Veränderungen oder die Nachteile der Geschwisterliebe

Jetzt ist es also wieder mal so weit. Endlich kann DWM wieder auf so hohem Niveau jammern, dass sie ihre digitale Umgebung daran teilhaben lassen kann. Wobei sie sich schon fragt, warum gerade ihr das zweimal passieren muss. Nein, die Rede ist hier nicht davon, warum sie zweimal von einer Nebenbeziehung überrascht wurde, DWM weiss ganz genau, dass sie diesen Umstand ihrer beinahe grenzenlosen Naivität zu verdanken hat. Diesmal handelt es sich um Umstände, für die DWM höchstens genetischer Natur verantwortlich ist. Wenn überhaupt.

Der aufmerksame Leser dieses Blogs wird schon bemerkt haben, dass DSB – noch mehr als der Rest der Desperates – ein besonderes Naheverhältnis zum Sport hegt. Sehr zum Wohlgefallen von DWM hat er diese Leidenschaft bisher aus Spaß an der Freud gepflegt, denn seit DSGs kurzer aber intensiver Skirennkarriere weiss sie, was es bedeutet, einen Sportler in der Familie zu haben:
– Urlaube werden auf Gletschertrainingslagern verbracht
– verbleibende finanzielle Ressourcen werden in Rennmaterial angelegt
– für mangelnde Pflege desselbigen hagelt es Rügen von den Trainern , daher: nach Absolvieren mehrerer Seminare werden die ohnehin kurzen Nächte vor den Rennen mit Wachs und Kantenschleifer verbracht
– falls sich trotzdem kein Erfolg einstellt, muss die ensprechende Laune abgewettert werden
– falls sich der Erfolg einstellt, muss man bis zur Siegerehrung bleiben und der Rest des Tages ist auch gelaufen.
– an den Wochenenden Tagwache um 5:30, Aufbruch ins Skigebiet, Startnummernausgabe, Warten, Streckenbesichtigung, Warten, Rennen, Zittern auf die Ergebnisse bei Temperaturen um minus 20 Grad
– Stammgast in der Unfallklinik

Glücklicherweise befand DSG nach ein paar Jahren dieses Leben selbst für zu eindimensional. Nach einer Phase der Planlosigkeit (was machen normale Familien an den Wochenden und im Urlaub?) stellte sich also ein mehr oder weniger harmonisches Familienleben ein.

Manche der oben angeführten Einschränkungen rührten daher, dass DSG damals noch zu jung war, um ohne elterliche Begleitung auf Reisen zu gehen. Das wenigstens wird diesmal anders sein. Womit DWM also endlich beim eigentlichen Thema angelangt wäre: Nachdem DSB bisher seine halsbrecherischen Manöver auf dem Snowboard (ich mache den Backflip nur in ganz frischem Powder, versprochen Mama! – DWM konnte sich auf youtoube vom Gegenteil überzeugen) just for fun vollführte, bat er vergangenen Winter darum, erstmals an einem Contest teilnehmen zu dürfen. DWM war skeptisch, sah sie doch wie immer einen Berg von potenziellen Problemen auf sich zukommen. Womit sie natürlich wieder einmal Recht behalten sollte. Unerwarteterweise ergriff DSG für ihren Bruder Partei (nicht bedenkend, dass auch sie von den Folgeproblemen betroffen sein würde): „Mama, das ist unfair! Mir hast du es damals auch ermöglicht.“ DWM, wie immer um höchstmögliche Gerechtigkeit bemüht, faehrt ihren Sohn also persönlich zum Snowpark und unterschreibt das Haftungsausschließungsformular.

