist, beginnt der Klassenvorstand erstmal übers Klettern zu reden. DSB wurde wegen seines sportlichen Talentes als einziger seiner Jahrgangsstufe aufgenommen, obwohl er nie zuvor geklettert ist. Und macht sich dort wohl ganz gut. DSB sei auch in der Schule immer gut gelaunt und fröhlich und auch sehr hilfsbereit. Nach der Audienz bei der vertrockneten Englischlehrerin geht das Lob runter wie steirisches Kernöl. DWM berichtet von den Problemen und erstaunt damit ihr sportliches Gegenüber. Bei ihm gäbe es keine derartigen Probleme und ER als Klassenvorstand entscheide über die Sitzordnung. DWM freut sich insgeheim, dass DSB wohl  nicht der einzige ist, der Probleme mit dieser Dame hat 🙂 Zum Schluss wird dann doch noch kurz über die vier in der Mathe-Schulaufgabe geredet, die aber wohl als nicht so dramatisch betrachtet wird. DWM zieht beruhigt von dannen.

Als die Deutsch-Lehrerin sich über die tolle Rechtschreibung freut, sieht DWM sich genötigt zu bemerken, dass DSBs Hausaufgaben durch ihre Qualitätskontrolle gehen,  nimmt das Lob über die Rechtschreibung aber gerne selber an. Die Lehrerin überrascht mit einem fröhlichen Lachen und DWM gibt auf Anfrage zu, auch bei den Aufsätzen die eine oder andere Anregung zu geben. Schließlich möchte sie keine falschen Erwartungen wecken kurz vor der ersten Schulaufgabe. Mit dieser verständnisvollen Lehrerin kann DWM auch die disziplinären Probleme ihres Sohnes gut besprechen. DSB falle es sehr schwer, seinen Bewegungsdrang zu kontrollieren. Gemeinsam stellen sie fest, dass die zeitlichen Anforderungen einfach zu hoch sind und die Kinder zu wenig Bewegungsmöglichkeit haben. Dann überrascht die Lehrerin DWM mit einem unkonventionellen Lösungsvorschlag: in dringenden Fällen könne DSB bitten, auf die Toilette gehen zu dürfen, sich am Gang ein wenig austoben und dann wiederkommen. DWM ist erstaunt über die große Bandbreite an Lehrern und verwirft den Gedanken an die Heimbeschulung wieder.