Jugendschutz

Jetzt muss DWM sich mal zu einem Thema auf eine Art und Weise äußern, die ihr nicht nur Zustimmung bringen wird. Eines deshalb vorweg: Ja, auch DWM hält Jugendschutz für wichtig. Aber wie so vieles auf der Welt passt er nicht für ihre Tochter. Was passt überhaupt für ihre Tochter? Die Vorschriften für den Einschulungstermin taten es nicht, aber hier war es mit einigem Auffwand immerhin möglich, selbige zu umgehen und DSG mittels IQ-Test und psychologischem Gutachten zur Zufriedenheit aller ein Jahr früher in die Schule gehen zu lassen. Aber mit IQ-Test und psychologischem Gutachten wird sie bei den Türstehern der Clubs wahrscheinlich nicht viel Erfolg haben.

DWM weiss, dass sie ihrer Tochter vertrauen kann. Sie hat sie allein um die halbe Welt fliegen lassen, ist mit ihr gemeinsam durch British Columbia gereist und hat sie als umsichtige Reispartnerin genossen. DSG meldet sich zuverlässig bei jeder Art von Zwischenfällen, die ein verspätetes Erscheinen zur Folge haben werden. In den Ferien schmeisst DSG den Haushalt und DWM genießt ein frisch gekochtes Essen, wenn sie von der Arbeit kommt. Als DWM im Vorfeld ihres Auslandssemesters per Skype von der kanadischen Gastmutter nach den Regeln befragt wurde, die für DSG zu hause gelten, war sie ein wenig ratlos. Mit DSG zusammenleben ist wie mit einer Erwachsenen zusammenleben.

Und selbst dem Thema Alkohol nähert sich DSG mit der ihr eigenen wissenschaftlichen Herangehensweise. Ja, DWM hat DSG schon im Alter von 14 Jahren Alkohol trinken lassen. Entwicklungstechnisch ist DSG weit über 14 und DWM steht auf dem Standpunkt, dass der Umgang mit Alkohol gelernt werden sollte, weil es nun mal die hierzulande gesellschaftlich anerkannte Droge ist  und außerdem auch noch wunderbare Geschmackserlebnisse bieten kann. DSG verfügt über einen sehr feinen,ausgeprägten Geschmackssinn und freut sich, wenn DWM sie an ihrem Wein riechen und nippen lässt. Sie interessiert sich für Traubensorten, Anbaugebiete und Ausbautechniken und möchte gern ein Weinseminar machen. Bier schmeckt ihr noch nicht, aber das hat auch DWM erst mit 19 zu schätzen begonnen. Nur die besorgte Frage „Mama, wie viel kann ich trinken, bevor ich betrunken bin?“ kann DWM nicht zufriedenstellend beantworten. Hier wird nur ein Selbsttest helfen, der hoffentlich zu Hause durchgeführt werden wird 🙂

Als jetzt der 15. Geburtstag nahte, warf das jede Menge Probleme auf. Denn für all ihre Freundinnen war es der 16, der die Tore der Clubs öffnet. Zwei weitere Freundinnen haben an diesem Wochenende Geburtstag, es sollte nach einer häuslichen Vorfeier in einen nahegelegenen Club gefahren werden. DWM wälzt Problemlösungsstrategien mit ihrer Tochter. Einen Ausweis fälschen? Sich den Ausweis einer älteren Freundin besorgen, die ihr einigermaßen ähnlich sieht? Schließlich die ultimative Eingebung: DWM und DSG werden gemeinsam die Security passieren, danach wird DWM sich unauffällig in den weitläufigen Räumlichkeiten aufhalten. Sie studiert die Einlassbedingungen im Internet: ab 16 Jahre mit Ausweis, abgewiesen werden Personen, die offensichtlich jung sind und keinen Ausweis dabei haben, sowie Personen, die in irgendeiner Weise nicht zur Gästeschicht passen. Das könnte allerdings der Knackpunkt für DWM werden, denn schon ihre über20jährigen AuPairs haben diesen Club ob seiner jungen Gästestruktur gemieden. Möglicherweise wird der Betreiber von seinem Hausrecht Gebrauch machen einer Frau den Einlass verwehren, die aussieht, als würde sie hier ihre Enkel suchen. DWM überlegen sowohl eine telefonische Vorab-Klärung des Problems als auch einen Probebesuch, als das Problem sich von selbst löst. Der Clubbesuch wird abgesagt, es gab eine Dreifach-Party im Haus der Desperates, DWM konnte sich auch vom verantwortungsvollen Umgang der Gäste mit Alkohol überzeugen, was ihr ganz lieb war, denn ein wenig mulmig war ihr ob der Verantwortung schon gewesen, da sie nicht wussten, ob die 15 Gäste ähnlich gut damit umgehen können, wie ihre Tochter. 

