Abschied

Heute hat SmallBoss seinen letzten Tag in unserer Firma und DWM ist erstaunt, wie schnell Menschen ihre Meinung ändern können. Wie viele Ressentiments hatte es gegeben vor zwei Jahren, als SmallBoss den plötzlich verstorbenen OldBoss beerbt hatte. Noch größer waren eigentlich nur die Ängste gewesen, wie es denn jetzt unter dem neuen Vorstand werden würde.

Zwei Tage später ist das Unternehmen schockgefrostet nach der Nachricht, SmallBoss werde mit Ende November aus dem Vorstand ausscheiden. Die Assistentin läuft seit Tagen mit verheulten Augen rum und auch sonst ist schon die eine oder andere Träne geflossen. Plötzlich ist er der tollste Chef von allen und dafür musste er noch nicht mal sterben.  Brot und Spiele wirkt auch noch nach tausenden von Jahren, die Feste, die SmallBoss für sein Ressort ausgerichtet hat, waren seinen Sympathiewerten sicherlich zuträglich. Ein Mitarbeiter hatte sogar angeregt, das SmallBoss-Ressort solle geschlossen der Weihnachtsfeier fernbleiben.

Auch DWM hat die konstruktive Zusammenarbeit durchaus geschätzt. Aber sie hat auch ihre Degradierung nicht vergessen und beides hat sie SmallBoss bei der persönlichen Verabschiedung auch gesagt.

Warum stimmt die Situation sie irgendwie traurig? Lässt sie sich nur von der allgemeinen Traurigkeit anstecken? Oder liegt es daran, dass die Situation ihr die Machtspiele verdeutlicht, in denen nicht Einsatz und Leistung, sondern politische Entscheidungen zählen? DWM befindet, für Karriere – auch in kleinerem Rahmen – offensichtlich ungeeignet zu sein und das nicht nur wegen ihrer familiären Verpflichtungen.

Advertisements

Abserviert (2)

Für die Leser, die sich nicht mehr erinnern können, wie aus WorkingMum eine DesperateWorkingMum wurde: SmallBoss hat in seiner Funktion als Ressortvorstand DWMs Leiterposten seinem Liebling ApplePolisher umgehängt, mit der offiziellen Begründung, er wolle keine Teilzeit-Führungskräfte.  DWM durfte Arbeitsinhalte und finanzielle Rahmenbedingungen behalten und bekam zur Unterstützung sogar noch NewComer dazu. Offiziell war sie nunmer ApplePolisher unterstellt, aber da sein Fachwissen gegen null strebt, hat sich auch an der Zusammenarbeit zwischen DWM und SmallBoss wenig geändert, außer dass ApplePolisher die Meetings ab und an mit mehr oder weniger qualifizierten Meldungen glaubte bereichern zu müssen.

Da DWMs Bemühungen, der demütigenden Eingliederung in die neue Abteilung zu entkommen, bisher nicht von Erfolg gekrönt waren, hat sie wenigstens für angenehme Arbeitsbedingungen gesorgt. Was nicht einfach war, weil sie dafür ihre Interessen gegen BusyBody und ApplePolisher durchsetzen musste. Nachdem sie ihr Revier abgesteckt und in NewComer einen loyalen Gefährten gefunden hat, gibt es plötzlich spannende Neuigkeiten:

SmallBoss wird abserviert. Die Vorgehensweise erinnert sehr an die DWMs Degradierung, nur dass ein Vorstand natürlich nicht degradiert wird, nein, sein Vertrag wird innerhalb von drei Tagen aufgelöst, der Aufsichtsrat tritt zusammen, es wird einen neuen Vorstand geben. Nun sind die Gehälter in diesen Ebenen von vornherein schon mit einem dafür geeigneten Schmerzensgeld ausgestattet, sodass er nicht am Hungertuch nagen wird. Aber das Menschliche bleibt und das geht SmallBoss sichtlich nahe, wie man bei der Verkündigung der Nachricht sehen kann.

Obwohl DWM SmallBoss einen Teil ihrer Schmach verdankt (er war letztendlich nur das ausführende Organ von ApplePolishers Wünschen) , sind ihre Gefühle zwiegespalten. Das ist nicht die Art und Weise, wie mit Mitarbeitern (zu denen sie auch die Vorstände zählt) umgegangen werden sollte.  Wohlige Rachegefühle wollen sich nicht so recht einstellen.

