Erkenntnisse der Social Tour (2) – Was früher wichtig war

Nun ist DWM ja an einem Punkt angelangt, an dem sie ihr Leben neu sortieren muss. Eigentlich muss sie das ja ständig, denn die rasend schnelle Entwicklung der Kinder fordert eine möglichst ebenso schnelle Anpassung des Lebensstils. Nun schreitet die Entwicklung aber nicht konstant, sondern in Schüben voran. Und so ein kindlicher oder pubertärer Schub erfordert dann eben einen Schub in DWMs Leben.

Nun hat DWM ihr erstes Kind mit knapp dreißig Jahren zwar nicht völlig unerwartet bekommen, aber so richtig vorbereitet war sie eben doch nicht auf dieses völlig veränderte Leben, soll heißen, es standen noch jede Menge wahnsinnig wichtige Dinge auf ihrer Todo-Liste, die sich mit Kindern, wie DWM völlig überrascht feststellen musste, nur schwer abhaken lassen. Jetzt, wo der Nachwuchs die Schwingen spreitzt, um in absehbarer Zeit flügge zu werden (naja, vielleicht sitzt DWM da zwar ein wenig früh in den Startlöchern  mit einem 11 jährigen Sohn, aber besser sich zu früh auf die nächste Lebensphase vorbereiten, als davon überrascht werden, nicht wahr?), ist es an Zeit für das große Aussortieren der Ziele und Wünsche von damals: Was ist immer noch wichtig, was kann jetzt schon erledigt werden, was bedarf einer so großen Vorbereitungszeit, dass DWM schon mal damit beginnen müsste?

Nun ist es ja gottlob nicht so, dass DWM ihre eigenen Interressen während der Zeit der Nachwuchspflege vollkommen vernachlässigt hätte, sie hat sie zum Teil eben modifiziert. Aus der großen Karriere ist eine kleine geworden, und selbst die ist mittlerweile ad acta gelegt, weil sie im Stapel „Nicht wichtig/Preis zu hoch“ gelandet ist. (Ob sie ohne Kinder auf einem anderen Stapel gelandet wäre, will DWM zumindest nicht ausschließen).

Aus den großen Bergbesteigungen sind die kleinen Mountainbiketouren geworden, weil man da auch bergab fahren kann und somit schneller wieder zu Hause ist. Diesen Wunsch möchte DWM aber (zumindest noch) nicht auf den Stapel „Nicht wichtig“ legen und ist wild entschlossen, alsbald (ein schön dehnbarer Begriff) mit den Trainingsvorbereitungen zu beginnen.

Das Windsurfen hatte sie schon vor den Kindern aufgegeben, weil sie DWD zuliebe Wien und das nahegelegene Surf-Mekka Podersdorf verlassen musste. Dafür hat sie seither wenig Gelegenheiten ausgelassen, diesen Umstand zu bejammern. Als Ersatz macht sie seit einiger Zeit wieder ein paar  Versuche an einem Salzburger See, aber nicht ohne bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit den Vergleich zu ihrem glorifizierten Podersdorf anzustellen.

Und jetzt ist es so weit. DWM weilt in Wien und könnte eigentlich schon lange auf dem Surfboard stehen. Statt dessen sitzt sie mit ihrer Freundin aus Kindertagen gemütlich beim Brunch und redet mit ihr über Gott und die Welt. Danach fährt sie zwar noch nach Podersdorf, um die Freundin zumindest ein paar Stunden arbeiten zu lassen, aber anstatt so dicht wie möglich an der Surf-Schule in einer hässlichen Pension zu übernachten, quält sie sich durch den abendlichen Berufsverkehr nach Wien zurück, um noch einen Abend mit ihrer Freundin zu verbringen. Das mag ja noch angehen, aber was sie am nächsten Tag macht, schlägt dem Fass den Boden aus und nimmt ihr jegliche Berechtigung, jemals wieder über ihre Entfernung von Podersdorf zu jammern. Nach einem weiteren gemütlichen Frühstück mit tiefgründigen Gesprächen zieht die Freundin sich ins Arbeitszimmer und DWM sich ins Gästezimmer zurück, um Blogposts zu schreiben! Nun kann man zu ihrer Entschulding vorbringen, dass sie immerhin Windbericht und Webcam konsultiert und beschlossen hat, dass sieben Windstärken für eine Wiedereinsteigerin mindestens eine zu viel sind, aber früher wäre sie auf gut Glück hingefahren, hätte sich an den Strand gesetzt in der Hoffnung, dass irgendwann der richtige Wind käme.