Eine Woche später stellt sich das Problem in abgeschwächter Form: in einem ländlichen, abgelegenen Lokal findet die Jahrgangstufenfeier der Schule statt und – DSG ist wieder mal zu jung. Diesmal kommen allerdings noch zwei Mädls mit, die erst im Laufe des Jahres 16 werden. Gerüchten zufolge gibt es in diesem Lokal einen Eingang über den Zaun für diese Zielgruppe und DWM kutschiert ein Auto voll aufgeregter Mädls zu diesem verbotenen Event. Sie versprechen um 24 Uhr den Nachtschwärmer in den Ort zu nehmen (nur Gäste über 16 dürfen länger als bis Mitternacht bleiben, deswegen gibt es um diese Zeit auch einen Bus, aber was ist mit denen, die gar nicht erst hier sein dürften? ist es dann ohnehin schon egal, wie lange sie bleiben?)

DWM fährt in ihr leeres Haus zurück und fühlt sich sonderbar. DSB im Trainingslager, DSG auf ihrer ersten Feier-Nacht abseits von privaten Parties, sie wird danach bei ihrer Freundin übernachten. Nach dem zweiten Krimi um 0.37 kommt schon die SMS : „Bin heil wieder zurück. Wir haben die ganze Zeit getanzt“.  DWM freut sich, denn es war kein „Lebenszeichen“ vereinbart gewesen (wie konnte sie das bloß vergessen?), und geht beruhigt zu Bett. Sie freut sich vor allem auch, dass ihre Tochter nicht erwischt wurde, weil sie dann sicherlich Probleme wegen Verletzung der Aufsichtspflicht bekommen hätte, obwohl DSG im Vorfeld gesagt hatte: „nein, Mama, du wusstest von nichts, ich hab dir doch gesagt ich schlaf bei der Freundin“.

DWM erwartet jetzt die virtuellen Tomaten, die es ob ihrer mangelnden Erziehungskompetenz zu diesem Post hageln wird 🙂

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Veränderungen oder die Nachteile der Geschwisterliebe

Jetzt ist es also wieder mal so weit. Endlich kann DWM wieder auf so hohem Niveau jammern, dass sie ihre digitale Umgebung daran teilhaben lassen kann. Wobei sie sich schon fragt, warum gerade ihr das zweimal passieren muss. Nein, die Rede ist hier nicht davon, warum sie zweimal von einer Nebenbeziehung überrascht wurde, DWM weiss ganz genau, dass sie diesen Umstand ihrer beinahe grenzenlosen Naivität zu verdanken hat. Diesmal handelt es sich um Umstände, für die DWM höchstens genetischer Natur verantwortlich ist. Wenn überhaupt.

Der aufmerksame Leser dieses Blogs wird schon bemerkt haben, dass DSB – noch mehr als der Rest der Desperates – ein besonderes Naheverhältnis zum Sport hegt. Sehr zum Wohlgefallen von DWM hat er diese Leidenschaft bisher aus Spaß an der Freud gepflegt, denn seit DSGs kurzer aber intensiver Skirennkarriere weiss sie, was es bedeutet, einen Sportler in der Familie zu haben:
– Urlaube werden auf Gletschertrainingslagern verbracht
– verbleibende finanzielle Ressourcen werden in Rennmaterial angelegt
– für mangelnde Pflege desselbigen hagelt es Rügen von den Trainern , daher: nach Absolvieren mehrerer Seminare werden die ohnehin kurzen Nächte vor den Rennen mit Wachs und Kantenschleifer verbracht
– falls sich trotzdem kein Erfolg einstellt, muss die ensprechende Laune abgewettert werden
– falls sich der Erfolg einstellt, muss man bis zur Siegerehrung bleiben und der Rest des Tages ist auch gelaufen.
– an den Wochenenden Tagwache um 5:30, Aufbruch ins Skigebiet, Startnummernausgabe, Warten, Streckenbesichtigung, Warten, Rennen, Zittern auf die Ergebnisse bei Temperaturen um minus 20 Grad
– Stammgast in der Unfallklinik