Das Gute an der Sache: möglicherweise werden die Karten neu gemischt. Das Negative: DWMs Fachgebiet war ein Steckenpferd von SmallBoss, dieser Tatsache hat sie auch die Einstellung von Newcomer zu verdanken. Der Nachfolger wird zwar erst morgen bekanntgegeben, aber da es eine interne Lösung sein wird, weiß DWM, dass es auf alle Fälle jemand sein wird, der mit diesem Fachgebiet nichts am Hut hat und möglicherweise befinden wird, dass 2 PEs dafür definitiv zu viel sein.

Alles bleibt anders.

Naturerlebnisse

Da wir gerade einen relativ kühlen Sommer haben, ist an Snowboarden vorerst nicht zu denken. Am härtesten trifft das natürlich DSB, der regelmäßig in den Keller geht, um sein Board zu streicheln. Davon fängt es aber auch nicht an zu schneien. Aber auch DWM, die ihr Mountainbike total voreilig bereits dem Winterservice übergeben hat, sehnt sich nach Bergsport. Völlig dekadenterweise beschließen die beiden also, sich einen Tag auf dem nächsten Gletscher zu gönnen. Selbstverständlich ist sich DWM der Tatsache bewusst, dass sie durch dieses umweltschädigende Verhalten die Klimaerwärmung fördert und es daher weiterhin nicht schneien wird. Ziemlich kontraproduktiv also, aber DWM braucht ein Incentive, um ihren Sohn für seine braven Anstrengungen in den ersten drei Monaten am Gymnasium zu belohnen.  Außerdem muss sie sich selber dafür belohnen, dass sie an ihrem langweiligen, aber dafür relativ gut bezahlten Job ausharrt. (Eine bessere Ausrede ist ihr leider nicht eingefallen).

Schon vor dem Parkplatz schwant ihr Übles. Ein Mann in Warnweste winkt den Wagen auf einen Platz, von dem aus man die Talstation noch nicht einmal sehen kann. Dafür bietet ein weiterer Angestellter der Liftgesellschaft eine Mitfahrgelegenheit zur Seilbahn an, die DWM und DSB ablehnen. Sie sind ja schließlich zum Sportmachen hier und legen den Weg zu Fuß zurück. (Nach der Hälfte des Weges bereuen sie ihre Entscheidung bereits). An der Seilbahn müssen sie gar nicht warten – die Besitzer der ganzen Autos sind wohl etwas früher aufgestanden und alle schon oben. Nach einer atemberaubenden Fahrt wirft DWM in dünner Luft einen Blick auf das Skigebiet – und fragt sich, wo sie denn hier ihre unsicheren Kurven ziehen soll. Erst gegen Ende der letzten Saison hat sie ihre beiden langen Bretter gegen ein kürzeres breiteres getauscht und braucht als quasi-Anfänger noch etwas mehr Platz. Auf fast allen Pisten prangt ein Gewusel von roten und blauen Toren, die diverse Skivereine für ihr Training gesteckt haben. DWM muss an die Zeiten denken, in denen DSG für ihren Verein auf gesperrten Hängen zwischen den Toren ihre Trainingsläufe absolviert hat. Damals hatte sie auch oft Kommentare von anderen Skiläufern aufgeschnappt, die dieser Platzverschwendung mit Unverständnis gegenüberstanden. Wie schnell sich doch manchmal die Perspektive verändern kann. DSB kümmert das alles wenig, denn sein Ziel ist einzig und allein der Park, in dem er auf den Obstacles seine Tricks übt. Dem steht DWM wiederum mit Unverständnis gegenüber, denn früher war man bemüht, die Lauffläche seiner Wintersportgeräte möglichst von harten Gegenständen fern zu halten und heute slidet DWM auf seinem Snowboard über Eisenstangen. Wie sich doch die Zeiten ändern.