Als DSB strahlend den hölzernen Pokal entgegennimmt, ist DWM in erster Linie froh, dass er aus eigener Kraft das Podest erklommen hat, statt im Warteraum der Unfallklinik herumzulungern. Als kurz darauf eine Einladung des bayerischen Snowboardverbandes zu einem Talentsichtungswochenende in der Mailbox landet, weiss DWM: sie hat wieder einmal recht behalten mit ihren Bedenken. Jetzt ist es aber zu spät, denn ihren Sohn nicht mitfahren zu lassen, würde die Probleme höchstens aufschieben oder vielleicht in anderer Form nach sich ziehen. Es kommt wie es kommen muss, DSB wird für talentiert befunden. Da er jedoch nicht so der schulische Überflieger ist, wird sich das mit einem normalen Besuch seiner jetzigen Schule nicht vereinbaren lassen. Ein Wechsel an das nahegelegene Ski- und Snowboardgymnasium wird angedacht. Jetzt sieht auch DSG die Geister, die sie rief: „Ich will nicht, dass DSB weggeht. Dann sind wir keine richtigen Geschwister mehr. Ich will kein Einzelkind sein!“ Weinend verlässt sie das gemeinsame Mittagsmahl. Die beiden hatten schon immer ein enges Verhältnis, das sich durch die Turbulenzen im letzten Jahr noch verstärkt hat. In drei Jahren macht DSG Abi, bald werden sie ihre eigenen Wege gehen. Aber eben bald und nicht jetzt. DWM ist unendlich traurig, sieht sie sich doch außerstande, dieses Problem zu lösen. Sie kann ihre Tochter gut verstehen, hat sie doch selbst genug Probleme mit der Abnabelung. Andererseits kann sie schlecht von ihrem Sohn verlangen, auf diese Chance seiner Schwester zuliebe zu verzichten. DWM, berühmt für schlechtes Gewissen für alle möglichen und unmöglichen Ursachen, findet die Schuld bei sich selbst: sie hat zu wenige Kinder bekommen! Wenn einer weggeht, bleibt kein Geschwisterkind mehr für DSG.

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Manchmal fragt DWM sich, ob ihre beiden Kinder überhaupt verwandt sind. Während DSG keine Mühen scheut, um ihren Einserschnitt zu halten und brav ihren Speicher des nutzlosen Wissens füllt, fährt DSB eine gnadenlose Minimalismus-Strategie. Wobei der Grad zwischen minimal und null manchmal außerordentlich schmal verläuft.

Bedingt durch private Aufregungen (nicht nur negative, auch die positiven können zeitraubend sein 🙂 ) sah DWM sich genötigt, die schulischen Zügel etwas locker zu lassen und auch DSB ein wenig mehr in die Selbstständigkeit zu entlassen. Das obligatorische „Mama ich kann alles“ wurde nicht mehr gnadenlos überprüft. Ein erster „Erfolg“ der neuen Strategie stellte sich alsbald in Form einer Sechs in Mathematik ein. Outsourcing-Queen DWM zückt die Geldbörse und stellt DSG als Nachhilfelehrerin ein. Gerechtigkeit muss sein und so bezahlt sie brav den Tarif, den DSGs externe Kunden bezahlen. Naja, zumindest beinahe. Und schon wurde aus der Sechs eine Drei. Während DWM noch über die Sinnhaftigkeit einer Erfolgsprämie nachdenkt, flattert schon des nächste Misserfolgserlebnis ins Haus. Hatte DWM gehofft, eine Sechs in Mathematik würde als Exempel auch für andere Fächer reichen, wurde sie von ihrem Sohn eines Besseren belehrt.

Im Allgmeinen schafft DSB die von ihm angepeilte Drei bei Arbeiten, manchmal wird auch eine Vier daraus. In den von ihm eher präferierten Fremdsprachen unterläuft ihm allerdings manchmal auch eine bessere Note, was von ihm mit einem „Mama, ich habe viel zu viel gelernt!“ kommentiert wird. In Französisch, wo er auch noch die Lehrerin mag, was auf Gegenseitigkeit beruht, konnte er im ersten Semester sogar auf beide Schularbeiten mit einer eins aufwarten, was von ihm nicht als Irrtum, sondern mit Stolz aufgenommen wurde, allerdings auch die Einstellung sämtlicher Lernaktivitäten zur Folge hatte. Auf der nächsten kleinen unangekündigten Leistungsfeststellung prangte auch glatt eine Fünf und jetzt sieht DWM sich genötigt, mit ihrem Sohn in den verbleibenden drei Tagen bis zur Schulaufgabe seine Lücken zu schließen, die eher ein kompaktes großes Loch darstellen. Das erste frühlingshafte Wochende verbringt DSG mit ihrer Freundin, während DWM sich – wenigstens auf der Terasse – durch die niederungen französischer Grammatik quält. Ihren Sohn scheint das nicht weiter zu stören, der Optimist vom Dienst kann selbst diesen Fauxpas noch als geniale Strategie verkaufen: „Jetzt habe ich Zeit zum Lernen, weil die Skigebiete ohnehin schon zu haben und so konnte ich den ganzen Winter wenigstens zum Snowboarden nützen.“
N´ est ce pas?

