Der, dessen Name nicht genannt werden darf – Lord Voldemort im Konzern

Nun ist es ja kein Geheimnis, dass DWM nicht unbedingt eine Meisterin der Diplomatie ist, im Gegenteil, ihr Hang zur offenen Kommunikation wird von manchen Kollegen durchaus geschätzt. Trotzdem hat sie in ihrem Arbeitsleben schon sehr viel an Zurückhaltung dazugelernt und heute geradezu wieder ein Meisterstück auf diesem Gebiet hingelegt und sich die Verwunderung über die Situation auf die abendliche Blogpflege aufgespart. Den heutigen Arbeitstag hat sie bei ihrer Konzernmutter verbracht und das ist an sich schon anstrengend genug. Frühmorgens besteigt sie mit NewComer gemeinsam den Zug, ApplePolisher als Gschaftlhuber  ist schon am Vortag angereist um unbemerkt von seinen Untergebenen bereits die wirklich wichtigen Dinge zu besprechen. (Übersetzung für den nicht des österreichischen mächtigen Leser: Der Geschaftler oder Gschaftlhuber ist ein Wichtigtuer und wer jetzt meint, das sei eigentlich BusyBodys Rolle, hat zwar nicht ganz unrecht, aber der Unterschied liegt darin: BusyBody wäre gerne wichtig und ApplePolisher ist durch die Verbindung des Gschaftlns mit erfolgreichem Applepolishen wirklich wichtig)

DWM sitzt also mit NewComer im Zug und wünscht sich ihr Netbook herbei, aber nein, sie ist zu gepflegter Konversation gezwungen. Im Besprechungszimmer in München erwartet sie die erste – und einzige – positive Überraschung des Tages: Die Kollegen der Muttergesellschaft hatten in einem Anfall von Mitleid für die frühaufgestandenen österreichischen Kollegen einen Teller mit duftenden Brötchen in die Mitte des Besprechungstisches platziert.

Trotz des andächten Kauens darf DWM sich nicht vom Wesentlichen ablenken lassen, denn hier geht es heute darum, möglichst viele der Konzernbegehrlichkeiten abzuwenden, oder wenigstens aufzuschieben (in der Hoffnung, sie damit auszusitzen) und da ist natürlich Kreativität gefragt. Bei manchen Themen steht die Frage im Raum, warum das denn so sei und wer das denn so entschieden habe, und da hat DWM gewisse Probleme, sie dort unbeantwortet stehen zu lassen, denn eigentlich ist es so schwer gar nicht: SmallBoss hat diese Dinge in seiner -zugegebenermaßen kurzen – Amtszeit eingeführt, bevor er von BigBoss gewaltsam entfernt wurde. Schon in internen Besprechungen war DWM aufgefallen, dass der Name SmallBoss nicht mehr ausgesprochen wird, aber hier ist es offensichtlich: minutenlang wird um den heißen Brei herumgeredet, von wegen ….historisch gewachsen…..blablabla und DWM muss all ihre Anpassungsfähigkeit zusammenraffen, um nicht einfach herauszuplatzen wie ein kleines Kind, das seine Mama auf der Straße lautstark auf einen auffälligen Menschen hinweist: „Der SmallBoss hat das so entschieden!“ Offensichtlich hat man im Konzern beschlossen (aus Gründen, die DWM mit ihrer begrenzten Auffassungsgabe nicht nachvollziehen kann), dass es SmallBoss und seine Amtszeit nie gegeben hat.

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Österreichisch für Anfänger – der Owezara

Nun hat DWM ja schon mal verlauten lassen, dass sie einen arbeitsreichen Vormittag durchaus einem verbummelten Bürotag vorzieht, neidische Gefühle auf Kolleginnen, die dem mancherorts beliebten „Owezan“ fröhnen, sind ihr im Prinzip also fremd, aber wie das mit Prinzipien eben so ist, gibt es manchmal auch Ausnahmen davon.

Exkurs für die des österreichischen nicht mächtigen Leser: Owezan bedeutet, seine Arbeit mit weniger Engagement zu verrichten, als möglich und auch angebracht wäre und interessant findet DWM auch die historische Herleitung dieses Wortes:

Der Owezara ist ein Holzarbeiter. Früher wurden Pfosten und Bretter aus einem Stamm mit der Hand geschnitten. Die Säge , meist eine Doppelsäge, wurde von 2 Männern bedient. Der Stamm wurde in einer gewissen Höhe fixiert, dann wurde mit dem schneiden begonnen.Einer stand oben auf dem Stamm, der andere unten . Natürlich war für den oberen die Arbeit viel schwerer , denn dieser musste ja die Säge raufziehen und der untere war der OWEZARA, der hatte die leichtere Arbeit . Daher der Name Owezara oder owezan. Quelle: http://www.ostarrichi.org/wort-6624-at-owezahn.html

Obwohl der Owezara also historisch gesehen männlichen Geschlechts ist, findet man sie in der heutigen Arbeitswelt auch unter den weibliche Kollegen und um so eine geht es hier, genau genommen um ChatterBox, die an den wenigen Tage ihrer Anwesenheit (an den restlichen ist sie beim Arzt oder im Krankenstand) mit DWM das Büro teilt.