Daraus lernt DWM folgendes:

Gute Gespräche  mit Freundinnen sind wichtig, und wenn sie schon nicht in der Lage ist, diese an ihrem derzeitigen Wohnort zu führen, dann wird sie eben öfter nach Wien fahren als nur alle paar Jahre.

Schreiben ist wichtig und kann überall erledigt werden.

Sport ist auch wichtig, aber eben nicht mehr Prio eins. Und der geliebte Neusiedlersee wurde während der gestrigen Surfstunden vom glorifizierten, ständig vom perfekten Wind umwehten Gewässer zu der Schlammbrühe, an der der Wind zwar oft stark, aber genauso böig weht wie zu Hause. DWM nimmt Abschied von den Mythen ihrer Studentenzeit.

Was aber definitiv kein Mythos ist, sondern sich seit damals eher noch verbessert hat, ist die Wiener Beislszene – ein weiterer Grund, öfter nach Wien zu fahren!

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Alte Leidenschaft

Kennt ihr das auch? Es gibt Dinge, die man früher WAHNSINNIG gern getan hat, die man aus Familiengründen/Zeitgründen/sonstigen Gründen auf Eis gelegt hat und von denen man überzeugt war, dass man sie wieder machen würde, sobald diese Hinderungsgründe beseitigt sind. Anfangs vermisst man sie ganz doll, die Jahre ziehn ins Land, ab und zu wird man erinnert, dass es diese alten Leidenschaften ja auch noch gab, man erneuert vielleicht das Versprechen an sich selbst, es wieder zu tun, holt sich den einen oder anderen Prospekt ins Haus, aber immer spricht etwas dagegen oder kommt etwas dazwischen. Wieder ziehen Jahre ins Land und inzwischen ist man sich vielleicht gar nicht mehr so sicher, ob man das überhaupt noch will. Doch ganz tief drinnen grummelt es. Da ja schon so viele Jahre ins Land gezogen sind, ist der eine oder andere Hinderungsgrund vielleicht gar nicht mehr vorhanden, aber man hat es immer noch nicht gemacht. Warum eigentlich? Falls dafür bestimmte Fertigkeiten erforderlich sind, geht man jetzt davon aus, dass man es wahrscheinlich gar nicht mehr machen kann. Oder man hat vielleicht nicht mehr die körperlichen Voraussetzungen dafür. Oder beginnt man vielleicht langsam Ausreden zu suchen, um es gar nicht machen zu müssen? Oder ist es vielleicht wirklich nicht mehr so wichtig?

Genug der Theorie und des Wörtchens „man“, das DWM eigentlich gar nicht mag. Schließlich geht es hier um sie und um ihre alte Leidenschaft. Während der letzten beiden Studienjahre hatte sie es etwas langsamer angehen lassen und der Leidenschaft des Windsurfens gefrönt. Zwischen Sponsion und Festanstellung hatte sie eine Woche Zeit, die sie spontan mit einer Woche Surfurlaub auf Teneriffa verbringen wollte. Dort saß sie jeden Tag am Strand und wartete auf Wind (ein altes Surferleiden) und lernte stattdessen DWD kennen, der ebenfalls auf Wind wartete. Paradoxerweise hatte sie wegen ihm dann die Surferei aufgegeben, erst zog sie in eine andere Stadt, dann kamen die Kinder und dann die Ausreden. Zwischendurch gab es immer wieder ein paar zögerliche Versuche, vor ein paar Jahren hat DWM sich sogar wieder Material zugelegt, aber immer sprach irgend etwas dagegen.