Wie viel Luxus braucht das Kind?

Nun ist DWM ja generell oft unsicher in der Kindererziehung – und nicht nur dabei, aber bei diesem Thema möchte sie jedenfalls so viel wie möglich richtig machen und andererseits gibt es so viele Menschen, die ganz genau zu wissen glauben, wie es geht, dass auch ein von sich selbst überzeugterer Mensch als DWM schon mal verunsichert werden kann.

Ein Dauerbrenner in ihrem Hirn beschäftigt sich mit der Frage: wie viel Luxus ist notwendig/angebracht/zu viel?

In ihrer eigenen Kindheit war diese Frage ganz einfach zu beantworten. Der Vater hat als Alleinverdiener mit einem Arbeitergehalt eine fünfköpfige Familie ernährt, somit: keiner.

Nun ist DWM in der glücklichen Lage, ihren Kindern etwas mehr Luxus bieten zu können und das verkompliziert die Sache schon etwas. Da muss sie durchaus Jesper Juul recht geben, der auf einem Vortrag über sein Buch „Nein aus Liebe“ auch darüber referierte, dass Nein-Sagen für unsere Elterngeneration zumindest in materieller Hinsicht einfacher war – es gab keine Alternative. Heute wissen die Kinder, dass wir uns oft mehr leisten könnten, als wir für sie auszugeben bereit sind.

Nun erreicht der Luxusgrad aber Dimensionen, die DWM leider nicht erfüllen kann und schon meldet es sich wieder, ihr berühmtes schlechtes Gewissen. Hätte sie nicht mehr arbeiten sollen, anstatt weiterhin mit ihrem Teilzeitvertrag herumzudümpeln und sich über die neugewonnene Freizeit durch selbstständigere Kinder zu freuen? Hätten sie weniger Geld für Reisen, Urlaub, Sport verbraten sollen, um ihren Kindern das bieten zu können?

Aber worum geht es überhaupt? Nein, nicht um Handtaschen, Sportgeräte oder Markenklamotten, es geht um die Investition in die Zukunft und da soll man ja bekanntlich nicht knausern. Was DWM in diesem Fall aber wahrscheinlich müssen wird:

DSG möchte gerne in England zur Schule gehen. Am liebsten natürlich bis zum Abi und darüber hinaus, aber das ist so unerreichbar, dass DWM sich darüber gar nicht grämen muss. Zur Not tut es auch ein Jahr, ein halbes oder wenigstens ein Term. Nun gilt das englische Schulsystem ja als eins der besten der Welt, aber das gilt in erster linie für die privaten Bildungsinstitute. In Harry Potter wurde die Welt der englischen Internate mit großer Öffentlichkeitswirksamkeit dargestellt und abgesehen von der Zauberei hat DWD sie ähnlich erlebt. Jetzt ist es heraussen, ja, DWD war auf einem englischen Internat, zwar auch nur für einen Term und wie er versichert, war das damals viiiieeel billiger, aber DWM grämt sich, dass ihrem Töchterchen verwehrt bleibt, was der Vater genießen durfte. Wo bleibt da der soziale Aufstieg?

Nun wird DWM entweder ein staatliches Internat suchen, die Unterbringung in einer Gastfamilie mit Besuch einer staatlichen Schule andenken und auch für diese Varianten nochmal ausführlich Kassensturz machen.