DWM klemmt ihr Board unter den Arm, marschiert am Pistenrand abwärts und kommt sich reichlich blöd vor dabei . Aber aus den Renntrainingszeiten ihrer Tochter weiß sie, dass es sich empfiehlt, einen Sicherheitsabstand zu den Toren einzuhalten. In der Nähe des Parks hat sie von oben ein freies Fleckchen erspäht, aber nein, in diesem Viereck tummeln sich jede Menge Skitourengeher, den Blick gebannt auf ein kleines elektronisches Gerät in ihren Händen gerichtet. Auch das kennt DWM aus einem früheren Leben, in denen sie als Teilnehmerin eines Lawinenseminars mit dem Pieps in der Hand ihre Runden im Schnee gedreht hat auf der Suche nach einem vergrabenen Suchgerät. Jetzt aber hat DWM so viel Verantwortung, dass sie es sich nicht mehr leisten kann, von einer Lawine vergraben zu werden, deswegen hat sie das Tourengehen aufgegeben. Außerdem hätte sie ohnehin keine Zeit mehr dafür. DWM fragt sich, wie die Gruppe es geschafft hat, das Pieps in dem gefrorenen Harsch – der letzte Schneefall liegt selbst hier auf dem Gletscher schon über einen Monat zurück – überhaupt zu vergraben. Um die letzten verbliebenen Flocken Schnee kämpfen jetzt Snowboarder, Skirennläufer und Tourengeher. Und DWM mittendrin.

Als DSB vor Anstrengung, Höhe, Kälte oder der Kombination aus allen dreien schon etwas blau im Gesicht wird, kann DWM ihn zu einer Pause im Restaurant überreden. Dort haben sich schon die Rennläufer aus ihren Rückenpanzern geschält und vor der Essensausgabe drängt sich eine Menschentraube. Wieder sind sie nicht die ersten. Nachdem DWM am dritten Tisch, wo sie um zwei Plätzchen gebeten hat, eine Absage erteilt wird, fühlt sie langsam Aggressionen in sich hochsteigen.   Die Veranstaltung der Tourengeher hat drei Tische mit ihren Prospekten belegt, DWM ist nahe daran, das Papier auf den Boden zu werfen und sich an einem der Tische niederzulassen. Dann kann sie aber trotzdem noch einen kernigen Tourengeher, der allein an einem großen Tisch thront überreden, ihren Sohn dort zu dulden. DSB löffelt seine Suppe, DWM hat Mühe, sich neben die ausgestreckten Beine des Tourengehers zu quetschen und würde am liebsten stehen bleiben. Der Naturbursche bemerkt von alldem nichts, weil er sich intensiv mit seinem Pieps beschäftigt, das von seinem Hals baumelt. Offensichtlich will er herausfinden, ob er noch am Leben ist, wenn seine Kumpels endlich mit dem Essen anrücken, für das sie immer noch in der Menschentraube anstehen. Damit sind sie immer noch beschäftigt, als DWM und DSB bereits fluchtartig das Lokal verlassen, in das immer mehr Naturburschen strömen, jeder Schritt begleitet vom Geklimper der Karabiner, die von ihren Klettergurten baumeln. Als die beiden ins Freie treten, werden sie von einer Lautsprecherdurchsage empfangen, die die Teilnehmer der Tourenski-Veranstaltung auffordert, ihr Material bis 15 zurückzugeben.

Auf der Rückfahrt beschließt DWM, tapfer auszuharren, bis es endlich schneit und auf solch dekadente Ausflüge in Zukunft zu verzichten.

Kostbare Minuten für Krämerseelen

Wie lange dauert es, einen PC hochzufahren? Subjektiv gesehen endlos. Wie lange dauert es, einen PC hochzufahren, der sich in diversen Firmennetzwerken anmelden muss? Noch ein wenig länger.

Wenn BusyBody morgens das Büro betritt, stürzt er noch im Mantel (wenn Winter) zum PC und drückt „kommt“ am Webterminal, unserer guten Zeitstechur. Somit gewinnt er zwei Minuten gegenüber den Kollegen, die abends ordnungsgemäß  ihren PC herunterfahren, morgens ordnungsgemäß wieder hochfahren und nach den dadurch verlorenen drei Minuten auf „kommt“ drücken. Von BusyBody hätte DWM nichts anderes erwartet.

