DWM hat es wieder getan oder Wie schützt man sich vor Bore-Out-Kollegen?

Eigentlich hatte DWM sich ja geschworen, es nie wieder zu tun. Gemütlich und kuschelig hatte sie es sich eingerichtet in ihrem Job, sich gefreut, in NewComer einen umgänglichen Kollegen zu haben und versucht, sich mit ihm gegen den Rest der Welt abzuschotten. Den hektischen Aktionismus von BigBoss wollte sie mit Fassung tragen und die lächerliche Zurschaustellung von Wichtigkeit in der zweiten Ebene mit Humor. Seit sie von BusyBody räumlich getrennt im Vorzimmer von NewBoss residiert, muss sie auch dessen Anwesenheit nicht mehr ertragen, denn die Tür zum Vorstand steht meist offen und selbst BusyBody verspürt offensichtlich Hemmungen, den Großteil des Arbeitstages vor NewComer und DWM aufgepflanzt seine Unentbehrlichkeit zu demonstrieren. Sonst könnte ja jemand auf den Gedanken kommen, er wäre an seinem Arbeitsplatz entbehrlich.

Die traute Zweisamkeit von NewComer und DWM wurde vor ein paar Wochen gestört durch die Rückkehr von ChatterBox aus dem neunmonatigen Krankenstand. ChatterBox bezeichnet ihr Krankheitsbild gern als BurnOut, wenngleich DWM bisher darunter Erschöpfungszustände von Überlasteten verstand. Nun kennt DWM ja einige Menschen, sowohl in der realen Welt als auch in Bloggersdorf, die so einiges stemmen im Leben, aber bei ChatterBox kann diese Überlastung nur psychischer Natur sein. Was es wahrscheinlich für die Betroffene nicht weniger schlimm macht. ChatterBox hat eine ähnliche Degradierung hinnehmen müssen wie DWM, und das ganz ohne Teilzeit-Mutter-Vorwand. Den Intrigenversuchen von BusyBody ist sie so richtig schön ins Messer gelaufen und ihre Angewohnheit, mit dem Spruch „Ich muss mal schaun, ob ihr hier eh was arbeitet“ auf den Lippen in diversen Abteilungen zum Tratschen aufzutauchen, hat auch nicht zur Steigerung ihres Beliebtheitsgrades beigetragen. Hier könnte vielleicht der Eindruck entstehen, DWM hätte etwas gegen ChatterBox, aber das stimmt nur bedingt. Früher waren sie sogar privat befreundet gewesen, aber wie schon bei manchen Lehrern in der Schulzeit muss DWM feststellen, dass manche Menschen so gut zwischen Beruf und Privat trennen können, dass es beinahe schon an Schizophrenie grenzt. Spätestens seit DWM mit ChatterBox ein Büro teilen muss, ist ihre Beziehung jedenfalls merklich abgekühlt, auch wenn ihr gewisse Tendenzen, über den Großteil der Kollegen herzuziehen, schon bei diversen Lunch-Dates auf die Nerven gegangen waren. In den Wochen vor ChatterBox‘ Rückkehr war BusyBody wiederholt mit ins Gesicht geschriebener Schadenfreude in DWMs Büro aufgetaucht war mit der Aufforderung, man solle die Ruhe genießen, denn bald sei es ja vorbei damit (ohne seine Anwesenheit hätte man die Ruhe in der Tat genießen können).

Nach ChatterBox‘ Rückkehr aus der Reha hatte die wider allen Erfahrungen immer noch optimistische DWM an eine Verbesserung geglaubt, sowohl des psychischen Zustandes der Kollegin als auch deren Sozialverträglichkeit im Büro. Der frühere Diskussionspunkt Radio blieb ausgeschaltet, DWM und NewComer durften sich also ohne nerviges Hintergrundgedudel und kreischende Werbeeinschaltungen auf ihre Arbeit konzentrieren. Auch stundenlanges Postholen aus dem darunterliegenden Stockwerk war bisher ausgeblieben. Um die Konversationsversuche nicht ausufern zu lassen, hatte der sonst so gutmütige Newcomer zu einer Maßnahme gegriffen, die normalerweise nur DWM anzuwenden wagte: er antwortet einfach nicht. Diese auf den ersten Blick möglicherweise unhöflich wirkende Reaktion zeigte durchaus die gewünschte Wirkung, denn der Smalltalk konnte damit auf ein büroübliches und somit erträgliches Maß gesenkt werden. Alle Zeichen standen auf Kuschelkurs.

