Pubertätsschübe

Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit hatte DWM sich schon in wohligem Optimismus gesuhlt, die Pubertätsschübe von DSG könnten vorbei sein. Seit dem Sommerurlaub in der Türkei – eifrige Leser können sich vielleicht noch an die „Pfirsichschlacht“ erinnern – benimmt DSG sich geradezu erwachsen und wie immer gewöhnt man sich an Verbesserungen recht schnell, man neigt sogar dazu, sie als Normalzustand zu betrachten. Mit einer zwölfjährigen im gemeinsamen Haushalt ist dieser Optimismus allerdings völlig unangebracht und deshalb wird DWM heute auch kalt erwischt. Weil das Erziehen eine nervtötende Angelegenheit sein kann und DSG ohnehinn immer weniger Wert auf die Gegenwart ihrer Mutter legt, ist sie dazu übergegangen, DSGs Zubettgehritual nicht mehr zu überwachen und sich statt dessen im Wohnzimmer bereits in den gemeinsam Abend mit DWD einzuschwingen. Gelegentliches Rumpeln aus dem Obergeschoß deutet manchmal auf den noch andauernden Wachzustand der Tochter hin, aber schließlich kann diese ja nicht wie ein Kleinkind um acht Uhr ins Bett gebracht werden. Sie wird schon wissen wie viel Schlaf sie braucht, solange die Leistungen in der Schule weiterhin top sind und weder Laune noch Augenringe auf chronischen Schlafentzug schließen lassen. Ohne ersichtlichen Grund befindet DWM aber das heutige Rumpeln als hinter der zeitlichen Schmerzgrenze befindlich und wagt einen Kommentar. An manchen Tagen hätte das schon für eine Auseinandersetzung gereicht, aber mittlerweile sieht DSG gnädig über solch elterliche Einmischung hinweg und betont, nur noch mal auf die Toilette gegangen zu sein. DWM will offensichtlich die versäumte Erziehungsarbeit der letzten Monate nachholen und steigt die Treppe hoch, um das heilige Reich des Mädchenzimmers zu betreten. Als wäre das noch nicht genug an Privatsphäre-Verletzung, beginnt sie auch noch das I-Phone von den Kabeln zu befreien und in die Hülle zu stecken. DWM kann es einfach nicht lassen, ihrer Tochter den eigenen Organisationsstil eines Morgenmuffels aufzwängen zu wollen: möglichst jeden Handgriff noch am Abend erledigen, damit man am morgen nur mehr die fertig gepackte Tasche schnappen muss.

DSG (freundlich) : „Das brauche ich noch.“

DWM: ???????

DSG: „Zum Musik-Hören.“

DWM (will die subjektiv versäumte Erziehungsarbeit der letzten Monate nachholen): „Nein, heute wird nicht mehr Musik gehört, dafür ist es viel zu spät.“

DSG: „§$%=)(/)&&$§%%=)((/)“ (verständlich für Eltern von Pubertierenden)

DWM lässt sich dermaßen provozieren, dass der anschließende Streit auch noch DSB aus dem Schlaf reißt und DSG garantiert später schlafen wird, als wenn sie noch ein wenig Musik gehört hätte.

Wie viel Freiheit ist angebracht, wieviel Erziehungsarbeit notwendig? Wie immer plagt DWM sich mit Vorwürfen und Selbstzweifeln und sehnt sich nach dem fehlenden Handbuch zur Kindererziehung, in dem konkrete Anweisungen für jedes Lebensalter zu finden wären, z. B.

Alter: 12 Jahre

Schlafenszeit: 21 Uhr

Eskalationsmechanismus bei Regelverletzung: Handyentzug

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