Wenn der Mut zur Lücke fehlt…

Am Sonntag ist DWM noch ein wenig wehmütig ob der Abwesenheit ihrer Tochter. Weil selbige sich beschwert hatte „Nie tun wir grillen“ (diese im süddeutschen Sprachraum übliche exzessive Verwendung des Hilfszeitwortes ist ein probates Mittel, um DWD, den einzigen Deutsch-Native-Speaker der Familie auf die Palme zu jagen) nahm DWM am Samstag Nachmittag noch den Nahkampf an der Fleischtheke auf, um DSG am Sonntag mit einer spätmittäglichen Grillparty zu überraschen, wenn sie von ihrer Auswärtsübernachtung zurückkehre. Mit ungewöhnlichem Elan widmet DWM sich dem Grillgut, als sie – die Hände voller Olivenöl, aber der Ankauf eines neuen Mobiltelefons steht ja ohnehin an – um zwölf der heißersehnte Anruf des Töchterchens ereilt: Sie habe gerade gefrühstückt und ob es reiche, wenn sie am Abend komme. DWM ist hin- und hergerissen zwischen

„Auf deinen Wunsch grillen wir jetzt hier, du kommst wie vereinbart nach Hause!“

Subtext: Ich habe es satt, hier die allzeit bereite Homebase für semi-flüggen Nachwuchs zu spielen

und

„Aber sicher!“

Subtext: Schön, dass DSG gute Freundinnen hat, mit denen sie ihre Freizeit verbringt

Der Leser hat es wahrscheinlich schon erraten, DWM entscheidet sich für letzteres. Sie grillt ein wenig schneller, damit DSB die Bahn zu seinem Freund erreicht und sie in die gewonnenen Stunden noch eine Wanderung mit DWD quetschen kann. Die wird in Rekordzeit erledigt und DWM freut sich, wenigstens am Abend die traute Familie mit den Resten des Grillgutes und den Erlebnissen der letzten zwei Tage um den Terassentisch versammeln zu können. Obwohl DSG keinen Hunger hat, sie habe schon bei ihrer Freundin gegessen.

Als der Tisch abgeräumt wird und der gemütliche Teil des Abends beginnen könnte, beginnt der ungemütliche. DSG erinnert sich: „Vielleicht schreiben wir morgen Chemie-Ex.“ In hektischer Betriebsamkeit werden Bücher, Hefte, Mappen und freifliegende Blätter auf Esstisch, Terassentisch, Hängematte und Schaukel verteilt. Das gefürchtete „Lernst du mit mir?“ hat DSG sich zwar mangels Erfolges (noch dazu Chemie – DWMs absolutes Nietenfach) abgewöhnt, aber immerhin durch ein „Fragst du mich ab?“ ersetzt.

Wieder einmal ist DWM hin- und hergerissen (sie müsste schon ganz zerissen sein, so oft, wie sie diesen Gefühlszustand durchlebt). Eigentlich wollte sie noch ein wenig den warmen Sommerabend auf der Gartenliege genießen. Andererseits kann sie das ja auch mit Chemie-Buch. Als sie sich gerade zu einer positiven Antwort durchringen will, bringt DSG ein neues Problem aufs Tapet: „Ich schreibe am Freitag Französisch und hab für Montag und Donnerstag Nachhilfe ausgemacht.“

Während der folgenden dreiviertel Stunde berät DWM ihre Tochter zu den Vor- und Nachteilen, eine vereinbarte Nachhilfestunde abzusagen oder auch nicht, eine zweite Stunde abzusagen oder auch nicht, wie wichtig die Nachhilfe nach Absolvieren der letzten Schulaufgabe für ihre Schülerin überhaupt ist. Wie so oft rutschen Mutter und Tochter ab in die Grundsatzdebatte mit anschließenden Grundsatzaussagen – die als solche ohnehin niemals zu Grundsätzen werden, sondern immer als leere Worthülsen verbleiben: „Wenn dir das zu viel wird, musst du aufhören mit der Nachhilfe.“