Bis nach und nach wieder Verhaltensweisen um sich greifen, wie zerstörerische Pflanzen sich in ein Mauerwerk graben. Chatter Box singt vor sich hin, kommentiert jeden ihrer Handgriffe, besprüht und bezupft ständig alle Pflanzen der drei angrenzenden Büros fordert mehrmals nachdrücklich zum Aufräumen der Schreibtische auf, holt stundenlang die Post oder irgendwelche Akten, währenddessen DWM und NewComer ihr Telefon bedienen dürfen und wenn ihr trotzdem zu langweilig wird, begibt sie sich ins Nebenbüro, weil sie in BusyBody einen Gleichgesinnten hat, der mit ihr plaudert (sie danach bei ApplePolisher verpfeift).

Wieder einmal darf DWM auf ihren bei der Kindererziehung erworbenen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen, denn sie hat gelernt, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, während die Kinder bei den Hausaufgaben singen, pfeifen oder auch streiten. Der arme NewComer hingegen ist der akustischen Invasion völlig hilflos ausgeliefert. Angespannt duckt er sich hinter die drei Monitore, die er als Schutzschild vor seinem Gegenüber aufgebaut hat, um wenigstens Sichtkontakt zu vermeiden.

Anfangs hatte DWM noch versucht, ChatterBox bei der Übernahme mancher Assistentenagenden von ihrer Vorgängerin zu helfen, obwohl das wahrlich nicht ihre Aufgabe gewesen wäre, aber langsam verliert auch sie die Geduld und dann braucht es nur eine Kleinigkeit, um sie aus ihrer hart antrainierten, neuen Entspanntheit zu reißen. Der März ist traditionellerweise der Monat, in dem die ELZ ausbezahlt wird. Diese „Erfolgs- und Leistungsabhängige Zahlung“ hat leider so überhaupt nichts zu tun mit den Boni, die man aus den sagenumwobenen Bankergeschichten kennt, sondern stellt eher eine kleine Anerkennung dar, mithilfe derer man versucht, dem jährlichen Mitarbeitergespräch eine gewisse Wichtigkeit zu verleihen, denn dort wird die Höhe der ELZ verhandelt. Da sich die ELZ auch nach dem Grundgehalt richtet, ist sie für eine Teilzeitkraft wie DWM ohnehin nicht der Rede wert, aber sie betrachtet es wie gesagt als kleine Anerkennung ihrer Leistungen. Diese Anerkennung bekommt man außer auf dem Konto auch in Form eines Briefchens von seinem Vorgesetzten überreicht, ApplePolisher hat sogar „Danke“ dazugesagt. Als ChatterBox nach eineinhalbstündigem Postholen sieht, wie DWM den Briefumschlag ungeöffnet in die Handtasche steckt, kann sie das nicht unkommentiert lassen:

„Ich an deiner Stelle würde es aufmachen, denn im Gegensatz zu mir steht bei dir wenigstens was Schönes drin.“

DWM versucht es mit der altbewährten Schweigestrategie, sie weiß, dass ApplePolisher den Topf heuer in Richtung NewComer und DWM geneigt hat, so dass für die anderen Kollegen ein bisschen weniger geblieben war (ChatterBox war ohnehin nur ein halbes Jahr anwesend gewesen und die Unterschiede sind nicht wirklich der Rede wert), aber sie ist nicht gewillt, diese Tatsache in diesem Kreis zu kommentieren. ChatterBox aber lässt nicht locker, bis DWM sich genötigt sieht, etwas deutlicher zu werden: „Ich möchte meine ELZ hier eigentlich nicht besprechen!“ Sofort beteuert ein demonstrativ zerknirschtes Gegenüber, dass das ja überhaupt nicht so gemeint war und hebt zu einer flammenden Rede über die Ungerechtigkeit von BigBoss an, der ihr gar nichts geben wollte, obwohl sie sich in ihrem halben Jahr so überarbeitet habe und für die nächste halbe Stunde wird es wieder nichts mit konzentrierter Arbeit.