Bis zu ihrer Degradierung hatte DWM wegen ihres pauschalierten Vertrages gar nicht gestochen (und damit sehr viel Zeit verschenkt).  Die neue ordnungsgemäße Abrechnung ihrer Arbeitszeit beschert ihr viele Gleittage, sodass sie auf diese täglichen zwei bis drei Minuten nicht angewiesen ist. Auch  ihr inneres Gerechtigkeitsgefühl wehrt sich nicht dagegen, denn mit Sicherheit verbringt DWM drei Minuten am Tag mit für den Arbeitgeber nicht produktiven Tätigkeiten.  Das ordnungsgemäße tägliche Herunterfahren des PCs birgt einige Vorteile: wenn ein nächtliches Update von der IT eingespielt wird, läuft das reibungslos ab und man macht sich bei den IT-Kollegen nicht wegen Zusatzarbeit  mit angemeldeten PCs unbeliebt. Außerdem wird der Rechner irgendwann lähmend langsam, wenn er lange Zeit ohne Neustart durchläuft.

Schon seit längerer Zeit hatte DWM sich gewundert, warum die Kollegen so furchtbar über die Performance ihrer PCs jammern. Einerseits hatte sie es dem Österreichischen Nationalsport zugeschoben, dem immer wieder gerne gefrönt wird. DWM beteiligt sich daran niemals, aber wie jeder weiß, ist passiv-Raunzn mindestens so schädlich wie Passiv-Rauchen und während ersteres heutzutage in den Büros so gut wie abgeschafft ist, scheint sich um letzteres kaum jemand zu kümmern.

DWM jedenfalls war mit ihrem Rechner ganz zufrieden und wusste nicht, ob es daran lag, dass die IT-Kollegen ihr den Einzug in das neue Büro mit einem Top- Modell versüßen wollten oder nur an ihrer subjektiven Wahrnehmung.

Gleich nach ihrem Einzug in dieses Büro hatte Chatterbox versucht, sie ebenfalls auf die Seite der Zeitschinder zu  ziehen, für DWM ist diese Vorgehensweise unter ihrer Würde.

Heute Morgen betritt DWM gemeinsam mit Newcomer das Büro  und während sie den runden EIN-Knopf an ihrem PC drückt, hackt ihr Gegenüber schon mit klammen Fingern auf die Tastatur ein. DWN ist entsetzt. Jetzt weiß sie, dass Newcomer nicht nur aus Prinzip über die Performance jammert. Und warum er die Probleme trotz mehrmaliger Anregung DWMs nicht in der IT melden will.

Es sind nur ein paar lächerliche Minuten, wenn überhaupt , aber warum fühlt DWM sich so einsam mit ihrer Einstellung? Für sie ist der Arbeitsprozess ein Geben und Nehmen, dessen Summe für beide Seiten passen muss. Auf diese Minutenschnorrerei wird sie auch in Zukunft verzichten und dafür lieber die eine oder andere private Mail schreiben, damit  die Summe wieder passt.

DWM gibt noch nicht auf (3)

…laden wir Sie zu einem Gespräch in unserer Personalabteilung ein. Zwecks Terminvereinbarung…..

DWM geht fast an die Decke vor Freude, als sie den Brief liest. Sie vereinbart einen Termin mit des Assistentin des gefürchteten Verhandlers und widmet sich dem umfangreichen Fragebogen, der der Einladung beiliegt. Etwas angestaubt vielleicht in Zeiten wie diesen, aber dafür suchen sie ja jemanden für die IT-Organisation, nicht wahr? Ebenfalls beigelegt ist ein Ausdruck aus Google Maps, auf dem der Standort der Personalabteilung markiert ist und das findet DWM schon mal sehr zuvorkommend.

Dieser Standort befindet sich in repräsentativer Citygegend, deswegen parkt DWM gleich in der Garage, bevor sie sich zum Gespräch begibt. Dann muss sie ein wenig warten, bevor sie vom harten Verhandler empfangen wird. Den sie sich definitiv anders vorgestellt hat. Nicht nur, dass er wohl um einiges jünger ist als DWM (langsam sollte sie sich offensichtlich mal daran gewöhnen). Er wirkt eher ruhig, statt dem stahlblauen harten Blick beim letzten Gespräch schaut DWM jetzt in sanfte braune Augen. Auch gut. Das Vorgeplänkel wird wieder kurz gehalten, der Verhandler will wissen, was für DWM im Projektmanagement denn wichtig sei. DWM ist erstaunt, dass auch in dieser Runde Fachliches besprochen wird und gibt ihre Meinung zum Besten. Zur Sicherheit fragt sie nochmal nach, ob denn ihrem Wunsch nach einem 80%-Vertrag entsprochen werden könne, der Herr Abteilungsleiter wollte diesbezüglich noch mal in sich gehen. Man kann.