Morgens sinkt sie fünf Minuten nach neun Uhr seufzend auf ihren Stuhl. Die Kernarbeitszeit beginnt zwar um neun, aber durch die Zeiterfassungen bringen ihr die verpassten Minuten keinen Vorteil. Erschöpft von der langen Anreise verzieht sie sich erst mal in die Küche, um ihr Frühstück zuzubereiten, dass sie dann am Schreibtisch genüsslich verzehrt. Butter und Marmelade werden auf dem Brötchen verteilt, Kaffee wird genossen, etwaige Anrufe werden trotzdem zwischen zwei Bissen gnädig entgegengenommen. Danach werden Butter, Marmelade und Geschirr ordnungsgemäß in der Küche verräumt. Da die Uhr mittlerweile beinahe zehn Uhr zeigt, schnappt ChatterBox ihren Schlüssel, um die Post aus dem zweiten Stock zu holen. Da sich in diesem Stockwerk auch noch diverse andere Abteilungen befinden, die immer wieder einen Besuch wert sind, kann der Transport der Post vom zweiten in den dritten Stock schon mal eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. In Zeiten wie diesen besteht die papierene Post zwar in erster Linie aus Reklame und Seminareinladungen, aber auch diese müssen ordnungsgemäß in den beiden Räumen der Abteilung verteilt werden.

Nach so viel Aktivität können schon mal Kreislaufprobleme auftreten und ChatterBox zieht sich mit Verweis auf selbige zurück in den Raum, der als Ordinationsraum für den Betriebsarzt und vorgeschriebene Ruhestätte für Schwangere vorgesehen ist. Nach über einer Stunde taucht sie von dort wieder auf mit der Erklärung, sie sei kurz eingeschlafen. Leider habe das ihre Kreislaufprobleme nicht beseitigt, daher muss sie jetzt die Apotheke aufsuchen, um sich dort den Blutdruck messen zu lassen. Nach einer weiteren Stunde kommt sie mit prall gefüllten Müller-Tüten aus der Apotheke zurück.

Mittlerweile ist die Mittagszeit ins Büro gezogen und ChatterBox beginnt ihren Salat zu verzehren. Natürlich gibt es noch jede Menge anderer Gelegenheiten, um einen ungeliebten Arbeitsplatz zu verlassen, Akten müssen geholt und wieder zurück gebracht werden, und manchmal reicht als Erklärung auch ein lapidares „Ich bin mal kurz im zweiten Stock“ oder auch nur „Ich muss mal kurz wohin“, wobei eine Stunde natürlich im Vergleich zu einem ganzen Menschenleben tatsächlich kurz anmuten mag.

Interessant mag in diesem Zusammenhang eine Vorschrift sein, die vom Vorstand vor einigen Jahren erlassen wurde: Raucher müssen vor Aufsuchen der Raucherterasse sich ausstechen und erst nach Auftauchen am Arbeitsplatz wieder einstechen, sprich: Rauchzeit ist Freizeit. Was aber ist mit Frühstückszeit, Mittagsessenszeit, Kaffeeholzeit, Kaffeetrinkzeit, Postholzeit,…..?

Häschenwitze oder der Konzernwahnsinn geht weiter

Nachdem Herr WeissVonNix mittlerweile zugegeben hat, dass er von der Prozessänderung zwar wusste, sie aber „anders verstanden“ hat, tobt dieser Krieg zwei Ebenen höher, während an der ausführenden Front DWM und Frau X immer noch versuchen, mit den Auswirkungen klarzukommen.

Frau X: können Sie uns bitte die Details zum Geschäft mit der Bank X schicken?

DWM betätigt sich detektivisch und sucht ein Geschäft mit der Bank X plc heraus.

Frau X: Ich meinte die Bank X N.V.

DWM stellt nach weiteren detektivischen Tätigkeiten fest, dass sie zwar keine Geschäfte mit der Bank X N.V haben, sehr wohl aber mit der Bank Y N.V. und dass selbige von der Bank X N.V. gekauft wurde. Betrag und Rating stimmen zwar nicht überein, aber das wär ja nicht das erste mal. Alle anderen Geschäfte in den Niederlanden sieht sie auch kurz durch, aber das ist noch das wahrscheinlichste.

Frau X: Das ist ja die Bank Y N.V.