Nun ist DWM ja normalerweise niemand, der jemanden wegen Drückebergerei beneidet, ja ihm oder ihr sogar nacheifern möchte. Seit ihrem ersten Ferialjob in einem Jeansladen gibt es für sie nichts Schlimmeres, als untätig das Ende eines Arbeitstages zu erwarten. Aber selbst DWM hat gute und weniger gute Tage und an weniger guten Tagen drücken die bevorstehenden Abgabetermine des unerbittlich näherrückenden Monatsultimos mehr als an den guten und an weniger guten Tagen ist sie nicht so in der Lage, ihre verrückte Umweld mit einem Lächeln zu übergehen wie an den guten.

Falls der Leser nach dieser ausufernden Schilderung des Büroalltages noch nicht eingeschlafen ist, möchte DWM heute um seinen (wahrscheinlich eher ihren) Rat bitten: Soll man in dieser Konstellation für Ruhe sorgen und wenn ja, wie? Soll DWM weiterhin ihre Schweigestrategie anwenden, mit der sie in guten Tagen durchaus zurechtkommt, und das Risiko eingehen, dass NewComer neben ihr irgendwann platzt? (oder noch schlimmer – möglicherweise sogar sie selber!) Soll sie ChatterBox direkt bitten, bei der Arbeit weniger zu singen, selbige nicht ständig zu kommentieren und ihr Telefon umzuleiten, wenn sie so lange weg ist? Das könnte durchaus als verletztend aufgefasst werden. Ein vertrauter Kollege hat ihr gar geraten, ihren Vorgesetzten ApplePolisher zu Rate zu ziehen, aber Petzen ist nun wahrlich nicht DWMs Ding. Wie also herauskommen aus dieser Lose-Lose-Situation?

DWM erweist sich als erstaunlich wenig lernfähig und versucht es mit dem bisher schon nicht erfolgreichen Fluchtreflex. Obwohl sie weiß, dass die aufgerufenen Web-Adressen mitprotokolliert werden, ruft sie die „Karriere“-Seite eines ihr bekannten Unternehmens auf und bewirbt sich auf eine Position, die ihr verlockend erscheint. Dabei hatte sie sich nach ihren frustrierenden Erlebnissen mit der Jobsuche geschworen, es nie wieder zu tun.

 

 

 

 

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Endlich wichtig!

Da es schon nach 14 Uhr ist, überlegt DWM, ob sie den Anruf aus der Vermittlung überhaupt noch entgegen nehmen soll. Meistens lassen sich ohnehin nur Keiler auf diesem Weg verbinden, wer aus gutem Grund mit DWM sprechen möchte, kennt ihre Durchwahl.

„Ach, du bist eh noch da, ich hab da eine Frau für dich dran, die will mit dir sprechen!“

Die Vorfilterung der Anrufe in diesem Unternehmung lässt wieder einmal keine Wünsche offen. DWM nimmt das Gespräch gnädig entgegen.

„Guten Tag, Frau DWM, Mein Name ist Frau Y. Bitte erschrecken Sie jetzt nicht, ich bin eine HeadHunterin!“

Selbstverständlich erschrickt DWM, gerade deswegen ja, endlich hat jemand ihre Wichtigkeit erkannt und sie wird abgeworben! Yeah!

„Möchten Sie mir ihre Mobiltelefonnummer geben?“

Brav diktiert DWM der Dame ihre Nummer und vereinbart eine Uhrzeit für das Telefonat. Möglichst früh, nachdem sie zu Hause angekommen ist, um sich nicht selber unnötig lang auf die Folter zu spannen. Die noch offenen Kleinigkeiten können getrost auf morgen verschoben werden, DWM könnte jetzt ohnehin keine konzentrationstechnische Meisterleistung vollbringen. Der Gedanke an das bevorstehende Gespräch beschwingt ihren gesamten Heimweg, kleine Wenns und Abers, die die Freude zu stören versuchen, schiebt DWM energisch beiseite. Im Lift überlegt sie sich, wie sie ihre zeitliche Einschränkung verkaufen soll. Ach was, mit Telearbeit wird sich das schon machen lassen.

