Jugendschutz

Jetzt muss DWM sich mal zu einem Thema auf eine Art und Weise äußern, die ihr nicht nur Zustimmung bringen wird. Eines deshalb vorweg: Ja, auch DWM hält Jugendschutz für wichtig. Aber wie so vieles auf der Welt passt er nicht für ihre Tochter. Was passt überhaupt für ihre Tochter? Die Vorschriften für den Einschulungstermin taten es nicht, aber hier war es mit einigem Auffwand immerhin möglich, selbige zu umgehen und DSG mittels IQ-Test und psychologischem Gutachten zur Zufriedenheit aller ein Jahr früher in die Schule gehen zu lassen. Aber mit IQ-Test und psychologischem Gutachten wird sie bei den Türstehern der Clubs wahrscheinlich nicht viel Erfolg haben.

DWM weiss, dass sie ihrer Tochter vertrauen kann. Sie hat sie allein um die halbe Welt fliegen lassen, ist mit ihr gemeinsam durch British Columbia gereist und hat sie als umsichtige Reispartnerin genossen. DSG meldet sich zuverlässig bei jeder Art von Zwischenfällen, die ein verspätetes Erscheinen zur Folge haben werden. In den Ferien schmeisst DSG den Haushalt und DWM genießt ein frisch gekochtes Essen, wenn sie von der Arbeit kommt. Als DWM im Vorfeld ihres Auslandssemesters per Skype von der kanadischen Gastmutter nach den Regeln befragt wurde, die für DSG zu hause gelten, war sie ein wenig ratlos. Mit DSG zusammenleben ist wie mit einer Erwachsenen zusammenleben.

Und selbst dem Thema Alkohol nähert sich DSG mit der ihr eigenen wissenschaftlichen Herangehensweise. Ja, DWM hat DSG schon im Alter von 14 Jahren Alkohol trinken lassen. Entwicklungstechnisch ist DSG weit über 14 und DWM steht auf dem Standpunkt, dass der Umgang mit Alkohol gelernt werden sollte, weil es nun mal die hierzulande gesellschaftlich anerkannte Droge ist  und außerdem auch noch wunderbare Geschmackserlebnisse bieten kann. DSG verfügt über einen sehr feinen,ausgeprägten Geschmackssinn und freut sich, wenn DWM sie an ihrem Wein riechen und nippen lässt. Sie interessiert sich für Traubensorten, Anbaugebiete und Ausbautechniken und möchte gern ein Weinseminar machen. Bier schmeckt ihr noch nicht, aber das hat auch DWM erst mit 19 zu schätzen begonnen. Nur die besorgte Frage „Mama, wie viel kann ich trinken, bevor ich betrunken bin?“ kann DWM nicht zufriedenstellend beantworten. Hier wird nur ein Selbsttest helfen, der hoffentlich zu Hause durchgeführt werden wird 🙂

Als jetzt der 15. Geburtstag nahte, warf das jede Menge Probleme auf. Denn für all ihre Freundinnen war es der 16, der die Tore der Clubs öffnet. Zwei weitere Freundinnen haben an diesem Wochenende Geburtstag, es sollte nach einer häuslichen Vorfeier in einen nahegelegenen Club gefahren werden. DWM wälzt Problemlösungsstrategien mit ihrer Tochter. Einen Ausweis fälschen? Sich den Ausweis einer älteren Freundin besorgen, die ihr einigermaßen ähnlich sieht? Schließlich die ultimative Eingebung: DWM und DSG werden gemeinsam die Security passieren, danach wird DWM sich unauffällig in den weitläufigen Räumlichkeiten aufhalten. Sie studiert die Einlassbedingungen im Internet: ab 16 Jahre mit Ausweis, abgewiesen werden Personen, die offensichtlich jung sind und keinen Ausweis dabei haben, sowie Personen, die in irgendeiner Weise nicht zur Gästeschicht passen. Das könnte allerdings der Knackpunkt für DWM werden, denn schon ihre über20jährigen AuPairs haben diesen Club ob seiner jungen Gästestruktur gemieden. Möglicherweise wird der Betreiber von seinem Hausrecht Gebrauch machen einer Frau den Einlass verwehren, die aussieht, als würde sie hier ihre Enkel suchen. DWM überlegen sowohl eine telefonische Vorab-Klärung des Problems als auch einen Probebesuch, als das Problem sich von selbst löst. Der Clubbesuch wird abgesagt, es gab eine Dreifach-Party im Haus der Desperates, DWM konnte sich auch vom verantwortungsvollen Umgang der Gäste mit Alkohol überzeugen, was ihr ganz lieb war, denn ein wenig mulmig war ihr ob der Verantwortung schon gewesen, da sie nicht wussten, ob die 15 Gäste ähnlich gut damit umgehen können, wie ihre Tochter. 