Erstaunt nimmt DWM zur Kenntnis, dass einer der beiden ausgeschriebenen Jobs (natürlich der, den sie lieber gehabt hätte) nun doch intern vergeben worden war. Nach kurzem innerlichen Bedauern konzentriert sich DWM wieder auf das Gespräch. Es gibt  immerhin noch den anderen zu vergeben. Nach einem kurzen Blick auf den Lebenlauf, den er vor sich auf dem Besprechungstisch liegen hat, will der Verhandler jetzt wissen, wie das denn gewesen sei mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei ihrem Wiedereinstieg. Jetzt ist DWM erst recht erstaunt, denn das ist fast 10 Jahre her. Während sie bereitwillig Auskunft gibt und geduldig auch die Zwischenfragen zum schier unerschöpflichen Thema „Au-Pair Ja oder Nein“ beantwortet, schöpft sie den Verdacht, der Verhandler benötige diese Informationen für private Zwecke. Sicherheitshalber betont DWM noch einmal, dass eine qualifizierte Arbeit der Mutter nur mit tatkräftiger Mithilfe des Vaters zu schaffen sei. Ob er diesen Satz zu Hause auch so wiedergeben wird? 🙂

Spät aber doch kommt er auf das heikleThema zu sprechen. Wieder zückt DWM ihren Gehaltszettel. Im Vorfeld hatte sie sich schon überlegt, ob und wie viel Gehaltsverzicht für sie vorstellbar wäre. Nach Rücksprache mit DWD – schließlich fließt DWMs Gehalt in den Familienetas – kann sie sich einen Verzicht auf den jährlichen Bonus vorstellen. Auf den besteht ohnehin kein rechtlicher Anspruch, auch wenn er bisher in jedem Jahr, wenn auch in unterschiedlicher Höhe, bezahlt wurde.

Die Reaktion ihres Gegenübers versetzt DWM abermals in Erstaunen. Er bemerkt zwar ebenfalls, das sei eher hoch angesiedelt, aber er habe leider keinen Einfluss auf den Entscheidungsprozess, das müsse der Abteilungsleiter machen, für ihn müsse Gerechtigkeit innerhalb seines Bereiches herrschen bla bla bla. Da haben wir es wieder mal. Keiner möchte über Geld reden, keiner möchte die Verantwortung für eine möglicherweise unpopuläre Entscheidung tragen.

Zum Schluss darf DWM noch einen Blick in den Kollektivvertrag werfen und sich damit gleich ein realistisches Bild ihrer Chancen machen. Wie wird der letztendliche Entscheider – wer immer das sein mag – entscheiden? Verdient DWM tatsächlich so viel, dass es bei einem Wechsel unmöglich ist, das Niveau zu halten? Wie wird sich die Tatsache auswirken, dass in der potenziellen Abteilung nur Frauen arbeiten? Gerüchten zufolge verdienen die viel weniger als Männer und DWM (die bisher nur unter Männern gearbeitet hat) müsste an die dortige Struktur angepasst werden….

Mit gemischen Gefühlen verlässt DWM das Personalbüro und harrt der Dinge, die in den nächsten vierzehn Tagen eintreten werden oder auch nicht.

DWM gibt (noch) nicht auf (2)

Es war nicht anders zu erwarten gewesen. DWD hatte es geschafft, DWMs Zweifel bezüglich der Arbeitszeit zu zerstreuen, 80 % müssten doch drin sein, er sei schließlich auch noch da.

Das war auch gut so, denn einen Tag nachdem DWM auf den „Senden“-Button ihrer Bewerbungsmail gedrückt hatte, kommt schon der Anruf. Wann sie denn Zeit für ein Gespräch habe. Nur mit Mühe kann DWM den Jubel unterdrücken. Wusste sie doch, dieser Job ist wie geschaffen für sie.

Das Büro liegt in der Nähe des jetzigen, somit kann das Gespräch schon am nächsten
Tag diskret in der Mittagspause erledigt werden. DWM bereitet sich diesmal akribisch darauf vor. Um finanzielle Überraschungen wie beim letzten Mal von vornherein auszuschließen, druckt sie sich den letzten Lohnzettel aus und nimmt ihn zu ihren Unterlagen.