So richtig bewusst ist ihr das aber erst während DWDs Segelreise geworden. Warum kann er seine Leidenschaften über Jahre konservieren und dann bei einer passenden Gelegenheit wieder auspacken? Er lässt sich weder von scheinbaren Zwängen (DWM war durchaus in der Lage, die Familie eine Woche allein zu schmeißen), noch vom „ach, ich kann das eigentlich gar nicht mehr“ (Gerüchten nach zu urteilen hat er an Bord nicht immer alles richtig gemacht) oder von den körperlichen Strapazen (anders als DWM stemmt er aber im Keller sehr konsequent seine Hanteln) abhalten.

DWD wäre aber nicht DWD, wenn er die Ausreden seiner Frau so einfach gelten lassen würde. Er kennt sie in manchen Dingen besser als sie sich selbst. Und so hat er für das Wochenende seiner Rückkehr netterweise Wind bestellt (der auch eingetroffen ist) und schönes Wetter. Das Wasser im nahegelegenen See ist zwar noch kalt, aber ein bisschen verwegen soll man sich schließlich auch vorkommen. DWD hilft ihr beim Aufriggen des Segels und als DWM sich endlich aufs Wasser wagt, kreuzt er mit seinem Segelboot immer in ihrer Nähe auf und ab, allzeit bereit, sie aus etwaiger Seenot zu befreien.

Am nächsten Tag ist DWM schwer muskelverkatert (vielleicht doch etwas mehr Training?) und erkältet (die fehlgeschlagenen Halsenversuche haben leider eine Notwasserung erforderlich gemacht), aber glücklich. Durch das in-die-Sonne-Blinzeln hat sie jetzt sicher noch ein paar Falten mehr, aber noch hat DWD seine Spritze nicht gezückt.

 

Woran DWM merkt, dass sie wirklich alt wird oder besteht doch noch Hoffnung für ihr inneres Kind?

Ja, DWM hat es tatsächlich geschafft, mit dem alten Fahrrad zu ihrer Tour aufzubrechen. Und auch daran gedacht, das Handy einzustecken, denn seit sie – wie gestern erwähnt – ihre handwerklichen Ambitionen gegen den Ehering eingetauscht hat – ja, ich höre euch in Entsetzen ausbrechen, aber DWM ist nun mal so furchtbar faul beschäftigt – ruft sie bei einer Panne einfach den technischen Service DWD, der sie dann abholt. Dazu muss man aber sagen dass DWM seit geraumer Zeit keine richtige Tour mehr gefahren ist sondern nur einstündige Ausfahrten am Abend. Heute aber hat sie ein konkretes Ziel, sie wird eine Runde fahren, die einige Jahre wegen diverser Arbeiten nach Lawinen- und Murenabgängen gesperrt war und mal gucken, ob die wieder offen ist. Sicherheitshalber trägt sie auch ihre Pulsuhr, so untrainiert nach dem langen Winter (In Wirklichkeit trägt sie die nur, um auf der ebenen Anfahrt nicht unter ihren Zielpuls zu kommen).

Schon auf der ersten Steigung stellt sich heraus: das ist irgendwie nicht mehr so wie früher. Komisch, obwohl sie doch mindestens zwei mal in diesem Winter auf ihrem Spinningrad gefahren ist, scheint die Kondition eher suboptimal zu sein. Dabei hat sie mindestens einmal die Woche die Tourenski oder das Snowboard den Berg hochgetschleppt. DWM kann die Augen nicht mehr verschließen vor dem Offensichtlichen. Sie wird alt und kann nicht mehr aus dem Stand und ohne Training Touren fahren. Am besten, sie schaltet die Pulsuhr gleich aus, um nicht ständig auf den unerfreulichen Umstand hingewiesen zu werden

Die Steigung zieht ich elendiglich lange hin und jetzt kommt der Zeitpunkt, an dem DWM merkt, dass sie WIRKLICH alt wird: Früher wäre es absolut ausgeschlossen gewesen, abzusteigen und zu schieben. DWM hat gebissen, den Puls jenseits der 200 getrieben und die Übelkeit hinuntergeschluckt. Selbst während der Schwangerschaft hat sie sich den Berg hochgequält, bis ihr die Clubkollegin gedroht hat, die Luft aus den Reifen zu lassen, wenn sie nicht sofort absteigt. Dazu muss man sagen, dass das Schieben in diesen Steigungen nicht nur die komfortablere, sondern meist auch schnellere Fortbewegung darstellt, aber das lag absolut unter DWMs Würde. Unvorstellbar, wenn jemand sie dabei gesehen hätte!

