Kaffeeklatsch

Nun zählt die Aufnahme von koffeinhaltigen Getränken ja zu einem wesentlichen Ritual im Arbeitsleben. Eintreffenden Gästen wird als Erstes Kaffee angeboten und mit den Fragen zur genaueren Beschaffenheit desselben kann schon mal ein Teil des Smalltalk erledigt werden. Da das Zusehen beim Kaffeetrinken nicht so gefährlich ist wie das Passiv-Rauchen, wird dieses Ritual sich auch wesentlich länger halten können. In unserem Callcenter im vierten Stock wird die Koffeinaufnahme stattdessen in Form von RedBull (nein, ich möchte hier keine Reklame machen, obwohl der Lizenzinhaber Österreicher ist, aber unter den Coolseinwollenden sind die wesentlich günstigeren EnergyDrinks absolut verpönt) erledigt und man trifft sich am Automaten statt an der Kaffeemaschine. Das hat schon mal den wesentlichen Vorteil, dass der Drink direkt aus der Dose zu sich genommen wird und kein Geschirr erfordert. Mittlere Bürodramen à la „wer hat meine Kaffeetasse geklaut“ scheiden schon mal aus. In Zeiten des unaufhaltsamen Siegeszuges des Kaffeetabs nimmt der Büroklau allerdings völlig neue Dimensionen an. Weil die Kunst der wohldosierten Verknappung zu den effizientesten Marketingstrategien zählt, kann man nicht so einfach in einen Laden gehen und diese Kaffeetabs kaufen. Nein, dazu muss man Mitglied sein und/oder die Teile mit Versandkosten im Internet bestellen. Somit bilden sich im Büro Bestellgemeinschaften für die Tabs.

Im ersten Koffeeinrausch hat sich beinahe jede Abteilung so einen Kaffeekapselaussauger hinstellen lassen, denn die werden bei ausreichendem Kapselkonsum gratis zur Verfügung gestellt. Als der Konsum unter die erforderliche Mindestabnahmemenge fiel, wurden die Maschinen gnadenlos wieder abgeholt. Somit waren die Mitarbeiter gezwungen, Kaffeegemeinschaften zu bilden. Wie im richtigen Leben braucht auch eine Kaffeekapselgemeinschaft einen Führer, der sich zutraut und auch bereit erklärt, die Bestellung der Tabs zur Zufriedenheit aller zu organisieren. Da Dottoressa während ihres Studiums in der Gastronomie gearbeitet hat, war sie prädestiniert für diese Aufgabe. Außerdem fand sich kein anderer und sie – da neu eingetreten und mit den Büroritualen nicht vertraut –  ist nicht schnell genug einen Schritt zurückgetreten. Ihre erste Bestellung erledigte sie mit viel Elan und musste beim Austeilen der Kaffeetabs feststellen: Undank ist der Welten Lohn. Beim Ausfassen der Karton vernimmt man Gemaule: „Das sind die falschen, ich hab´ aber die anderen bestellt!“ Wieder einmal fühlt DWM sich an häusliche Szenen erinnert. Da sie – obwohl durchaus Kaffeegenießerin – ohnehin mutmaßt, dass die Tabs sich nur durch die Farben ihrer glänzenden Hüllen unterscheiden, bietet sie bereitwillig ihre beiden offensichtlich begehrten Kartons voller silbrigschimmernder Kapseln zum Tausch gegen grüne an. Und bewahrt damit Dottoresse vor einem Wutanfall.

Noch schlimmer aber als die falschen Tabs sind gar keine Tabs und das kann DWM durchaus nachvollziehen. Wie die meisten hortet sie ihre kostbaren Koffeinspender in ihrer Schreibtisch-Schublade, allerdings unverschlossen und bietet auch jedermann an, sich bei akutem Koffeinmangel daran zu bedienen, man werde sich schon irgendwie revanchieren. Außer dem für DWM üblichen Chaos befindet sich ohnehin nichts in dieser Schublade, sie ist es also keinesfalls wert, verschlossen zu werden. So findet sie auch manchmal einen Fünf-Euro-Schein in ihrer Kaffeeschachtel, denn so ein offenes