Eine Minute nach der vereinbarten Zeit klingelt das Telefon. Ohne Vorgeplänkel kommt die Dame zur Sache.

„Ich hätte ein Angebot in XXX. Wäre das für Sie vorstellbar, oder ist das für Sie ein absolutes NoGo?“

Enttäuscht muss DWM gestehen, dass das für die nächsten Jahre noch ein absolutes NoGo ist. Mit ihrer Familie ist sie ungefähr so mobil wie eine Eiche. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Angebot so gut bezahlt ist, dass DWD seine Praxis aufgeben kann, zieht sie realistischerweise gar nicht erst in Betracht und den Kindern gegenüber fühlt sie sich zu Sesshaftigkeit verpflichtet. Immer wenn das Thema anhand von Beispielen im Bekanntenkreis zur Sprache kommt, wird beteuert, wie schlimm das für sie wäre. Also wohl eher was für den WorstCase.

Nach der nächsten Frage kann DWM ihre Wehmut wegen mangelnder Mobilität gleich wieder einsammeln.

„Sie sind doch der Compliance Officer, oder?“

DWM verneint diese Frage eigentlich nicht ungern, denn das ist ein Job, den sie ungefähr so gerne machen würde wie – fällt ihr jetzt gar nix ein, ohne jemanden zu beleidigen (an alle Compliance Officer dieser Erde: Ihr macht das sicher toll, aber DWM ist dafür nicht geschaffen, es liegt an ihr). Aber in diesem speziellen Fall heißt das, dass sie nur aufgrund einer Verwechslung wichtig genug für den Anruf eines Headhunters war. Der falsche Job in der falschen Stadt. Aber immerhin hat er eine Stunde lang positiven Schwung in DWMs Tag gebracht 🙂

 

 

DWM gibt noch nicht auf (3)

…laden wir Sie zu einem Gespräch in unserer Personalabteilung ein. Zwecks Terminvereinbarung…..

DWM geht fast an die Decke vor Freude, als sie den Brief liest. Sie vereinbart einen Termin mit des Assistentin des gefürchteten Verhandlers und widmet sich dem umfangreichen Fragebogen, der der Einladung beiliegt. Etwas angestaubt vielleicht in Zeiten wie diesen, aber dafür suchen sie ja jemanden für die IT-Organisation, nicht wahr? Ebenfalls beigelegt ist ein Ausdruck aus Google Maps, auf dem der Standort der Personalabteilung markiert ist und das findet DWM schon mal sehr zuvorkommend.

Dieser Standort befindet sich in repräsentativer Citygegend, deswegen parkt DWM gleich in der Garage, bevor sie sich zum Gespräch begibt. Dann muss sie ein wenig warten, bevor sie vom harten Verhandler empfangen wird. Den sie sich definitiv anders vorgestellt hat. Nicht nur, dass er wohl um einiges jünger ist als DWM (langsam sollte sie sich offensichtlich mal daran gewöhnen). Er wirkt eher ruhig, statt dem stahlblauen harten Blick beim letzten Gespräch schaut DWM jetzt in sanfte braune Augen. Auch gut. Das Vorgeplänkel wird wieder kurz gehalten, der Verhandler will wissen, was für DWM im Projektmanagement denn wichtig sei. DWM ist erstaunt, dass auch in dieser Runde Fachliches besprochen wird und gibt ihre Meinung zum Besten. Zur Sicherheit fragt sie nochmal nach, ob denn ihrem Wunsch nach einem 80%-Vertrag entsprochen werden könne, der Herr Abteilungsleiter wollte diesbezüglich noch mal in sich gehen. Man kann.