DWM fühlt zunehmend Gereiztheit in sich aufkeimen, als DSG auch noch nachlegt: „Ich kann ja am Mittwoch das Tennis absagen.“ Der Keim beginnt zu sprießen. Wieso soll DWM für Training bezahlen, das DSG dann nicht in Anspruch nimmt, um dafür bei anderen Leuten Geld zu verdienen? Soll sie sich die entfallenen Stunden von ihrer Tochter bezahlen lassen? Da sie aber so ein erholsames Wochenende hatte, bewahrt DWM Ruhe und schreitet zu einer Maßnahme, die sie sonst nur ihrem Sohnemann angedeihen lässt: Gemeinsam mit DSG geht sie den Französisch-Stoff durch, um einen Lernplan zu erstellen. DWM versucht ihrer Tochter, die mit ganz wenigen Ausnahmen nur die Note „Sehr gut“ schreibt, seit Jahren erfolglos das doch sehr wichtige Prinzip „Mut zur Lücke“ zu vermitteln.

Der Abend schreitet immer weiter voran, mittlerweile rückt auch das Fußballspiel immer näher, die Liege wird bereits aus dem Garten geräumt. DSG steigert sich in ihre Lern-Panik, DWM in ihre Grundsatzdebatten. Ursprünglich hatte sie eine Regel aufgestellt, nach der DSG um acht Uhr ihre schulischen Aktivitäten zu beenden habe (ist es nicht erstaunlich? DWM muss ihre Tochter vom Lernen ABHALTEN), aber irgendwie bereitet ihr die Durchsetzung derselben Probleme.

Um zehn Uhr tut es zwar beiden leid, aber trotzdem sind beim Frühstück noch die Nachwehen des missglückten Abends zu spüren.

Und dann passiert etwas, was DWM eigentlich so gut wie jedesmal bereut. Sie kann ihre Klappe nicht halten. Bevor sie selbige daran hindern kann, entfleucht ihr eine wenig konstruktive Bemerkung über DSGs Augenringe. Glücklicherweise müssen alle dringend los, sodass die Diskussion nicht ausführlich geführt werden kann. Nachmittags ist es schon wieder vergessen. Oder zumindest verziehen. Zumindest oberflächlich gesehen.

Die Ironie des Lehrers

Vielleicht kann sich der eine oder andere Lehrer noch an Herrn BinZuTollZumUnterrichten vom Elternsprechtag erinnern.  Da man durchaus unterschiedlicher Auffassung darüber sein kann, welche pädagogischen Methoden in der fünften Klasse angebracht sind, war zwischen DWM und dem Lehrer natürlich keine Einigung zu erwarten und DWM ließ die Sache nach einem Hinweis beim Klassenvorstand auf sich beruhen.

Am Rückgabetag der Kurzarbeit findet DWM ihren Sohn weinend zu Hause vor. Das liegt nicht nur an der Note, denn eine solche hat er auch in anderen Fächern schon kassiert, was er zerknirscht, aber mit Fassung zur Kenntnis nimmt. Mangels Ehrgeiz sind ihm die Noten ohnehin nicht so wichtig, was nicht immer nur von Nachteil ist. Warum also beweint DSB jetzt seine Arbeit?

„Mama, er hat meine Arbeit vor der Klasse hochgehalten und gesagt, der DSB hat einen Sattel gemalt. Und dann haben alle gelacht.“

Anmerkung: Aufgabe war die Skizzierung eines Zahns gewesen.

„Und er schafft es nicht einmal, seinen Namen auf die richtige Seite zu schreiben. Und zwei Mädchen hat er auch ausgelacht, die haben erst auf der zweiten Seite zu schreiben begonnen.“

Nun gibt es bei den Vorkommnissen in der Schule ja meist zwei Versionen, und die abwesenden Eltern müssen sich meist einen Reim auf die Version des Kindes machen, weil sie schlecht den Lehrer zu jeder Begebenheit befragen können, sonst wäre das Aufsuchen der Sprechstunde ja ein Fulltimejob. Diesmal kann DSB aber mit Beweisen aufwarten. Er zückt seine Bioarbeit und präsentiert den von ihm gemalten Zahn. In der Tat, die Zeichnung ist kein Vorbild naturwissenschaftlicher Abbildungskunst, das muss DWM zugeben. Daneben prangt der Kommentar des Lehrers: „Ist das ein Sattel?“

Ha! Endlich hat DWM einen schriftlichen Beweis. Nur kurz überlegt sie, ob sie den Dienstweg einhalten und zuerst mit Herrn BinZuTollZumUnterrichten sprechen soll. Nein, die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens hat sie bereits am Elternsprechtag eingesehen. Sie bittet um einen Termin beim Direktor.

