Mein Leben als Strohwitwe (1) – der fehlende Held des Morgens

Nun ist es ja nicht so, dass DWM ein ausgesprochener Morgenmensch wäre. Viel eher könnte man sie schon als Morgenmuffel bezeichnen. Nachdem sie ihren Sohn abgestillt hatte, versuchte sie es morgens um halb fünf (erst nach der Einschulung ist DesperateSchoolBoy zu dem Schluss gekommen, dass es zumindest an Wochentagen angenehm wäre, länger zu schlafen) so lange mit dem Totstellreflex, bis DWD sich um den Nachwuchs kümmerte. Und weil nix so fix ist wie ein Provisorium, wurde diese einmal bewährte Methode als allgemeine Alltagspraxis übernommen. Dazu muss man allerdings sagen, dass DWD sowohl genetisch als auch beruflich bedingt sich viel eher zum Morgenmensch eignet. DWM rappelt sich morgens erst mühselig aus den Federn hoch, wenn Kaffeeduft aus der Küche signalisiert, dass es sich auch wirklich lohnt. Frische Brötchen, Pausenbrote für die Kinder, alles wird von DWD bereitgestellt, während DWM sich seufzend auf ihren Platz fallen lässt.

Damit die Leserin nicht vor Neid erblassen muss, sei gesagt, dass dieser Service natürlich auch seinen Preis hat. Es kann schon mal passieren, dass DWD abends mitten im Satz einschläft, wenn DWM etwas mit ihm besprechen möchte. Nicht einmal DWM kann schließlich alles haben.

Wie so oft im Leben, wird einem der Luxus erst richtig bewusst, wenn man ihn nicht mehr hat und so könnte man jetzt unterstellen, DWD sei deshalb zu seiner Segelreise aufgebrochen, um zu Hause mit seinen Leistungen wieder richtig geschätzt zu werden.

Es wäre aber nicht DWM, wenn sie nicht mangelnde Morgenfrische durch Organisationstalent zumindest teilweise wettmachen könnte. Pausenbrote werden abends geschmiert (allfällige Qualitätsbeschwerden wird DWM abwettern müssen), ein schneller Espresso zum Frühstück muss reichen. Der schlimmste Morgen der Woche ist geschafft – es kann also nur noch aufwärts gehen!

 

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Das Unvermeidliche auch hier – Muttertag

Und wieder mal kommt DWM nicht umhin, über das Unvermeidliche zu schreiben. In paradiesischen Zeiten, in denen die Au-Pairs in DWMs Haushalt das Zepter schwangen, wurde an diesem Tag immer der Scherz gemacht: „Muttertag ist der Tag im Jahr, an dem hier die Mutter alles machen muss.“

DWM hatte diesen Tag immer belächelt, nicht bedenkend, dass Hochmut vor den Fall komme. Stressig am Muttertag war die Vorbereitungsphase, während der von seiner Mutter erblich belastete handarbeitstechnische Blindgänger DSB in der Grundschule genötigt wurde, selbstgehäkelte Muttertagsgeschenke zu produzieren. Dieser Stress wurde zu Hause weitergegeben und hatte somit einen eher kontraproduktiven Muttertagseffekt zu Folge.

Heuer aber ist das erste Jahr, in dem beide Kinder im Gymnasium und somit keine Muttertagsgeschenke zu befürchten erhoffen sind. Auf die Frage, was DWM sich denn zum Muttertag wünsche, gibt sie die immer gleiche, aber für ihre Kinder auch immer gleich unbefriedigende Antwort: brave Kinder. Da dieses Geschenk offensichtlich als zu hoch gegriffen erachtet wird, backt DSG einen Kuchen.

Dieser muss jetzt noch dekoriert werden und so sitzt DWM seit Stunden (naja, vielleicht auch Minuten) mit knurrendem Magen und Koffeinentzugserscheinungen am PC.

DWD ist schon frühmorgens zu seiner SLA-Verletzung Segelregatta aufgebrochen. Daher darf DWM allein mit Sohnemann für die morgige Mathearbeit lernen.

In diesem Sinne: einen schönen Muttertag, liebe Leserinnen!

Wo ist nur die Zeit geblieben?

