Hast du Untersportung?

Da wir gerade einen so warmen Winter haben, wo wir nicht mal snowboarden können, weil es die ganze Zeit regnet (von anderen Outdoor-Sportarten ganz zu schweigen), ist DWM vielleicht nicht ganz so ausgeglichen wie sonst. Selbstverständlich würde sie das niemals ihre Familie spüren lassen.

Trotzdem fragt DSB sie heute: „Mama, hast du Untersportung?“

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„Das ist so ähnlich wie Unterzuckerung, nur viiiieel schlimmer. Ich hab das auch manchmal!“

Regieanweisung: DWM geht in den Keller und klaubt die Spinnweben von ihrem Spinning-Rad.

Was macht ihr so gegen den Lagerkoller?

in Ihrem Alter…..

Den nächsten Versuch, von der derzeitigen Arbeitsfront zu desertieren, macht DWM mithilfe eines Profis, einer Profi-in genauer gesagt, so viel Zeit muss sein. Die Stellenanzeige war von einer Personalberaterin geschalten und obwohl oder gerade weil es branchenfremd war, spricht es DWM besonders an. Diesmal betrachtet sie es beinahe schon als Selbstverständlichkeit, in die zweite Runde zu kommen und zu einem Gespräch geladen zu werden. Obwohl, zu einem Gespräch beim Personalberater geladen zu sein, kann wohl kaum als großer Fortschritt gewertet werden, aber das weiß unsere bewerbungs-unerfahrene DWM zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die wollen ihre Kartei so umfangreich wie möglich halten und schauen sich jeden an, der nicht völlig daneben lag mit seiner Bewerbung. DWM genießt in ansprechender Atmosphäre einen Espresso, während sie das Warm-Up mit Bravour besteht. Das ist auch gut so, denn kurz danach kommt die Ernüchterung: „….in Ihrem Alter …..die Branche wechseln….unwahrschlich….aber vielleicht bekomme ich ja mal was Passendes rein….“

DWM neigte ja bisher oft ein wenig zu der Ansicht „für mich gilt das nicht“, egal ob es in ihrer Jugendzeit um die Frage ging „Kinder und Karriere sind nicht vereinbar“, „Beziehungen mit einem Moslem sind schwierig“ oder „Anfänger sollten bei den fünf Tibetern nicht mehr 5 Umdrehungen machen“. Genauso ging es ihr mit „ab 40 ist man auf dem Arbeitsmarkt alt“. Auch hier muss sie plötzlich feststellen, dass so ein Allgemeinplatz sogar für DWM gilt.

Erziehungsversuche

Seien wir mal ehrlich, unsere Kinder haben es wirklich nicht immer leicht, uns zu konsumfreudigen Stützen der Wirtschaft zu erziehen. Da ist es nicht verwunderlich, wenn sie schon mal verzweifeln. DWM glaubt z.B. immer noch, mit einem Mountainbike überwinde man die Höhenmeter in beide Richtungen aus eigener Kraft, obwohl DSB ihr schon so oft vermittelt hat, dass für die Höhenmeter in die anstrengende Richtung die Seilbahn gedacht ist und man sich anschließend über künstliche Hindernisse möglichst halsbrecherisch ins Tal stürzt. Trotz geduldiger Erziehungsversuche spendiert DWM solche Events nur zu besonderen Gelegenheiten, z.B. als Zeugnisgeschenk.

Des weiteren glaubte DWM bis vor kurzem, man komme ohne Handtasche aus und stopfte ihre persönlichen Gegenstände einfach in die diversen Fächer ihres Laptop-Rucksackes. Nachdem DSG ihre Mutter endlich von der Notwendigkeit eines solchen Gegenstandes überzeugt hatte, weigerte sie sich immer noch, die Marke mit der schönen Schnalle zu kaufen. Auch hier war wieder einiges an Erziehungsarbeit nötig, bis DSG zweieinhalb davon und DWM immerhin eine halbe ihr Eigen nennen konnten.

Nun glaubt sie aber immer noch, Pullover werden wegen der niedriegen Temperaturen getragen und können auch bei H+M gekauft werden.

Weder mit dem tollen Online-Shop von Abercrombie & Fitch noch mit dem günstigen Wechselkurs des britischen Pfund oder den geringen Versandgebühren konnte DSG punkten. Obwohl in allen Standardwerken zur Erziehung geraten wird, man solle sich nicht provozieren lassen, entfuhr ihr ein „Du bist so blöd!“, bevor sie sich in ihrem Zimmer verbarrikadierte.

