DWM hat es wieder getan oder Wie schützt man sich vor Bore-Out-Kollegen?

Eigentlich hatte DWM sich ja geschworen, es nie wieder zu tun. Gemütlich und kuschelig hatte sie es sich eingerichtet in ihrem Job, sich gefreut, in NewComer einen umgänglichen Kollegen zu haben und versucht, sich mit ihm gegen den Rest der Welt abzuschotten. Den hektischen Aktionismus von BigBoss wollte sie mit Fassung tragen und die lächerliche Zurschaustellung von Wichtigkeit in der zweiten Ebene mit Humor. Seit sie von BusyBody räumlich getrennt im Vorzimmer von NewBoss residiert, muss sie auch dessen Anwesenheit nicht mehr ertragen, denn die Tür zum Vorstand steht meist offen und selbst BusyBody verspürt offensichtlich Hemmungen, den Großteil des Arbeitstages vor NewComer und DWM aufgepflanzt seine Unentbehrlichkeit zu demonstrieren. Sonst könnte ja jemand auf den Gedanken kommen, er wäre an seinem Arbeitsplatz entbehrlich.

Die traute Zweisamkeit von NewComer und DWM wurde vor ein paar Wochen gestört durch die Rückkehr von ChatterBox aus dem neunmonatigen Krankenstand. ChatterBox bezeichnet ihr Krankheitsbild gern als BurnOut, wenngleich DWM bisher darunter Erschöpfungszustände von Überlasteten verstand. Nun kennt DWM ja einige Menschen, sowohl in der realen Welt als auch in Bloggersdorf, die so einiges stemmen im Leben, aber bei ChatterBox kann diese Überlastung nur psychischer Natur sein. Was es wahrscheinlich für die Betroffene nicht weniger schlimm macht. ChatterBox hat eine ähnliche Degradierung hinnehmen müssen wie DWM, und das ganz ohne Teilzeit-Mutter-Vorwand. Den Intrigenversuchen von BusyBody ist sie so richtig schön ins Messer gelaufen und ihre Angewohnheit, mit dem Spruch „Ich muss mal schaun, ob ihr hier eh was arbeitet“ auf den Lippen in diversen Abteilungen zum Tratschen aufzutauchen, hat auch nicht zur Steigerung ihres Beliebtheitsgrades beigetragen. Hier könnte vielleicht der Eindruck entstehen, DWM hätte etwas gegen ChatterBox, aber das stimmt nur bedingt. Früher waren sie sogar privat befreundet gewesen, aber wie schon bei manchen Lehrern in der Schulzeit muss DWM feststellen, dass manche Menschen so gut zwischen Beruf und Privat trennen können, dass es beinahe schon an Schizophrenie grenzt. Spätestens seit DWM mit ChatterBox ein Büro teilen muss, ist ihre Beziehung jedenfalls merklich abgekühlt, auch wenn ihr gewisse Tendenzen, über den Großteil der Kollegen herzuziehen, schon bei diversen Lunch-Dates auf die Nerven gegangen waren. In den Wochen vor ChatterBox‘ Rückkehr war BusyBody wiederholt mit ins Gesicht geschriebener Schadenfreude in DWMs Büro aufgetaucht war mit der Aufforderung, man solle die Ruhe genießen, denn bald sei es ja vorbei damit (ohne seine Anwesenheit hätte man die Ruhe in der Tat genießen können).

Nach ChatterBox‘ Rückkehr aus der Reha hatte die wider allen Erfahrungen immer noch optimistische DWM an eine Verbesserung geglaubt, sowohl des psychischen Zustandes der Kollegin als auch deren Sozialverträglichkeit im Büro. Der frühere Diskussionspunkt Radio blieb ausgeschaltet, DWM und NewComer durften sich also ohne nerviges Hintergrundgedudel und kreischende Werbeeinschaltungen auf ihre Arbeit konzentrieren. Auch stundenlanges Postholen aus dem darunterliegenden Stockwerk war bisher ausgeblieben. Um die Konversationsversuche nicht ausufern zu lassen, hatte der sonst so gutmütige Newcomer zu einer Maßnahme gegriffen, die normalerweise nur DWM anzuwenden wagte: er antwortet einfach nicht. Diese auf den ersten Blick möglicherweise unhöflich wirkende Reaktion zeigte durchaus die gewünschte Wirkung, denn der Smalltalk konnte damit auf ein büroübliches und somit erträgliches Maß gesenkt werden. Alle Zeichen standen auf Kuschelkurs.