Glücklicherweise befand DSG nach ein paar Jahren dieses Leben selbst für zu eindimensional. Nach einer Phase der Planlosigkeit (was machen normale Familien an den Wochenden und im Urlaub?) stellte sich also ein mehr oder weniger harmonisches Familienleben ein.

Manche der oben angeführten Einschränkungen rührten daher, dass DSG damals noch zu jung war, um ohne elterliche Begleitung auf Reisen zu gehen. Das wenigstens wird diesmal anders sein. Womit DWM also endlich beim eigentlichen Thema angelangt wäre: Nachdem DSB bisher seine halsbrecherischen Manöver auf dem Snowboard (ich mache den Backflip nur in ganz frischem Powder, versprochen Mama! – DWM konnte sich auf youtoube vom Gegenteil überzeugen) just for fun vollführte, bat er vergangenen Winter darum, erstmals an einem Contest teilnehmen zu dürfen. DWM war skeptisch, sah sie doch wie immer einen Berg von potenziellen Problemen auf sich zukommen. Womit sie natürlich wieder einmal Recht behalten sollte. Unerwarteterweise ergriff DSG für ihren Bruder Partei (nicht bedenkend, dass auch sie von den Folgeproblemen betroffen sein würde): „Mama, das ist unfair! Mir hast du es damals auch ermöglicht.“ DWM, wie immer um höchstmögliche Gerechtigkeit bemüht, faehrt ihren Sohn also persönlich zum Snowpark und unterschreibt das Haftungsausschließungsformular.

Als DSB strahlend den hölzernen Pokal entgegennimmt, ist DWM in erster Linie froh, dass er aus eigener Kraft das Podest erklommen hat, statt im Warteraum der Unfallklinik herumzulungern. Als kurz darauf eine Einladung des bayerischen Snowboardverbandes zu einem Talentsichtungswochenende in der Mailbox landet, weiss DWM: sie hat wieder einmal recht behalten mit ihren Bedenken. Jetzt ist es aber zu spät, denn ihren Sohn nicht mitfahren zu lassen, würde die Probleme höchstens aufschieben oder vielleicht in anderer Form nach sich ziehen. Es kommt wie es kommen muss, DSB wird für talentiert befunden. Da er jedoch nicht so der schulische Überflieger ist, wird sich das mit einem normalen Besuch seiner jetzigen Schule nicht vereinbaren lassen. Ein Wechsel an das nahegelegene Ski- und Snowboardgymnasium wird angedacht. Jetzt sieht auch DSG die Geister, die sie rief: „Ich will nicht, dass DSB weggeht. Dann sind wir keine richtigen Geschwister mehr. Ich will kein Einzelkind sein!“ Weinend verlässt sie das gemeinsame Mittagsmahl. Die beiden hatten schon immer ein enges Verhältnis, das sich durch die Turbulenzen im letzten Jahr noch verstärkt hat. In drei Jahren macht DSG Abi, bald werden sie ihre eigenen Wege gehen. Aber eben bald und nicht jetzt. DWM ist unendlich traurig, sieht sie sich doch außerstande, dieses Problem zu lösen. Sie kann ihre Tochter gut verstehen, hat sie doch selbst genug Probleme mit der Abnabelung. Andererseits kann sie schlecht von ihrem Sohn verlangen, auf diese Chance seiner Schwester zuliebe zu verzichten. DWM, berühmt für schlechtes Gewissen für alle möglichen und unmöglichen Ursachen, findet die Schuld bei sich selbst: sie hat zu wenige Kinder bekommen! Wenn einer weggeht, bleibt kein Geschwisterkind mehr für DSG.

