Zurück zum Start oder wann ist eine Karriere eine Karriere?

Manchmal geht DWM erstaunliche Irrwege, um zu fundamentalen Erkenntnissen zu gelangen. Um Jahre, eigentlich Jahrzehnte später genau dort zu landen, wo sie schon mal war. Der Spruch „wenn es des Richtige gewesen wäre, kommt man an dieser Wegkreuzung wieder vorbei“ (oder zumindest so ähnlich, DWM ist furchtbar schlecht im Zitieren, wenigstens hat sie keinen Doktortitel, der ihr dafür aberkannt werden könnte) bewahrheitet sich für sie auf alle Fälle. Wobei sie sich schon die Frage stellt, wie viele Erkenntnisse sie in ihrem begrenzten Leben noch unterbringen kann, wenn sie so lange dafür braucht.

Gegen Ende des Studiums hatte DWM angefangen, als Werkstudentin in der Softwareentwicklung zu arbeiten. Nachdem sie ihren Abschluss gemacht hatte, wurde sie fix in diesem Unternehmen angestellt, berufliches Leben perfekt auf Schiene gebracht. Dachte sie jedenfalls. Denn zwischen Sponsion und Anstellungsvertrag hatte sie noch genau eine Woche Freiheit zu genießen, was sie auf Teneriffa zu tun gedachte. Und dann passierte es. Die erste von vielen Bauchentscheidungen. DWM lernte den späteren DWD kennen, und verließ seinetwegen ihre geliebte Studienstadt. In der neuen Stadt fand sie Arbeit in der Projektleitung von Softwareprojekten und redete sich ein stellte fest, dass das ohnhin viel cooler sei. Die Dinge nahmen ihren Lauf, mit DWDs tatkräftiger Hilfe schaffte es DWM trotz zweier Kinder beruflich einigermaßen am Ball zu bleiben bis dann das verlockende Angebot kam: eine eigene Abteilung – zwar in einem Fachgebiet, das DWM sich erst aneignen müsste, aber sie lernt ja gern Neues. Der werte Leser kann sich jetzt die Frage stellen, ob das Fachgebiet DWM auch zusagen würde und genau das hätte sie damals auch tun sollen. Hättiwari. Aber zu groß waren die Verlockungen. Welche Verlockungen eigentlich? Dienstreisen erster Klasse statt zweiter Klasse? Den Großteil ihrer Arbeitszeit in tagelangen Meetings zu verbringen, deren Quintessenz man in einer Stunde hätte unterbringen können? Abends vom Vorstand gemeinsam mit anderen wichtigen Leuten zum Essen eingeladen zu werden, während sie viel lieber ihre Kinder geknuddelt hätte? Wie dem treue Leser der ersten Stunde vielleicht noch erinnerlich ist, war es irgendwann vorbei mit den Abteilungsleiterprivilegien und es blieb nur mehr das Fachgebiet übrig, begleitet von der Schmach der Degradierung. DWM fuhr ihren beruflichen Elan auf ein erforderliches Mindestmaß herunter und lastete sich stattdessen mit privaten Projekten aus: Bloggen, eBook, Trennung, Alleinerziehertum.

Bis es irgendwann wieder Zeit für eine Bauchentscheidung wurde: im internen Stellenmarkt wurde eine halbe IT-Stelle ausgeschrieben. DWMs Bewerbung wurde abgelehnt mit der Begründung, sie sei unverzichtbar in ihrer derzeitigen Position. Wie das? Ganz offensichtlich hatte sie sich dort immer noch über Gebühr verausgabt, sonst würde doch solches nicht behauptet werden. Während DWM nach Wochen immer noch versuchte, die ihr wohl angeborene (oder anerzogene? wer weiss das schon) Arbeitsmoral etwas erfolgreicher als beim letzten Mal zu bekämpfen, kommt ein Angebot vom Vorstand: Wenn sie noch interressiert sei, könne sie beides machen, ihre Kinder seien doch schon so groß… DWM kann nicht widerstehen, legt ihre letzten organisatorischen Reserven frei und stockt ihre Arbeitszeit auf 80%, auf von denen sie die Hälfte in der IT verbringen darf.