Am Gesprächstag lässt DWM den Blazer im Auto hängen. Mittlerweile trägt sie Business nur mehr bei externen Terminen und sie will ja kein Aufsehen erregen bei den Kollegen. Um halb zwölf verkündet sie, diesmal ein wenig länger auf Mittag zu bleiben und verschwindet in die Tiefgarage. Blazer übergezogen, Erscheinung im Rückspiegel überprüft (nicht sehr sinnvoll bei der Beleuchtung im 3.UG). Während sie sich in ihrem Auto nach oben schraubt, trifft sie plötzlich eine Erkenntnis: sie hat ihren Terminkalender auf dem Schreibtisch liegen gelassen. Aufgeschlagen natürlich am heutigen Tag. An dem um die Mittagszeit ein Eintrag mit dem Firmennamen prangt, zu der sie gerade unterwegs ist. Da es sich um ein Konkurrenzunternehmen handelt, bräuchte ein – absichtlich oder unabsichtlich – stöbernder Kollege nur eins und eins
zusammenzählen. Was tun? Draußen im verbotenerweise halten, nach oben laufen,
Kalender holen? Da versucht DWM so unauffällig wie möglich zu agieren und dann kommt sie auf dem Weg zur Mittagspause wieder zurück, weil sie ihren Terminkalender
vergessen hat? So gut sie mit Newcomer auch auskommt, aber ihre
Fluchtaktivitäten möchte sie ihrem direkten Gegenüber doch nicht auf die Nase
binden. Außerdem würde das ihren Zeitplan durcheinanderbringen. Also das beste
hoffen und weiterfahren. Wer sollte denn schon etwas auf ihrem Schreibtisch
suchen, wo doch ohnehin jeder weiß, dass das bei der dort herrschenden Ordnung
ein völlig sinnloses Unterfangen ist.

Viel zu früh kommt DWM vor dem Gebäude an und stellt fest, dass sie doch nach einer Parkmöglichkeit hätte fragen sollen. Aber auch jetzt hilft nur die Flucht nach vorn, nach zwei Runden stellt sie ihren Kleinwagen auf ein Plätzchen, das privat sein mag oder auch nicht und schlendert betont langsam zum Eingang. Immer noch zu früh. Nach einer halben Umrundung des Gebäudes beschließt DWM, dass ein paar Minuten zu früh vertretbar sind und betritt ihr hoffentlich zukünftiges Bürogebäude. Im Treppenhaus wird sie von zahlreichen Jeansträgen freundlich gegrüßt. Bald würde sie auch
dazugehören! Die Assistentin schein erfreut über ihr frühes Erscheinen, die
Herren seien schon da, sie könne gleich durchgehen.

Schön, dass sich nicht nur Chef sondern auch ChefChef am Gespräch beteiligt, freut sich DWM. Das macht doch gleich einen professionelleren Eindruck als beim letzten Mal. Das übliche Geplänkel wird kurz gehalten, schnell wird es fachlich und DWM glaubt, doch einigermaßen punkten zu können, als Chef sie mit einem stechenden Blick aus seinen blauen Augen (unter anderen Umständen hätte man diese durchaus bewundern können) fragt: „Und wie sieht es mit Ihrer zeitlichen Verfügbarkeit aus?“ Immerhin scheint er Ahnung davon zu haben, wie aufwändig die Familienarbeit sich auch mit vergleichsweise großen Kindern gestaltet und hat sie trotzdem eingeladen.
„Wie viel arbeiten Sie denn jetzt?“ DWM gesteht ihren 50% -Vertrag und
versichert – wie sie hofft – glaubhaft, dass sie zur Zeit auf alle Fälle 80%
erübrigen könne.

„Und wie wollen Sie die aufteilen?“ Der will es aber ganz genau wissen. DWM versichert ihm, bis auf einen Tag in der Woche einigermaßen flexibel zu sein, da sie ja wisse, dass man sich bei Projektarbeit nicht auf nur Vormittagstermine beschränken könne, weil das die Terminfindung zu sehr behindere. Die Antwort scheint ihren Gesprächspartner einigermaßen zu befriedigen, sodass DWM einen weiteren Vorstoß wagt. Aber auf die Frage, ob Papierkram zum Teil auch zu Hause erledigt werden könne, reagiert er genauso ungehalten wie seine Vorgänger. Nein, Telearbeit sei nicht üblich und man habe auch nicht vor, das einzuführen. Dass DWM einräumt, es ginge ihr in erster Linie um die Möglichkeit, bei eventuellen Krankheitsfällen keine
Pflegefreistellung in Anspruch nehmen zu müssen, scheint ihn wieder zu
besänftigen. Natürlich komme es in seinem IT-lastigen Bereich immer wieder mal
vor, dass jemand eine kurze Wartungsarbeit von zu Hause aus erledigen müsse,
die ließen sich schon Möglichkeiten finden.