Erstaunt nimmt DWM zur Kenntnis, dass einer der beiden ausgeschriebenen Jobs (natürlich der, den sie lieber gehabt hätte) nun doch intern vergeben worden war. Nach kurzem innerlichen Bedauern konzentriert sich DWM wieder auf das Gespräch. Es gibt  immerhin noch den anderen zu vergeben. Nach einem kurzen Blick auf den Lebenlauf, den er vor sich auf dem Besprechungstisch liegen hat, will der Verhandler jetzt wissen, wie das denn gewesen sei mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei ihrem Wiedereinstieg. Jetzt ist DWM erst recht erstaunt, denn das ist fast 10 Jahre her. Während sie bereitwillig Auskunft gibt und geduldig auch die Zwischenfragen zum schier unerschöpflichen Thema „Au-Pair Ja oder Nein“ beantwortet, schöpft sie den Verdacht, der Verhandler benötige diese Informationen für private Zwecke. Sicherheitshalber betont DWM noch einmal, dass eine qualifizierte Arbeit der Mutter nur mit tatkräftiger Mithilfe des Vaters zu schaffen sei. Ob er diesen Satz zu Hause auch so wiedergeben wird? 🙂

Spät aber doch kommt er auf das heikleThema zu sprechen. Wieder zückt DWM ihren Gehaltszettel. Im Vorfeld hatte sie sich schon überlegt, ob und wie viel Gehaltsverzicht für sie vorstellbar wäre. Nach Rücksprache mit DWD – schließlich fließt DWMs Gehalt in den Familienetas – kann sie sich einen Verzicht auf den jährlichen Bonus vorstellen. Auf den besteht ohnehin kein rechtlicher Anspruch, auch wenn er bisher in jedem Jahr, wenn auch in unterschiedlicher Höhe, bezahlt wurde.

Die Reaktion ihres Gegenübers versetzt DWM abermals in Erstaunen. Er bemerkt zwar ebenfalls, das sei eher hoch angesiedelt, aber er habe leider keinen Einfluss auf den Entscheidungsprozess, das müsse der Abteilungsleiter machen, für ihn müsse Gerechtigkeit innerhalb seines Bereiches herrschen bla bla bla. Da haben wir es wieder mal. Keiner möchte über Geld reden, keiner möchte die Verantwortung für eine möglicherweise unpopuläre Entscheidung tragen.

Zum Schluss darf DWM noch einen Blick in den Kollektivvertrag werfen und sich damit gleich ein realistisches Bild ihrer Chancen machen. Wie wird der letztendliche Entscheider – wer immer das sein mag – entscheiden? Verdient DWM tatsächlich so viel, dass es bei einem Wechsel unmöglich ist, das Niveau zu halten? Wie wird sich die Tatsache auswirken, dass in der potenziellen Abteilung nur Frauen arbeiten? Gerüchten zufolge verdienen die viel weniger als Männer und DWM (die bisher nur unter Männern gearbeitet hat) müsste an die dortige Struktur angepasst werden….

Mit gemischen Gefühlen verlässt DWM das Personalbüro und harrt der Dinge, die in den nächsten vierzehn Tagen eintreten werden oder auch nicht.

DWM gibt (noch) nicht auf (2)

Es war nicht anders zu erwarten gewesen. DWD hatte es geschafft, DWMs Zweifel bezüglich der Arbeitszeit zu zerstreuen, 80 % müssten doch drin sein, er sei schließlich auch noch da.

Das war auch gut so, denn einen Tag nachdem DWM auf den „Senden“-Button ihrer Bewerbungsmail gedrückt hatte, kommt schon der Anruf. Wann sie denn Zeit für ein Gespräch habe. Nur mit Mühe kann DWM den Jubel unterdrücken. Wusste sie doch, dieser Job ist wie geschaffen für sie.

Das Büro liegt in der Nähe des jetzigen, somit kann das Gespräch schon am nächsten
Tag diskret in der Mittagspause erledigt werden. DWM bereitet sich diesmal akribisch darauf vor. Um finanzielle Überraschungen wie beim letzten Mal von vornherein auszuschließen, druckt sie sich den letzten Lohnzettel aus und nimmt ihn zu ihren Unterlagen.