Und jetzt?  Die wenigen knackigen Mountainbiker, die DWM begegnen, wecken allenfalls noch mütterliche Gefühle in ihr und so löst sie mit Schwung ihren Schuh aus dem Clickpedal um das Fahrrad zu schieben. Dabei kann sie auch viel besser die grandiose Landschaft genießen (ein angehnehmer Aspekt des Altwerdens, wie DWM feststellt. Früher hätte sie auch in einer Halle biken können, die Kulisse war eher sekundär).

Mit dieser Mischung aus Schieben, langsamen Fahren und andächtiger Landschaftsbetrachtung zieht sich die Tour länger hin als gedacht und DWM ist froh, sich für das Mittagessen abgemeldet zu haben. Als sie nach schier endloser Zeit den Pass erreicht, breitet sich ein großes Schneefeld vor ihr aus. Jetzt wäre es das Vernünftigste, umzukehren und den gleichen Weg zurückzufahren, der nur von kleinen Schneeresten am Wegrand gesäumt war. Das wäre ein kleiner Umweg im Vergleich zur ursprünglichen Variante, aber DWM hat keinerlei Ahnung von der Ausdehnung der weißen Pracht vor ihr. Was, wenn die ganze Abfahrt verschneit ist? Nun bricht der kindliche Trotzkopf in DWM durch: sie hatte sich vorgenommen, die Tour als Runde zu fahren und genau das wird sie auch tun! Das ist sicher nur ein kleines Schneefeld und außerdem sieht man da Fußspuren und mit etwas Fantasie auch eine Fahrradspur daneben, da ist schon einer gegangen, der hätte das sicher nicht getan, wenn das so unsinnig wäre, nicht wahr?

DWM stapft durch den Firn, in den sie mal mehr, mal weniger einsinkt, zum Wasser, das von außen durch die Schuhe dringt, gesellt sich der von oben eindringende Schnee. Das Fahrrad neben ihr wirkt ziemlich deplaciert, sie wühnscht sich ihre Tourenski oder wenigstens das Snowboard herbei. An Umkehren verschwendet sie trotzdem keinen Gedanken. Schon bald beginnt eisige Kälte von den Füßen Richtung Beine zu ziehen, aber Kneippen ist doch sehr gesund, nicht wahr? Ach wie schön könnte sie im Tal jetzt den Sommer genießen, für heute waren 30 Grad prognostiziert! Nach einer halben Stunde unbequemen Abstiegs muss DWM sich eingestehen: das war keine gute Idee, aber jetzt umkehren und durch den tiefen Schnee mit dem Fahrrad wieder hinauf? Nein, immerhin hat sie sich durchgesetzt gegen sich selber und die Tour nach ihren Routenwünschen weitergeführt – wenn auch nicht ganz nach ihren Vorstellungen. Als sie in der Ferne die ersten Almhütten auftauchen sieht, traut sie ihren Augen nicht: mitten durch den Schnee wurde eine Schneise gepflügt! DWM jubelt innerlich über die Segnungen der Zivilisation und staunt über die Höhe der Schneewände, die sich manchmal bis zu zwei Meter links und rechts der gepflügten Straße erheben. Ganz vorsichtig rutscht sie auf der aufgeweichten dünnen Schneeschicht dahin und stellt fest: Radfahren ist wie Radfahren, man verlernt es nicht, auch wenn sie fünfzehn Jahre nicht im Schnee gefahen ist!

(Anmerkung der Redaktion: Da DWM sich immer noch nicht für ein Smartphone entscheiden konnte,überlässt sie die Illustrierung dieses Ausflugs der Fantasie des Lesers und kann leider nicht mit Fotos dienen).

