Im Zentrum des Geschehens (2)

„Ich hab die Wirtschaftsprüfer gefragt, das ist eine Gesetzeslücke, das müssen wir eigentlich nicht abbilden. Wir können aber sicherheitshalber trotzdem 10 % davon berechnen, das dürfte dann aber kaum Auswirkung haben, oder?“

Schon wieder sieht sich DWM einer Suggestivfrage von BigBoss ausgesetzt. Das TGAZ (TollstesGeschäftAllerZeiten) schlägt immer noch hohe Wellen. Mittlerweile hat DWM sich zwar schon ein wenig schlauer gemacht, aber die Meinungen über die korrekte Abbildung gehen auseinander und die konkrete Auswirkung kann sie schon gar nicht prognostizieren, denn die von BigBoss erwähnte Kennzahl wird in einem Softwaresystem berechnet und zwar monatlich von der Konzernmutter, weil eine so kleine Klitsche wie die von BigBoss geleitete sich so ein System alleine gar nicht leisten könnte. Oder wollte. DWM hat nur die Programme zur Datenversorgung dieses Systems erstellt und gewartet, bis SmallBoss mit seiner Organisationswut kam und so IT-lastigeTätigkeiten wie Softwarewartung aus DWMs Aufgabengebiet entfernen wollte. Die Betonung liegt auf wollte, denn noch vor die Übergabe an den IT-Kollegen beendet war, saß schon ein anderer auf SmallBoss´ Posten und von einer sauberen Abgrenzung von der IT ist jetzt keine Rede mehr. Jetzt wird wieder nach BigBoss´ Lieblingsprinzip gearbeitet: jeder macht alles – so gut er halt kann. Oder nicht kann.

DWM versucht BigBoss wieder mit einer vorsichtigen Antwort zufriedenzustellen und verspricht, bis zur nächsten Berechnung der Kennzahl  im Jänner die Programme soweit angepasst zu haben, dass die Auswirkungen vom TGAZ mitberechnet werden.

Danach begibt sie sich wieder ins Rechnungswesen. Bevor sie mit einer Anpassung beginnen kann, muss sie über die Verbuchung bescheid wissen.

„Mir wissen no nit, wie wir des verbuchen sollen. Im Jänner konnst die Kennzahl no so wia imma berechna.“ erfährt sie von ihrem Kärntner Kollegen.

Wenig befriedigt zieht DWM weiter zur IT, um den Kollegen zu informieren, mit dem sie sich in letzter Zeit die Softwarewartung geteilt hatte. Der beginnt sofort mit einer Aufzählung aller Tätigkeiten, die noch wichtiger und dringender sind als das TGAZ. Offensichtlich war er noch nicht von seinem Vorgesetzten über den Sonderauftrag informiert worden. DWM ist kein Fan der Strategie, Mitarbeit nur unter Einsatz des Vorgesetzten-Hammers einzufordern, sie ist überzeugt von ihrer natürlichen Autorität. Die sonst so beliebten Einleitungen „BigBoss möchte, BigBoss hat gesagt, Ich komme gerade von BigBoss und der…“ versucht sie zu vermeiden. Mit ihrem diplomatischen Geschick gelingt ihr das auch und wenn sie jetzt wüsste, wie das TGAZ in den Systemen zu erkennen ist, könnte sie mit ihrem Kollegen die Abbildung starten. Wie soll sie unter diesen Bedingungen rechtzeitig fertig werden?

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e-Mail für dich

Wie die eifrigen Leser wissen, war der Abgang des in Ungnade gefallenen SmallBoss weder von diesem freiwillig initiert noch sonderlich fair vonstatten gegangen. Wie DWM aus gut informierten Kreisen weiß, haben SmallBoss und BigBoss seit der Verkündigung der Trennungsabsicht nicht einmal mehr ein Wort des Abschieds miteinander gewechselt. Als BigBoss von einer Abschiedsfeier Wind bekommen hatte, die für den Ausgetretenen veranstaltet werden sollte, hatte er verboten, dass auch nur eine einzige eMail zu diesem Thema über das Firmennetzwerk verschickt werde. Wie in alten Zeiten wurden die Einladungen über Mundpropaganda weitergegeben. Gestern wurde DWM von ihrem Gegenüber Newcomer erwartungsvoll angeblickt nach der Frage: „Was glaubst du, wer mir gerade eine Mail geschickt hat?“ DWM ist verwirrt, denn mit diesem Ratespiel pflegt sie üblicherweise ihren Ehemann auf die Palme zu bringen, plötzlich auf den anderen Part des Spieles zu übernehmen, mutet irgendwie sonderbar an. Brav spult sie ihre drei falschen Vermutungen herunter, bevor NewComer triumphierend ausruft: „SmalBoss!“ Da hätte DWM noch lange weiterraten können, auf den in Ungnade gefallenen Ex-Vorstand wäre sie niemals gekommen. Dessen Ansinnen ist allerdings mindestens so originell wie die Tatsache der Kontaktaufnahme als solches.