Am Gesprächstag lässt DWM den Blazer im Auto hängen. Mittlerweile trägt sie Business nur mehr bei externen Terminen und sie will ja kein Aufsehen erregen bei den Kollegen. Um halb zwölf verkündet sie, diesmal ein wenig länger auf Mittag zu bleiben und verschwindet in die Tiefgarage. Blazer übergezogen, Erscheinung im Rückspiegel überprüft (nicht sehr sinnvoll bei der Beleuchtung im 3.UG). Während sie sich in ihrem Auto nach oben schraubt, trifft sie plötzlich eine Erkenntnis: sie hat ihren Terminkalender auf dem Schreibtisch liegen gelassen. Aufgeschlagen natürlich am heutigen Tag. An dem um die Mittagszeit ein Eintrag mit dem Firmennamen prangt, zu der sie gerade unterwegs ist. Da es sich um ein Konkurrenzunternehmen handelt, bräuchte ein – absichtlich oder unabsichtlich – stöbernder Kollege nur eins und eins
zusammenzählen. Was tun? Draußen im verbotenerweise halten, nach oben laufen,
Kalender holen? Da versucht DWM so unauffällig wie möglich zu agieren und dann kommt sie auf dem Weg zur Mittagspause wieder zurück, weil sie ihren Terminkalender
vergessen hat? So gut sie mit Newcomer auch auskommt, aber ihre
Fluchtaktivitäten möchte sie ihrem direkten Gegenüber doch nicht auf die Nase
binden. Außerdem würde das ihren Zeitplan durcheinanderbringen. Also das beste
hoffen und weiterfahren. Wer sollte denn schon etwas auf ihrem Schreibtisch
suchen, wo doch ohnehin jeder weiß, dass das bei der dort herrschenden Ordnung
ein völlig sinnloses Unterfangen ist.

Viel zu früh kommt DWM vor dem Gebäude an und stellt fest, dass sie doch nach einer Parkmöglichkeit hätte fragen sollen. Aber auch jetzt hilft nur die Flucht nach vorn, nach zwei Runden stellt sie ihren Kleinwagen auf ein Plätzchen, das privat sein mag oder auch nicht und schlendert betont langsam zum Eingang. Immer noch zu früh. Nach einer halben Umrundung des Gebäudes beschließt DWM, dass ein paar Minuten zu früh vertretbar sind und betritt ihr hoffentlich zukünftiges Bürogebäude. Im Treppenhaus wird sie von zahlreichen Jeansträgen freundlich gegrüßt. Bald würde sie auch
dazugehören! Die Assistentin schein erfreut über ihr frühes Erscheinen, die
Herren seien schon da, sie könne gleich durchgehen.

Schön, dass sich nicht nur Chef sondern auch ChefChef am Gespräch beteiligt, freut sich DWM. Das macht doch gleich einen professionelleren Eindruck als beim letzten Mal. Das übliche Geplänkel wird kurz gehalten, schnell wird es fachlich und DWM glaubt, doch einigermaßen punkten zu können, als Chef sie mit einem stechenden Blick aus seinen blauen Augen (unter anderen Umständen hätte man diese durchaus bewundern können) fragt: „Und wie sieht es mit Ihrer zeitlichen Verfügbarkeit aus?“ Immerhin scheint er Ahnung davon zu haben, wie aufwändig die Familienarbeit sich auch mit vergleichsweise großen Kindern gestaltet und hat sie trotzdem eingeladen.
„Wie viel arbeiten Sie denn jetzt?“ DWM gesteht ihren 50% -Vertrag und
versichert – wie sie hofft – glaubhaft, dass sie zur Zeit auf alle Fälle 80%
erübrigen könne.

„Und wie wollen Sie die aufteilen?“ Der will es aber ganz genau wissen. DWM versichert ihm, bis auf einen Tag in der Woche einigermaßen flexibel zu sein, da sie ja wisse, dass man sich bei Projektarbeit nicht auf nur Vormittagstermine beschränken könne, weil das die Terminfindung zu sehr behindere. Die Antwort scheint ihren Gesprächspartner einigermaßen zu befriedigen, sodass DWM einen weiteren Vorstoß wagt. Aber auf die Frage, ob Papierkram zum Teil auch zu Hause erledigt werden könne, reagiert er genauso ungehalten wie seine Vorgänger. Nein, Telearbeit sei nicht üblich und man habe auch nicht vor, das einzuführen. Dass DWM einräumt, es ginge ihr in erster Linie um die Möglichkeit, bei eventuellen Krankheitsfällen keine
Pflegefreistellung in Anspruch nehmen zu müssen, scheint ihn wieder zu
besänftigen. Natürlich komme es in seinem IT-lastigen Bereich immer wieder mal
vor, dass jemand eine kurze Wartungsarbeit von zu Hause aus erledigen müsse,
die ließen sich schon Möglichkeiten finden.