Soziale Kälte im Hochsommer

Heute kommt DWM mal nicht umhin, sich furchtbar aufzuregen. Und da ist diesmal leider auch keine Pointe dabei. Nun lebt sie ja an einem Ort, der für Rentner aus dem ganzen Bundesgebiet eine magische Anziehungskraft auszuüben scheint, so einer Art Klein-Florida und ist daher allerhand gewöhnt. Das mag jetzt so klingen, als hätte DWM etwas gegen alte Menschen, aber leider musste sie die Erfahrung machen, dass derer sich viele nicht an ihre Kindheit erinnern können, geschweige denn an eigene Erziehungserfahrungen.

In ihrer Wohnung wurde von der hochschwangeren DWM verlangt, den Kinderwagen durchs Treppenhaus in den Abstellraum zu tragen, denn vor der Haustür wurde er nicht geduldet. Als dabei ein Stück Laub sich von den Reifen löste, wurde eine Hausversammlung einberufen, die neu eingezogene Familie verunstalte das bisher TipTop gehaltene Anwesen. Nach wenigen Monaten waren die Desperates wieder ausgezogen.

Jetzt wohnen sie in einem Haus mit Garten und hätten sie noch einen Kinderwagen, könnten sie ihn hinstellen, wo sie wollten. Dafür sind die Kinder jetzt selbst mobil geworden und freuen sich, unabhängig vom Taxi Mama ihre Freunde mit der Bahn besuchen zu können. Dort hat DesperateSchoolBoy ein Erlebnis der besonderen Art: Um auch am Zielort mobil zu sein, nimmt er sein Fahrrad mit ihn die Bahn, was aber beim Ein- und Aussteigen etwas hinderlich sein kann. Zumindest war in seiner offiziellen Version der Geschichte das umgefallene Fahrrad der Grund, warum er den Ausstieg an seiner Haltestelle nicht geschafft hat. Letztendlich ist es auch egal, ob der HansGuckInDieLuft (neuerdings ADS genannt) seine Haltestelle einfach verschlafen hat, oder nicht. Nach Murphy´s Law kommt ein Unglück aber selten allein, und als DSB sein Handy zückt, um der Mutter das Missgeschick zu beichten, hält er nur ein nutzloses Stück mit leerem Akku in der Hand.

Ähnliches hatte DWM schon vermutet, als sie ihren Sohn zu erreichen versuchte, nachdem die Estimated Time of Arrival verstrichen war. Danach wurde DSBs Freund angerufen, der nur beauskunften konnte, DSB sei rechtzeitig für den Zug losgefahren.

Was tun? DWM vermutet, durch Trödlereien habe DSB vielleicht trotzdem den Zug verpasst und schickt DWD, den Wochenend-Taxifahrer Nummer eins los, um einen eventuell dort wartenden Sohn aufzuklauben.

Kaum ist DWD on the road, radelt auch schon ein ziemlich aufgelöster DSB in die Einfahrt. Nach seinen beiden Missgeschicken – Haltestelle verpasst & Akku leer – hat er die älteren Damen im Zug gebeten, ob er von ihrem Handy seine Mama anrufen darf. Die nächste Haltestelle ist ziemlich weit entfernt, mit dem Fahrrad braucht er ewig und sie mache sich bestimmt Sorgen. (Worst-Case-DWM hat ihre Familienmitglieder diesbezüglich gut erzogen, nicht wahr 🙂 )

Zu hören bekam er gereiztes Gezeter, dass er ganz sicher nicht von ihrem Handy telefonieren dürfe. Der Schaffner schlug vor, bis zur übernächsten Station mitzufahren, dort führe dann gleich der Zug in die Gegenrichtung, mit dem er dann seine Station erreichen könne.

Erwartet DWM zu viel von ihren Mitmenschen? Niemals würde sie einem Kind in einer solchen Situation ein Telefonat von ihrem Handy verweigern (auch nicht mit Roaming-Kosten)! Zwar ist es kein sehr christlicher Gedanke, aber sollten die alten Schnepfen mal Hilfe brauchen, möge ihnen keiner helfen!