Die Reaktion von DWM hängt in solchen Fällen davon ab, wie der Arbeitstag gelaufen war und da sieht man wieder einmal, wie ungerecht das Leben ist, denn was kann ein DSG für einen schlechten Arbeitstag? Diesemal hatte DWM aber einen sehr erfolgreichen Arbeitstag hinter sich und trug ihren Rüffel mit Fassung. DSG hatte sich erstaunlich rasch daran erinnert, dass in der Standard-Erziehungsliteratur immer darauf hingewiesen wird, man solle Meinungsverschiedenheiten in der Sache strikt von der Person trennen und ein „Deine Meinung ist blöd“ niemals verwechseln mit „Du bist blöd“, sie kriecht aus ihrem Zimmer hervor und entschuldigt sich (Anmerkung der Redaktion: vielleicht hat sie sich aber auch nur daran erinnert, dass die Spendierfreudigkeit der DWM proportional zur Stimmung verläuft). Nach gegenseitigen Liebesbekundungen kann die Erziehungsarbeit wieder aufgenommen werden – Ausgang offen.

Wie viel Mama braucht das Kind?

Was liegt näher nach der Degradierung, als sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen? Selbstverständlich hat DWM sofort damit begonnen, aber sie ist etwas aus der Übung (genau genommen hat sie sich überhaupt erst einmal auf dem freien Markt anbieten müssen). Das beginnt schon mal damit, dass sie in den Unterlagen ehrlich über ihren Teilzeitstatus berichtet. Da darf man sich dann nicht wundern, wenn im besten Fall eine schriftliche Absage kommt. In der nächsten Version des Lebenslaufes werden zwar die Kinder erwähnt, aber nicht das Ausmaß des Beschäftigungsvertrages. Und schon kommt die erste Einladung zum Gesprächstermin. Geht doch! Bei 35 Grad sitzt DWM brav in grauem Anzug und Bluse einem Vorstandsmitglied in kurzärmeligem Hemd gegenüber. Das Gesrpäch läuft gut, aber ganz zum Schluss muss DWM doch noch beichten, dass sie auf zeitliche Flexibilität angewiesen ist. Der Vorstand wirft einen erstaunten Blick in die Bewerbungsunterlagen vor ihm. „WIE alt sind ihre Kinder? Da brauchen sie doch die Mama eh nicht mehr.“ Im Warm-Up-Smalltalk hatte er erzählt, sein Sohn lebe im Internat. Na dann weiß er natürlich ganz genau, wie viel Mama die Kinder in welchem Alter brauchen. Einige Tage später kommt die Absage.

kein Nachteil ohne Vorteil

würde meine sprichwortverrückte Freundin sagen. Da ich seit meiner Degradierung meine Arbeitszeiten steche, sammeln sich durch meinen Teilzeitvertrag jede Menge Überstunden an. Somit kriege ich eine ungefähre Vorstellung davon, wieviel Zeit (und Geld) ich bisher verschenkt habe. Diese Überstunden darf ich jetzt abgleiten und das trifft sich gut, da der DesperateSchoolBoy bereits Ferien hat. Nachdem er in den Jahren meiner Pseudowichtigkeit brav diverse Feriencamps über sich ergehen hatte lassen, stellte er heuer fest, er sei groß genug um vormittags auf sich selbst aufzupassen und lehnte jede Zwangsbespaßung ab. DWM versuchte ihren Gluckentrieb zu unterdrücken – was nicht einfach war – und erfüllte ihm diesen Wunsch. Nach den ersten Tagen stand das Haus immer noch, und auch DSB war unverletzt.  Er wollte sogar noch einen Schritt weitergehen und verkündete, ich solle doch die „Wie-geht-es-dir-ist-auch-alles-in-Ordnung“-Anrufe unterlassen. Letzte Woche nützte ich den einzigen sonnigen Tag weit und breit und nahm mir kurzfristig einen Gleit-Tag. Einfach so und fast ohne schlechtes Gewissen. Erst versuchte ich eine kleine Wanderung mit DSB, aber nachdem er mir erklärt hatte, der Berg sei heute weiter weg als sonst, irgendjemand müsse den Weg gestretcht haben, kehrten wir nach einer ausgiebigen Rast auf dem ersten Zwischengipfel

um fuhren an den nächstgelegenen See.