Um jetzt endlich auf das Thema zurückzukommen: Dort wird DWM versuchen, nach über 20 Jahren wieder Fuss zu fassen in der – richtig geraten! Softwareentwicklung. Die verbliebenen Reste an grauen Zellen werden aktiviert, mal schauen, wie viel nach Stilldemenz und exzessiven Feiern noch übrig ist.

Für die Feststellung, dass eine spannende Aufgabe wichtiger ist als Status, hat DWM Jahre ihres Lebens investiert. Und für die Erkenntnis, dass berufliche Entscheidungen von privaten tunlichst getrennt werden sollten, gar Jahrzehnte. Aber wie immer bleibt DWM der Trost: sie kann immerhin als schlechtes Vorbild für ihre Tochter dienen 🙂

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Was sich ändert, wenn sich nichts ändert (2)

Wie im letzten Post erwähnt, misst DWM der Aussage „es wird sich nichts ändern“ wenig Wahrheitsgehalt bei. Da sie in ihrem neuen Leben als Alleinerzieherin mehr denn je auf ihr Gehalt angewiesen ist, versucht sie jetzt die Dinge zu ändern, bevor sie sich von selbst ändern – bzw. von anderen geändert werden. Wobei das ohnehin ich ihrem Naturell entspricht und die Blauäugigkeit sich bisher wenigstens auf den privaten Bereich beschränkt hat. Sofort nach der offiziellen Verkündigung der Nicht-Veränderung schnappt sie sich ihre Zeitaufschreibung des letzten Monats, um selbige bei den Assistentinnen von BigBoss abzugeben. Die Tür zu BigBoss´ Büro ist – wie könnte es anders sein – verschlossen. DWM ist nach der „es-wird-sich-nichts-ändern“ Verkündigung nicht die einzige, die dort vorstellig wird. Sie behält ihren Alibi-Zettel bei sich und schlendert ins gegenüberliegende IT-Büro, um sich dort vor ihrem dreiwöchigen Urlaub zu verabschieden. Danach startet sie einen weiteren Versuch und siehe da, die Tür zum Allerheiligsten steht offen. Der dort Thronende telefoniert zwar, aber DWM tut ihren Audienzwunsch kund, der durch Handzeichen prompt gewährt wird. Nach seinem Telefonat macht BigBoss keine Anstalten, bei seinem offiziellen Text der letzten Stunde bleiben zu wollen, sondern geht genauso wie DWM davon aus, dass ihre Abteilung als eine der ersten der Fusion zum Opfer fallen wird: „Ich hab eh schon an dich gedacht, du hast ohnehin schon mal gesagt, dass du dich gern verändern würdest. Was könntest du dir denn vorstellen?“

Wieder einmal steht die allseits geforderte Mobilität im Raum, als BigBoss ihr einen : „In München hätte ich genug für dich, willst du nicht mitkommen? Ach, dein Mann hat ja seine Praxis hier, nein dann geht das natürlich nicht.“

DWM unterdrückt aufkommenden Unmut, der ihr beim folgenden Gespräch sicher nicht behilflich sein wird. Von ihr würde selbstverständlich Mobilität erwartet, aber hach, der Mann hat sich ja hier die Existenz aufgebaut. Ganz abgesehen davon, dass es den Mann in dieser Form nicht mehr gibt, aber das wird DWM BigBoss ganz sicher nicht auf die Nase binden. In der Tat verhält es sich eher umgekehrt. Gäbe es den Mann in dieser Form noch, könnte DWM sich durchaus vorstellen, zumindest zwei Tage wöchentlich in München zu verbringen. Aber hättiwari bringt sie hier jetzt auch nicht weiter. Sie deponiert ihre beiden Wunschabteilungen, bevor sie sich in den Urlaub verabschiedet. IT oder Produktmanagement und Entwicklung, kurz PME. In ersterer Abteilung hatte sie ihre Laufbahn in diesem Unternehmen begonnen, für letztere hatte sie einmal ein Angebot gehabt, dass sie – auf Anraten von OldBoss – ausgeschlagen hatte. Er hatte vorgehabt, wesentliche Agenden der Abteilung in die IT zu integrieren. Somit könne DWM in der Abteilung verbleiben und werde mittelfristig trotzdem mit diesen Aufgaben betraut werden. Hätte sie damals gewusst, was sie heute weiss, …schon wieder hättiwari. Jedenfalls würde BigBoss niemals seine Liebkind-Abteilung beschneiden und die Machtverhältnisse zwischen BigBoss und seinem jeweiligen VorstandsStrohKollegen dürften ihr doch eigentlich bekannt gewesen sein. Wie dem auch sei, jetzt stellt BigBoss durchaus einen Wechsel in diese Abteilung in Aussicht und mit dieser Perspektive verabschiedet DWM sich in den Urlaub. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt.