DSG ist als Topleister zwar beliebt bei Herrn BinZuTollZumUnterrichten, aber sie befürchtet nach der Sippenhaftung (vielleicht sollte sie sicherheitshalber den Mädchennamen der Mutter annehmen, um nicht mit ihrem Bruder in Verbindung gebracht zu werden?) ebenfalls Repressionen und versucht ihre Mutter  von deren Vorhaben abzubringen. DWM hat sich aber schon in der eigenen Schulzeit nicht von solchen Befürchtungen abbringen lassen. Mit ausdrücklicher Erlaubnis des Sohnes („Der hasst mich sowieso, da ist das auch schon egal“) nimmt sie ihren Termin beim Direktor wahr.

Der Herr Direktor ist ein freundlicher Mann mit einem offenen Ohr für die Anliegen der Eltern. DWM geht zwar nicht von großartigen Veränderungen aus (umso mehr, da sie weiß, dass Herr BinZuTollZumUnterrichten in den Pausen gern mit dem Direktor abhängt), aber sie möchte den Direktor wissen lassen, was in seiner Schule so passiert. Dieser schließt sich DWMs Meinung absolut an: auch die Schüler hätten Respekt verdient und wenn das Geschehene sich tatsächlich so abgespielt habe, dann sei das nicht in Ordnung und er sei froh, von DWM darüber informiert worden zu sein. Er bittet DWM, mit BinZuTollZumUnterrichten persönlich über den Vorfall zu sprechen und wenn sie das Gefühl habe, von selbigem nicht ernst genommen zu werden, werde er ein Dreiergespräch einberufen, eventuell auch mit DSB.

Mit solcherart gestärktem Rücken schlägt DWM nochmals beim Bio-Lehrer auf. Wie schon beim Elternsprechtag bestreitet  der eloquente Herr erst einmal die von DWM vorgebrachte Version.  Die Schüler seien nun mal brutal zueinander, gerade in der fünften Klasse.

Nachdem DWM ihm noch eine Chance gegeben hat, seinen Fehler zuzugeben, schreitet sie zur Tat: sie zückt die Kurzarbeit und deutet auf seinen Kommentar:

„Wenn der Auftrag gewesen wäre, einen Sattel zu zeichnen, dann könnte man hier genauso gut darunter schreiben ‚ist das ein Zahn‘, denn zeigen Sie mir mal das Pferd, das da dazwischen passt. Ganz abgesehen davon halte ich diesen süffisanten Kommentar für eine fragwürdige pädagogische Maßnahme. Nur einen von sechs Punkten dafür zu vergeben reicht völlig aus.“

Erstmals fühlt Herr BinZuTollZumUnterrichten sich etwas in die Enge getrieben und schaltet in seiner großspurigen Art etwas zurück.

„Naja, da habe ich es mit Ironie versucht……“

DWM dafür schaltet jetzt einen Gang höher. Jetzt nur kein Terrain verlieren.

„Ironie ist etwas, was die Leute gerne sehen. Im Kino und im Theater geben sie dafür Geld aus, damit sie über andere lachen können. Halten Sie das für die geeignete Unterrichtsform, noch dazu in der fünften Klasse?“

„Naja, es sind halt nicht alle gleich sensibel….“

DWM verleiht ihrem Standpunkt nochmal Nachdruck und Herr BinZuTollZumUnterrichten lenkt ein und verspricht, die Sache mit DSB zu klären. Er habe es nicht bös gemeint.

DWM: „Aber sagen Sie möglichst nicht vor der Klasse, es tue Ihnen leid, dass er geweint hat.“

Dieser Herr braucht offensichtlich eine genaue Anleitung dafür, was man sagen kann und was nicht.