Dieser wunderschöne spontane Tag mit meinem Sohn entschädigt mich für vieles. Vielleicht hat SmallBoss mir sogar einen Gefallen getan?

Die Ohnmacht des Herrschers

„Ich bin der uneingeschränkte Herrscher der Abteilung“ verkündete Busybody mit stolzgeschwellter Brust, die ihn fast hintenüberfallen ließ, als ich heute morgen unser Büro betrat. Da fiel mir wieder ein, dass der Abteilungsleiter ApplePolisher diese Woche auf Urlaub war. Kurz überlegte ich, ob ich Busybody darauf hinweisen sollte, dass in unserer Abteilung die Vertretung ausnahmsweise nach oben delegiert wurde, somit SmallBoss in ApplePolishers Abwesenheit unser Ansprechpartner war? Da ich mir nicht sicher war, wie gefährlich es ist, wenn man Menschen, die unter völligem Realitätsverlust leiden, mit den nackten Tatsachen konfrontiert, hüllte ich mich lieber in vornehmes Schweigen. Schließlich wollte ich hier keinen medizinischen Notfall provozieren. Ich startete meinen Rechner und begann mein Tagwerk, als Busybody völlig aufgelöst mit der Post zurückkam. „Eine massive Beschwerde……eine massive Beschwerde mit Beantwortungsfrist 2 Wochen…. und der externe Anwalt ist auf Urlaub“. Wozu leisten wir uns eigentlich einen hauseigenen Juristen, noch dazu einen uneingeschränkten Herrscher, wenn wir für jede Beantwortung einer Behördenanfrage einen externen Anwalt hinzuziehen müssen?

Abserviert (5) – meine neue berufliche Heimat

Was war denn jetzt eigentlich so schlimm an meiner Degradierung? Ich würde dasselbe Gehalt verdienen wie vorher und das bei weniger Verantwortung und geregelten Arbeitszeiten. Zusätzlich würde mich ein neuer Mitarbeiter unterstützen. Schöne neue Arbeitswelt, oder nicht? Der Hund liegt wie so oft im Detail. Und damit meine ich nicht nur die Tatsache, dass ich es als Zeichen von Wertschätzung empfunden hätte, wenn ich etwas früher informiert gewesen wäre. Und auch der Kollege, der sich meine Position unter den Nagel gerissen hat, ist nur zu einem Teil der Grund meines Frustes. ApplePolisher hat die grandiose Fähigkeit, immer zu wissen, was sein Gegenüber gerade hören möchte. Mit seiner genauen Beobachtungsgabe und fast schon komödiantischem Talent (bei Betriebsfeiern unterhält er uns immer glänzend mit überzeugenden Parodien von Geschäftspartnern) kommunziert er immer genau so, wie wahlweise SmallBoss oder BigBoss es gerade brauchen. Da die beiden den direkten Weg nicht immer so schätzen, brauchen sie ApplePolisher beide gleichermaßen. APs Abteilung hängt als einzige unter beiden Vorständen. Mit dieser machtvollen Position kann er alles erreichen, ohne sich mit den mühevollen Niederungen des täglichen Doings aufhalten zu müssen. Immer wenn ihm trotzdem ein wenig langweilig wird, droht er damit, das Unternehmen zu verlassen, und dann muss ein neues Zuckerl für ihn gefunden werden. Um das Fachgebiet meiner kleinen aber feinen Abteilung war in der letzten Zeit ein kleiner Hype entstanden und so dauerte es nicht lange, bis sie auf der „Will haben“-Liste von ApplePolisher landete. Auf die gleiche Weise hat er sich vorher schon zwei andere Abteilungen angeeignet. Gegen ApplePolisher zu verlieren, ist somit keine Schande. Eigentlich kann ich es sogar als Ehre betrachten, dass ich etwas hatte, was er unbedingt haben wollte. Neid muss man sich schließlich verdienen. Das unangenehme Detail liegt mehr im persönlichen. Und zwar in den Personen der beiden zuvor degradierten, mit denen ich in Zukunft das Zimmer teilen würde. Jetzt könnte man sagen, geteiltes Leid ist halbes Leid, aber ich bin nicht davon überzeugt, dass dieser Spruch immer zutrifft. Wenn ich im Wartezimmer vom Zahnarzt sitze, lassen meine Schmerzen auch nicht nach, nur weil ich andere leiden sehe. Im Gegenteil, in meiner neuen Abteilung würde ich eher davon ausgehen, dass der Spruch vom Glück zutrifft, dass sich angeblich vervielfacht, wenn man es teilt. Ich wusste, was mich in der Sammelstelle der Degradierten erwarten würde. Beim ersten Opfer, Chatterbox, muss ich ganz ehrlich zugeben, dass ich nicht sehr erstaunt war. Hochmut kommt vor den Fall, wie man sieht. Ihr Auftauchen in manchen Abteilungen war gefürchtet, wenn sie mit einem „Juhuuuuu, ich wollte nur schauen, ob ihr eh was arbeitet“ zu einem längeren Pläuschchen einleitete. Offensichtlich war es in ihrer Ein-Frau-Abteilung zu einsam gewesen. Das zweite Opfer, BusyBody, hat bis heute nicht ganz verinnerlicht, dass er degradiert wurde. Wenn er sich unbeobachtet glaubt, signiert er seine Mails nach wie vor mit „Leiter XY“ und seine alten Visitenkarten benützt er auch noch. Um sich zusätzlichen Status zu verschaffen, hat er sich zum Betriebsrat wählen lassen. In seiner Wahlwerbung hatte er angeboten, kostenlose Rechtsberatung für die Mitarbeiter in privaten Belangen zu leisten. Somit landete er auf Platz eins der Liste und war endlich wieder ein Leiter – der des Betriebsrates und als solcher auch Mitglied des Aufsichtsrates. In dieser Funktion konnte er gern schon mal übersehen, dass er dafür kein Abteilungsleiter mehr war. Wer würde nicht einem Aufsichtsratsmitglied mit Ehrfurcht begegnen? Bei solcher Wichtigkeit war es eigentlich nicht verwunderlich, dass er Chatterbox als seine Sekretärin betrachtete, die sich dagegen lautstark zur Wehr setzte und mich auch schon vor meinem Eintritt in diese Leidensgemeinschaft über sämtliche Entwicklungen auf dem laufenden gehalten hatte. Ich weiss also, was mich erwartet – vielleicht sollte ich es mit einer Packung Pringles in der Hand als Kino betrachten?