Nachdem diese Fronten geklärt sind, kann man sich wieder der Fachdiskussion widmen. ChefChef verlässt unsere traute Gesprächsrunde, während DWM sich freut, mit ihren Kenntnissen punkten zu können.  Ganz zum Schluss stellt Chef
dann doch noch die obligatorische Frage nach dem Gehalt. DWMs Vorstellungen
kommentiert er mit „Na da wünsche ich Ihnen viel Vergnügen bei der Verhandlung
mit unserem Personalchef. Das ist ein ganz harter Verhandler, was mir selber
oft leid tut, wenn ich nicht die Leute bekomme, die ich haben möchte.“

Wie soll DWM das jetzt interpretieren? War das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht? Steht ihr jetzt schon die nächste Runde mit dem Personalchef zu, obwohl sie nur 80% arbeiten möchte? Und ist es jetzt schon abzusehen, dass dort Endstation sein wird, nur weil DWM zumindest ebenso viel verdienen möchte wie jetzt?

 

 

 

DWM gibt (noch) nicht auf! (1)

DWM ist ja durchaus lernfähig und da sie nun weiß, was sie von „offen gehaltenen“ Stellenangeboten vor allem in finanzieller Hinsicht zu erwarten hat, beschränkt sie sich jetzt auf die konkreteren, in der Hoffnung, dass Akademiker auch als solche bezahlt werden, wenn ein derartiger Abschluss explizit verlangt wird.

Das ist mittlerweile keineswegs mehr eine Selbstverständlichkeit, denn Newcomer, der sie an ihrer derzeitigen Arbeitsfront unterstützt, durfte seine ersten sechs Monate mit einem Praktikantenvertrag (und selbstverständlich auch entsprechendem Gehalt) arbeiten und wurde die nächsten sechs Monate mit der originellen Idee einer „Einschulungsphase“ finanziell benachteiligt, bevor er endlich einen seiner Ausbildung und Tätigkeit adäquaten Vertrag erhielt. Aufgrund seines Lebenslaufes (er hat sein Studium für einige Zeit unterbrochen, um seine krebskranke Mutter zu pflegen und sich um seine jüngere Schwester zu kümmern – auch Männer werden offensichtlich benachteiligt, wenn sie sich um familiäre Belange kümmern, wie es sonst eigentlich den Frauen zusteht, sie sieht man mal den Stellenwert von sozialem Engagement in der Wirtschaft) hat er ebensowenig Alternativen wie DWM.

Ende des Exkurses über weitere Desperates an dieser Front, wenden wir uns wieder DWMs formidabler Lernfähigkeit in Sachen Bewerbungsmanagement zu:

Da es selbstverständlich keine Teilzeit-Angebote für Akademiker gibt, DWM aber trotzdem (noch) nicht bereit ist aufzugeben, bewirbt sie sich auf ein Angebot, das auf ihre Berufserfahrung zu passen scheint wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Hier könnte sie all ihre Fähigkeiten einbringen. Mit ihrem umfangreichen Erfahrungsschatz wird sie die fehlenden 20% Arbeitszeit locker wettmachen. Davon muss sie jetzt nur noch den potenziellen Arbeitgeber überzeugen, wenn, ja wenn sie überhaupt in die engere Wahl kommt. Und die Familie, denn natürlich müssen bei einer Aufstockung der Arbeitszeit von 50% auf 80% die SLAs neu verhandelt werden.

Wie wird DWM sich an ihren Fronten schlagen? Wird sie den Kontrollfreak in sich so weit unterdrücken können, dass sie selbst an die 80%-Lösung glaubt? Oder werden die Visionen von häuslichem Chaos, absackenden Schulleistungen bei den Kindern, Untersportung bei sich selber und emontionaler Verwahrlosung des DWD sie daran hindern, an die Verwirklichung zu glauben, geschweige denn sie der Familie und dem Arbeitgeber schmackhaft zu machen?