DWM hofft, ihrem Sohn nicht allzu sehr geschadet zu haben und zieht von dannen. Jetzt kann der geneigte Leser zwar einwenden, DWM habe etwas überreagiert und hat damit vielleicht gar nicht mal so unrecht. Aber wenn sie etwas nicht ausstehen kann, dann ist es Respektlosigkeit. In dieser Schule wird von den Schülern viel Respekt verlangt und das ist einer der Gründe, warum beide Kinder dort zur Schule gehen (obwohl sie in einem anderen Staat liegt). Sie müssen aufstehen, um zu grüßen, wenn ein Lehrer den Raum betritt und ähnlich altmodische Dinge. Aber DWM findet, dass auch ein Schüler Recht auf Respekt hat und ist bereit, dafür zu kämpfen.

Oder echauffiert sich DWM nur deshalb so, weil sie ihren Sohn selbst in Bio unterrichtet hat und die Vier als persönliche Niederlage empfindet?

 

Elternsprechtag oder Herr BinZuTollZumUnterrichten

10 Minuten vor Beginn des Elternsprechtags sitzt DWM bereits auf dem Büßerstuhl vor dem Sprechzimmer, wild entschlossen, selbiges erst wieder zu verlassen, wenn sie Herrn BinZuTollZumUnterrichten die Meinung gesagt hat. Da sieht sie plötzlich den Klassenvorstand das Zimmer verlassen. Ist das jetzt ein gutes Zeichen, sprechen sich die beiden noch ab über die mit den Eltern zu besprechenden Themen? Fünf Minuten vor 16 Uhr verdient Herr BinZuTollZumUnterrichten sich bei DWM sein erstes Plus, indem er sie bereits hereinbittet. Für Pünktlichkeit und gar Überpünktlichkeit hat sie immer etwas übrig.

Nun ist es für DWM ein wenig sonderbar, erstmals in ihrer Doppelfunktion zum Elternsprechtag zu gehen. Bisher hatten DSG und DSB nur unterschiedliche Lehrer, aber gerade von Herrn BinZuTollZumUnterrichten werden sie beide nicht-unterrichtet. Nachdem DWM sich gesetzt hat, möchte ihr Gegenüber sich erst mal auslassen über die herausragenden Leistungen der Tochter. Klar, über jemanden zu sprechen, der alles von selber lernt, ist immer angenehmer. Trotzdem muss er anmerken, dass sie manchmal zu Viel des Guten macht, indem sie Fragen stellt, denen die Klasse nicht folgen kann. Nachdem mit dem eigentlichen Gesprächsanlass begonnen werden kann, sind die erlaubten fünf Minuten schon beinahe um. Jetzt aber ist DWM an der Reihe. Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass die letzte Bio-Stunde vor dem Elternsprechtag tatsächlich als solche stattgefunden hat und DSB zu Hause auch noch etwas vom Inhalt derselben zu berichten wusste. Typisch Lehrer, dachte DWM. Um etwaigen Elternbeschwerden den Wind aus den Segeln zu nehmen, macht er vorher noch schnell mal ordentlichen Unterricht. Für DWM war das aber nur von Vorteil, denn jetzt hatte sie eine Strategie. Sie würde einfach mit dem Lob beginnen: „Mein Sohn hat erzählt, in der letzten Bio-Stunde hatten sie richtig guten Unterricht, und er wusste zu Hause auch noch etwas davon, könnten Sie das vielleicht immer so machen?“ Aber ihr Gegenüber wäre kein Lehrer, wenn er Kritik, und sei sie auch noch so schön als Lob verpackt, so einfach annehmen könnte. Im Brustton der Überzeugung beteuert er, sein Unterricht habe sich letzten Montag in keinster Weise von den anderen Stunden unterschieden, das komme bei den Kindern einfach völlig unterschiedlich an. Nach einer Viertelstunde klopfen die ungeduldig Wartenden bereits an die Tür und DWM verlässt zwar nicht kampf- aber sieglos das Feld.

Beim Klassenvorstand bringt sie das Problem noch mal zur Sprache und er verspricht auch mit dem Lehrer zu reden, lobt allerdings das bayerische Schulsystem mit dem mindestens zweijährigen Lehrerwechsel, womit er DWM durch die Blume zu verstehen gibt: das erste Jahr ist ja schon fast rum und dann kann es maximal noch ein zweites geben, danach kriegt er einen neuen Lehrer.