Bis nach und nach wieder Verhaltensweisen um sich greifen, wie zerstörerische Pflanzen sich in ein Mauerwerk graben. Chatter Box singt vor sich hin, kommentiert jeden ihrer Handgriffe, besprüht und bezupft ständig alle Pflanzen der drei angrenzenden Büros fordert mehrmals nachdrücklich zum Aufräumen der Schreibtische auf, holt stundenlang die Post oder irgendwelche Akten, währenddessen DWM und NewComer ihr Telefon bedienen dürfen und wenn ihr trotzdem zu langweilig wird, begibt sie sich ins Nebenbüro, weil sie in BusyBody einen Gleichgesinnten hat, der mit ihr plaudert (sie danach bei ApplePolisher verpfeift).

Wieder einmal darf DWM auf ihren bei der Kindererziehung erworbenen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen, denn sie hat gelernt, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, während die Kinder bei den Hausaufgaben singen, pfeifen oder auch streiten. Der arme NewComer hingegen ist der akustischen Invasion völlig hilflos ausgeliefert. Angespannt duckt er sich hinter die drei Monitore, die er als Schutzschild vor seinem Gegenüber aufgebaut hat, um wenigstens Sichtkontakt zu vermeiden.

Anfangs hatte DWM noch versucht, ChatterBox bei der Übernahme mancher Assistentenagenden von ihrer Vorgängerin zu helfen, obwohl das wahrlich nicht ihre Aufgabe gewesen wäre, aber langsam verliert auch sie die Geduld und dann braucht es nur eine Kleinigkeit, um sie aus ihrer hart antrainierten, neuen Entspanntheit zu reißen. Der März ist traditionellerweise der Monat, in dem die ELZ ausbezahlt wird. Diese „Erfolgs- und Leistungsabhängige Zahlung“ hat leider so überhaupt nichts zu tun mit den Boni, die man aus den sagenumwobenen Bankergeschichten kennt, sondern stellt eher eine kleine Anerkennung dar, mithilfe derer man versucht, dem jährlichen Mitarbeitergespräch eine gewisse Wichtigkeit zu verleihen, denn dort wird die Höhe der ELZ verhandelt. Da sich die ELZ auch nach dem Grundgehalt richtet, ist sie für eine Teilzeitkraft wie DWM ohnehin nicht der Rede wert, aber sie betrachtet es wie gesagt als kleine Anerkennung ihrer Leistungen. Diese Anerkennung bekommt man außer auf dem Konto auch in Form eines Briefchens von seinem Vorgesetzten überreicht, ApplePolisher hat sogar „Danke“ dazugesagt. Als ChatterBox nach eineinhalbstündigem Postholen sieht, wie DWM den Briefumschlag ungeöffnet in die Handtasche steckt, kann sie das nicht unkommentiert lassen:

„Ich an deiner Stelle würde es aufmachen, denn im Gegensatz zu mir steht bei dir wenigstens was Schönes drin.“

DWM versucht es mit der altbewährten Schweigestrategie, sie weiß, dass ApplePolisher den Topf heuer in Richtung NewComer und DWM geneigt hat, so dass für die anderen Kollegen ein bisschen weniger geblieben war (ChatterBox war ohnehin nur ein halbes Jahr anwesend gewesen und die Unterschiede sind nicht wirklich der Rede wert), aber sie ist nicht gewillt, diese Tatsache in diesem Kreis zu kommentieren. ChatterBox aber lässt nicht locker, bis DWM sich genötigt sieht, etwas deutlicher zu werden: „Ich möchte meine ELZ hier eigentlich nicht besprechen!“ Sofort beteuert ein demonstrativ zerknirschtes Gegenüber, dass das ja überhaupt nicht so gemeint war und hebt zu einer flammenden Rede über die Ungerechtigkeit von BigBoss an, der ihr gar nichts geben wollte, obwohl sie sich in ihrem halben Jahr so überarbeitet habe und für die nächste halbe Stunde wird es wieder nichts mit konzentrierter Arbeit.