Ganze Männer machen halbe halbe…

…. war vor einigen Jahren der Titel einer Kampagne in Österreich, die die Männer zur Mithilfe im Haushalt animieren sollte. Über den Erfolg derselben weiss ich nicht Bescheid, ich begnüge mich wie immer mit meiner Stichprobengröße von n = 1 und freue mich, dass DWD meine Auffassung von Teilen teilt. Zumindest in guten Zeiten.

Wie das bei alten Ehepaaren manchmal der Fall ist, haben wir so unsere Kommunikationsrituale entwickelt. Eines davon bedient die leidige Haushaltsfrage. Wenn ich wegen potenzieller Überbewertung von Arbeitsfront, Schulfront und Erziehungsfront die Beziehungsfront vernachlässigt habe und mein Kommunikationsverhalten nicht mehr den Ansprüchen von DWD genügt, versteht er es mit einem „Du machst viel weniger im Haushalt als ich“ mich aus der Reserve zu locken und eine möglicherweise lange überfällige Diskussion in Gang zu setzen. Gar nicht auszudenken, was aus unserer Beziehung würde, wenn wir (endlich) eine Haushaltshilfe hätten 🙂

Zeugnistag

Als ich zur Schule ging, waren die Kinder für die Bewältigung des Schulalltages und die Eltern für die Versorgung zuständig. Die Einführung der Elternabende und -foren habe ich bei meinem jüngeren Bruder noch miterlebt, meine eigene schulische Laufbahn durften meine Eltern noch sehr mittelbar erleben. Zur Einschulung wurden einige von uns von der Mama begleitet. Ein Vater hätte an dieser Stelle höchst deplaciert gewirkt. Eine Erstklässlerin hat geweint. (Wahrscheinlich war sie die einzige, die sich nicht von der aufgesetzten Fröhlichkeit täuschen ließ und wirklich gecheckt hat, was auf sie zukommt.) Später bin ich den Eltern meiner Mitschüler nur mehr begegnet, wenn ich sie zu Hause besucht habe.