Wenn der Mut zur Lücke fehlt…

Am Sonntag ist DWM noch ein wenig wehmütig ob der Abwesenheit ihrer Tochter. Weil selbige sich beschwert hatte „Nie tun wir grillen“ (diese im süddeutschen Sprachraum übliche exzessive Verwendung des Hilfszeitwortes ist ein probates Mittel, um DWD, den einzigen Deutsch-Native-Speaker der Familie auf die Palme zu jagen) nahm DWM am Samstag Nachmittag noch den Nahkampf an der Fleischtheke auf, um DSG am Sonntag mit einer spätmittäglichen Grillparty zu überraschen, wenn sie von ihrer Auswärtsübernachtung zurückkehre. Mit ungewöhnlichem Elan widmet DWM sich dem Grillgut, als sie – die Hände voller Olivenöl, aber der Ankauf eines neuen Mobiltelefons steht ja ohnehin an – um zwölf der heißersehnte Anruf des Töchterchens ereilt: Sie habe gerade gefrühstückt und ob es reiche, wenn sie am Abend komme. DWM ist hin- und hergerissen zwischen

„Auf deinen Wunsch grillen wir jetzt hier, du kommst wie vereinbart nach Hause!“

Subtext: Ich habe es satt, hier die allzeit bereite Homebase für semi-flüggen Nachwuchs zu spielen

und

„Aber sicher!“

Subtext: Schön, dass DSG gute Freundinnen hat, mit denen sie ihre Freizeit verbringt

Der Leser hat es wahrscheinlich schon erraten, DWM entscheidet sich für letzteres. Sie grillt ein wenig schneller, damit DSB die Bahn zu seinem Freund erreicht und sie in die gewonnenen Stunden noch eine Wanderung mit DWD quetschen kann. Die wird in Rekordzeit erledigt und DWM freut sich, wenigstens am Abend die traute Familie mit den Resten des Grillgutes und den Erlebnissen der letzten zwei Tage um den Terassentisch versammeln zu können. Obwohl DSG keinen Hunger hat, sie habe schon bei ihrer Freundin gegessen.

Als der Tisch abgeräumt wird und der gemütliche Teil des Abends beginnen könnte, beginnt der ungemütliche. DSG erinnert sich: „Vielleicht schreiben wir morgen Chemie-Ex.“ In hektischer Betriebsamkeit werden Bücher, Hefte, Mappen und freifliegende Blätter auf Esstisch, Terassentisch, Hängematte und Schaukel verteilt. Das gefürchtete „Lernst du mit mir?“ hat DSG sich zwar mangels Erfolges (noch dazu Chemie – DWMs absolutes Nietenfach) abgewöhnt, aber immerhin durch ein „Fragst du mich ab?“ ersetzt.

Wieder einmal ist DWM hin- und hergerissen (sie müsste schon ganz zerissen sein, so oft, wie sie diesen Gefühlszustand durchlebt). Eigentlich wollte sie noch ein wenig den warmen Sommerabend auf der Gartenliege genießen. Andererseits kann sie das ja auch mit Chemie-Buch. Als sie sich gerade zu einer positiven Antwort durchringen will, bringt DSG ein neues Problem aufs Tapet: „Ich schreibe am Freitag Französisch und hab für Montag und Donnerstag Nachhilfe ausgemacht.“

Während der folgenden dreiviertel Stunde berät DWM ihre Tochter zu den Vor- und Nachteilen, eine vereinbarte Nachhilfestunde abzusagen oder auch nicht, eine zweite Stunde abzusagen oder auch nicht, wie wichtig die Nachhilfe nach Absolvieren der letzten Schulaufgabe für ihre Schülerin überhaupt ist. Wie so oft rutschen Mutter und Tochter ab in die Grundsatzdebatte mit anschließenden Grundsatzaussagen – die als solche ohnehin niemals zu Grundsätzen werden, sondern immer als leere Worthülsen verbleiben: „Wenn dir das zu viel wird, musst du aufhören mit der Nachhilfe.“