Die dunkle Seite der Arbeitsteilung oder DWM kann man es nicht wirklich recht machen

Endlich, endlich, ein freier Freitag für DWM nach dieser anstrengenden Arbeitswoche. Und was das Beste daran ist: ausnahmsweise mal mit gutem Wetter! DWM versucht – mit Erfolg! – ihr schlechtes Hausfrauengewissen zu besiegen und teilt der Familie mit, dass sie heute trotz freien Tages NICHT kochen wird. DSB isst ohnehin in der Schule, weil er nachsitzen muss und für drei Personen lohnt sich das doch gar nicht. DWM wird statt dessen ihre Untersportung bekämpfen und sich auf ihr Mountainbike schwingen. Voller Vorfreude sucht sie ihre Klamotten zusammen, als die Familie das Haus verlassen hat. Das dauert eindeutig zu lange, der Schrank mit den Sportsachen müsste mal umgeräumt werden von Winter- auf Sommerbetrieb. Aber sicher nicht heute! Als DWM ihr Fahrrad aus dem Schuppen holt, sinkt das Vorderrad verdächtig tief ein. Hm, mit so wenig Luft im Reifen loszufahren ist eigentlich keine gute Idee. Wo war nochmal die Luftpumpe? Erstmals überlegt DWM, ob die Arbeitsteilung im Hause der Desperates eine so gute Idee ist. DWD als Fuhrparkverantwortlicher kümmert sich um alles was Räder hat. Das geht so weit, dass er ihr manchmal das Auto in und aus der Garage fährt (diesen Service hat sie sich allerdings hart erarbeitet durch die Zerstörung mehrerer Außenspiegel) und betankt (diesen Service hat sie sich ebenfalls hart erarbeitet, indem sie kurz vor Erreichen der Reserve immer einen drigenden Grund für Autotausch gefunden hat). Jetzt hat DWM sich geoutet: Sie hat es nicht wirklich mit der Emanzipation. Dafür würde sie auch niemals von DWD erwarten, sich um die Wäsche zu kümmern (ausgenommen das Annähen von Knöpfen, was als chirurgische Tätigkeit gilt und somit unter DWDs Fachgebiet fällt).

Jetzt allerdings hantiert sie erfolglos mit der Fahrradpumpe, um ein wenig Luft in den Reifen zu quetschen und verflucht ihre Faulheit Arbeitsteilung. Wann hat das eigentlich angefangen? Als Single war DWM in der Lage gewesen, auf einer Tour den Schlauch zu wechseln, ohne die Clubkollegen zu lange warten zu lassen. Auf ihrem ersten (und einzigen) Mountainbike-marathon nach den Kindern hat sie DWD allerdings mitgenommen, weil die Annahme von Fremdhilfe im Rennen verboten ist und im Falle eines Mitfahrers ja nur die Räder getauscht werden müssen. Offensichtlich hat sie ihren Ehering gegen handwerkliche Ambitionen eingetauscht. Mit einem lauten Zischen löst sich jetzt der Schlauch von der Fahrradpumpe, ohne dass der Reifendruck sich merklich verbessert hätte. So leicht lässt DWM sich aber nicht entmutigen. Gemeinsam mit der defekten Pumpe bringt sie ihr Fahrrad zurück in den Schuppen und – tauscht es gegen ihr altes. Das war zwar für DSG ein wenig umgebaut worden, aber die erste Tour im Jahr wird sich ohnehin nicht durch besonderen Anspruch auszeichnen, das alte Mountainbike wird also völlig ausreichen. (und warum es das tut, erfahrt ihr morgen!)

Der Stress mit der Entspannung

DWM hat es ja nun wirklich nicht leicht mit sich selbst. Da hat sie nach langer beruflicher Anspannung mit verbundenem Freizeitentzug und daher chronischer Untersportung endlich mal wieder einen halben Tag frei. Das setzt sie jetzt unter den Druck, in diesen paar Stunden das absolute Maximum an Erholung rausholen zu müssen.