Heute sind wir Eltern ganz anders gefordert, aber da das schon im Kindergarten beginnt, haben wir Zeit, in die Aufgabe hineinzuwachsen. Im ersten Kindergartenjahr von DesperateGirl habe ich noch andere Erziehungsberechtigte mit Korken beworfen, beim letzten Schulfest hatte ich mich schon zum Völkerball hochgearbeitet. Dazwischen hat meine Arbeit mir erlaubt, mich von den meisten Veranstaltungen dieser Art fernzuhalten. Der Elternabend fiel meist mit einer Dienstreise oder einem Seminar zusammen. (DesperateWorkingDad hat mich als Quotenmann mehr als nur vertreten!) Wenn Begleitpersonen für Ausflüge gesucht waren, wurde ich schon gar nicht mehr gefragt. Als vorgestern die Einladung zur Grundschul-Verabschiedung der Viertklässler in meiner Mailbox landete (Sekt bereits am Vormittag – damit ließe sich so ein Event vielleicht ertragen, ganz abgesehen vom Kuchen) entschloss ich mich spontan, bei dieser letzten Gelegenheit mir anzusehen, was ich in den vergangenen Jahren verpasst hatte. Als Meisterin des schlechten Gewissens habe ich mich zumindest unzulänglich gefühlt, wenn ich an den ersten und letzten Schultagen meine Kinder allein auf den Weg geschickt hatte, als sei es ein ganz gewöhnlicher Morgen. Obwohl DSG und DSB ständig beteuert hatten, es sei ihnen sogar lieber, wenn ich nicht dabei sei. Wahlweise konnte ich mich schlecht fühlen mit „Ach, die lieben Kleinen verleugnen auch noch ihr Leid, damit Mama sich besser fühlt“ oder „Ach, die armen Kleinen sind schon so abgehärtet von meiner häufigen Abwesenheit.“ Das alles würde ich heute mit einem Glas Sekt in der Hand wieder gut machen, jawoll! Niemals hätte ich mir früher einen Tag freigenommen, an dem die AR-Unterlagen abgegeben werden mussten.

In einem kleinen Dorf beginnt der Event auf dem Schulhof. Dort konnte ich als erstes einmal feststellen, wie underdressed ich war. Wäre es nicht eine Idee gewesen, den Dresscode in die Einladung zu schreiben? Die meisten Väter (ja, es waren auch Väter da, um 9 Uhr morgens!) waren in Krawatte, nur wenige hatten sich mit dem Hemd begnügt. Gottseidank hatte ich auf Anraten des DesperateSchoolBoy (der selbst immer an der Unterkante der vertretbaren Kleiderbandbreite unterwegs ist) vor unserem Aufbruch noch schnell die Cargo-Hose gegen eine Calvin-Klein-Jeans getauscht. DesperateScoolGirl hatte ihre Sneakers selbst gebraucht, daher trug ich wenigstens meine hohen Schuhe, das verleiht einem auch in einem H&M-T-Shirt einen Hauch von Würde. Nachdem die erforderlichen Fotos und Videos geschossen waren, setzte sich der Tross wohlgeordnet – vorne die Lehrerinnen mit ihren Klassen, dahinter die Eltern –  in Bewegung Richtung Kirche. Ja, in einem katholischen Dorf beginnt und beschließt man das Schuljahr mit einem Dankeschön an den lieben Gott, und das noch bevor man überhaupt das Zeugnis hat! Erstaunlicherweise verdünnte sich der Tross, je näher wir der Kirche kamen. Geflüster von Kaffeehaus war zu hören. Meine Nachbarin schien zu schwanken, ob sie der Versuchung nachgeben solle, aber ich war überzeugt davon, dass es für mich in der Kirche interessanter sei als im Café in der Mütterrunde. Das hatte ich ohnehin noch vor mir und dann wenigstens mit der Unterstützung durch den Sekt. Den konnte ich schlecht schon vorher bestellen, ohne dass meine Umgebung falsche Schlüsse ziehen würde.

DSB hatte ich den ganzen Vormittag über kaum gesehen, mein heftiges Nachfragen nach dem Zeugnis war eine lästige Unterbrechung, als er aus der Klasse kam und gleich mit seinen Freunden weiter auf den Schulhof stürmen wollte. Ich hielt mich an meinem Sektglas fest, beantwortete höflich die Fragen nach der Schulwahl für die nächsten Jahre und entschädigte mich mit hervorragendem Kuchen. Und freute mich, dass weder ich noch meine Kinder etwas verpasst hatten in den letzten Jahren.