DWM: Ja genau, aber von der anderen haben wir nichts.

Frau X: Dann sehen Sie doch bitte nach, ob der Emittent die Bank X oder die Bank Y ist. Wahrscheinlich wurde in Ihren Systemen eine Namensänderung nicht nachgezogen.

DWM beginnt sich langsam wieder zu ärgern, wirft aber ihren Bloomberg an und mailt das Ergebnis mit der Bitte, ob Frau X ihre Anfrage vielleicht etwas konkretisieren könnte, mit einer Nummer zum Beispiel, das würde die Detektivarbeit erleichtern, die mittlerweile einen Großteil ihres Arbeitstages in Anspruch nehme.

Postwendend kommt die Geschäftsnummer und wie DWM vermutet hatte: es war die des von ihr als allererstes gemeldeten Geschäftes mit der Bank X plc und DWM kann es sich nicht verbeissen, in ihrer Mail darauf hinzuweisen:

Wie ich gestern vermutet hatte, handelt es sich um die Bank X plc und die Geschäftsdaten haben Sie in meiner Mail von gestern…

…Dann müssen Sie die Geschäfte von der Bank X nv auf die Bank X plc umhängen….

DWM unterdrückt nur mühsam einen Schreikrampf beim Anblick der Mail. Wie begriffstützig kann man eigentlich sein? Oder wurde sie hier veräppelt? Unweigerlich drängt sich der Vergleich mit den guten alten Häschenwitzen auf, an die sich die Leser ihrer Generation vielleicht noch erinnern können:

„Hattu Möhrchen?“ Die Apothekerin antwortet mit „Nein“. Am nächsten Tag kommt der Hase wieder und fragt: „Hattu Möhrchen?“ Die Apothekerin antwortet wieder mit „Nein“. Am dritten Tag hängt ein Schild an der Tür: „Möhrchen ausverkauft!“ Der Hase beschwert sich bei der Apothekerin: „Hattu doch Möhrchen gehabt!“

Frau X: Hattu X-NV?

DWM: Nein, nur X-plc

Frau X: Hattu X-NV?

DWM: Nein, nur X-plc

Frau X: Hattu X-NV? Muttu umhängen auf plc

Bofrost-Zone im Vorzimmer

Nun haben NewComer und DWM ja durch ihren Aufenthalt im Vorzimmer wenigstens ein bisschen Unterhaltung. Durch konsequentes Nichtantworten auf ChatterBox‘ Geplapper haben sie diese zwar fast zum Verstummen gebracht, aber ab und zu können sie noch einem interessanten Schauspiel beiwohnen.

CharmingBoy (seines Zeichens Abteilungsleiter) betritt das Vorzimmer mit der Frage, ob NewBoss frei sei.

ChatterBox flötet: „Neeiin, tut mir leid, x und y sind drin. Sie haben geraaade erst angefangen und ich weiß leeiiider nicht, wie lange es dauern wird. Darf ich dich anrufen, wenn er frei ist?“ *strahl*

Wenig später. Miss Eyecatcher (ihres Zeichens Assistentin von BigBoss) betritt das Vorzimmer mit der Frage, ob NewBoss frei sei.

ChatterBox (frostig): „Nein.“

Miss Eyecatcher: „Wer ist denn drin?“

ChatterBox (frostig): „Intern.“

Miss Eyecatcher: „Nur einer oder mehrere?“

ChatterBox (frostig): „zwei“

Miss Eyecatcher: „Wie lange wird es denn dauern?“

ChatterBox (frostig): „Weiss nicht.“

Miss Eyecatcher: „Ich hätte nur was zum Unterschreiben, was ich ihm persönlich geben soll.“

ChatterBox: frostiges Stillschweigen

Miss Eyecatcher: „Ich komme später wieder.“

Fast hätte DWM sich erbarmt und dem Mädel einen kurzen Anruf angeboten, wenn NewBoss wieder frei ist, aber das fehlte noch, dass sie in das Hoheitsgebiet von ChatterBox eingreift!

 

 

Der ganz normale Konzern-Wahnsinn

Nun hat DWM sich ja damit abgefunden, dass interessante, abwechslungsreiche, einigermaßen gutbezahlte, mit Telearbeitsmöglichkeit ausgestattete, in Teilzeit bewältigbare Jobs offensichtlich nicht auf der Straße liegen und sich somit mit dem ihrigen mehr oder weniger ausgesöhnt. Im Allgemeinen kann sie auch ganz gut verdrängen, dass sie große Teile ihrer Arbeitszeit damit zubringt, Konzernanfragen der Mutter, Großmutter oder Urgroßmutter zu beantworten, weiterzuleiten, die Hintergründe zu recherchieren, sprich: das Unternemen mit sich selbst zu beschäftigen. Ab einer gewissen Größenordnung braucht ein Unternehmen keine Kunden mehr, es ist ganz wunderbar mit der eigenen Administration ausgelastet.