Nun hat DWM gegenüber anderen Müttern wenigstens den Vorteil, dass sie den vorwurfsvollen Rufen des unerledigten Haushalts gegenüber ziemlich taub ist (und zusätzlich noch einen Ehemann mit Verständnis dafür, dass eine erholte DWM höher einzustufen ist als gebügelte Wäsche, ein wohlgefüllter Kühlschrank oder ein geputztes Haus). Einzig und allein was die Ernährung der Kinder angeht, plagt sie ein schlechtes Gewissen, welches sie an freien Freitagvormittagen zum Kochen nötigt, weil die armen Kleinen ohnehin wochentags in der Schule und wochenends des öfteren auswärts essen müssen. Heute gibt es eine zusätzliche Einschränkung: DWD hatte gebeten, ob sie mittags in die Praxis kommen könne, um ein paar Fotos zu machen. Also vorher kochen und das Essen aufwärmen? Oder nachher kochen und die Kinder warten lassen? Fragen über Fragen, aber damit noch nicht genug!

Die Rahmenbedingungen für die Pflichterholung sind heute gut und schlecht zugleich. Es hat die ganze Nacht geschneit, perfekt für eine kleine Skitour oder ein paar Schwünge mit dem Snowboard. Aber auch da spricht wieder was dagegen: Schon die dienstäglichen Schneefälle hatten DWM eine Beinahe-Kollision auf dem Arbeitsweg beschert, der kleine Flitzer scheidet für den Weg ins Skigebiet also aus. DesperateWorkingDad braucht die vierradgetriebene Familienkutsche aber heute selbst, weil er die Kinder der Fahrgemeinschaft mit in die Stadt nehmen muss, die nicht in den Flitzer passen. DWM müsste also vor einem eventuellen eigenen Aufbruch alle Kinder in die Schule fahren oder nachher in die Stadt fahren, um die Autos zu tauschen. Aber selbst der Weg in die Stadt verursacht ihr schon psychischen Stress, so früh am Morgen ist schlecht geräumt. Der Weg ins Skigebiet und vor allem das steile Stück zurück ist manchmal selbst mit dem schweren Vierrädler eine Herausforderung und würde einen eventuellen Erholungswert schon wieder zunichte machen. Wenn sie auch noch einkaufen, kochen und fotografieren muss, lohnt es sich ohnehin kaum. Außerdem müsste sie die kostbaren Morgenstunden endlich mal wieder zum Schreiben nützen, abends ist sie meistens zu kaputt dafür.

Der von so viel künstlichen Problemen vielleicht schon genervte Leser ahnt es schon: DWM ist nicht wirklich zu helfen. Wahrscheinlich wird sie sich vor lauter Alternativen und Fürs und Widers für gar nichts entscheiden können und den Vormittag vor dem Fernseher verbringen. Damit es zu diesem erholungstechnischen Supergau nicht kommt, schlüpft DWM in den Schneeanzug und schaufelt die Einfahrt frei. Egal wie sie sich entscheiden wird, das muss sowieso gemacht werden. Diese Tätigkeit schaufelt wohl gleich ein wenig von ihrem Hirn frei und stoppt die zahlreichen Überlegungen und Alternativen, die dort herumschwirren. Nach getaner Arbeit tauscht sie die Schneeschaufel gegen ihr Board und geht die paar Schritte zum Rodelhügel, auf dem sich nachmittags die Kinder tummeln. Heute vormittag hat sie ihn aber ganz für sich allein, jungfräulich verschneit. Mit kindlicher Begeisterung stapft sie durch den Schnee bergauf (perfektes Ausdauertraining!) und kurvt zwischen den schwer ersichtlichen Maulwurfshügeln bergab (perfektes Backcountry-Training!). Es ist zwar nur ein mickriger Hügel verglichen mit dem Skigebiet, aber DWM hat aus den folgenden zwei Stunden das Maximum an Spaß und Erholung herausgeholt.

1:0 für DWM an der Erholungsfront!

