Remote Rohrstock versus Gesprächstherapie

DWM ist ja nicht der kommunikationstechnische Überflieger und ein klingelndes Handy am Vormittag eher die Ausnahme. So dauert es auch seine Zeit, bis sie den Störenfried in ihrer Handtasche richtig identifiziert und hervorgepfriemelt hat. Nach dem Blick aufs Display  spielen sich in DWMs worstcaseerprobten Gehirnwindungen diverse Szenarien ab:

– Kind(er) beim Sportunterricht verletzt (bitte nicht wieder ins Krankenhaus!)

– Kind(er) krank und abholbereit (wie soll sie ihren Abgabetermin halten, wenn sie jetzt weg und morgen zu Hause bleiben muss?)

noch bevor der Anrufer überhaupt Gelegenheit hatte, sich zu identifizieren.

„Guten Tag, hier ist Frau XXX“

Somit scheiden beide Szenarien aus, denn Frau XXX ist keine Sportlehrerin und bei Krankheit ruft die Sekretärin an. Schon wieder völlig voreilig überflüssige Arbeit verrichtet, diese Windungen. Deutsch? Was kann denn in Deutsch passieren?

„Kann ich Sie kurz sprechen?“

Das kann DWM ja jetzt wohl schlecht verneinen, oder?

„Sie können auch gern zu mir in die Sprechstunde kommen!“

Bei dieser Alternative entscheidet sich DWM doch für das Telefonat und sucht ein leeres Besprechungszimmer, um die Kollegen nicht unfreiwillig an ihrem Privatleben teilhaben zu lassen. Schön langsam dämmert ihr, dass DesperateSchoolBoy den Anruf seiner Lehrerin sogar angekündigt hatte, aber DWM hatte gehofft, dass das vielleicht hinfällig geworden oder wenigstens in Vergessenheit geraten wäre, aber nein. An der Schulfront kommt sie mit ihrer sonst so bewährten Strategie „gut abliegen lassen“ nicht so einfach durch.

„Wir hatten ja beim Elternsprechtag über DSBs Bewegungsdrang gesprochen.“

Ach ja, das war doch die eigentlich ganz nette und verständnisvolle Lehrerin gewesen.

„Leider ist noch keine Besserung eingetreten und er stört jetzt auch den Unterricht durch Schwätzen.“

Schön langsam dämmert DWM auch der Rest von DSBs Ankündigung und sie beginnt sich zu ärgern. Obwohl sie bei Klassenlehrer und Stellvertreterin mehrmals um einen ADS-tauglichen Sitzplatz gebeten hatte, war ihr Sohn kürzlich von einem schweigsamen Banknachbarn zu einem offensichtlich gesprächsbereiteren umgesetzt worden. DWM  kann dieser ständigen Umsetzerei sowieso nichts abgewinnen und sie geht jetzt gleich mal in die Offensive, in der sie ihre Meinung vorträgt.

„Naja, aber vorher war es auch nicht viel besser.“ wendet die Lehrerin ein, als sie wieder zu Wort kommt.

Was, sollte es vielleicht doch an ihrem heißgeliebten Sohn liegen? Vielleicht sind ja doch mal ein paar Erziehungsmaßnahmen gefordert, wenngleich DWM keine Ahnung hat, wie die aussehen könnten. Soll sie vielleicht in die Schule fahren und dem Ungehorsamen mit dem Rohrstock auf die Finger klopfen, weil die Lehrer das nicht mehr dürfen?

„Ich möchte ihn aber auch nicht alleine an einen Platz setzen, weil das nicht schön ist.“

DWM erscheint eine solch einfache Lösung des Problems durchaus erstrebenswert, was sie der Lehrerin schmackhaft zu machen versucht: „Aber schwätzen ist auch nicht schön. Wenn er Sachen macht, die nicht schön sind, muss er daraus lernen, dass er was zurückbekommt, was auch nicht schön ist.“ Obwohl DWM ganz begeistert ist von ihrem pädagogischen Pamphlet, will ihr die Lehrerin nicht zustimmen.

„Nein, ich würde es eher mit positiver Arbeit versuchen. Er ist so ein kluger Junge, dass das sicher bei ihm klappt.“

Wenn man DWM Honig ums Maul schmiert, wird sie etwas kooperationsbereiter.

„Reden Sie einfach jeden Tag mit ihm über den Unterricht und wie es ihm dabei ergangen ist.“

„Wir besprechen immer abends den Tag und wie es ihm dabei ergangen ist.“ Voller Stolz kann DWM wertvolle pädagogische Arbeit nachweisen. Dass sie ihrem Sohn dabei mit der Suggestivfrage „Und wie ist es dir mit der Konzentration gegangen, wird es schon besser?“ die Antwort bereits in den Mund legt, muss sie der Lehrerin ja nicht auf die Nase binden.

„Fragen sie ihn einfach ganz konkret und in offenen Fragen, was er in welcher Situation gemacht hat – z.B. beim Hefteintrag – und ob er dabei geredet hat.“

DWM verspricht der Lehrerin alles, um dieses Gespräch beenden zu können. Jetzt gibt es also abendliche Gesprächstherapie bei den Desperates und DWM kann hoffentlich bald von Erfolgen berichten.

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4 Gedanken zu „Remote Rohrstock versus Gesprächstherapie

  1. Oh mein Gott. Und die meinen wirklich, das hilft? Ich wunder mich ja auch schon immer, wenn ich gesagt kriege, was in der Schule nicht klappt – ja, was soll ich denn tun, ich bin ja nicht dabei! Und klar kann man nachmittags/abends drüber reden, aber ob das bis zum nächsten Tag hängen bleibt und in der Situation abgerufen wird – ich hab da so meine Zweifel.

    • Ja, es war schon schlimm genug, zur Schule zu gehen, wenn man selbst verantwortlich war für die Beschwerden der Lehrer, aber für etwas gerügt zu werden, wo man nur indirekt eingreifen kann, ist immer wieder sonderbar. Wenn ich meinem Sohnemann abends ins Gewissen rede, setzt er mit Riesenkulleraugen sein charmantestes Ach-bin-ich-zerknirscht-Gesicht auf und gelobt Besserung. Insgeheim hege ich den Verdacht, dass er diese Strategie als die kürzestmögliche identifiziert hat, um sich wieder seinen Freizeitaktivitäten widmen zu können.

  2. Hihihi, mal wieder hast du deinem Subtitel volle Ehre gemacht: Unterschätzte Bestleistungen an allen Fronten. Erinnert mich ein bisschen an des Gespräch mit dem Mathelehrer, das ich vergangenen Dezember in seiner Sprechstunde (der ersten meines Lebens!) führte. Wobei da die Thematik gänzlich anders gelagert war. Aber das Bestreben, eben „das Beste“ daraus zu machen, wie auch immer das aussehen mag, eint uns ;).

    Gruss, Christine

    • Vielen Dank für die Anerkennung des Bestrebens! Ich finde, wir sollten eine Lob-Zone einrichten, in der wir uns für gegenseitig für unsere Bemühungen loben – wenn es sonst schon keiner macht (ich gehe jetzt mal davon aus, dass auch deine Bestleistungen oft unterschätzt sind 🙂 )

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