Vor einigen Jahren noch war es nicht in alle Konzernecken gedrungen, dass da noch ein kleiner österreichischer Appendix exisitert und selbiger hatte somit wie auf einer Insel der Seligen die Gelegenheit, sich mit seinem Geschäftsmodell zu beschäftigen, anstatt mit der Administration. In Zeiten wie diesen jedoch ziehen die Konzerne ihre Zügel so straff, dass der Zug auch beim hinterletzten Appendix spürbar wird.

Auch das sinnentleerte Tun als Folge solcher Administrationswut kann DWM meist ganz gut verdrängen. Es sei denn, sie hat gerade einen Full-Reset durch Urlaub erlitten, der die entsprechenden Toleranzschwellen auf ihrer Festplatte gelöscht hat, sodass eine DWM im Büro erscheint mit dem Anspruch, ihren Vormittag mit produktiver Beschäftigung zu verbringen. Dann muss DWM erst wieder eingenordet werden, bevor sie dem ganz normalen Wahnsinn mit der entsprechenden Gelassenheit begegnen kann.

Callcenter-MA: „Ich hab Frau X dran von der Konzernmutter. Die will WIRKLICH mit DIR sprechen.“

Das betont der Kollege deshalb so, um von DWM nicht gleich wieder abgewimmelt zu werden. Das wäre gar nicht notwendig gewesen, denn DWM kennt Frau X schon und weiss, dass die meistens WIRKLICH mit IHR sprechen will, wenn sie anruft.

Frau X: „Guten Tag, ich habe da wieder eine nicht genehmigte Überziehung. Könnten Sie mir bitte näheres darüber berichten?“

DWM (gut erholt nach ihrem Urlaub und deswegen wild entschlossen, nicht gleich nach der ersten Frage zu explodieren) versucht sich mit ihrer Abwesenheit in der letzten Woche herauszureden. Dann aber bricht die archaische Arbeitswut einer Frischerholten durch und sie will weder die Anfrage weiterleiten (was sie im Fall von NewComer als Adressaten ohnehin wieder zurückbekommen hätte) oder auf später vertrösten. Sie aktiviert alle verbliebenen Gehirnzellen, die sowohl die Winzerherberge in der Wachau, die Beislstreifzüge in Wien, die Mole West am Neusiedler See, die Grillparty mit ihren Brüdern und den Wiedersehensabend mit DWD überlebt haben, und da es sich somit um genetisch einwandfreie Exemplare handeln muss, können sie auch noch von den Prä-Urlaubs-Tätigkeiten berichten:

Frau X hatte eine Limitüberschreitung angemahnt mit dem Hinweis, dass alle Limite VOR dem Eingehen des Geschäftes bei der Mutter der Mutter – sprich Großmutter – zu genehmigen seien. DWM ist einerseits erstaunt über die Neuerung, aber andererseits nicht über die Tatsache, dass sie von der Existenz solcher neuen bürokratischen Hürden erst durch Anmahnung der Ergebnisse und nicht etwa vorab erfährt.

Anlaufstelle Nummer eins ist ihr Vorgesetzter ApplePolisher, auf dessen Schreibtisch, bzw. in dessen Mailbox schon so einige potenziell umzusetzende Prozesse versandet sind. ApplePolisher erklärt sich in diesem Fall aber für unschuldig und empfiehlt, sich an sein Pendant bei der Mutter, Herrn WeissVonNix zu wenden.

Da Herr WeissVonNix selten sein Telefon bedient und DWM ohnehin die Existenz schriftlicher Nachweise schätzt (und am nächsten Tag auf Urlaub ist in der Hoffnung, NewComer möge sich in ihrer Abwesenheit um den Konzernkram kümmern), schreibt sie eine Mail. Normalerweise speichert sie so unliebsame Schriftstücke erst mal in den Entwürfen, um sie kurz vor ihrem Entschwinden in den Urlaub zu versenden, damit sie sich ja nicht mehr mit der Antwort herumschlagen muss (DWM liebt den Satz in ihrem Abwesenheitsagent „…..wenden Sie sich bitte an Herrn NewComer….“), aber diesmal hat sie in einem Anfall von Erledigungswut sofort auf Senden gedrückt und auch postwendend eine Antwort erhalten, an die sie sich jetzt sogar noch verschwommen erinnern kann:

Herr WeissVonNix wusste nichts von einem Prozess, der eine solche Vorabgenehmigung erfordert. Vielmehr waren zwei seiner Mitarbeiter vor kurzem bei der Mutter, wo die neuen Prozesse besprochen wurden, aber davon war nicht die Rede gewesen.