 

 

Was sich ändert, wenn sich nichts ändert (1)

Nun kommt DWM nicht umhin, sich wieder den Vorgängen in der realen Welt zu widmen (andererseits: was ist schon real? und was erleben wir nur in unserem Kopf? wo ist da die Grenze? aber ich finde, DWM sollte derart philosophische Gedanken den Profis überlassen), nachdem sie sich zwei Monate lang ihrem innersten Weltschmerz hingegeben hat. Aber auch während dieser zwei Monate war die reale Welt nicht angehalten, auch wenn die Vorgänge dort draußen nur sehr rudimentär zu DWM durchdringen konnten. Manche dieser Vorgänge waren und sind von einer Tragweite, dass selbst eine krisengebeutelte, an Liebeskummer leidende, von ihrem Noch-Ehemann psychisch gefolterte DWM sie wahrnehmen musste.

Wie immer werfen große Ereignisse ihre Schatten voraus. Üblicherweise findet nach jeder Aufsichtsratssitzung eine Veranstaltung statt, in der die Mitarbeiter über die dort besprochenen Belange (zumindest jene, die es ins offizielle Protokoll geschafft haben) in Kenntnis gesetzt werden. Diese sogenannte Quartalsrunde findet nach der Kernarbeitszeit statt und die teilnehmenden Mitarbeiter haben sich tunlichst auszustechen, auf das dem Unternehmen auch keine wertvollen Arbeitsminuten durch schlichtes den-Vorständen-lauschen verloren gingen. DWM hat bisher versucht, die Teilnahme oder nicht-Teilnahme wohl zu dosieren. Als sie noch Abteilungsleiterin war, kam sie ohnehin in den fragwürdigen Genuss einer Vorab-Information, und obwohl von den Führungskräften erwartet wurde, dass sie sich trotzdem nochmal dort hinsetzten um den Lobhudeleien und Selbstbeweihräucherungen der Vorstände zu lauschen und ihren Untergebenen ein gutes Vorbild zu sein, die ihre Freizeit vielleicht lieber mit einem Bier oder einer Joggingrunde nach der Arbeit verbracht hätten, befand DWM, dass  ihre Mutterrolle am Abend Vorrang vor der Vorbildrolle habe. Nach ihrer Degradierung strebte die Motivation, entweder trotz Teilzeitvertrag sich auch den Nachmittag im Büro um die Ohren zu schlagen oder am Abend wieder hinzufahren ohnehin gegen Null.

Kurz vor DWMs „Urlaub des Grauens“ passierte etwas so Erstaunliches, dass es sich sogar durch den Nebel der Qualen einen Weg zu DWMs Bewusstsein bahnte: Eine Einladung zur Quartalsrunde flatterte in DWMs Inbox, prinzipiell nichts Außergewöhnliches, da es viermal im Jahr passierte, erstaunlich daran waren nur zwei Details:

1. die Aufsichtsratssitzung hatte noch gar nicht statt gefunden. Sollte das gemeine Fußvolk in diesem Quartal vor den Aufsichtsräten von den Vorgängen im Unternehmen informiert werden und wenn ja, warum? Bisher wurden die vorher geschriebenen Unterlagen so streng unter Verschluss gehalten, das BusyBody (der in seiner Funktion als Betriebsratsvorsitzender natürlich den Aufsichtsratssitzungen beiwohnen durfte) sogar den Teil vor DWM geheim halten wollte, den sie selbst geschrieben hatte 🙂

2. die Quartalsrunde sollte um 8:30 stattfinden, zur schönsten Kernarbeitszeit, in der die Arbeitsbienen eigentlich das Ergebnis erwirtschaften sollten, das dann in der nächsten Sitzung verkündet werden könne. Für DWM, die damals noch keine SingleParentMum war, sondern sich noch in der Metamorphose auf dem Weg dahin befand, war das definitiv noch keine Kernarbeitszeit, aber da sie ohnehin an Schlaflosigkeit litt, seit das Unaussprechliche passiert war, konnte sie auch mal eine halbe Stunde früher ins Büro fahren.