Nun ist DWM ja normalerweise niemand, der jemanden wegen Drückebergerei beneidet, ja ihm oder ihr sogar nacheifern möchte. Seit ihrem ersten Ferialjob in einem Jeansladen gibt es für sie nichts Schlimmeres, als untätig das Ende eines Arbeitstages zu erwarten. Aber selbst DWM hat gute und weniger gute Tage und an weniger guten Tagen drücken die bevorstehenden Abgabetermine des unerbittlich näherrückenden Monatsultimos mehr als an den guten und an weniger guten Tagen ist sie nicht so in der Lage, ihre verrückte Umweld mit einem Lächeln zu übergehen wie an den guten.

Falls der Leser nach dieser ausufernden Schilderung des Büroalltages noch nicht eingeschlafen ist, möchte DWM heute um seinen (wahrscheinlich eher ihren) Rat bitten: Soll man in dieser Konstellation für Ruhe sorgen und wenn ja, wie? Soll DWM weiterhin ihre Schweigestrategie anwenden, mit der sie in guten Tagen durchaus zurechtkommt, und das Risiko eingehen, dass NewComer neben ihr irgendwann platzt? (oder noch schlimmer – möglicherweise sogar sie selber!) Soll sie ChatterBox direkt bitten, bei der Arbeit weniger zu singen, selbige nicht ständig zu kommentieren und ihr Telefon umzuleiten, wenn sie so lange weg ist? Das könnte durchaus als verletztend aufgefasst werden. Ein vertrauter Kollege hat ihr gar geraten, ihren Vorgesetzten ApplePolisher zu Rate zu ziehen, aber Petzen ist nun wahrlich nicht DWMs Ding. Wie also herauskommen aus dieser Lose-Lose-Situation?

DWM erweist sich als erstaunlich wenig lernfähig und versucht es mit dem bisher schon nicht erfolgreichen Fluchtreflex. Obwohl sie weiß, dass die aufgerufenen Web-Adressen mitprotokolliert werden, ruft sie die „Karriere“-Seite eines ihr bekannten Unternehmens auf und bewirbt sich auf eine Position, die ihr verlockend erscheint. Dabei hatte sie sich nach ihren frustrierenden Erlebnissen mit der Jobsuche geschworen, es nie wieder zu tun.

 

 

 

 

Advertisements

Endlich wichtig!

Da es schon nach 14 Uhr ist, überlegt DWM, ob sie den Anruf aus der Vermittlung überhaupt noch entgegen nehmen soll. Meistens lassen sich ohnehin nur Keiler auf diesem Weg verbinden, wer aus gutem Grund mit DWM sprechen möchte, kennt ihre Durchwahl.

„Ach, du bist eh noch da, ich hab da eine Frau für dich dran, die will mit dir sprechen!“

Die Vorfilterung der Anrufe in diesem Unternehmung lässt wieder einmal keine Wünsche offen. DWM nimmt das Gespräch gnädig entgegen.

„Guten Tag, Frau DWM, Mein Name ist Frau Y. Bitte erschrecken Sie jetzt nicht, ich bin eine HeadHunterin!“

Selbstverständlich erschrickt DWM, gerade deswegen ja, endlich hat jemand ihre Wichtigkeit erkannt und sie wird abgeworben! Yeah!

„Möchten Sie mir ihre Mobiltelefonnummer geben?“

Brav diktiert DWM der Dame ihre Nummer und vereinbart eine Uhrzeit für das Telefonat. Möglichst früh, nachdem sie zu Hause angekommen ist, um sich nicht selber unnötig lang auf die Folter zu spannen. Die noch offenen Kleinigkeiten können getrost auf morgen verschoben werden, DWM könnte jetzt ohnehin keine konzentrationstechnische Meisterleistung vollbringen. Der Gedanke an das bevorstehende Gespräch beschwingt ihren gesamten Heimweg, kleine Wenns und Abers, die die Freude zu stören versuchen, schiebt DWM energisch beiseite. Im Lift überlegt sie sich, wie sie ihre zeitliche Einschränkung verkaufen soll. Ach was, mit Telearbeit wird sich das schon machen lassen.

Eine Minute nach der vereinbarten Zeit klingelt das Telefon. Ohne Vorgeplänkel kommt die Dame zur Sache.