Eine Woche später stellt sich das Problem in abgeschwächter Form: in einem ländlichen, abgelegenen Lokal findet die Jahrgangstufenfeier der Schule statt und – DSG ist wieder mal zu jung. Diesmal kommen allerdings noch zwei Mädls mit, die erst im Laufe des Jahres 16 werden. Gerüchten zufolge gibt es in diesem Lokal einen Eingang über den Zaun für diese Zielgruppe und DWM kutschiert ein Auto voll aufgeregter Mädls zu diesem verbotenen Event. Sie versprechen um 24 Uhr den Nachtschwärmer in den Ort zu nehmen (nur Gäste über 16 dürfen länger als bis Mitternacht bleiben, deswegen gibt es um diese Zeit auch einen Bus, aber was ist mit denen, die gar nicht erst hier sein dürften? ist es dann ohnehin schon egal, wie lange sie bleiben?)

DWM fährt in ihr leeres Haus zurück und fühlt sich sonderbar. DSB im Trainingslager, DSG auf ihrer ersten Feier-Nacht abseits von privaten Parties, sie wird danach bei ihrer Freundin übernachten. Nach dem zweiten Krimi um 0.37 kommt schon die SMS : „Bin heil wieder zurück. Wir haben die ganze Zeit getanzt“.  DWM freut sich, denn es war kein „Lebenszeichen“ vereinbart gewesen (wie konnte sie das bloß vergessen?), und geht beruhigt zu Bett. Sie freut sich vor allem auch, dass ihre Tochter nicht erwischt wurde, weil sie dann sicherlich Probleme wegen Verletzung der Aufsichtspflicht bekommen hätte, obwohl DSG im Vorfeld gesagt hatte: „nein, Mama, du wusstest von nichts, ich hab dir doch gesagt ich schlaf bei der Freundin“.

DWM erwartet jetzt die virtuellen Tomaten, die es ob ihrer mangelnden Erziehungskompetenz zu diesem Post hageln wird 🙂

Advertisements

Zurück zum Start oder wann ist eine Karriere eine Karriere?

Manchmal geht DWM erstaunliche Irrwege, um zu fundamentalen Erkenntnissen zu gelangen. Um Jahre, eigentlich Jahrzehnte später genau dort zu landen, wo sie schon mal war. Der Spruch „wenn es des Richtige gewesen wäre, kommt man an dieser Wegkreuzung wieder vorbei“ (oder zumindest so ähnlich, DWM ist furchtbar schlecht im Zitieren, wenigstens hat sie keinen Doktortitel, der ihr dafür aberkannt werden könnte) bewahrheitet sich für sie auf alle Fälle. Wobei sie sich schon die Frage stellt, wie viele Erkenntnisse sie in ihrem begrenzten Leben noch unterbringen kann, wenn sie so lange dafür braucht.