Je mehr DWM jetzt im neuerlichen Gespräch mit Frau X diese definitive Antwort – was in diesen Kreisen ohnehin schon eine Seltenheit darstellt – ins Gehirn sickert, desto mehr beginnt sie sich zu ärgern. Wie kommt sie dazu, sich anpflaumen zu lassen, wo sie sich doch umgehend um eventuell einzuhaltende Prozesse gekümmert hat?

Frau X von der Großmutter antwortet auf alle Nachfragen nur, man solle sich bei der Mutter erkundigen, die sei mit den neuen Prozessen vertraut gemacht worden und dafür zuständig, selbige auf ihre Töchter auszurollen. Zu allen anderen Fragen (was für Prozesse sind das? seit wann gelten sie? wie sehen die genauen Bedingungen z.B. Responsezeiten aus?) kommt die stereotype Antwort :“Dazu kann ich nichts sagen.“

DWM freut sich, dass die Gesprächspartnerin ihre Grimassen nicht sehen kann (wieder ein paar Falten mehr, bald wird DWD wieder mit seinem Filler kommen) und legt auf. Sie sucht die Mail von Herrn WeissVonNix und verfasst als Antwort eine neuerliche Anfrage zu dem Thema. Da der Ton etwas schärfer ausgefallen ist, verzichtet sie darauf, ihren Vorgesetzten auf Kopie zu setzen. Ist sowieso eine Unart, diese tausend Mailkopien, die einem die Inbox verstopfen. Ein zweite Kopie des Schriftstücks geht an Frau X, um DWMs Unschuld in dieser Sache zu beweisen und mit der Bitte um einen Ansprechpartner in dieser Sache, da die Mutter offensichtlich nicht in der Lage ist, die Informationen an die Tochter weiterzuleiten. Danach macht DWM sich auf die Suche nach dem monierten Geschäft. Während sie noch in ihren Auswertungen fahndet, flattert auch schon eine Mail der Konzerngroßmutter mit dem angeforderten Prozess herein. Na bitte, geht doch. Um die Angelegenheit auf den Rest von DWMs Arbeitstag auszudehnen, wurde auch ApplePolisher auf Kopie gesetzt, der sofort in DWMs Büro erscheint und mit dem „was bisher geschah“ versorgt werden möchte.

Wer jetzt nicht weiß, ob bei ihm Verwirrung oder Langeweile überwiegen, dem ergeht es wie DWM an so manchem Arbeitstag.

Kaffeeklatsch

Nun zählt die Aufnahme von koffeinhaltigen Getränken ja zu einem wesentlichen Ritual im Arbeitsleben. Eintreffenden Gästen wird als Erstes Kaffee angeboten und mit den Fragen zur genaueren Beschaffenheit desselben kann schon mal ein Teil des Smalltalk erledigt werden. Da das Zusehen beim Kaffeetrinken nicht so gefährlich ist wie das Passiv-Rauchen, wird dieses Ritual sich auch wesentlich länger halten können. In unserem Callcenter im vierten Stock wird die Koffeinaufnahme stattdessen in Form von RedBull (nein, ich möchte hier keine Reklame machen, obwohl der Lizenzinhaber Österreicher ist, aber unter den Coolseinwollenden sind die wesentlich günstigeren EnergyDrinks absolut verpönt) erledigt und man trifft sich am Automaten statt an der Kaffeemaschine. Das hat schon mal den wesentlichen Vorteil, dass der Drink direkt aus der Dose zu sich genommen wird und kein Geschirr erfordert. Mittlere Bürodramen à la „wer hat meine Kaffeetasse geklaut“ scheiden schon mal aus. In Zeiten des unaufhaltsamen Siegeszuges des Kaffeetabs nimmt der Büroklau allerdings völlig neue Dimensionen an. Weil die Kunst der wohldosierten Verknappung zu den effizientesten Marketingstrategien zählt, kann man nicht so einfach in einen Laden gehen und diese Kaffeetabs kaufen. Nein, dazu muss man Mitglied sein und/oder die Teile mit Versandkosten im Internet bestellen. Somit bilden sich im Büro Bestellgemeinschaften für die Tabs.