Abgesehen von dieser ungewöhnlichen Einladung war DWM noch etwas aufgefallen. Zuerst dachte sie, das Unaussprechliche habe ihre Wahrnehmung so sehr verwirrt, dass ihr ein plötzlicher Wechsel der Jahreszeiten gar nicht aufgefallen sei. Es war schon Winter, warum lief sie eigentlich noch im Top herum? Jedenfalls musste Winter sein, wenn man auf dem Flur den Wirtschaftsprüfern begegnet. Obwohl das in DWMs Gemütszustand nicht auszuschließen gewesen wäre, handelte es sich um keine Fata Morgana, denn an der Tür zum kleinen Besprechungszimmer, in das die trotz der Hitze in dunkle Dreiteiler gewandeten Herren immer wieder verschwanden, prangte ein Schild, dass dieser Raum derzeit von den Wirtschaftsprüfern genutzt werde. DWM warf noch mal einen Blick auf den Kalender und dann auf die Tür.

1. Es ist Sommer

2. Die Wirtschaftsprüfer sind im Haus

DWM versucht ihre Kontakte anzuzapfen, wird aber nur mit der Erklärung abgespeist, es handle sich um eine neue Konzernvorschrift. Da sie gerade mit dem Unaussprechlichen konfrontiert ist, verspürt sie wenig Energie, den wahren Hintergrund für die Anwesenheit der dunklen Herren herauszufinden. Offensichtlich war nicht einmal ChatterBox beunruhigt, die sonst doch immer das Gras wachsen hört.

An ihrem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub des Grauens findet DWM sich also pünktlich im schon wohlgefüllten großen Besprechungszimmer ein und nimmt Platz in der zweiten Reihe.

BigBoss kämpft ein wenig mit seiner Präsentation auf dem IPad, muss einen ITler zu Rate ziehen, bevor er mit ein wenig Verspätung die Katze aus dem Sack lässt:

„Wir präsentieren heute eine Bombenlösung für unser Haus, die viele Probleme lösen wird. Zum 28.2.2013 werden wir mit unserer Muttergesellschaft verschmolzen.“

Es folgt eine langatmige Erklärung, warum das die ultimative Bombenlösung ist, zu der es quasi gar keine Alternative gibt, weil sie einfach so genial ist, dass sie nur BigBoss hatte einfallen können. Im Übrigen werde BigBoss mit dem heutigen Tag aus dem Vorstand des Unternehmens ausscheiden, in den Aufsichtsrat wechseln und in Zukunft Vorstandsvorsitzender der Muttergesellschaft  und ab 1.3.2013 der neu entstandenen gemeinsamen Gesellschaft sein. Welch ein Zufall.

Erstaunlich ist für DWM an dieser Verkündigung nur eine Kleinigkeit: Widerwillig hatte sie BigBoss in der Vergangenheit ein wenig dafür bewundert, wie er Dinge, von denen sie wusste, wie sehr sie ihn störten, mit einem Strahlen als die Bombenlösung präsentieren konnte, zum Beispiel als er SmallBoss als neuen Vorstandskollegen präsentierte, bei dem er anschließend zwei Jahre brauchte, bis er ihn endlich wieder losgeworden war. Diesmal aber strahlt das Strahlen etwas blasser als sonst.

„Für die Mitarbeiter wird sich nichts ändern, alles bleibt beim alten. Wir machen das nur wegen …..“ es folgt eine langatmige Erklärung über Kapitalverhältnisse, die DWM, obwohl doch einigermaßen mit der Materie vertraut, nicht ganz nachvollziehen kann und während der BigBoss sich mehrmals etwas verheddert.

Warum macht man eine Fusion, wenn sich nichts ändern soll? Unwillkürlich muss DWM an das Unaussprechliche denken, als DWD über seine potenzielle Abspaltung von der Familie den Kindern gegenüber erläuterte :“Für euch wird sich nichts ändern“. DWM schätzt den Wahrheitsgehalt der beiden Aussagen ähnlich hoch ein.