„Ich hätte ein Angebot in XXX. Wäre das für Sie vorstellbar, oder ist das für Sie ein absolutes NoGo?“

Enttäuscht muss DWM gestehen, dass das für die nächsten Jahre noch ein absolutes NoGo ist. Mit ihrer Familie ist sie ungefähr so mobil wie eine Eiche. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Angebot so gut bezahlt ist, dass DWD seine Praxis aufgeben kann, zieht sie realistischerweise gar nicht erst in Betracht und den Kindern gegenüber fühlt sie sich zu Sesshaftigkeit verpflichtet. Immer wenn das Thema anhand von Beispielen im Bekanntenkreis zur Sprache kommt, wird beteuert, wie schlimm das für sie wäre. Also wohl eher was für den WorstCase.

Nach der nächsten Frage kann DWM ihre Wehmut wegen mangelnder Mobilität gleich wieder einsammeln.

„Sie sind doch der Compliance Officer, oder?“

DWM verneint diese Frage eigentlich nicht ungern, denn das ist ein Job, den sie ungefähr so gerne machen würde wie – fällt ihr jetzt gar nix ein, ohne jemanden zu beleidigen (an alle Compliance Officer dieser Erde: Ihr macht das sicher toll, aber DWM ist dafür nicht geschaffen, es liegt an ihr). Aber in diesem speziellen Fall heißt das, dass sie nur aufgrund einer Verwechslung wichtig genug für den Anruf eines Headhunters war. Der falsche Job in der falschen Stadt. Aber immerhin hat er eine Stunde lang positiven Schwung in DWMs Tag gebracht 🙂

 

 

Personal A*tritt gegen das Spaßprinzip

Nun versucht DWM ja – wie wahrscheinlich die meisten Menschen – so weit wie möglich nach dem Spaßprinzip zu leben. Da man von diesem Prinzip ohnehin große Abstriche machen muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, möchte sie es aber wenigstens in ihrer Freizeit ein wenig zum Zug kommen zu lassen. Eigentlich gehört die Sportfront ja gar nicht zur Freizeit, denn Bewegung ist erstens ein Instinkt so wie Essen und zweitens die Grundlage, um gesund genug für den Kampf an den anderen Fronten zu bleiben. Trotzdem kann DWM ihrem Bewegungsdrang nur nachgeben, wenn er auch Spaß macht. Für ein Stündchen Radfahren, Skitouren oder Wandern nimmt DWM organisationstechnische Meisterleistungen Kauf, packt morgens den Krempel ins Auto, zieht sich in der Tiefgarage um, um direkt nach der Arbeit ihre Untersportung beseitigen zu können. Leider ist das erstens etwas zeitaufwändig und zweitens von äußeren Bedingungen abhängig, was DWM immer wieder dazu veranlasst hat, sich in einem Fitnesstudio einzuschreiben. Anfangs läuft das auch immer ganz gut, DWM ist ganz begeistert, endlich „ihr“ Studio gefunden zu haben und trainiert auch brav ihren Mitgliedsbeitrag ab. Aber mit der Zeit findet sie immer mehr Haare in der Fitness-Suppe, die ihr bald so vergällt ist, dass sie knapp nach Ende der Kündigungsfrist das Handtuch wirft. Bei ihrem bisher letzten Versuch war es ihr nicht gestattet, die Spinningräder außerhalb der Kurse (bei einem Spinning-Kurs die Woche!!!!) zu benützen, was nach einem wütenden Mailverkehr mit dem Direktor DWMs Austritt zur Folge hatte. (Für den sie bei Bedarf sicher auch einen anderen Grund gefunden hätte). Vom gesparten Jahresbeitrag stellt sie sich ein Spinningrad in den Keller, das sie sicher auch schon drei oder vier mal benutzt hat. Von DWD bekommt sie ein paar Hanteln geschenkt (Nein, für DWM ist das nicht so schlimm, wie ein Bügeleisen geschenkt zu bekommen!), denn der ist ein Konsequenzbolzen und trainiert schon seit Jahren im Keller (mit anhaltendem Erfolg, wie DWM immer wieder gerne feststellt :-)). So gern DWM sonst ihrem Bewegungsdrang nachgibt, aber damit hat sie ein echtes Problem. Zu Hause ist immer irgendetwas anderes wichtiger, und wenn sie sich doch aufrafft, den Trainingsraum zu betreten, bleibt sie nach dem Aufwärmen bei fetziger Musik auf dem Spinningrad sitzen – Ausdauertraining ist selbst indoor um so viel angenehmer als die x-te Wiederholung einer todlangweiligen Übung.