Naturerlebnisse

Da wir gerade einen relativ kühlen Sommer haben, ist an Snowboarden vorerst nicht zu denken. Am härtesten trifft das natürlich DSB, der regelmäßig in den Keller geht, um sein Board zu streicheln. Davon fängt es aber auch nicht an zu schneien. Aber auch DWM, die ihr Mountainbike total voreilig bereits dem Winterservice übergeben hat, sehnt sich nach Bergsport. Völlig dekadenterweise beschließen die beiden also, sich einen Tag auf dem nächsten Gletscher zu gönnen. Selbstverständlich ist sich DWM der Tatsache bewusst, dass sie durch dieses umweltschädigende Verhalten die Klimaerwärmung fördert und es daher weiterhin nicht schneien wird. Ziemlich kontraproduktiv also, aber DWM braucht ein Incentive, um ihren Sohn für seine braven Anstrengungen in den ersten drei Monaten am Gymnasium zu belohnen.  Außerdem muss sie sich selber dafür belohnen, dass sie an ihrem langweiligen, aber dafür relativ gut bezahlten Job ausharrt. (Eine bessere Ausrede ist ihr leider nicht eingefallen).

Schon vor dem Parkplatz schwant ihr Übles. Ein Mann in Warnweste winkt den Wagen auf einen Platz, von dem aus man die Talstation noch nicht einmal sehen kann. Dafür bietet ein weiterer Angestellter der Liftgesellschaft eine Mitfahrgelegenheit zur Seilbahn an, die DWM und DSB ablehnen. Sie sind ja schließlich zum Sportmachen hier und legen den Weg zu Fuß zurück. (Nach der Hälfte des Weges bereuen sie ihre Entscheidung bereits). An der Seilbahn müssen sie gar nicht warten – die Besitzer der ganzen Autos sind wohl etwas früher aufgestanden und alle schon oben. Nach einer atemberaubenden Fahrt wirft DWM in dünner Luft einen Blick auf das Skigebiet – und fragt sich, wo sie denn hier ihre unsicheren Kurven ziehen soll. Erst gegen Ende der letzten Saison hat sie ihre beiden langen Bretter gegen ein kürzeres breiteres getauscht und braucht als quasi-Anfänger noch etwas mehr Platz. Auf fast allen Pisten prangt ein Gewusel von roten und blauen Toren, die diverse Skivereine für ihr Training gesteckt haben. DWM muss an die Zeiten denken, in denen DSG für ihren Verein auf gesperrten Hängen zwischen den Toren ihre Trainingsläufe absolviert hat. Damals hatte sie auch oft Kommentare von anderen Skiläufern aufgeschnappt, die dieser Platzverschwendung mit Unverständnis gegenüberstanden. Wie schnell sich doch manchmal die Perspektive verändern kann. DSB kümmert das alles wenig, denn sein Ziel ist einzig und allein der Park, in dem er auf den Obstacles seine Tricks übt. Dem steht DWM wiederum mit Unverständnis gegenüber, denn früher war man bemüht, die Lauffläche seiner Wintersportgeräte möglichst von harten Gegenständen fern zu halten und heute slidet DWM auf seinem Snowboard über Eisenstangen. Wie sich doch die Zeiten ändern.

DWM klemmt ihr Board unter den Arm, marschiert am Pistenrand abwärts und kommt sich reichlich blöd vor dabei . Aber aus den Renntrainingszeiten ihrer Tochter weiß sie, dass es sich empfiehlt, einen Sicherheitsabstand zu den Toren einzuhalten. In der Nähe des Parks hat sie von oben ein freies Fleckchen erspäht, aber nein, in diesem Viereck tummeln sich jede Menge Skitourengeher, den Blick gebannt auf ein kleines elektronisches Gerät in ihren Händen gerichtet. Auch das kennt DWM aus einem früheren Leben, in denen sie als Teilnehmerin eines Lawinenseminars mit dem Pieps in der Hand ihre Runden im Schnee gedreht hat auf der Suche nach einem vergrabenen Suchgerät. Jetzt aber hat DWM so viel Verantwortung, dass sie es sich nicht mehr leisten kann, von einer Lawine vergraben zu werden, deswegen hat sie das Tourengehen aufgegeben. Außerdem hätte sie ohnehin keine Zeit mehr dafür. DWM fragt sich, wie die Gruppe es geschafft hat, das Pieps in dem gefrorenen Harsch – der letzte Schneefall liegt selbst hier auf dem Gletscher schon über einen Monat zurück – überhaupt zu vergraben. Um die letzten verbliebenen Flocken Schnee kämpfen jetzt Snowboarder, Skirennläufer und Tourengeher. Und DWM mittendrin.