Firmensommerfest – die Entscheidungsfindung

Nun versucht DWM ja wohldosiert umzugehen mit der Teilnahme oder Absage an Firmenevents und da es derer in ihrem Unternehmen viele gibt, ist das nicht immer so einfach. Das Dachterassensommerfest war immer einer ihrer Favoriten und wurde daher wenn möglich auch besucht. Man geht an einem Freitag direkt nach der Arbeit hin – die einen früher, die anderen später – und steht daher nicht vor der weltbewegenden Frage: „was ziehe ich an?“. Genaugenommen steht man morgens vor der Arbeit davor, aber da DWM um diese Zeit noch nicht voll funktionsfähig ist, kann sie auch dieses Problem nicht in seiner ganzen Tragweite erfassen. Sie zieht sich büromäßig an und denkt im besten Fall noch an eine warme und/oder Regenjacke, da es zum Sommerfesttermin traditionellerweise schlechtes Wetter gibt.

Der nächste Vorteil des Sommerfestes besteht darin, dass man nicht übernachten muss. Zumindest ist es nicht vorgesehen, auch wenn es Gerüchten zufolge schon passiert sein soll.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Speisekarte dieser Veranstaltung: Schweinsbraten mit Kraut und Knödeln. DWM bleibt somit jeglicher Buffetwahnsinn erspart, dem sie sich auch nach jahrelangem Training nicht gewachsen fühlt. In ihren essgestörten Zeiten hat sie sich mit Salat und gedünstetem Gemüse begnügt, um dann zu Hause ein Glas Nutella zu verdrücken. Nachdem sie diese kulinarisch und auch sonst oft traurigen Jahre hinter sich gelassen hat, erliegt sie heute meist einem Buffet-Syndrom, zu dem ihre Eltern gesagt hätten: „Die Augen sind größer als der Magen.“ (Einer der idiotischen Sprüche, die sie bis an ihr Lebensende verfolgen werden). Um nicht alle Welt an ihrem buffettechnischen Unvermögen optisch teilhaben zu lassen in Form von Resten auf dem Teller, muss sie selbige vertilgen, auch wenn´s nicht mehr schmeckt. Schließlich kann man doch nicht das Buffet verlassen, ohne zumindest alle Hauptgericht zu probieren, wer weiß, was einem sonst entgangen wäre! Der Schweinsbraten auf dem Sommerfest wird zwar ebenfalls am Buffet dargereicht, aber da die erste Scheibe wahrscheinlich auch nicht anders schmeckt als die dritte, schafft DWM hier eine adäquate Portionierung.

Auch das Bier muss selbst gezapft werden und wenn man sich strategisch günstig – oder ungünstig, das hängt sehr vom persönlichen Standpunkt ab – auf der Bank positioniert, schafft man den Abend ohne Alkoholvergiftung. Da sich aber immer wieder nette Kollegen für die Versorgung finden, ist auch ein Pegel gewährleistet, der den Abend erträglich macht.

Ein weiterer Vorteil ist die geografische Lage. Das Auto steht fünf Stockwerke tiefer und wenn man sich strategisch günstig positioniert hat, kann man damit noch nach Hause fahren. Natürlich nur, wenn man so doof ist wie DWM manchmal und dann die angeheiterten Kollegen in nüchternem Zustand ertragen muss. Was sie diesmal nicht tun wird.

Anders als bei der Weihnachtsfeier, wo man auf Gedeih und Verderb dem Bus ausgeliefert ist, um in die Stadt zurückzukommen, steht einem hier die gesamte städtische Infrastruktur zur Verfügung:

a) Bushaltestelle, falls man es so früh schafft, dass der auch noch fährt.

b) Bushaltestelle, falls man so lange bleibt dass der schon wieder fährt

c) Taxistandplatz für den Fall, dass a und b negativ beantwortet wurden.

DWM macht also brav ihr Kreuzchen unter „Teilnahme ja“ und blickt gespannt dem Sommerfest und dem heurigen Skandal entgegen, in der Hoffnung, dass sie es nicht selbst sein wird.