DWM fühlt zunehmend Gereiztheit in sich aufkeimen, als DSG auch noch nachlegt: „Ich kann ja am Mittwoch das Tennis absagen.“ Der Keim beginnt zu sprießen. Wieso soll DWM für Training bezahlen, das DSG dann nicht in Anspruch nimmt, um dafür bei anderen Leuten Geld zu verdienen? Soll sie sich die entfallenen Stunden von ihrer Tochter bezahlen lassen? Da sie aber so ein erholsames Wochenende hatte, bewahrt DWM Ruhe und schreitet zu einer Maßnahme, die sie sonst nur ihrem Sohnemann angedeihen lässt: Gemeinsam mit DSG geht sie den Französisch-Stoff durch, um einen Lernplan zu erstellen. DWM versucht ihrer Tochter, die mit ganz wenigen Ausnahmen nur die Note „Sehr gut“ schreibt, seit Jahren erfolglos das doch sehr wichtige Prinzip „Mut zur Lücke“ zu vermitteln.

Der Abend schreitet immer weiter voran, mittlerweile rückt auch das Fußballspiel immer näher, die Liege wird bereits aus dem Garten geräumt. DSG steigert sich in ihre Lern-Panik, DWM in ihre Grundsatzdebatten. Ursprünglich hatte sie eine Regel aufgestellt, nach der DSG um acht Uhr ihre schulischen Aktivitäten zu beenden habe (ist es nicht erstaunlich? DWM muss ihre Tochter vom Lernen ABHALTEN), aber irgendwie bereitet ihr die Durchsetzung derselben Probleme.

Um zehn Uhr tut es zwar beiden leid, aber trotzdem sind beim Frühstück noch die Nachwehen des missglückten Abends zu spüren.

Und dann passiert etwas, was DWM eigentlich so gut wie jedesmal bereut. Sie kann ihre Klappe nicht halten. Bevor sie selbige daran hindern kann, entfleucht ihr eine wenig konstruktive Bemerkung über DSGs Augenringe. Glücklicherweise müssen alle dringend los, sodass die Diskussion nicht ausführlich geführt werden kann. Nachmittags ist es schon wieder vergessen. Oder zumindest verziehen. Zumindest oberflächlich gesehen.

Vertrauen ist gut – was ist besser?

Eines gleich mal vorweg: obwohl DWM ja sehr geübt darin ist, sich die ausgefallensten Worst-Case-Szenarien auszudenken, versucht sie ihre Kinder damit möglichst nicht zu behelligen und da auch DWD im Allgemeinen davon nichts hören will, muss sie ihre Ängste mit sich selbst ausmachen.

Nun sind Auswärtsübernachtungen der Kinder bei diversen Freunden ja seit der Kindergartenzeit quasi an der Tagesordnung (da so gut wie niemals beide Kinder am selben Tag auswärts übernachten, springt dabei so gut wie nie eine sturmfreie Bude für DWM und ihren Mann raus, aber das ist eine andere Geschichte). Da selbige aber immer nur bei Eltern des Vertrauens stattfinden, hatte DWM auch niemals ein Problem damit. Außerdem wusste sie, dass vor allem die Tochter sich auswärts besser benahm als zu Hause. Manchmal haderte sie mit ihrem Schicksal, warum sie nicht auch in den Genuss eines höflichen, wohlerzogenen Mädchens komme, aber bei näherer Betrachtung war es DWM doch so rum lieber als umgekehrt. Sohmemann war ohnehin überall gleich pflegeleicht und wehrte sich höchstens, wenn umfangreichere Körperpflegeaktionen durchgeführt werden sollten und das kann man bei einer einzigen Auswärtsnacht ja getrost verschieben. DWM packte also ein Täschen mit erforderlichen Utensilien, versorgte den Sprößling nochmal mit den üblichen Ermahnungen und übergab ihn der Mutter des Freundes, in seltenen Fällen auch dem Vater.

Nicht selten traten solche Übernachtungen auch als Spontanaktionen auf, indem einfach ein nachmittäglicher Besuch mittels Anruf bei DWM ausgedehnt wurde, was meist eine Taxifahrt mit Zahnbürste und frischer Unterwäsche zur Folge hatte. So konnte DWM im Haus der Gastgeber immerhin noch feststellen, dass alles seine Ordnung hatte.