Leider kommt DWM langsam in ein Alter, in dem ein Leben nach dem Spaßprinzip offensichtlich immer schwieriger wird, denn schön langsam vergällen ihr die Rückenschmerzen selbst die Freude an den Spaß-Sportarten. Lustlos surft sie im Internet die Fitness-Studios durch, bis sie zu dem erlösenden Schluss kommt:

„Ich brauche einen Personal Trainer!“

Wie schön, dass DWD immer mit einer alternativen Lösung parat ist:

„Du brauchst bloß einen Personal A*Tritt!“

Remote Rohrstock versus Gesprächstherapie

DWM ist ja nicht der kommunikationstechnische Überflieger und ein klingelndes Handy am Vormittag eher die Ausnahme. So dauert es auch seine Zeit, bis sie den Störenfried in ihrer Handtasche richtig identifiziert und hervorgepfriemelt hat. Nach dem Blick aufs Display  spielen sich in DWMs worstcaseerprobten Gehirnwindungen diverse Szenarien ab:

– Kind(er) beim Sportunterricht verletzt (bitte nicht wieder ins Krankenhaus!)

– Kind(er) krank und abholbereit (wie soll sie ihren Abgabetermin halten, wenn sie jetzt weg und morgen zu Hause bleiben muss?)

noch bevor der Anrufer überhaupt Gelegenheit hatte, sich zu identifizieren.

„Guten Tag, hier ist Frau XXX“

Somit scheiden beide Szenarien aus, denn Frau XXX ist keine Sportlehrerin und bei Krankheit ruft die Sekretärin an. Schon wieder völlig voreilig überflüssige Arbeit verrichtet, diese Windungen. Deutsch? Was kann denn in Deutsch passieren?

„Kann ich Sie kurz sprechen?“

Das kann DWM ja jetzt wohl schlecht verneinen, oder?

„Sie können auch gern zu mir in die Sprechstunde kommen!“

Bei dieser Alternative entscheidet sich DWM doch für das Telefonat und sucht ein leeres Besprechungszimmer, um die Kollegen nicht unfreiwillig an ihrem Privatleben teilhaben zu lassen. Schön langsam dämmert ihr, dass DesperateSchoolBoy den Anruf seiner Lehrerin sogar angekündigt hatte, aber DWM hatte gehofft, dass das vielleicht hinfällig geworden oder wenigstens in Vergessenheit geraten wäre, aber nein. An der Schulfront kommt sie mit ihrer sonst so bewährten Strategie „gut abliegen lassen“ nicht so einfach durch.

„Wir hatten ja beim Elternsprechtag über DSBs Bewegungsdrang gesprochen.“

Ach ja, das war doch die eigentlich ganz nette und verständnisvolle Lehrerin gewesen.

„Leider ist noch keine Besserung eingetreten und er stört jetzt auch den Unterricht durch Schwätzen.“

Schön langsam dämmert DWM auch der Rest von DSBs Ankündigung und sie beginnt sich zu ärgern. Obwohl sie bei Klassenlehrer und Stellvertreterin mehrmals um einen ADS-tauglichen Sitzplatz gebeten hatte, war ihr Sohn kürzlich von einem schweigsamen Banknachbarn zu einem offensichtlich gesprächsbereiteren umgesetzt worden. DWM  kann dieser ständigen Umsetzerei sowieso nichts abgewinnen und sie geht jetzt gleich mal in die Offensive, in der sie ihre Meinung vorträgt.

„Naja, aber vorher war es auch nicht viel besser.“ wendet die Lehrerin ein, als sie wieder zu Wort kommt.

Was, sollte es vielleicht doch an ihrem heißgeliebten Sohn liegen? Vielleicht sind ja doch mal ein paar Erziehungsmaßnahmen gefordert, wenngleich DWM keine Ahnung hat, wie die aussehen könnten. Soll sie vielleicht in die Schule fahren und dem Ungehorsamen mit dem Rohrstock auf die Finger klopfen, weil die Lehrer das nicht mehr dürfen?