Warum muss DWM manchmal einen Wutanfall unterdrücken, wenn die Kollegen ihr bei der Verabschiedung einen schönen Nachmittag wünschen?

Warum hat sie keine Zeit für ihren Mann? Oder gar für sich selbst?

Warum hat sie das Gefühl, nichts zu schaffen, obwohl sie außer Wäsche noch nicht mal nennenswerte Hausarbeit erledigt? Warum fühlt sie sich so erschöpft, obwohl sie im Büro Teilzeit arbeitet und ihre Kinder schon so groß sind?

Um sich nicht völlig mit ihrer Unzulänglichkeit fertig zu machen und anschließend in Selbstmitleid zu versinken, schreitet DWM zur Tat und erstellt eine Liste ihres Tagesablaufs:

06:30 – 07:30 Gemeinsames Frühstück + Abfertigung der Schulkinder

07:30 – 08:00 DWDs Steuerkram heraussuchen

08:00 – 08:30 Fahrt zur Arbeit

08:30 – 14:00 bezahlte Arbeit

14:00 – 14:30 Rückfahrt

14:30 – 15:00 Übergabebesprechung mit DWD

15:00 – 18:00 Hausaufgabenbetreuung, Lernhilfe, Wäsche, Steuererklärung im Multitaskingverfahren

18:00 – 19:00 gemeinsames Abendessen

19:00 – 20:00 Geburtstagsplanung für DSB inkl. gemeinsame Produktion der Einladungen

20:00 – 22:00 alljährlicher Geburstagskinobesuch mit einziger verbliebener Freundin, die mit engen Zeitfenstern leben kann

23:00: erschöpftes zu-Bett-fallen ohne jeglichen Romantik-Faktor

An den anderen Tagen werden manche Punkte ersetzt durch Geburtstagsshopping für DSB, dringende Beseitigung der chronischen Untersportung, Softwareunterstützung für DSGs Online-Hausaufgaben, ein Mittagessen mit dem Chef sowie ein zusätzlich im Büro verbrachter Nachmittag zwecks Vorbereitung wichtiger Präsentationen.

Nach Durchsicht der Liste fühlt DWM sich schon besser. Die meisten Dinge auf der Liste hat sie selbst entschieden zu tun.

die bezahlte Arbeit – eh klar. Trotz aller Kalamitäten hat DWM sich (bisher vor allem aus Mangel an Alternativen) entschlossen, den Job zu behalten, um die wirtschaftliche Unabhängigkeit zu wahren und die verbliebenen grauen Zellen zu fordern

den damit verbundenen Hin- und Rückweg – auch klar

DWDs Steuerkram – im Gegenzug für gefüllten Kühlschrank und Erledigung der handwerklichen Allfälligkeiten im Haus

die gemeinsamen Mahlzeiten – mittlerweile seltene Gelegenheiten, die Familie um sich zu versammeln und sich auszutauschen

die Wäsche – da sich DWM nicht konsequent genug um ein Outsourcing gekümmert hat, somit eine ebenfalls eine – indirekte – Entscheidung

die Hausaufgaben- und Lernbetreuung – obwohl DWM wusste, dass es für ihren ADS-gehandicapten Sohn nicht einfach würde, hat sie entschieden, ihn aufs Gymnasium gehen zu lassen

Die Geburtstagsvorbereitungen – was gibt es schöneres, als den Geburtstag der Kinder zu feiern?

Nach diesen Überlegungen fühlt DWM sich noch viel besser. Sie führt ein selbstbestimmtes Leben – ist das nicht unser aller Ziel?

Ideologie am Frühstückstisch

Nun ist der Morgen schon an sich schon nicht DWMs bevorzugte Tageszeit und sie ist jedesmal wieder stolz, wenn sie den Routineaufbruch der Familie und ihren eigenen erfolgreich hinter sich gebracht hat. Die kleinste Mücke kann um diese Tageszeit die Dimension eines Elefanten erreichen.

DWD scheint eher für diese Tageszeit geschaffen zu sein, oder ist er einfach nur anpassungsfähiger, wäre er einer der wenigen Überlebenden beim Hereinbrechen einer plötzlichen Eiszeit? Jedenfalls stiefelt der Held der Familie jeden Morgen zum Bäcker, um seine Anvertrauten mit frischen Brötchen zu versorgen.