Nun ist BusyBody ist in dieser Abteilung dafür verantwortlich, dass jeder mit den relevanten Informationen versorgt wird. Man könnte meinen, dass ChatterBox dafür prädestiniert wäre, aber nein, die erfüllt den Raum nur mit globalen Schallwellen, die nicht immer an jemand bestimmten gerichtet sein müssen. BusyBody geht viel zielgerichteter vor – ist ja auch ein Mann – und deshalb lanciert er schon mal gern das eine oder andere Gerücht. Nach einem langen Wochenende wird DWM immer zuverlässig von NewComer mit den aktuellen Gerüchten versorgt:

BusyBody hat ApplePolisher erzählt, dass Chatterbox gesagt hat, Dottoressa habe ihr
Kaffeetabs aus dem Schreibtisch geklaut.

Hat´s auch jeder verstanden? Nein? DWM auch nicht und deshalb kann sie auch die allgemeine Aufregung nicht nachvollziehen.

BusyBody regt sich auf, weil Chatterbox ihre Kollegen verdächtigt.

Dottoressa regt sich auf, weil sie verdächtigt wird.

Chatterbox regt sich auf weil entweder

a) ihr falsche Worte in den Mund gelegt werden oder

b) ihr Kaffeetabs geklaut werden.

Aber erstens ist nicht sicher, dass überhaupt was geklaut wurde und zweitens auch nicht bewiesen, dass Chatterbox jemanden verdächtigt hat und drittens, wer hat schon persönlich  mitgehört, was BusyBody wirklich gesagt hat?

DWM wühlt in ihrer Schreibtischschublade nach einem Kaffeetab, um den Tag in der Kaffeeküche zu beginnen. Falls sie überhaupt noch welche hat.

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DWM hat es wieder getan oder Wie schützt man sich vor Bore-Out-Kollegen?

Eigentlich hatte DWM sich ja geschworen, es nie wieder zu tun. Gemütlich und kuschelig hatte sie es sich eingerichtet in ihrem Job, sich gefreut, in NewComer einen umgänglichen Kollegen zu haben und versucht, sich mit ihm gegen den Rest der Welt abzuschotten. Den hektischen Aktionismus von BigBoss wollte sie mit Fassung tragen und die lächerliche Zurschaustellung von Wichtigkeit in der zweiten Ebene mit Humor. Seit sie von BusyBody räumlich getrennt im Vorzimmer von NewBoss residiert, muss sie auch dessen Anwesenheit nicht mehr ertragen, denn die Tür zum Vorstand steht meist offen und selbst BusyBody verspürt offensichtlich Hemmungen, den Großteil des Arbeitstages vor NewComer und DWM aufgepflanzt seine Unentbehrlichkeit zu demonstrieren. Sonst könnte ja jemand auf den Gedanken kommen, er wäre an seinem Arbeitsplatz entbehrlich.

Die traute Zweisamkeit von NewComer und DWM wurde vor ein paar Wochen gestört durch die Rückkehr von ChatterBox aus dem neunmonatigen Krankenstand. ChatterBox bezeichnet ihr Krankheitsbild gern als BurnOut, wenngleich DWM bisher darunter Erschöpfungszustände von Überlasteten verstand. Nun kennt DWM ja einige Menschen, sowohl in der realen Welt als auch in Bloggersdorf, die so einiges stemmen im Leben, aber bei ChatterBox kann diese Überlastung nur psychischer Natur sein. Was es wahrscheinlich für die Betroffene nicht weniger schlimm macht. ChatterBox hat eine ähnliche Degradierung hinnehmen müssen wie DWM, und das ganz ohne Teilzeit-Mutter-Vorwand. Den Intrigenversuchen von BusyBody ist sie so richtig schön ins Messer gelaufen und ihre Angewohnheit, mit dem Spruch „Ich muss mal schaun, ob ihr hier eh was arbeitet“ auf den Lippen in diversen Abteilungen zum Tratschen aufzutauchen, hat auch nicht zur Steigerung ihres Beliebtheitsgrades beigetragen. Hier könnte vielleicht der Eindruck entstehen, DWM hätte etwas gegen ChatterBox, aber das stimmt nur bedingt. Früher waren sie sogar privat befreundet gewesen, aber wie schon bei manchen Lehrern in der Schulzeit muss DWM feststellen, dass manche Menschen so gut zwischen Beruf und Privat trennen können, dass es beinahe schon an Schizophrenie grenzt. Spätestens seit DWM mit ChatterBox ein Büro teilen muss, ist ihre Beziehung jedenfalls merklich abgekühlt, auch wenn ihr gewisse Tendenzen, über den Großteil der Kollegen herzuziehen, schon bei diversen Lunch-Dates auf die Nerven gegangen waren. In den Wochen vor ChatterBox‘ Rückkehr war BusyBody wiederholt mit ins Gesicht geschriebener Schadenfreude in DWMs Büro aufgetaucht war mit der Aufforderung, man solle die Ruhe genießen, denn bald sei es ja vorbei damit (ohne seine Anwesenheit hätte man die Ruhe in der Tat genießen können).