Der, dessen Name nicht genannt werden darf – Lord Voldemort im Konzern

Nun ist es ja kein Geheimnis, dass DWM nicht unbedingt eine Meisterin der Diplomatie ist, im Gegenteil, ihr Hang zur offenen Kommunikation wird von manchen Kollegen durchaus geschätzt. Trotzdem hat sie in ihrem Arbeitsleben schon sehr viel an Zurückhaltung dazugelernt und heute geradezu wieder ein Meisterstück auf diesem Gebiet hingelegt und sich die Verwunderung über die Situation auf die abendliche Blogpflege aufgespart. Den heutigen Arbeitstag hat sie bei ihrer Konzernmutter verbracht und das ist an sich schon anstrengend genug. Frühmorgens besteigt sie mit NewComer gemeinsam den Zug, ApplePolisher als Gschaftlhuber  ist schon am Vortag angereist um unbemerkt von seinen Untergebenen bereits die wirklich wichtigen Dinge zu besprechen. (Übersetzung für den nicht des österreichischen mächtigen Leser: Der Geschaftler oder Gschaftlhuber ist ein Wichtigtuer und wer jetzt meint, das sei eigentlich BusyBodys Rolle, hat zwar nicht ganz unrecht, aber der Unterschied liegt darin: BusyBody wäre gerne wichtig und ApplePolisher ist durch die Verbindung des Gschaftlns mit erfolgreichem Applepolishen wirklich wichtig)

DWM sitzt also mit NewComer im Zug und wünscht sich ihr Netbook herbei, aber nein, sie ist zu gepflegter Konversation gezwungen. Im Besprechungszimmer in München erwartet sie die erste – und einzige – positive Überraschung des Tages: Die Kollegen der Muttergesellschaft hatten in einem Anfall von Mitleid für die frühaufgestandenen österreichischen Kollegen einen Teller mit duftenden Brötchen in die Mitte des Besprechungstisches platziert.

Trotz des andächten Kauens darf DWM sich nicht vom Wesentlichen ablenken lassen, denn hier geht es heute darum, möglichst viele der Konzernbegehrlichkeiten abzuwenden, oder wenigstens aufzuschieben (in der Hoffnung, sie damit auszusitzen) und da ist natürlich Kreativität gefragt. Bei manchen Themen steht die Frage im Raum, warum das denn so sei und wer das denn so entschieden habe, und da hat DWM gewisse Probleme, sie dort unbeantwortet stehen zu lassen, denn eigentlich ist es so schwer gar nicht: SmallBoss hat diese Dinge in seiner -zugegebenermaßen kurzen – Amtszeit eingeführt, bevor er von BigBoss gewaltsam entfernt wurde. Schon in internen Besprechungen war DWM aufgefallen, dass der Name SmallBoss nicht mehr ausgesprochen wird, aber hier ist es offensichtlich: minutenlang wird um den heißen Brei herumgeredet, von wegen ….historisch gewachsen…..blablabla und DWM muss all ihre Anpassungsfähigkeit zusammenraffen, um nicht einfach herauszuplatzen wie ein kleines Kind, das seine Mama auf der Straße lautstark auf einen auffälligen Menschen hinweist: „Der SmallBoss hat das so entschieden!“ Offensichtlich hat man im Konzern beschlossen (aus Gründen, die DWM mit ihrer begrenzten Auffassungsgabe nicht nachvollziehen kann), dass es SmallBoss und seine Amtszeit nie gegeben hat.

Österreichisch für Anfänger – der Owezara

Nun hat DWM ja schon mal verlauten lassen, dass sie einen arbeitsreichen Vormittag durchaus einem verbummelten Bürotag vorzieht, neidische Gefühle auf Kolleginnen, die dem mancherorts beliebten „Owezan“ fröhnen, sind ihr im Prinzip also fremd, aber wie das mit Prinzipien eben so ist, gibt es manchmal auch Ausnahmen davon.