Als DSB vor Anstrengung, Höhe, Kälte oder der Kombination aus allen dreien schon etwas blau im Gesicht wird, kann DWM ihn zu einer Pause im Restaurant überreden. Dort haben sich schon die Rennläufer aus ihren Rückenpanzern geschält und vor der Essensausgabe drängt sich eine Menschentraube. Wieder sind sie nicht die ersten. Nachdem DWM am dritten Tisch, wo sie um zwei Plätzchen gebeten hat, eine Absage erteilt wird, fühlt sie langsam Aggressionen in sich hochsteigen.   Die Veranstaltung der Tourengeher hat drei Tische mit ihren Prospekten belegt, DWM ist nahe daran, das Papier auf den Boden zu werfen und sich an einem der Tische niederzulassen. Dann kann sie aber trotzdem noch einen kernigen Tourengeher, der allein an einem großen Tisch thront überreden, ihren Sohn dort zu dulden. DSB löffelt seine Suppe, DWM hat Mühe, sich neben die ausgestreckten Beine des Tourengehers zu quetschen und würde am liebsten stehen bleiben. Der Naturbursche bemerkt von alldem nichts, weil er sich intensiv mit seinem Pieps beschäftigt, das von seinem Hals baumelt. Offensichtlich will er herausfinden, ob er noch am Leben ist, wenn seine Kumpels endlich mit dem Essen anrücken, für das sie immer noch in der Menschentraube anstehen. Damit sind sie immer noch beschäftigt, als DWM und DSB bereits fluchtartig das Lokal verlassen, in das immer mehr Naturburschen strömen, jeder Schritt begleitet vom Geklimper der Karabiner, die von ihren Klettergurten baumeln. Als die beiden ins Freie treten, werden sie von einer Lautsprecherdurchsage empfangen, die die Teilnehmer der Tourenski-Veranstaltung auffordert, ihr Material bis 15 zurückzugeben.

Auf der Rückfahrt beschließt DWM, tapfer auszuharren, bis es endlich schneit und auf solch dekadente Ausflüge in Zukunft zu verzichten.

Urlaub Tag 18 – zu alt (2)

Zur Abwechslung und weil es dort außer Gemüse nichts zu kaufen gibt, verbringen wir heute wieder einmal einen Tag in unsere geliebten Karacaören-Bucht. Für DSB heißt das: endlich wieder wakeboarden! DWM hat ihre Wehwehchen ausgeheilt und beschließt: heute will sie das auch versuchen! Den ersten Dämpfer bekommt sie vom sonst so netten Juniorchef des Restaurants und Watersport-Motorbootfahrer Can, der DSBs sportliches Talent bisher in den höchsten Tönen gelobt hat.

DWM: „Can I try it today?“

Can: (blickt DWM an, als hätte sie ihn gebeten, die ganze Segeljacht hinter seinem Motorboot herzuziehen) „You want to try it?“

DWM (ist an diesem Tag wild entschlossen, sich nicht verunsichern zu lassen): „Yes! You don´t think, I can do it?“

Can: (blickt immer noch so skeptisch, als müsse er seiner Urgroßmutter das Wakeboarden beibringen) „If you have talent, you can do it“

DWM klettert ins Motorboot und bewundert ihren Sohn gebührend, der bereits mit einer Hand fährt und die ersten Sprünge in der Hecksee wagt. Plötzlich bekommt sie eine Schwimmweste zugeworfen. Jetzt ist sie an der Reihe.

Can: „You have 6 try.“

DWM nimmt Can übel, dass er es ihr wohl von vornherein nicht zutraut. Nach dem sechsten Versuch ist Wasser in alle Körperöffnungen gedrungen und den Muskelkater in den Unterarmen beginnt sie jetzt schon zu spüren. Da sie beim letzten Versuch wenigstens beinahe aus dem Wasser gekommen wäre, versteigt Can sich zu der kühnen Behauptung: „If you have some training, you can do it.“

Na bitte! Woher sollte DSB sonst sein Talent haben?