Im ersten Koffeeinrausch hat sich beinahe jede Abteilung so einen Kaffeekapselaussauger hinstellen lassen, denn die werden bei ausreichendem Kapselkonsum gratis zur Verfügung gestellt. Als der Konsum unter die erforderliche Mindestabnahmemenge fiel, wurden die Maschinen gnadenlos wieder abgeholt. Somit waren die Mitarbeiter gezwungen, Kaffeegemeinschaften zu bilden. Wie im richtigen Leben braucht auch eine Kaffeekapselgemeinschaft einen Führer, der sich zutraut und auch bereit erklärt, die Bestellung der Tabs zur Zufriedenheit aller zu organisieren. Da Dottoressa während ihres Studiums in der Gastronomie gearbeitet hat, war sie prädestiniert für diese Aufgabe. Außerdem fand sich kein anderer und sie – da neu eingetreten und mit den Büroritualen nicht vertraut –  ist nicht schnell genug einen Schritt zurückgetreten. Ihre erste Bestellung erledigte sie mit viel Elan und musste beim Austeilen der Kaffeetabs feststellen: Undank ist der Welten Lohn. Beim Ausfassen der Karton vernimmt man Gemaule: „Das sind die falschen, ich hab´ aber die anderen bestellt!“ Wieder einmal fühlt DWM sich an häusliche Szenen erinnert. Da sie – obwohl durchaus Kaffeegenießerin – ohnehin mutmaßt, dass die Tabs sich nur durch die Farben ihrer glänzenden Hüllen unterscheiden, bietet sie bereitwillig ihre beiden offensichtlich begehrten Kartons voller silbrigschimmernder Kapseln zum Tausch gegen grüne an. Und bewahrt damit Dottoresse vor einem Wutanfall.

Noch schlimmer aber als die falschen Tabs sind gar keine Tabs und das kann DWM durchaus nachvollziehen. Wie die meisten hortet sie ihre kostbaren Koffeinspender in ihrer Schreibtisch-Schublade, allerdings unverschlossen und bietet auch jedermann an, sich bei akutem Koffeinmangel daran zu bedienen, man werde sich schon irgendwie revanchieren. Außer dem für DWM üblichen Chaos befindet sich ohnehin nichts in dieser Schublade, sie ist es also keinesfalls wert, verschlossen zu werden. So findet sie auch manchmal einen Fünf-Euro-Schein in ihrer Kaffeeschachtel, denn so ein offenes

Nun ist BusyBody ist in dieser Abteilung dafür verantwortlich, dass jeder mit den relevanten Informationen versorgt wird. Man könnte meinen, dass ChatterBox dafür prädestiniert wäre, aber nein, die erfüllt den Raum nur mit globalen Schallwellen, die nicht immer an jemand bestimmten gerichtet sein müssen. BusyBody geht viel zielgerichteter vor – ist ja auch ein Mann – und deshalb lanciert er schon mal gern das eine oder andere Gerücht. Nach einem langen Wochenende wird DWM immer zuverlässig von NewComer mit den aktuellen Gerüchten versorgt:

BusyBody hat ApplePolisher erzählt, dass Chatterbox gesagt hat, Dottoressa habe ihr
Kaffeetabs aus dem Schreibtisch geklaut.

Hat´s auch jeder verstanden? Nein? DWM auch nicht und deshalb kann sie auch die allgemeine Aufregung nicht nachvollziehen.

BusyBody regt sich auf, weil Chatterbox ihre Kollegen verdächtigt.

Dottoressa regt sich auf, weil sie verdächtigt wird.

Chatterbox regt sich auf weil entweder

a) ihr falsche Worte in den Mund gelegt werden oder

b) ihr Kaffeetabs geklaut werden.

Aber erstens ist nicht sicher, dass überhaupt was geklaut wurde und zweitens auch nicht bewiesen, dass Chatterbox jemanden verdächtigt hat und drittens, wer hat schon persönlich  mitgehört, was BusyBody wirklich gesagt hat?

DWM wühlt in ihrer Schreibtischschublade nach einem Kaffeetab, um den Tag in der Kaffeeküche zu beginnen. Falls sie überhaupt noch welche hat.

DWM hat es wieder getan oder Wie schützt man sich vor Bore-Out-Kollegen?

Eigentlich hatte DWM sich ja geschworen, es nie wieder zu tun. Gemütlich und kuschelig hatte sie es sich eingerichtet in ihrem Job, sich gefreut, in NewComer einen umgänglichen Kollegen zu haben und versucht, sich mit ihm gegen den Rest der Welt abzuschotten. Den hektischen Aktionismus von BigBoss wollte sie mit Fassung tragen und die lächerliche Zurschaustellung von Wichtigkeit in der zweiten Ebene mit Humor. Seit sie von BusyBody räumlich getrennt im Vorzimmer von NewBoss residiert, muss sie auch dessen Anwesenheit nicht mehr ertragen, denn die Tür zum Vorstand steht meist offen und selbst BusyBody verspürt offensichtlich Hemmungen, den Großteil des Arbeitstages vor NewComer und DWM aufgepflanzt seine Unentbehrlichkeit zu demonstrieren. Sonst könnte ja jemand auf den Gedanken kommen, er wäre an seinem Arbeitsplatz entbehrlich.