 

endlich ein Teilzeitjob in Sicht (3)

…..es freut mich, Ihnen mitzuteilen, dass Sie die Stelle erhalten haben….

DWM muss mit aller Macht den Reflex unterdrücken, sofort zu kündigen. Aber nein, DWM ist vernünftig und wartet mit dieser Genugtuung, bis sie einen Vertrag unterschrieben hat. Obwohl es ihr wahrlich nicht leicht fällt! Von wegen, in ihrem Alter kann man die Branche nicht mehr wechseln, diese Personalvermittlerin hatte ja sowas von keine Ahnung!

Sofern Sie diesen Freitagabend Zeit haben, würde ich Sie einladen an unserer Firmenfeier teilzunehmen.

Mit dem größten Vergnügen! Welch ein Einstand in einem Unternehmen, man lernt die neuen Kollegen gleich so richtig kennen! DWM enscheidet die schwierige Stylingfrage wie immer pragmatisch. Ein Glamour-Top unter den schwarzen Anzug, dann ist sie für alle Eventualitäten gerüstet. Auf der Feier trifft sie sogar einen ehemaligen Kollegen, je mehr sie von den köstlichen Cocktails probiert hat, desto besser wird ihr gefühltes Englisch und als sie sich um fünf Uhr morgens von DWD abholen lässt, freut sie sich unbändig auf den neuen Job. Am Montag ist sie immer noch so euphorisiert, dass sie ohne Vertragsunterzeichnung kündigen will, jetzt kann ja wohl wirklich nichts mehr schiefgehen, aber es fehlt ihr der Ansprechpartner – ApplePolisher ist krank. Am montag Abend liegt dann auch der neue Vertrag in ihrer Mailbox. Leider muss da ein Fehler unterlaufen sein und zwar in dem Abschnitt mit dem Gehalt. DWM ruft den neuen Chef an, um das Missverständnis zu klären. Seine eilig hingekritzelte Notiz beim ersten Gespräch war ihr Gehalt für den 50%-Vertrag, wurde aber als 100%-Gehalt interpretiert.

DWM erbittet sich Bedenkzeit und kann dabei in die Abgründe ihrer Seele blicken. Immer war sie überzeugt davon, Geld sei ihr nicht so wichtig (sofern sie überhaupt welches verdient natürlich), allein die Aufgabe zählt. Wie wird sie sich entscheiden  bei der Aussicht, eine tolle Aufgabe in einem tollen Unternehmen für das halbe Geld zu erledigen?

endlich ein Teilzeitjob in Sicht (2)

….. darf ich Ihnen mitteilen, dass sie in die engere Wahl gekommen sind…..

Yeah! Wusste ich´s doch! Diesmal lässt DWM voller Elan und Zuversicht ihren Wagen auf den Firmenparkplatz rollen. Am zweiten Gespräch beteiligt sich außer dem Vorgesetzten auch noch ein weiterer Mitarbeiter der Abteilung. Als das Gespräch auf den Umgang mit schwierigen Kollegen kommt, meint dieser mit einem Augenzwinkern „Sie haben doch Kinder, da sind Sie an solche Situationen eh gewöhnt.“ JA! Endlich werden die besonderen Qualifikationen einer Mutter auch mal gewürdigt! Wieder wird das Gespräch in Abwesenheit eines Personalverantwortlichen geführt und wieder fehlen die entsprechenden Fragen – was DWM aber wieder als Vorteil empfindet. Die heikelste aller Fragen schneidet der künftige Vorgesetzte diesmal selbst an, fasst sich dabei aber kurz: er habe mit der Personalabteilung gesprochen, Gehalt passt auch.

Abschließend wird sie durch das ganze Unternehmen geführt und dem einen oder anderen Mitarbeiter vorgestellt. Wieder ist DWM ganz hin und weg von dem tollen neuen Gebäude, den freundlichen Menschen, der netten Atmosphäre, dem guten Kaffee. Noch zuversichtlicher als beim ersten mal verlässt sie das Firmengelände.