„Ich möchte ihn aber auch nicht alleine an einen Platz setzen, weil das nicht schön ist.“

DWM erscheint eine solch einfache Lösung des Problems durchaus erstrebenswert, was sie der Lehrerin schmackhaft zu machen versucht: „Aber schwätzen ist auch nicht schön. Wenn er Sachen macht, die nicht schön sind, muss er daraus lernen, dass er was zurückbekommt, was auch nicht schön ist.“ Obwohl DWM ganz begeistert ist von ihrem pädagogischen Pamphlet, will ihr die Lehrerin nicht zustimmen.

„Nein, ich würde es eher mit positiver Arbeit versuchen. Er ist so ein kluger Junge, dass das sicher bei ihm klappt.“

Wenn man DWM Honig ums Maul schmiert, wird sie etwas kooperationsbereiter.

„Reden Sie einfach jeden Tag mit ihm über den Unterricht und wie es ihm dabei ergangen ist.“

„Wir besprechen immer abends den Tag und wie es ihm dabei ergangen ist.“ Voller Stolz kann DWM wertvolle pädagogische Arbeit nachweisen. Dass sie ihrem Sohn dabei mit der Suggestivfrage „Und wie ist es dir mit der Konzentration gegangen, wird es schon besser?“ die Antwort bereits in den Mund legt, muss sie der Lehrerin ja nicht auf die Nase binden.

„Fragen sie ihn einfach ganz konkret und in offenen Fragen, was er in welcher Situation gemacht hat – z.B. beim Hefteintrag – und ob er dabei geredet hat.“

DWM verspricht der Lehrerin alles, um dieses Gespräch beenden zu können. Jetzt gibt es also abendliche Gesprächstherapie bei den Desperates und DWM kann hoffentlich bald von Erfolgen berichten.

Pubertätsschübe

Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit hatte DWM sich schon in wohligem Optimismus gesuhlt, die Pubertätsschübe von DSG könnten vorbei sein. Seit dem Sommerurlaub in der Türkei – eifrige Leser können sich vielleicht noch an die „Pfirsichschlacht“ erinnern – benimmt DSG sich geradezu erwachsen und wie immer gewöhnt man sich an Verbesserungen recht schnell, man neigt sogar dazu, sie als Normalzustand zu betrachten. Mit einer zwölfjährigen im gemeinsamen Haushalt ist dieser Optimismus allerdings völlig unangebracht und deshalb wird DWM heute auch kalt erwischt. Weil das Erziehen eine nervtötende Angelegenheit sein kann und DSG ohnehinn immer weniger Wert auf die Gegenwart ihrer Mutter legt, ist sie dazu übergegangen, DSGs Zubettgehritual nicht mehr zu überwachen und sich statt dessen im Wohnzimmer bereits in den gemeinsam Abend mit DWD einzuschwingen. Gelegentliches Rumpeln aus dem Obergeschoß deutet manchmal auf den noch andauernden Wachzustand der Tochter hin, aber schließlich kann diese ja nicht wie ein Kleinkind um acht Uhr ins Bett gebracht werden. Sie wird schon wissen wie viel Schlaf sie braucht, solange die Leistungen in der Schule weiterhin top sind und weder Laune noch Augenringe auf chronischen Schlafentzug schließen lassen. Ohne ersichtlichen Grund befindet DWM aber das heutige Rumpeln als hinter der zeitlichen Schmerzgrenze befindlich und wagt einen Kommentar. An manchen Tagen hätte das schon für eine Auseinandersetzung gereicht, aber mittlerweile sieht DSG gnädig über solch elterliche Einmischung hinweg und betont, nur noch mal auf die Toilette gegangen zu sein. DWM will offensichtlich die versäumte Erziehungsarbeit der letzten Monate nachholen und steigt die Treppe hoch, um das heilige Reich des Mädchenzimmers zu betreten. Als wäre das noch nicht genug an Privatsphäre-Verletzung, beginnt sie auch noch das I-Phone von den Kabeln zu befreien und in die Hülle zu stecken. DWM kann es einfach nicht lassen, ihrer Tochter den eigenen Organisationsstil eines Morgenmuffels aufzwängen zu wollen: möglichst jeden Handgriff noch am Abend erledigen, damit man am morgen nur mehr die fertig gepackte Tasche schnappen muss.

DSG (freundlich) : „Das brauche ich noch.“

DWM: ???????