In der nächsten Stufe nächtigte DSG bei ihrer Freundin, deren Mutter DWM wenigstens noch persönlich kannte und der sie ihr Töchterchen auch für die London-Reise anvertraute. Trotzdem ruft DWM nicht bei jedem Anlassfall die Mutter an, ob denn auch wirklich heute DSG in ihrem Haushalt nächtige.

Heute schläft DSG bei einer Freundin, die DWM zwar vom Hörensagen und von Fotos, aber nicht persönlich kennt, ebensowenig wie die Mutter. Was tun? Hinfahren und sich persönlich vorstellen? Anrufen und sich vorstellen und dabei dezent feststellen, ob DSG denn heute wirklich dort nächtigt? Andererseits kennt DWD die Mutter, weil er auf seinen Chauffeurdiensten schon mal dort vorbeigekommen ist.

Was könnte DSG mit dieser Freiheit alles anstellen! Mama kontrolliert überhaupt nicht nach, wo sie schläft, wann sie zu Bett geht, wann sie überhaupt nach Hause kommt, mit wem sie zusammen ist, was sie dort treibt. Die einzige Abmachung bestand in einem „Ich ruf´ dich an!“, weil DSG weder wusste, wie lange sie dort bleiben wollte/konnte/sollte, noch was sie am Sonntag machen wollten/sollten.

Und jetzt sitzt DWM wieder einmal vor ihrem Facebook-Account und beschwört das Icon ihrer Tochter, es möge sich doch mit einem grünen Pünktchen schmücken, damit unauffällig Kontakt aufgenommen werden könne (Selbst DSB hatte sich schon über die sinnlosen „Ist-alles-in-Ordnung-Anrufe“ beschwert).

DWD, der Weltmeister des Loslassens, hatte sein Weib nur beschworen, keine Kontrollanrufe zu tätigen, sondern den Vertrauensvorschuss zu gewähren.

Aber wenn sie es sich so recht überlegt, war DSG gestern vor ihrem Aufbruch außerordentlich kooperativ gewesen: Sie war freiwillig einkaufen gegangen und hatte dem Bruder die vergessene Sonnencreme ins Schwimmbad hinterher gebracht. Das Packen der Nächtigungsutensilien war ruhig vonstatten gegangen, sie hatte die Mutter sogar um Rat gefragt und keinen Tobsuchtsanfall bekommen, als sie Tasche und Schlafsack nicht auf dem Fahrradgepäckträger unterbringen konnte.

War das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Was man in der Fremde lernt….

Nun ist DWM ja seit Samstag eine Semistrohmutter. Eine temporär vom Ehemann getrennte Frau ist eine Strohwitwe, also ist eine temporär von den Kindern getrennte Mama eine Strohmutter. Wenn aber nur die Häfte der Kinder außer Haus weilt, ist sie somit eine Semistrohmutter.

Gestern abend ringt die Semistrohmutter mit sich, ob sie eine SMS an die in London weilende Tochter loslassen soll. Da sie bei Freundinnen diese „Melde-dich-sofort-wenn-du-angekommen-bist“ Verpflichtung immer etwas befremdlich fand, wollte selbst keinesfalls in dieses Muster verfallen.

Auch am Morgen kann Semistrohmutter sich soweit beherrschen, dass sie nicht noch vor dem Frühstück im Internet guckt, ob vielleicht eine EasyJet-Maschine auf dem Weg nach London abgestürzt sei. Aber gegen Abend wird sie doch etwas unruhig. So eine SMS wär ja doch nicht zu viel verlangt, oder? Der Semistrohvater versucht seine Frau zu beruhigen mit „Keine Nachrichten sind gute Nachrichten“.

Vor dem Schlafengehen guckt die Semistrohmutter nochmal kurz in ihren Facebook-Account und siehe da: Seit acht Stunden schlummert dort völlig ungelesen der Reisebericht der Tochter. Rabenmutter! Hätte sie sich ja denken können, dass DSG zu sparsam ist für eine Roaming-SMS und WLAN gibts in der Unterkunft for free.

