Firmenskiausflug – Nachbetrachtungen der Parallelwelt

Eines sei gleich mal vorweg gesagt: DWM war es (diesmal) nicht, die sich blamiert hat. Sie ist weder durch unpassendes Outfit noch durch übermäßigen Alkoholkonsum und schon gar nicht durch unzureichend abgewehrte Flirtversuche aufgefallen. Viel schlimmer, sie ist gar nicht aufgefallen (Damit ist sie diesmal immerhin in bester Gesellschaft, denn NewBoss ist nach dem Abendessen heimgefahren und BigBoss vor dem Dessert auf Nimmerwiedersehen verschwunden – auch Vorstände werden offensichtlich alt). Dafür wirft diesmal der Schein einer Aufgefallenen ein Licht auf DWM – welcher Art dieses Licht ist, muss jeder selbst beurteilen.

Wie jedes Jahr gibt es auch diesmal wieder Kollegen, die dem Aufenthalt in der Schirmbar nicht ganz gewachsen sind. Meistens jene, die sich nicht nach sondern bereits statt des Skilaufens dahin begeben und somit auch auf ein gemütliches Mittagsmahl auf einer Hütte verzichtet haben. Manche schaffen es danach nicht mehr zum Abendessen und müssen daher an diesem Tag mit den flüssigen Kalorien vorlieb nehmen. Vor zwei Jahren versuchten zwei hübsche Damen das Problem zu lösen, indem sie auf das lästige Umziehen verzichten und in voller Montur ins Restaurant stiefeln. Als der Hotelbesitzer sie höflich darauf hinweist, der Zutritt sei in den Skistiefeln nicht gestattet (da haben wir wieder die Vorteile der Snowboarder: die weichen Boots sind viel unauffälliger), beschimpfen sie den leger gekleideten Herren in völliger Unkenntnis seiner Position. Im Jahr darauf wurde ein anderes Skigebiet gewählt.

Heuer ist genug Gras über die Geschichte gewachsen, sodass wir wieder den Vorteil genießen können, jeweils nur wenige Schritte zwischen Après-Bar, Restaurant und Disco zurücklegen zu müssen.

Dummerweise hat auch Dottoressa bei ihrem ersten Skiausflug auf die Sportausrüstung verzichtet, sie wollte sich tagsüber zum Lernen für die montägliche Prüfung zurückziehen und erst am Abend zu den Feiernden stoßen. Als DWM um 17 Uhr in der Schirmbar eintrifft, hat Dottoressa schon einen ziemlichen Vorsprung – offensichtlich hat sie das Lernen frühzeitig beendet. Beim Abendessen plaudert DWM gerade entspannt mit ihren Tischnachbarn, als ein Kollege sie plötzlich bittet mitzukommen. Dottoressa benehme sich daneben. Er sei zwar stark genug, um die zierliche Dame auf ihr Zimmer zu tragen, wolle das aber trotzdem vermeiden.

Als DWM die Szene an der Bar betritt, erfasst sie eine wohlbekannte Situation. Am lautesten geifern jene Damen, die nächtelang mit Mineralwasser an der Bar ausharren, damit sie ihr eigenes langweiliges Leben aufpeppen können mit der Entrüstung über angeheiterte Kolleginnen (Ja, DWM gibt es zu, sie war selbst schon Zielscheibe dieses Geredes gewesen, aber sie steht dazu. Lieber Spaß haben, als sich über den Spaß der anderen aufregen). Die zweite Fraktion aber überrascht selbst DWM, die doch glaubte, diesbezüglich schon vieles gesehen und erlebt zu haben. Jene Damen, die vor zwei Jahren noch den Wettbewerb um die betrunkenste Kollegin mit Abstand hätten für sich entscheiden können, mokierten sich mindestens so laut wie die Mineralwasser-Fraktion.

Mit einiger Überredungskunst (wieder einmal ein grandioser Einsatzbereich der in der Kinderaufzucht erworbenen Softskills) begleitet sie Dottoressa aufs gemeinsame Zimmer.

Der Frühstücksauftritt ist für DWM seit jeher einer der unangenehmsten Tagesordnungspunkte beim Skiausflug. Spätestens hier muss man Rechenschaft ablegen über den Verlauf des Vortages und vor allem -abends. Wer ist mit wem Ski gelaufen, wieviele Schnäpse wurden auf welcher Hütte getrunken, wie lange war man an der Schirmbar, wer hat die dortige Rechnung beglichen, wer ist überhaupt nicht mehr zum Abendessen erschienen, wer ist nach dem Essen noch in die Disco, wer gleich ins Bett, was war mit der Rechnung an der Bar? Wer hat mit wem getanzt und vor allem wie eng? Der einzige Nachteil des Einzelzimmers war, dass sie auch noch alleine auf der Frühstücksbühne auftreten musste und hoffen, einen Platz an einem erträglichen Tisch ergattern zu können. Heuer aber hat sie eine Aufgabe zu erfüllen. Gemeinsam schreitet sie mit Dottoressa hoch erhobenen Hauptes durch das Restaurant und beobachtet aus den Augenwinkeln die Damen, die sich mit den Ellenbogen gegenseitig möglichst so anstoßen, dass es auch gesehen wird, zur Not auch mehrmals. Geschickt ergattert sie die letzten beiden Plätze an einem Tisch mit Callcenter-Mitarbeitern. Das neidvolle Gegeifere ist eher das Revier der arrivierten Kreise, die jungen Leute sind daran erfrischend uninteressiert. Vielleicht wundern sie sich, dass DWM hier Platz nimmt, vielleicht auch nicht.

Nach dem Frühstück macht DWM sich mit Dottoressa gemeinsam auf den Heimweg und im Auto verleiht die Kollegin ihrem Erstaunen über die Arbeitswelt Ausdruck. Bis zu ihrem Doktorat im Herbst hat sie ihren Lebensunterhalt mit Gastronomie-Jobs verdient und die Parallelwelt des Büro-Universums war ihr völlig fremd, obwohl sie schon dreißig ist. DWM bewegt sich schon lange in diesem Universum und freut sich umso mehr, spät aber doch eine Seelenverwandte dort gefunden zu haben. Ganz besonders in den Abteilungsleitermeetings hatte sie ohnehin immer das unangenehme Gefühl: „Ich bin keine von ihnen.“ Jetzt weiß sie, dass sie zumindest nicht die einzige ihrer Art ist (wenn auch nicht fortpflanzungsfähig, da es sich um zwei Weibchen handelt). Der gestrige Abend war nur ein Ausdruck dieser Verschiedenartigkeit, die sich in vielen Arbeitssituationen zeigt, wie die beiden Frauen auf der Fahrt reichlich Gelegenheit haben, festzustellen.

Dottoressa ist noch jung – jedenfalls im Vergleich zu DWM – und will sich nicht damit abfinden, als Angehörige einer fremden Spezies in einer Welt zu arbeiten, die nicht die ihre ist. Sie beschließt, sich selbstständig zu machen. Und DWM freut sich, bis dahin eine verwandte Seele im Nebenzimmer zu wissen.

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