Die traute Zweisamkeit von NewComer und DWM wurde vor ein paar Wochen gestört durch die Rückkehr von ChatterBox aus dem neunmonatigen Krankenstand. ChatterBox bezeichnet ihr Krankheitsbild gern als BurnOut, wenngleich DWM bisher darunter Erschöpfungszustände von Überlasteten verstand. Nun kennt DWM ja einige Menschen, sowohl in der realen Welt als auch in Bloggersdorf, die so einiges stemmen im Leben, aber bei ChatterBox kann diese Überlastung nur psychischer Natur sein. Was es wahrscheinlich für die Betroffene nicht weniger schlimm macht. ChatterBox hat eine ähnliche Degradierung hinnehmen müssen wie DWM, und das ganz ohne Teilzeit-Mutter-Vorwand. Den Intrigenversuchen von BusyBody ist sie so richtig schön ins Messer gelaufen und ihre Angewohnheit, mit dem Spruch „Ich muss mal schaun, ob ihr hier eh was arbeitet“ auf den Lippen in diversen Abteilungen zum Tratschen aufzutauchen, hat auch nicht zur Steigerung ihres Beliebtheitsgrades beigetragen. Hier könnte vielleicht der Eindruck entstehen, DWM hätte etwas gegen ChatterBox, aber das stimmt nur bedingt. Früher waren sie sogar privat befreundet gewesen, aber wie schon bei manchen Lehrern in der Schulzeit muss DWM feststellen, dass manche Menschen so gut zwischen Beruf und Privat trennen können, dass es beinahe schon an Schizophrenie grenzt. Spätestens seit DWM mit ChatterBox ein Büro teilen muss, ist ihre Beziehung jedenfalls merklich abgekühlt, auch wenn ihr gewisse Tendenzen, über den Großteil der Kollegen herzuziehen, schon bei diversen Lunch-Dates auf die Nerven gegangen waren. In den Wochen vor ChatterBox‘ Rückkehr war BusyBody wiederholt mit ins Gesicht geschriebener Schadenfreude in DWMs Büro aufgetaucht war mit der Aufforderung, man solle die Ruhe genießen, denn bald sei es ja vorbei damit (ohne seine Anwesenheit hätte man die Ruhe in der Tat genießen können).

Nach ChatterBox‘ Rückkehr aus der Reha hatte die wider allen Erfahrungen immer noch optimistische DWM an eine Verbesserung geglaubt, sowohl des psychischen Zustandes der Kollegin als auch deren Sozialverträglichkeit im Büro. Der frühere Diskussionspunkt Radio blieb ausgeschaltet, DWM und NewComer durften sich also ohne nerviges Hintergrundgedudel und kreischende Werbeeinschaltungen auf ihre Arbeit konzentrieren. Auch stundenlanges Postholen aus dem darunterliegenden Stockwerk war bisher ausgeblieben. Um die Konversationsversuche nicht ausufern zu lassen, hatte der sonst so gutmütige Newcomer zu einer Maßnahme gegriffen, die normalerweise nur DWM anzuwenden wagte: er antwortet einfach nicht. Diese auf den ersten Blick möglicherweise unhöflich wirkende Reaktion zeigte durchaus die gewünschte Wirkung, denn der Smalltalk konnte damit auf ein büroübliches und somit erträgliches Maß gesenkt werden. Alle Zeichen standen auf Kuschelkurs.

Bis nach und nach wieder Verhaltensweisen um sich greifen, wie zerstörerische Pflanzen sich in ein Mauerwerk graben. Chatter Box singt vor sich hin, kommentiert jeden ihrer Handgriffe, besprüht und bezupft ständig alle Pflanzen der drei angrenzenden Büros fordert mehrmals nachdrücklich zum Aufräumen der Schreibtische auf, holt stundenlang die Post oder irgendwelche Akten, währenddessen DWM und NewComer ihr Telefon bedienen dürfen und wenn ihr trotzdem zu langweilig wird, begibt sie sich ins Nebenbüro, weil sie in BusyBody einen Gleichgesinnten hat, der mit ihr plaudert (sie danach bei ApplePolisher verpfeift).

Wieder einmal darf DWM auf ihren bei der Kindererziehung erworbenen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen, denn sie hat gelernt, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, während die Kinder bei den Hausaufgaben singen, pfeifen oder auch streiten. Der arme NewComer hingegen ist der akustischen Invasion völlig hilflos ausgeliefert. Angespannt duckt er sich hinter die drei Monitore, die er als Schutzschild vor seinem Gegenüber aufgebaut hat, um wenigstens Sichtkontakt zu vermeiden.