DSG: „Zum Musik-Hören.“

DWM (will die subjektiv versäumte Erziehungsarbeit der letzten Monate nachholen): „Nein, heute wird nicht mehr Musik gehört, dafür ist es viel zu spät.“

DSG: „§$%=)(/)&&$§%%=)((/)“ (verständlich für Eltern von Pubertierenden)

DWM lässt sich dermaßen provozieren, dass der anschließende Streit auch noch DSB aus dem Schlaf reißt und DSG garantiert später schlafen wird, als wenn sie noch ein wenig Musik gehört hätte.

Wie viel Freiheit ist angebracht, wieviel Erziehungsarbeit notwendig? Wie immer plagt DWM sich mit Vorwürfen und Selbstzweifeln und sehnt sich nach dem fehlenden Handbuch zur Kindererziehung, in dem konkrete Anweisungen für jedes Lebensalter zu finden wären, z. B.

Alter: 12 Jahre

Schlafenszeit: 21 Uhr

Eskalationsmechanismus bei Regelverletzung: Handyentzug

Meetingitis für Fortgeschrittene

Wieder einmal hat DWM Gelegenheit, ihre Verhaltensstudien von Führungskräften und Wannabes fortzusetzen, diesmal eine Etage höher. DWM und Newcomer sollen dürfen ihr Arbeitsgebiet dem Gesamtvorstand präsentieren. ApplePolisher als offiziell Verantwortlicher für das Fachgebiet wird ebenso anwesend sein wie zwei Mitarbeiter aus dem Rechnungswesen.

Wie immer, wenn ein wichtiges Meeting angesetzt wird, hat die Terminfindung leeiiiider einen Freitag nachmittag ergeben. DWM überlegt laut, ob sie erst mittags ins  Büro kommt, damit sie wenigstens noch ein paar freie Stunden am Vormittag hat, als sie NewComers Sorgenfalten im Gesicht bemerkt. Schon seit Tagen bereitet er sich mittels Produktion von Folien auf den Termin vor, während DWM selbstbewusst verkündet hatte, sie werde ihren Teil aus dem Stegreif vortragen. DWMs mütterliche Gefühle gegenüber dem jüngeren Kollegen gewinnen die Oberhand, sie fährt am Freitagvormittag schon ins Büro, um dem aufgeregten Jüngling das Händchen zu halten oder wenigstens auch ein paar Folien zu produzieren.

Um 13 Uhr – DWM hat streberhaft wie immer frühzeitig die technische Infrastruktur im Besprechungszimmer vorbereitet – betritt BigBoss pünktlich das Geschehen. Das deutet schon mal auf großes Interesse hin. Während NewComer seinen Vortrag souverän herunterspult, wird er von BigBoss immer wieder unterbrochen: Mittels „Schon klar.“ oder „Verstehe schon“ versucht er den Fortgang zu beschleunigen, einmal will er die Erläuterung von theoretischem Hintergrund unterbinden durch ein „Können wir uns darauf beschränken, was bei uns vorkommt?“ DWM versucht dem ihr gegenübersitzenden NewComer unauffällig zu raten, seinen Vortrag zu straffen, auch wenn er ein solides Grundwissen für unentbehrlich hält, aber ihr Minenspiel ist nicht ausgeprägt genug für solch komplexe Kommunikationsaufgaben. Erst als BigBoss auf sein IPhone einzutippen beginnt, üerspringt NewComer ein paar Folien.

DWM hat in ihrem langen  Berufsleben bereits lernen dürfen, vorstandstauglich zu kommunizieren und hält ihren Beitrag entsprechend knapp. Diskussion entsteht, auch BigBoss widmet sich wieder dem Geschehen im Raum. Als sie um 14:45 (das Meeting war bis 16 Uhr angesetzt) wieder an ihren Kollegen übergeben will, stapelt BigBoss neben ihr plötzlich seine Unterlagen und verlässt nach einem „Vielen Dank, das war wirklich gut!“ plötzlich das Besprechungszimmer.

NewComer scheint noch etwas unschlüssig zu sein, er weiss noch nicht, dass eine Besprechung automatisch beendet ist, wenn BigBoss selbige endgültig verlassen hat (während temporären Ausscheidens zwecks Telefonierens darf das Meeting fortgesetzt werden).