Was sie da liest, bringt Semistrohmutter zum Schmunzeln. Wie sie im Vorfeld schon vermutet hatte, ist die Organisation nicht die Stärke der mitreisenden Mutter (und schon gar nicht der Kinder). Ha, Tochter, das haste jetzt davon, hättest du mal deine Mutter mitgenommen! Jedenfalls hat nach allgemeiner Planlosigkeit wohl DSG den Zug gesucht, aber der Umsteigevorgang wurde nicht bewältigt, sodass der Rest der Strecke mit dem Taxi zurückgelegt wurde.

Semistrohmutter will ja nicht schadenfroh sein, aber was sie dann liest, bringt sie vielleicht doch in die Nähe eines solchen Gefühls: Die Freundin beschwerte sich, weil sie verdurste und der Schwester der Freundin war das Taxi nicht genehm.

Semistrohmutter erinnert sich an Reisen mit der Familie, während der die Kinder missmutig hinter den alles organisierenden Eltern hertrotten und sich beschweren, wenn die gewohnte Frequenz an Nahrungsaufnahme nicht eingehalten werden kann oder die Beschaffenheit derselben nicht ihren Vorstellungen entspricht.

Ob DSG aus dieser Erfahrung lernt, und das Ganze vielleicht auch noch im Langzeitgedächtnis bis August speichert?

Passive Flugangst

DWM kann es nicht fassen. Jetzt ist es passiert. Beziehungsweise wird es am Wochenende passieren. DSG fährt nach London. Das allein wär ja nicht so schlimm, aber sie fährt ALLEINE! Naja, nicht gerade alleine, aber ohne DWM! Nun reist sie ja öfters zu den Großeltern in die Steiermark, übernachtet bei einer Freundin, auch am Gardasee war sie mit einer befreundeten Familie schon (da durfte DWM sie wenigstens noch hinfahren). Aber London! Letzten Herbst war davon die Rede gewesen und eines Tages wird DWM bei der Rückkehr von der Arbeit empfangen von einer sehr aufgeregten Tochter:

DSG: „Mama, Mama, die haben jetzt den Flug gebucht und es gibt nur noch einen freien Platz und ich habe im Internet schon alles richtig eingegeben du musst nur noch deine Kreditkartennummer eingeben.“

DWM: kann erst mal nicht so richtig folgen

DSG hält DWM ihr Handy entgegen: „Da ist die Mama von meiner Freundin dran, die kann dir sagen, dass das alles in Ordnung ist.“

DWM, immer noch perplex erfährt von der Mutter, dass diese tatsächlich mit ihren beiden Töchtern nach Londen fährt und die beiden gewillt sind, DSG mitzunehmen. Zur Flugbuchung könne sie allerdings keine konkreten Auskünfte geben, darum kümmere sich die Tochter.

DWM wird also wieder weitergereicht, ist allerdings langsam etwas in Eile, weil sie DSB zum Klettertraining bringen muss. Der Freundin kann sie mühsam die Flugdaten aus der Nase ziehen (ist die Standardantwort „keine Ahnung“ eigentlich ein bayerisches Spezifikum oder gibt es die bei euch auch? DWD nennt DSG und ihre Freundinnen mittlerweile die „Generation keine Ahnung“), bevor sie beschließt, dass das schon alles seine Ordnung haben wird und die Kreditkarte zückt. Die Zeit läuft, DSG wird schon alles richtig eingegeben haben, also wird auf „buchen“ gedrückt und DSB schnell zum Klettern gefahren.

Ein halbes Jahr später ist es jetzt tätsächlich so weit. DWM hadert natürlich mit der Tatsache, dass die Freundinnenmutter mitfahren darf und sie selbst nicht.

„Das ist halt so eine Mama, die überall dabeisein will, sogar beim Geburtstag musste meine Freundin sie rauschschmeißen.“

DWM überlegt, ob es jetzt besser ist, eine Mama zu sein, die überall dabeisein will, und dafür mit der Tochter nach London darf, oder eine Mama zu sein, die man nicht rauschschmeißen muss. Aber da DSG erst 13 ist, darf sie ohnehin nicht alleine fliegen.

Apropos fliegen: passive Flugangst – soll heißen, wenn man Angehörige im Flugzeug weiß – ist auch ganz schlimm. Aber DWM wird definitiv keine Mama werden, die man sofort anrufen muss, wenn man irgendwo angekommen ist. Nein. Keine Nachrichten sind gute Nachrichten