Abserviert (4) – (Womit) habe ich das verdient?

Auf der Suche nach den Tätern oder zumindest den Mitwissern habe ich wohl eine Etage zu tief angefangen. BigBoss muss sämtliche Personalentscheidungen absegnen, auch die vom SmallBoss-Ressort. Als Vorstandsvorsitzender hat er außerdem zwei Drittel des Stimmrechtes. Also gleich zum Schmied und nicht zum Schmiedl. Vor meinem geistigen Auge lasse ich die letzten Wochen Revue passieren. Beim Sommerfest bleibt der Film plötzlich stehen und läuft in Zeitlupe weiter. Da war mir doch was aufgefallen, oder? Stimmt, während BigBoss sonst keine Gelegenheit ausgelassen hatte, um mit mir zu flirten, habe ich ihn auf diese Fest kaum gesehen. Rückblickend würde ich sagen, er ist mir aus dem Weg gegangen. Nicht, dass ich mich für so furchtbar wichtig hielte und schlechtes Gewissen ist wahrscheinlich eher bei Müttern anzutreffen als bei Vorstandsvorsitzenden (die Kombination beider Funktionen ist, wie wir wissen, leider äußerst selten anzutreffen), aber vielleicht hatte er Bedenken, sich bei einem Gläschen vorzeitig zu verplaudern? Ich lasse mir von seiner bildhübschen Assistentin einen Termin geben und kurz darauf rühren wir beiden in unserem Espresso. „Ich schwöre dir, ich dachte er hätte mit dir geredet. So hatten wir das ausgemacht. Ich rede mit AP (meinem neuen Chef) und er mit dir.“ „Geredet hat er eh mit mir, er hat mich vor vollendete Tatsachen gestellt.“ „Davon habe ich nichts gewusst, ehrlich. So gut kennst du mich doch, oder?“ BigBoss spielt auf unsere langjährige Zusammenarbeit an. Ich kenne ihn tatsächlich gut, ziehe daraus aber andere Schlüsse. Um nicht zu sagen, die gegenteiligen. Ich habe ihn vor großem Publikum mit überzeugendem Strahlen Dinge vortragen sehen, von denen ich zufällig wusste, wie er hinter den Kulissen zu ihnen stand. Meiner Beobachtung nach ist das Pokerface eine der wesentlichen Eigenschaften, wenn man es „zu etwas bringen“ möchte. Daran muss ich definitiv noch arbeiten, mir sieht man immer sofort an, was ich denke. Leider sehe ich langsam auch so aus, jeder kritische Gedanke gräbt sich eine kleine Furche in mein Gesicht. Mit dem Pokerface könnte ich also gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Mir fällt wieder ein, dass ich es ja eh zu nichts bringen werde. Also doch Botox. Zu gegebener Zeit vielleicht. In Amerika gab es mal eine Untersuchung über das Lügen bei Kleinkindern. Die bei dem Test am besten gelogen haben, haben es im späteren Leben am weitesten gebracht. Das gehört einfach dazu zur Karriere. Wo käme man denn da hin, wenn jeder sagt, was er denkt? So viel Wahrheit verträgt doch der gemeine Bürger gar nicht. Zum Beispiel über die Kosten der Wiedervereinigung oder die Gefahren von Atomstrom.

Zurück zum Besucherstuhl vom BigBoss. Während ich seinen Beteuerungen lausche, geht mir ein weiterer Gedanke durch den Kopf, den ich sofort verscheuchen möchte. Pfui, böser Gedanke. Wo denkst du hin, das gibt es doch nur in schlechten Filmen. Deine Fantasie geht mit dir durch. Mir ist zumindest ein Fall bekannt. Und ich bin die, die von Klatsch und Tratsch immer als letzte erfährt. Eine Mitarbeiterin ist in die direktberichtende Ebene aufgestiegen. Und einige Zeit vorher war ein Betriebsausflug. Vor einiger Zeit habe ich bei heftiger Flirterei – ja, ich weiss schon, dass sich das für eine verheiratete Mutter nicht geziemt – auf einem Betriebsausflug ein eindeutiges Angebot abgelehnt.

In Abserviert (2) habe ich von zwei Überzeugungen geschrieben, die ich im Laufe meines Lebens über Bord werfen musste. Diese dritte Überzeugung möchte ich gerne bewahren: „Dass man sich hochschlafen kann, ist ein Mythos.“