Nachdem diese Fronten geklärt sind, kann man sich wieder der Fachdiskussion widmen. ChefChef verlässt unsere traute Gesprächsrunde, während DWM sich freut, mit ihren Kenntnissen punkten zu können.  Ganz zum Schluss stellt Chef
dann doch noch die obligatorische Frage nach dem Gehalt. DWMs Vorstellungen
kommentiert er mit „Na da wünsche ich Ihnen viel Vergnügen bei der Verhandlung
mit unserem Personalchef. Das ist ein ganz harter Verhandler, was mir selber
oft leid tut, wenn ich nicht die Leute bekomme, die ich haben möchte.“

Wie soll DWM das jetzt interpretieren? War das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht? Steht ihr jetzt schon die nächste Runde mit dem Personalchef zu, obwohl sie nur 80% arbeiten möchte? Und ist es jetzt schon abzusehen, dass dort Endstation sein wird, nur weil DWM zumindest ebenso viel verdienen möchte wie jetzt?

 

 

 

DWM gibt (noch) nicht auf! (1)

DWM ist ja durchaus lernfähig und da sie nun weiß, was sie von „offen gehaltenen“ Stellenangeboten vor allem in finanzieller Hinsicht zu erwarten hat, beschränkt sie sich jetzt auf die konkreteren, in der Hoffnung, dass Akademiker auch als solche bezahlt werden, wenn ein derartiger Abschluss explizit verlangt wird.

Das ist mittlerweile keineswegs mehr eine Selbstverständlichkeit, denn Newcomer, der sie an ihrer derzeitigen Arbeitsfront unterstützt, durfte seine ersten sechs Monate mit einem Praktikantenvertrag (und selbstverständlich auch entsprechendem Gehalt) arbeiten und wurde die nächsten sechs Monate mit der originellen Idee einer „Einschulungsphase“ finanziell benachteiligt, bevor er endlich einen seiner Ausbildung und Tätigkeit adäquaten Vertrag erhielt. Aufgrund seines Lebenslaufes (er hat sein Studium für einige Zeit unterbrochen, um seine krebskranke Mutter zu pflegen und sich um seine jüngere Schwester zu kümmern – auch Männer werden offensichtlich benachteiligt, wenn sie sich um familiäre Belange kümmern, wie es sonst eigentlich den Frauen zusteht, sie sieht man mal den Stellenwert von sozialem Engagement in der Wirtschaft) hat er ebensowenig Alternativen wie DWM.

Ende des Exkurses über weitere Desperates an dieser Front, wenden wir uns wieder DWMs formidabler Lernfähigkeit in Sachen Bewerbungsmanagement zu:

Da es selbstverständlich keine Teilzeit-Angebote für Akademiker gibt, DWM aber trotzdem (noch) nicht bereit ist aufzugeben, bewirbt sie sich auf ein Angebot, das auf ihre Berufserfahrung zu passen scheint wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Hier könnte sie all ihre Fähigkeiten einbringen. Mit ihrem umfangreichen Erfahrungsschatz wird sie die fehlenden 20% Arbeitszeit locker wettmachen. Davon muss sie jetzt nur noch den potenziellen Arbeitgeber überzeugen, wenn, ja wenn sie überhaupt in die engere Wahl kommt. Und die Familie, denn natürlich müssen bei einer Aufstockung der Arbeitszeit von 50% auf 80% die SLAs neu verhandelt werden.

Wie wird DWM sich an ihren Fronten schlagen? Wird sie den Kontrollfreak in sich so weit unterdrücken können, dass sie selbst an die 80%-Lösung glaubt? Oder werden die Visionen von häuslichem Chaos, absackenden Schulleistungen bei den Kindern, Untersportung bei sich selber und emontionaler Verwahrlosung des DWD sie daran hindern, an die Verwirklichung zu glauben, geschweige denn sie der Familie und dem Arbeitgeber schmackhaft zu machen?