Als DWM sich im Schlafanzug auf ihren Platz am Frühstückstisch plumpsen läßt (sie hat nach dem Aufbruch ihrer Lieben noch genug Zeit, sich sozialverträglich zurechtzumachen), plappert DSG schon munter über die lang ersehnte Eröffnung des Holister-Shops, der ein Teil ihrer Freundinnen beigewohnt hat und wo ja soooooo viel los war und es lohne sich ja üüüüüberhaupt nicht mehr, vor Weihnachten da hinzugehen, man müsse sich anstellen um überhaupt hineinzukommen und…….

DWM lässt dieses Geplapper in morgendlicher Apathie an sich vorüberziehen, während sie in ihrem Kaffee rührt, DWD aber kann sich eine kleine Bemerkung nicht verkneifen: „Das muss man erst mal schaffen.“ Nun hört sich dieser Satz so für sich gelesen erst mal ganz harmlos an, nicht wahr? Nur Eingeweihte können erahnen, was für ein erbitterter Kampf der Ideologien in dieser Familie geführt wurde und wird, der sich einem so kleinen unscheinbaren Satz verstecken kann. DSG hat ein Jahr lang ihr Taschengeld gespart und ihre heurige Herbstgarderobe auf ein absolutes Minimum reduziert (was DWM wiederum vor wäschetechnische Herausforderungen stellt), um in London ein paar Stücke bei Abercrombie & Fitch einkaufen zu können. DWD wiederum läßt keine Gelegenheit aus, um die Markenhörigkeit zu kritisieren. DWM versucht sich neutral zu verhalten, ihrer Tochter Toleranz entgegenzubringen obwohl sie (eifrige Leser kennen ihre Shopping-Gewohnheiten – sie kann sich ja nicht einmal zur Anschaffung markenloser Kleidungsstücke durchringen) die Meinung ihres Ehemannes durchaus nachvollziehen kann.

Um diese Tageszeit jedoch ist die Politikerin in DWM noch nicht im Dienst. Sie hört die Debatte förmlich schon heranziehen (gleich wird DSG ihrem Vater vorwerfen: „Das musst du gerade sagen“, weil er in einem anderen Leben mal einen BMW gefahren hat) und das Rühren gestaltet sich so schwungvoll, dass der Kaffe überzuschwappen droht. Alles andere als diplomatisch bittet sie DWD, um diese Tageszeit seine Meinungen für sich zu behalten.

Der weitere Verlauf des Frühstücks bleibt der Phantasie des Lesers überlassen. Vielleicht noch ein kleiner Hinweis für Menschen mit wenig Familienerfahrung: Der Einwand DWDs, er fühle sich gegängelt, war nicht der richtige Weg, um eine Deeskalation herbeizuführen.

Die gute Nachricht: trotzdem kamen alle pünktlich an ihrem morgendlichen Wirkungsort an.

Ganze Männer machen halbe halbe…

…. war vor einigen Jahren der Titel einer Kampagne in Österreich, die die Männer zur Mithilfe im Haushalt animieren sollte. Über den Erfolg derselben weiss ich nicht Bescheid, ich begnüge mich wie immer mit meiner Stichprobengröße von n = 1 und freue mich, dass DWD meine Auffassung von Teilen teilt. Zumindest in guten Zeiten.

Wie das bei alten Ehepaaren manchmal der Fall ist, haben wir so unsere Kommunikationsrituale entwickelt. Eines davon bedient die leidige Haushaltsfrage. Wenn ich wegen potenzieller Überbewertung von Arbeitsfront, Schulfront und Erziehungsfront die Beziehungsfront vernachlässigt habe und mein Kommunikationsverhalten nicht mehr den Ansprüchen von DWD genügt, versteht er es mit einem „Du machst viel weniger im Haushalt als ich“ mich aus der Reserve zu locken und eine möglicherweise lange überfällige Diskussion in Gang zu setzen. Gar nicht auszudenken, was aus unserer Beziehung würde, wenn wir (endlich) eine Haushaltshilfe hätten 🙂