DWM freut sich weil

– sie mit ihrem Vortrag die Aufmerksamkeitsspanne des Vorstands nicht überfordert hat

– sie ihren Vortrag zwischen NewComers platziert hat statt danach (davor wäre auch blöd gewesen, für den Fall, dass BigBoss später kommt oder erst noch seine Mails lesen/beantworte muss)

– sie früher heimkommt, als geplant

Bevor die Versammlung endgültig aufgelöst wird, steuert aber auch noch NewBoss, der StrohSteuermann, in dessen Ressort DWMs Aufgabengebiet eigentlich fällt, eine Wortspende bei: „Eins muss ich schon noch sagen, die Formatierung war nicht bei allen Folien CD-konform!“

Wie schön, dass immer so auf das Wesentliche geachtet wird (nur zur Info: DWMs Aufgabenberech liegt NICHT im Marketing)!

Wo ist nur die Zeit geblieben?

Warum muss DWM manchmal einen Wutanfall unterdrücken, wenn die Kollegen ihr bei der Verabschiedung einen schönen Nachmittag wünschen?

Warum hat sie keine Zeit für ihren Mann? Oder gar für sich selbst?

Warum hat sie das Gefühl, nichts zu schaffen, obwohl sie außer Wäsche noch nicht mal nennenswerte Hausarbeit erledigt? Warum fühlt sie sich so erschöpft, obwohl sie im Büro Teilzeit arbeitet und ihre Kinder schon so groß sind?

Um sich nicht völlig mit ihrer Unzulänglichkeit fertig zu machen und anschließend in Selbstmitleid zu versinken, schreitet DWM zur Tat und erstellt eine Liste ihres Tagesablaufs:

06:30 – 07:30 Gemeinsames Frühstück + Abfertigung der Schulkinder

07:30 – 08:00 DWDs Steuerkram heraussuchen

08:00 – 08:30 Fahrt zur Arbeit

08:30 – 14:00 bezahlte Arbeit

14:00 – 14:30 Rückfahrt

14:30 – 15:00 Übergabebesprechung mit DWD

15:00 – 18:00 Hausaufgabenbetreuung, Lernhilfe, Wäsche, Steuererklärung im Multitaskingverfahren

18:00 – 19:00 gemeinsames Abendessen

19:00 – 20:00 Geburtstagsplanung für DSB inkl. gemeinsame Produktion der Einladungen

20:00 – 22:00 alljährlicher Geburstagskinobesuch mit einziger verbliebener Freundin, die mit engen Zeitfenstern leben kann

23:00: erschöpftes zu-Bett-fallen ohne jeglichen Romantik-Faktor

An den anderen Tagen werden manche Punkte ersetzt durch Geburtstagsshopping für DSB, dringende Beseitigung der chronischen Untersportung, Softwareunterstützung für DSGs Online-Hausaufgaben, ein Mittagessen mit dem Chef sowie ein zusätzlich im Büro verbrachter Nachmittag zwecks Vorbereitung wichtiger Präsentationen.

Nach Durchsicht der Liste fühlt DWM sich schon besser. Die meisten Dinge auf der Liste hat sie selbst entschieden zu tun.

die bezahlte Arbeit – eh klar. Trotz aller Kalamitäten hat DWM sich (bisher vor allem aus Mangel an Alternativen) entschlossen, den Job zu behalten, um die wirtschaftliche Unabhängigkeit zu wahren und die verbliebenen grauen Zellen zu fordern

den damit verbundenen Hin- und Rückweg – auch klar

DWDs Steuerkram – im Gegenzug für gefüllten Kühlschrank und Erledigung der handwerklichen Allfälligkeiten im Haus

die gemeinsamen Mahlzeiten – mittlerweile seltene Gelegenheiten, die Familie um sich zu versammeln und sich auszutauschen

die Wäsche – da sich DWM nicht konsequent genug um ein Outsourcing gekümmert hat, somit eine ebenfalls eine – indirekte – Entscheidung

die Hausaufgaben- und Lernbetreuung – obwohl DWM wusste, dass es für ihren ADS-gehandicapten Sohn nicht einfach würde, hat sie entschieden, ihn aufs Gymnasium gehen zu lassen

Die Geburtstagsvorbereitungen – was gibt es schöneres, als den Geburtstag der Kinder zu feiern?

Nach diesen Überlegungen fühlt DWM sich noch viel besser. Sie führt ein selbstbestimmtes Leben – ist das nicht unser aller Ziel?