Exkurs für die des österreichischen nicht mächtigen Leser: Owezan bedeutet, seine Arbeit mit weniger Engagement zu verrichten, als möglich und auch angebracht wäre und interessant findet DWM auch die historische Herleitung dieses Wortes:

Der Owezara ist ein Holzarbeiter. Früher wurden Pfosten und Bretter aus einem Stamm mit der Hand geschnitten. Die Säge , meist eine Doppelsäge, wurde von 2 Männern bedient. Der Stamm wurde in einer gewissen Höhe fixiert, dann wurde mit dem schneiden begonnen.Einer stand oben auf dem Stamm, der andere unten . Natürlich war für den oberen die Arbeit viel schwerer , denn dieser musste ja die Säge raufziehen und der untere war der OWEZARA, der hatte die leichtere Arbeit . Daher der Name Owezara oder owezan. Quelle: http://www.ostarrichi.org/wort-6624-at-owezahn.html

Obwohl der Owezara also historisch gesehen männlichen Geschlechts ist, findet man sie in der heutigen Arbeitswelt auch unter den weibliche Kollegen und um so eine geht es hier, genau genommen um ChatterBox, die an den wenigen Tage ihrer Anwesenheit (an den restlichen ist sie beim Arzt oder im Krankenstand) mit DWM das Büro teilt.

Morgens sinkt sie fünf Minuten nach neun Uhr seufzend auf ihren Stuhl. Die Kernarbeitszeit beginnt zwar um neun, aber durch die Zeiterfassungen bringen ihr die verpassten Minuten keinen Vorteil. Erschöpft von der langen Anreise verzieht sie sich erst mal in die Küche, um ihr Frühstück zuzubereiten, dass sie dann am Schreibtisch genüsslich verzehrt. Butter und Marmelade werden auf dem Brötchen verteilt, Kaffee wird genossen, etwaige Anrufe werden trotzdem zwischen zwei Bissen gnädig entgegengenommen. Danach werden Butter, Marmelade und Geschirr ordnungsgemäß in der Küche verräumt. Da die Uhr mittlerweile beinahe zehn Uhr zeigt, schnappt ChatterBox ihren Schlüssel, um die Post aus dem zweiten Stock zu holen. Da sich in diesem Stockwerk auch noch diverse andere Abteilungen befinden, die immer wieder einen Besuch wert sind, kann der Transport der Post vom zweiten in den dritten Stock schon mal eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. In Zeiten wie diesen besteht die papierene Post zwar in erster Linie aus Reklame und Seminareinladungen, aber auch diese müssen ordnungsgemäß in den beiden Räumen der Abteilung verteilt werden.

Nach so viel Aktivität können schon mal Kreislaufprobleme auftreten und ChatterBox zieht sich mit Verweis auf selbige zurück in den Raum, der als Ordinationsraum für den Betriebsarzt und vorgeschriebene Ruhestätte für Schwangere vorgesehen ist. Nach über einer Stunde taucht sie von dort wieder auf mit der Erklärung, sie sei kurz eingeschlafen. Leider habe das ihre Kreislaufprobleme nicht beseitigt, daher muss sie jetzt die Apotheke aufsuchen, um sich dort den Blutdruck messen zu lassen. Nach einer weiteren Stunde kommt sie mit prall gefüllten Müller-Tüten aus der Apotheke zurück.

Mittlerweile ist die Mittagszeit ins Büro gezogen und ChatterBox beginnt ihren Salat zu verzehren. Natürlich gibt es noch jede Menge anderer Gelegenheiten, um einen ungeliebten Arbeitsplatz zu verlassen, Akten müssen geholt und wieder zurück gebracht werden, und manchmal reicht als Erklärung auch ein lapidares „Ich bin mal kurz im zweiten Stock“ oder auch nur „Ich muss mal kurz wohin“, wobei eine Stunde natürlich im Vergleich zu einem ganzen Menschenleben tatsächlich kurz anmuten mag.

Interessant mag in diesem Zusammenhang eine Vorschrift sein, die vom Vorstand vor einigen Jahren erlassen wurde: Raucher müssen vor Aufsuchen der Raucherterasse sich ausstechen und erst nach Auftauchen am Arbeitsplatz wieder einstechen, sprich: Rauchzeit ist Freizeit. Was aber ist mit Frühstückszeit, Mittagsessenszeit, Kaffeeholzeit, Kaffeetrinkzeit, Postholzeit,…..?

Richtig gekleidet im Sommer

Alle Jahre wieder ereilt die Mitarbeiter eine Nachricht über das Intranet: Um die Umwelt mittels gesenktem Klimaanlagenenergieverbrauchs zu schonen, können die Konzernmitarbeiter ab sofort ihre Anzüge, Jacketts und Krawatten gegen luftigere und angenehmere Kleidung, die dem beruflichen Umfeld angemessen ist, eintauschen.