Anfangs hatte DWM noch versucht, ChatterBox bei der Übernahme mancher Assistentenagenden von ihrer Vorgängerin zu helfen, obwohl das wahrlich nicht ihre Aufgabe gewesen wäre, aber langsam verliert auch sie die Geduld und dann braucht es nur eine Kleinigkeit, um sie aus ihrer hart antrainierten, neuen Entspanntheit zu reißen. Der März ist traditionellerweise der Monat, in dem die ELZ ausbezahlt wird. Diese „Erfolgs- und Leistungsabhängige Zahlung“ hat leider so überhaupt nichts zu tun mit den Boni, die man aus den sagenumwobenen Bankergeschichten kennt, sondern stellt eher eine kleine Anerkennung dar, mithilfe derer man versucht, dem jährlichen Mitarbeitergespräch eine gewisse Wichtigkeit zu verleihen, denn dort wird die Höhe der ELZ verhandelt. Da sich die ELZ auch nach dem Grundgehalt richtet, ist sie für eine Teilzeitkraft wie DWM ohnehin nicht der Rede wert, aber sie betrachtet es wie gesagt als kleine Anerkennung ihrer Leistungen. Diese Anerkennung bekommt man außer auf dem Konto auch in Form eines Briefchens von seinem Vorgesetzten überreicht, ApplePolisher hat sogar „Danke“ dazugesagt. Als ChatterBox nach eineinhalbstündigem Postholen sieht, wie DWM den Briefumschlag ungeöffnet in die Handtasche steckt, kann sie das nicht unkommentiert lassen:

„Ich an deiner Stelle würde es aufmachen, denn im Gegensatz zu mir steht bei dir wenigstens was Schönes drin.“

DWM versucht es mit der altbewährten Schweigestrategie, sie weiß, dass ApplePolisher den Topf heuer in Richtung NewComer und DWM geneigt hat, so dass für die anderen Kollegen ein bisschen weniger geblieben war (ChatterBox war ohnehin nur ein halbes Jahr anwesend gewesen und die Unterschiede sind nicht wirklich der Rede wert), aber sie ist nicht gewillt, diese Tatsache in diesem Kreis zu kommentieren. ChatterBox aber lässt nicht locker, bis DWM sich genötigt sieht, etwas deutlicher zu werden: „Ich möchte meine ELZ hier eigentlich nicht besprechen!“ Sofort beteuert ein demonstrativ zerknirschtes Gegenüber, dass das ja überhaupt nicht so gemeint war und hebt zu einer flammenden Rede über die Ungerechtigkeit von BigBoss an, der ihr gar nichts geben wollte, obwohl sie sich in ihrem halben Jahr so überarbeitet habe und für die nächste halbe Stunde wird es wieder nichts mit konzentrierter Arbeit.

Nun ist DWM ja normalerweise niemand, der jemanden wegen Drückebergerei beneidet, ja ihm oder ihr sogar nacheifern möchte. Seit ihrem ersten Ferialjob in einem Jeansladen gibt es für sie nichts Schlimmeres, als untätig das Ende eines Arbeitstages zu erwarten. Aber selbst DWM hat gute und weniger gute Tage und an weniger guten Tagen drücken die bevorstehenden Abgabetermine des unerbittlich näherrückenden Monatsultimos mehr als an den guten und an weniger guten Tagen ist sie nicht so in der Lage, ihre verrückte Umweld mit einem Lächeln zu übergehen wie an den guten.

Falls der Leser nach dieser ausufernden Schilderung des Büroalltages noch nicht eingeschlafen ist, möchte DWM heute um seinen (wahrscheinlich eher ihren) Rat bitten: Soll man in dieser Konstellation für Ruhe sorgen und wenn ja, wie? Soll DWM weiterhin ihre Schweigestrategie anwenden, mit der sie in guten Tagen durchaus zurechtkommt, und das Risiko eingehen, dass NewComer neben ihr irgendwann platzt? (oder noch schlimmer – möglicherweise sogar sie selber!) Soll sie ChatterBox direkt bitten, bei der Arbeit weniger zu singen, selbige nicht ständig zu kommentieren und ihr Telefon umzuleiten, wenn sie so lange weg ist? Das könnte durchaus als verletztend aufgefasst werden. Ein vertrauter Kollege hat ihr gar geraten, ihren Vorgesetzten ApplePolisher zu Rate zu ziehen, aber Petzen ist nun wahrlich nicht DWMs Ding. Wie also herauskommen aus dieser Lose-Lose-Situation?

DWM erweist sich als erstaunlich wenig lernfähig und versucht es mit dem bisher schon nicht erfolgreichen Fluchtreflex. Obwohl sie weiß, dass die aufgerufenen Web-Adressen mitprotokolliert werden, ruft sie die „Karriere“-Seite eines ihr bekannten Unternehmens auf und bewirbt sich auf eine Position, die ihr verlockend erscheint. Dabei hatte sie sich nach ihren frustrierenden Erlebnissen mit der Jobsuche geschworen, es nie wieder zu tun.