Gegen Ende des Studiums hatte DWM angefangen, als Werkstudentin in der Softwareentwicklung zu arbeiten. Nachdem sie ihren Abschluss gemacht hatte, wurde sie fix in diesem Unternehmen angestellt, berufliches Leben perfekt auf Schiene gebracht. Dachte sie jedenfalls. Denn zwischen Sponsion und Anstellungsvertrag hatte sie noch genau eine Woche Freiheit zu genießen, was sie auf Teneriffa zu tun gedachte. Und dann passierte es. Die erste von vielen Bauchentscheidungen. DWM lernte den späteren DWD kennen, und verließ seinetwegen ihre geliebte Studienstadt. In der neuen Stadt fand sie Arbeit in der Projektleitung von Softwareprojekten und redete sich ein stellte fest, dass das ohnhin viel cooler sei. Die Dinge nahmen ihren Lauf, mit DWDs tatkräftiger Hilfe schaffte es DWM trotz zweier Kinder beruflich einigermaßen am Ball zu bleiben bis dann das verlockende Angebot kam: eine eigene Abteilung – zwar in einem Fachgebiet, das DWM sich erst aneignen müsste, aber sie lernt ja gern Neues. Der werte Leser kann sich jetzt die Frage stellen, ob das Fachgebiet DWM auch zusagen würde und genau das hätte sie damals auch tun sollen. Hättiwari. Aber zu groß waren die Verlockungen. Welche Verlockungen eigentlich? Dienstreisen erster Klasse statt zweiter Klasse? Den Großteil ihrer Arbeitszeit in tagelangen Meetings zu verbringen, deren Quintessenz man in einer Stunde hätte unterbringen können? Abends vom Vorstand gemeinsam mit anderen wichtigen Leuten zum Essen eingeladen zu werden, während sie viel lieber ihre Kinder geknuddelt hätte? Wie dem treue Leser der ersten Stunde vielleicht noch erinnerlich ist, war es irgendwann vorbei mit den Abteilungsleiterprivilegien und es blieb nur mehr das Fachgebiet übrig, begleitet von der Schmach der Degradierung. DWM fuhr ihren beruflichen Elan auf ein erforderliches Mindestmaß herunter und lastete sich stattdessen mit privaten Projekten aus: Bloggen, eBook, Trennung, Alleinerziehertum.

Bis es irgendwann wieder Zeit für eine Bauchentscheidung wurde: im internen Stellenmarkt wurde eine halbe IT-Stelle ausgeschrieben. DWMs Bewerbung wurde abgelehnt mit der Begründung, sie sei unverzichtbar in ihrer derzeitigen Position. Wie das? Ganz offensichtlich hatte sie sich dort immer noch über Gebühr verausgabt, sonst würde doch solches nicht behauptet werden. Während DWM nach Wochen immer noch versuchte, die ihr wohl angeborene (oder anerzogene? wer weiss das schon) Arbeitsmoral etwas erfolgreicher als beim letzten Mal zu bekämpfen, kommt ein Angebot vom Vorstand: Wenn sie noch interressiert sei, könne sie beides machen, ihre Kinder seien doch schon so groß… DWM kann nicht widerstehen, legt ihre letzten organisatorischen Reserven frei und stockt ihre Arbeitszeit auf 80%, auf von denen sie die Hälfte in der IT verbringen darf.

Um jetzt endlich auf das Thema zurückzukommen: Dort wird DWM versuchen, nach über 20 Jahren wieder Fuss zu fassen in der – richtig geraten! Softwareentwicklung. Die verbliebenen Reste an grauen Zellen werden aktiviert, mal schauen, wie viel nach Stilldemenz und exzessiven Feiern noch übrig ist.

Für die Feststellung, dass eine spannende Aufgabe wichtiger ist als Status, hat DWM Jahre ihres Lebens investiert. Und für die Erkenntnis, dass berufliche Entscheidungen von privaten tunlichst getrennt werden sollten, gar Jahrzehnte. Aber wie immer bleibt DWM der Trost: sie kann immerhin als schlechtes Vorbild für ihre Tochter dienen 🙂