Abgesehen davon, dass es schon erstaunlich ist, eine kleidertechnische Entscheidung in einer Konzernzentrale zu treffen, die von meinem Arbeitsplatz geografisch und somit auch klimatechnisch doch recht weit entfernt liegt, klingt das ganze doch nach einer recht netten Idee. Allein wie so oft liegt der Hund im Detail. Was genau haben die Mitarbeiter jetzt zu verstehen unter „luftiger Kleidung“, die „dem beruflichen Umfeld angemessen“ ist? Boardshorts und FlipFlops oder die am angloamerikanischen Raum beliebte Variante „Shirt and Tie?“ Aber nein, da ist ja schon wieder die Krawatte dabei, die doch zur umweltschonenden Klimaanlagenvermeidung ebenfalls vermieden werden sollte.

Vielleicht bringt ein Blick in das Kapitel „Corporate Behaviour“ der Personaldatenbank Erhellung in das Thema. Vor der Krise – also in einem anderen Berufsleben – wurden alle Mitarbeiter mit einem halbtägigen Seminar „Stil und Outfit“ (Mitarbeiter des Vertriebes sogar ganztags inklusive Mittagessen zwecks Erlernung korrekter Tischmanieren) zwangsbeglückt. DWM, damals noch recht neu im Unternehmen war selten so erstaunt und erheitert nach einer Bildungsmaßnahme. Erstaunt darüber, dass Geld ausgegeben wird, um den Mitarbeitern persönliche Stylingtipps von einer Fachfrau angedeihen zu lassen (für ausgewählte  Beispielpersonen unterbreitete die Vortragende konkrete Vorschläge, welche Stoffe passend zu deren Hautstruktur zu wählen seien) in einem Haus, das sonst bekannt für die überlegte Kosten/Nutzen-Berechnung seiner Maßnahmen ist. Erheitert über den Vortragsstil der Outfitberaterin: Um den Damen die korrekte Rocklänge – bzw. die verboten kurze Rocklänge –  zu demonstieren (maximal knieumspielend ist erlaubt), zog sie ihren knöchellangen Rock bis weit über die Knie hinauf und entblößte Beine, die DWM Bewunderung für den Mut der Outfitberaterin abverlangte.

Für Damen also stellt der Minirock keine „dem beruflichen Umfeld angemessene luftige Kleidung dar“, wohl aber der knieumspielende Rock, soviel kann mit dem Wissen aus diesem Seminar schon mal geklärt werden. Auch Tops mit Spaghettiträgern sind verpönt, der Ansatz eines Ärmels sollte auch an heißen Tagen erkennbar sein, aber immerhin, auf die Longsleeves kann verzichtet werden.

Auf letzteres dürfen auch die Herren nach dem offiziellen Konzernbeschluss zum sommerlichen Downdressing getrost verzichten, allein, nicht alle wollen sich daran halten und damit kommt DWM zu einem Konflikt, der wohl in vielen Büros gärt, in denen Männlein und Weiblein sich auf eine gemeinsame Temperatur einigen müssen: Newcomer weigert sich, kurzärmelige Hemden zu tragen, möchte dafür aber die Klimaanlage gerne Eiswürfel spucken lassen. DWM plagt sich an den heißesten Tagen des Jahres ohnehin des Öfteren mit Erkältungen wegen dieser Unart. Obwohl sie sonst die Zurückhaltung in Person ist und niemals ungefragte Ratschläge verteilt, schon gar nicht stylingtechnischer Natur, kann sie sich nicht zurückhalten und empfiehlt NewComer ab einer Außentemperatur von 35 Grad vielleicht doch ein kurzärmeliges Hemd zu tragen. Der kommentiert den Vorschlag nur mit „Ich bin ein da ein wenig eigen, ich trage keine kurzärmeligen Hemden“ (was DWM unterschreiben würde, nicht nur beim Hemdenthema) und krempelt seine Ärmel auf, als ob er gleich eine Wirthausrauferei in Angriff nehmen wolle, auf dass der dadurch entstehende Stoffwust seinen Körper noch mehr wärme und er die Klimaanlage ein wenig kälter stellen kann.