„… kannst du mir bitte das Excel-Sheet XYZ schicken (natürlich ohne Zahlen), ich möchte es gerne in einem Vortrag verwenden…..“

DWM ist sprachlos ob solcher Dreistigkeit und freut sich riesig, nicht selbst Adressatin dieser Mail zu sein. Jetzt ist ihr belastetes Verhältnis zu SmallBoss endlich mal von Vorteil, denn dieser Bitte nachzukommen hieße

a) über das Firmennetzwerk Kontakt zur Unperson aufzunehmen

b) geistiges Eigentum des Unternehmens nach außen zu geben

DWM fragt sich allerdings, wieso SmallBoss nicht seinen Busenfreund ApplePolisher gebeten hat. Warum gerade NewComer? Vielleicht hält er ihn für so doof, dass er den Wunsch erfüllt, ohne darüber nachzudenken? DWM hat sich längst ins Wochenende verabschiedet, als NewComer noch immer über den verschiedenen Möglichkeiten seiner lose-lose-Situation brütet.

a) SmallBoss vor den Kopf stoßen und gar nicht reagieren (die Möglichkeit, die DWM gewählt hätte, aber genau deshalb ist sie ja nicht gefragt worden)

b) gegen ein konkretes und ein nebulöses Verbot verstoßen und die Bitte erfüllen

c) den Inhalt nach Hause mailen und von der Privatadresse an SmallBoss mailen und somit nur gegen ein konkretes Verbot verstoßen

d) den Inhalt auf USB-Stick mit nach Hause nehmen und von dort an SmallBoss mailen – verstößt gegen zwei konrete Verbote. NewComers USB-Anschluss ist ohnehin nur aufgrund eines Irrtums nicht gesperrt, wie er zufällig entdeckte

NewComer mosert noch ein wenig herum, die Formeln seien ohnehin in jedem Lehrbuch nachzulesen und warum er sich das Excel nicht wieder selber zusammenbastelt, das sei schließlich keine große Sache.

DWM mit ihrer großen Lebenserfahrung hatte zur Rücksprache mit dem offiziellen Vorgesetzten ApplePolisher geraten.

Heute erfährt sie von NewComer, dass SmallBoss sich nicht einmal bedankt hat und DWM darf wieder einmal stolz auf ihre Menschenkenntnis sein. Sie mochte ihn von Anfang an nicht.

Im Zentrum des Geschehens

Nachdem BigBoss die Alleinherrschaft übernommen hatte, spekulierten DWM und NewComer über ihre berufliche Zukunft in diesem Unternehmen. Ihr Aufgabengebiet war die große Leidenschaft von SmallBoss gewesen, mit ihm hatten sie – Differenzen hin oder her – ihren Sponsor verloren. Was würde jetzt mit ihnen passieren? Würden sie in die völlige Bedeutungslosigkeit versinken, ein von den meisten Mitarbeitern und den Chefs sowieso unbemerktes Dasein in ihrem Büro fristen und Zahlen produzieren, die nur einmal im Jahr von den Wirtschaftsprüfern von Interesse waren, vielleicht noch einmal im Quartal von den Aufsichtsräten? Würden sie ob dieser Bedeutungslosigkeiten auf eine PE reduziert werden, wenn BigBoss bei der Durchsicht der Gehaltslisten auffällt, dass dort sogar zwei Leute hocken?

Wie so oft kommt es anders als man denkt. DWM und Newcomer stehen plötzlich im Zentrum des Geschehens, mehr als ihnen lieb ist.

DWM bereitet gerade ihren geordneten Aufbruch vor, als BigBoss´ Name auf dem Telefondisplay erscheint, begleitet von penetrantem Klingeln. Arglos nimmt sie das Gespräch entgegen, vielleicht möchte er sie ja auf einen kurzen Kaffee einladen, wie in alten Zeiten. Das ist seine bevorzugte Verhörmethode – Mitarbeiter zum Kaffee bitten um sie über Geschehnisse hinter den Kulissen auszuhorchen.

Heute wird DWM sich ihren Kaffee anderswo beschaffen müssen, denn der Hall in BigBoss‘ Stimme verrät ihr, dass sie auf Lautsprecher geschaltet ist und jetzt live an einem Meeting teilnimmt. DWM als eingefleischte Pessimistin ahnt, dass das nichts Gutes zu bedeuten hat.

„Gell, wenn wir das TGAZ (TollsteGeschäftAllerZeiten, DWM hatte gerüchteweise schon davon gehört, dass dieses Geschäft die Ergebniszahlen von 2012 auf wundersame Weise nach oben befördern soll) machen, wirkt sich das auf eure Zahlen eh nicht sehr aus, denn wir machen X und das wird durch Y fast wieder aufgehoben und dann passt doch alles, oder?“

DWM ist erstmal sprachlos, keine gute Voraussetzung im Duell mit BigBoss. Wie soll sie von einem Geschäft, das sie nur ansatzweise kennt, die genauen Auswirkungen auf die Zahlen voraussagen können? Ihrem Naturell und ihrer beruflichen Funktion nach schlägt sie sich auf die vorsichtige Seite. Sie versucht die möglichen Auswirkungen, die das Geschäft maximal auf die Zahlen haben könnte, zu beschreiben, betont aber, es nicht genau zu wissen und sich erst schlau machen zu müssen.

„Das kann nicht sein, ich rede mal mit den Wirtschaftsprüfern.“

DWM ist nur vorläufig entlastet. Sie befragt die Juristin, liest sich im Internet schlau, befragt Bekannte im Konzern und erkundigt sich im Rechnungswesen, wie das Geschäft denn in den Systemen abgebildet werden solle. Geballtes Nichtwissen. Dafür sickert durch, dass die Verträge wohl schon unterschrieben seien.

Jetzt könnte man meinen, DWM hat doch einen Vorgesetzten, der für knifflige Entscheidungen die Verantwortung trage aber das wäre wohl nur in einer idealen Arbeitswelt so. In DWMs Arbeitswelt heimst ApplePolisher die Lorbeeren für gelungene Projekte ein, zeichnet sich sonst aber außer durch perfektes Networking nur durch fachliche Ahnungslosigkeit aus. DWM kann BigBoss bei seinem nächsten Anruf wohl kaum empfehlen, den Dienstweg einzuhalten und sich an ApplePolisher zu wenden. NewComer weilt noch bei seinen Schwiegereltern in den USA und futtert sich eine neue Hosengröße an – DWM ist also allein auf weiter Flur. Wie wird sie sich dort behaupten?