Die Mami-kaut-mir-alles-vor-Methode

DWM ist wütend, genervt und frustriert. Und das am Sonntag morgen. Mit Sonnenschein vor dem Fenster.

Sie war ja auf einen gewissen Arbeitsaufwand vorbereitet gewesen, als sie ihren Sohnemann im Gymnasium angemeldet hatte, aber das ist jetzt wirklich etwas übertrieben. DesperateSchoolBoy zeigt sich völlig unbelastet von jeglichem Wissen, das im Biologieunterricht vermittelt werden könnte. Wäre das Unterrichten DWMs Traumberuf, dann hätte sie selbigen ergriffen. Trotzdem verbringt sie jetzt ihre karge Freizeit mit der Tätigkeit, für die ein gewisser Herr BinZuTollZumUnterrichten bezahlt wird. Schon beim allerersten Elternabend gab es Beschwerden, die Schrift von Herrn BinZuTollZumUnterrichten sei unleserlich. Selbiger war – als einziger – natürlich auch zu toll, um am Elternabend zu erscheinen, und der Klassenvorstand versprach, die Bitte nach leserlicher Schrift an den Kollegen weiterzuleiten. Später erzählte DSB, Herr BinZuTollZumUnterrichten hätte gesagt, er finde seine Schrift gut, und wenn jemand das nicht lesen könne, sei es nicht sein Problem. Und machte einen Buben lächerlich, dessen Eltern die Bitte zusätzlich noch in der Sprechstunde vorgetragen hatten. Damals wussten die Desperates noch nicht, dass die unleserliche Schrift das kleinere Übel gewesen wäre. Denn neuerdings ist Herr BinZuTollZumUnterrichten dazu übergegangen, den Kindern eine Seite im Buch zu sagen, aus denen sie selbstständig einen Hefteintrag mit den wichtigsten Informationen erstellen sollten und begibt sich ins Nebenzimmer, um am IPad Musik zu hören sich auf die nächste Stunde vorzubereiten. Auf Hilflosigkeit der Kinder antwortet er, sie seien zu doof für das Gymnasium und sollen auf die Hauptschule gehen. Von ihren Kindern weiß DWM, dass Herr BinZuTollZumUnterrichten in der Pause regelmäßig beim Direktor und seinem Stellvertreter rumhängt, um sich dort einzuschleimen.

Nun unterrichtet DWM den Stoff zu Hause, was zwar auch ihren eigenen Bildungstand wieder etwas hebt (und das in der fünften Klasse  – frustrierend eigentlich), sie aber weder zu ihren Aufgabengebieten und schon gar nicht zu ihren Hobbys zählt. Natürlich unterstützt DWM ihren Sohn vor Schulaufgaben beim Lernen, aber ein ganzes Fach zu Hause zu unterrichten ist doch etwas anderes. Eigentlich könnte sie DSB dafür montags länger schlafen lassen und ihn erst in der zweiten Stunde zur Schule schicken.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass DWM keineswegs zu jenen zählt, die ein allgemeines Loshacken auf die Lehrer unterstützt und auch um deren Ferien beneidet sie sie nicht versucht sie sie nicht zu beneiden, denn wie gesagt, sie hätte ja auch selber diese Option wählen können. Glücklicherweise unterrichten auch ganz tolle Exemplare an der Schule, die ihren Job mit Schwung und Engagement machen. Aber was unternimmt man gegen die Pfeifen? DSB bittet darum, sich nicht beim Elternsprechtag (kommenden Mittwoch – DWM wird berichten) zu beschweren, denn er möchte nicht vor der Klasse lächerlich gemacht werden. (Auch DWMs Idee, dem Pädagogen eine Rechnung zu präsentieren für ihre mit Biologieunterricht verbrachten Stunden fand er nicht ganz so gut). Gleich zum Direktor gehen? Sich an den Elternbeirat wenden? Oder so wie in der eigenen Schulzeit „Augen zu und durch“, weil es spätestens in ein paar Jahren ohnehin vorbei ist (und sich die nachfolgenden Schüler damit quälen müssen)?