Nach ChatterBox‘ Rückkehr aus der Reha hatte die wider allen Erfahrungen immer noch optimistische DWM an eine Verbesserung geglaubt, sowohl des psychischen Zustandes der Kollegin als auch deren Sozialverträglichkeit im Büro. Der frühere Diskussionspunkt Radio blieb ausgeschaltet, DWM und NewComer durften sich also ohne nerviges Hintergrundgedudel und kreischende Werbeeinschaltungen auf ihre Arbeit konzentrieren. Auch stundenlanges Postholen aus dem darunterliegenden Stockwerk war bisher ausgeblieben. Um die Konversationsversuche nicht ausufern zu lassen, hatte der sonst so gutmütige Newcomer zu einer Maßnahme gegriffen, die normalerweise nur DWM anzuwenden wagte: er antwortet einfach nicht. Diese auf den ersten Blick möglicherweise unhöflich wirkende Reaktion zeigte durchaus die gewünschte Wirkung, denn der Smalltalk konnte damit auf ein büroübliches und somit erträgliches Maß gesenkt werden. Alle Zeichen standen auf Kuschelkurs.

Bis nach und nach wieder Verhaltensweisen um sich greifen, wie zerstörerische Pflanzen sich in ein Mauerwerk graben. Chatter Box singt vor sich hin, kommentiert jeden ihrer Handgriffe, besprüht und bezupft ständig alle Pflanzen der drei angrenzenden Büros fordert mehrmals nachdrücklich zum Aufräumen der Schreibtische auf, holt stundenlang die Post oder irgendwelche Akten, währenddessen DWM und NewComer ihr Telefon bedienen dürfen und wenn ihr trotzdem zu langweilig wird, begibt sie sich ins Nebenbüro, weil sie in BusyBody einen Gleichgesinnten hat, der mit ihr plaudert (sie danach bei ApplePolisher verpfeift).

Wieder einmal darf DWM auf ihren bei der Kindererziehung erworbenen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen, denn sie hat gelernt, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, während die Kinder bei den Hausaufgaben singen, pfeifen oder auch streiten. Der arme NewComer hingegen ist der akustischen Invasion völlig hilflos ausgeliefert. Angespannt duckt er sich hinter die drei Monitore, die er als Schutzschild vor seinem Gegenüber aufgebaut hat, um wenigstens Sichtkontakt zu vermeiden.

Anfangs hatte DWM noch versucht, ChatterBox bei der Übernahme mancher Assistentenagenden von ihrer Vorgängerin zu helfen, obwohl das wahrlich nicht ihre Aufgabe gewesen wäre, aber langsam verliert auch sie die Geduld und dann braucht es nur eine Kleinigkeit, um sie aus ihrer hart antrainierten, neuen Entspanntheit zu reißen. Der März ist traditionellerweise der Monat, in dem die ELZ ausbezahlt wird. Diese „Erfolgs- und Leistungsabhängige Zahlung“ hat leider so überhaupt nichts zu tun mit den Boni, die man aus den sagenumwobenen Bankergeschichten kennt, sondern stellt eher eine kleine Anerkennung dar, mithilfe derer man versucht, dem jährlichen Mitarbeitergespräch eine gewisse Wichtigkeit zu verleihen, denn dort wird die Höhe der ELZ verhandelt. Da sich die ELZ auch nach dem Grundgehalt richtet, ist sie für eine Teilzeitkraft wie DWM ohnehin nicht der Rede wert, aber sie betrachtet es wie gesagt als kleine Anerkennung ihrer Leistungen. Diese Anerkennung bekommt man außer auf dem Konto auch in Form eines Briefchens von seinem Vorgesetzten überreicht, ApplePolisher hat sogar „Danke“ dazugesagt. Als ChatterBox nach eineinhalbstündigem Postholen sieht, wie DWM den Briefumschlag ungeöffnet in die Handtasche steckt, kann sie das nicht unkommentiert lassen:

„Ich an deiner Stelle würde es aufmachen, denn im Gegensatz zu mir steht bei dir wenigstens was Schönes drin.“

DWM versucht es mit der altbewährten Schweigestrategie, sie weiß, dass ApplePolisher den Topf heuer in Richtung NewComer und DWM geneigt hat, so dass für die anderen Kollegen ein bisschen weniger geblieben war (ChatterBox war ohnehin nur ein halbes Jahr anwesend gewesen und die Unterschiede sind nicht wirklich der Rede wert), aber sie ist nicht gewillt, diese Tatsache in diesem Kreis zu kommentieren. ChatterBox aber lässt nicht locker, bis DWM sich genötigt sieht, etwas deutlicher zu werden: „Ich möchte meine ELZ hier eigentlich nicht besprechen!“ Sofort beteuert ein demonstrativ zerknirschtes Gegenüber, dass das ja überhaupt nicht so gemeint war und hebt zu einer flammenden Rede über die Ungerechtigkeit von BigBoss an, der ihr gar nichts geben wollte, obwohl sie sich in ihrem halben Jahr so überarbeitet habe und für die nächste halbe Stunde wird es wieder nichts mit konzentrierter Arbeit.

Nun ist DWM ja normalerweise niemand, der jemanden wegen Drückebergerei beneidet, ja ihm oder ihr sogar nacheifern möchte. Seit ihrem ersten Ferialjob in einem Jeansladen gibt es für sie nichts Schlimmeres, als untätig das Ende eines Arbeitstages zu erwarten. Aber selbst DWM hat gute und weniger gute Tage und an weniger guten Tagen drücken die bevorstehenden Abgabetermine des unerbittlich näherrückenden Monatsultimos mehr als an den guten und an weniger guten Tagen ist sie nicht so in der Lage, ihre verrückte Umweld mit einem Lächeln zu übergehen wie an den guten.

Falls der Leser nach dieser ausufernden Schilderung des Büroalltages noch nicht eingeschlafen ist, möchte DWM heute um seinen (wahrscheinlich eher ihren) Rat bitten: Soll man in dieser Konstellation für Ruhe sorgen und wenn ja, wie? Soll DWM weiterhin ihre Schweigestrategie anwenden, mit der sie in guten Tagen durchaus zurechtkommt, und das Risiko eingehen, dass NewComer neben ihr irgendwann platzt? (oder noch schlimmer – möglicherweise sogar sie selber!) Soll sie ChatterBox direkt bitten, bei der Arbeit weniger zu singen, selbige nicht ständig zu kommentieren und ihr Telefon umzuleiten, wenn sie so lange weg ist? Das könnte durchaus als verletztend aufgefasst werden. Ein vertrauter Kollege hat ihr gar geraten, ihren Vorgesetzten ApplePolisher zu Rate zu ziehen, aber Petzen ist nun wahrlich nicht DWMs Ding. Wie also herauskommen aus dieser Lose-Lose-Situation?

DWM erweist sich als erstaunlich wenig lernfähig und versucht es mit dem bisher schon nicht erfolgreichen Fluchtreflex. Obwohl sie weiß, dass die aufgerufenen Web-Adressen mitprotokolliert werden, ruft sie die „Karriere“-Seite eines ihr bekannten Unternehmens auf und bewirbt sich auf eine Position, die ihr verlockend erscheint. Dabei hatte sie sich nach ihren frustrierenden Erlebnissen mit der Jobsuche geschworen, es nie wieder zu tun.